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Die Stimme · 1934-06-01 · Heft 357 (1.6.1934) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 357 (1.6.1934)
Date
1934-06-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Kr. 3ö7 — l. Juni 1934 Olt STIMME märnsrnsrnsssä Seite ß Reiseberichte dev „Stimme** TUNESISCHE JUDEN 1. DAS GHETTO VON TUNIS Eine seltsame Fahrt von Marseille bis zum alten Phönizien. Kaum eine halbe Stunde nach Verlassen des Marseiller Hafens scheint bereits die geheimnisvolle Atmosphäre des fremden Erdteils zu beginnen: Vollkommen verlassene, schneeweiße Felseilande, Öde Kästen. Wie etwas schon Vergessenes, auf das man sich nur schwer noch besinnen kann, wirken die ununterbrochen betäubend vom Lautsprecher an Bord geschleuderten Pariser und Berliner Schlagerrythmen. Das Schiff ist vollbesetzt. Erst nach geraumer Zeit wird mir klar, daß ich rings von einer mir gänzlich fremden Sprache umschwirrt bin. Kein Französisch mehr, loh höre ein gutturales Ch und sehe besonders lebhafte Bewegungen, braungelbe Haut, blitzende schwarze Augen, ein paar auffallend schöne junge Menschen. „Araber?“ Mein Nachbar im Liegestuhl lächelt. „Nein, tunesische Juden. Sie haben, wie alljährlich, ihre französischen Geschäftsfreunde öder ihre eigenen Filialen, die sie vielfach in Ni?za, Cannes, Paris unterhalten, besucht und fahren nun heim. Hauptsächlich hapdeln sie in den Souks (die überdachten Baustraßen') mit Orientwaren und Stoffen.“ Mjoh fehlte das Gespräch und ich hielt es fest. Mein Nachbar, ein französischer Kdlonfalofüzier, sprach mit fühlbarer Sympathie von den Juden im Gegensatz zu den Arabern. „Wir Franzosen haben den tunesischen Juden viel zu verdanken“, sagte er. „Seit dem Beginn unseres; Protektorates über Tunesien haben 6ie uns unendlich viel geholfen. Bei Schwierigkeiten mit den Eingeborenen traten sie stets auf unsere Soifce. Sie sind die einzigen, die sogleich im Lande für unsere Kultur Interesse zeigten, französische Sprache, Sitte und Sprache annahmen, und Sie selbst werden sehen, wie innerlich der arabischen Knechtung der Frau das jüdische Familienleben für den Europäer geradezu trostvoll wirkt.“ Nach einer ziemlich bewegten Überfahrt trafen wir uns erst am Spätnachmittage bei der Einfahrt in den Hafen von Tunis wieder. Rechts lag in unendlicher Schwermut das tote Gelände Karthagos, in dessen Bo* den Rom zu ewiger Unfruchtbarkeit Salz streuen ließ, darüber auf hohem Fels die Fabelstadt Sidi Bou Said in gleißendem Weißlicht, wie aus Alabaster, dom alten Baalsberge der Phönizior, dem Bou Karnein, gegenüber. Unwirklich, fremd liegt er da in der violetten Silhouette, die aus dem seichten* nur an bestimmten Stellen fahrbaren Gewässer aufsteigt, und Scharen von rosa Flamingos schlafen stehend in den abendlichen blaßblauen, blaßgelben und blaßgrünen, leicht gekräuselten Wellen. Fast eine Stunde dauerte die Einfahrt und niemand vermochte laut zu sprechen. „D a s ist Afrika...“, sagte irgend jemand. Erst der Lärm des Hafengetriebes riß uns aus der Versunkenheit. Drei, vier phantastische Gestalten, die ich sogleich an Land bemerkte und in ihren breiten weißseidenen Bluderhosen für — Haremswächter hielt, winkten lebhaft zu unserem Schiff herauf und wurden ebenso begeistert mit Hüteschwenken wieder gegrüßt. Meine Frage naoh diesen „Eunuchen“ erheiterte meinen gestrigen Nachbarn wie der beste Witz. „Aber das sind doch Frauen!“ rief er. „Tunesische, etwas ältere Jüdinnen, deren Männer sich liier unter uns befinden und ihnen sicher die schönsten Dingo von Europa mitgebracht haben. Die junge Generation trägt natürlich nicht mehr Tracht.“ Ich nahm mir die Zeit, diese durchgängig übermäßig starkleibigen Frauen, die im Schattenriß wie Ostereier wirkten, genau zu betrachten. Die Gesichter waren wohlgebildet und liebenswürdig, pas ganze Kostüm bestand aus weißer Seide, meist reichte ein Mantel vom Kopf hie auf die an mmm Eine der 27 Synagogen von Tunis den Knöcheln zusammengezogenen weiten Pumphosen, oder ein schwarz-weiß-karriertes Tuch war mit zwei in die Röhe stehenden Zipfeln um den Kopf drapiert Winzig Wein wirkten im Vergleich zu dem Körparumfang die schwarzen packlederpantoffaln, zu denen die tunesische Jüdin eigentümlicherweise farbige Herrensocken trägt, die naturgemäß immer herunter rutschen. Aber Pantoffel und Gewand waren von einer gewissen koketten Eleganz und feinstem Material. „Schade“, sagte ich, „daß also bald das farbige Bild aha den Straßen verschwinden wird, wenn die neue Generation sich nur hoch französisch kleidet“ „Sie müssen nicht denken“, gab er mir aber zurück, „daß die Haupt- und Residenzstadt Tunis nun ganz Tunesien ist Außer* halb des so direkten französischen Eiuflusses ist auch der tunesische Jude in Tracht und Lebensgewohnheit Nordafrikaner. Es geht sc weit, daß fast jede Ortschaft oder jedo Oase ihre eigene Frauentracht ■ zum Teil noch die altestamentarische der gestreiften Mäntel — besitzt, während der Mann im arabischen Burnus und dem Turban umhergeht. Ein Sabbatb, zum Beispiel in der uralten Synagoge von Djerba, eine Insel an der Kleinen Syrthe (die „Lotbophageninsel“ des Odysseus), deren Haupteinwohner kurz nach der Zerstörung von Jerusalem eingewanderte Juden sind — bietet heute noch ganz rein das Bild altpalästinensischen Lebens. Aber auch in Tunis selbst wird es Ihnen begegnen, linversohleierto Frauen phantastisch bunter Kleidung, nämlich Jüdinnen, die aus anderen Ortschaften stammen, auf zufinden. Vergessen Sie nicht das Ghetto 1‘ Wir verabschiedeten uns, und ein erster Streifzug am darauffolgenden Sabbath durch das tunesische Judenviertel ergab die inter essantesten Einblicke und malerisch unvergeßliche Momente. Nicht so sehr das Ghetto selbst, das in folge seiner unerträglichen Enge und hygienisch traurigen Vernachlässigung kein an deres Kolorit als das eines in bitterster Armut nicht zu bewältigenden Schmutzes zei gen kann. Hingegen sind die angeblich bis ins vierte Jahrhundert hinabreichenden und manchmal bis halb im Erdreich versunke- GRAND-HOTEL PAN HANS, SEMMERING Größtes Kur- und Sporthotel des Kontinents m direkter Verbindung mit dem ersten alpipen HAIIfNSCHWIMMBAP EUROPAS , , .. , 1.040 Meter üpet dem Meereastpiegel.Herrliche Tennisplätze,Golfplatr. In nächster Nahe des Hotels die wundervoll gelegene Tauienvation „Out-Alpenhof“ . v..„ r SPORTPEWSIQN PÄNHANS in Verbindung mit dem Grand Hotel Panhans- Moderne, gu*bürgerl>ch< Familienpension. nen alten Synagogen von höchster malerischer Schönheit. In der ältesten und seltsamsten, zu der eine Treppe hinabführte, wurden die niedrigen, verfallenen Rundbogen von vielen kleinen Säulen eines eigentümlichen Stils gestützt, der an maurische und romanische Formen erinnerte, und der ganze Raum leuchtete in einem einzigen heiter-hellblauen Farbton. Auf den mit Strohmatten belegten Bänken saß eine größere Anzahl unter der Obhut ihres Lehrers, ihre Gebete laut besagender kleiner Jungen, deren Eifer in einem gegenseitigen Uberschreien mit aller nur erdenkbaren LungenkraJt be stand. Gleichzeitig lasen oder schliefen andere langhingelagert auf den Wandbänken In dem größten und reichsten Tempel findet man im Hinterschiff die merkwürdige Anordnung von vier Säulenreihen mit Rund bögen hintereinander vor, alles in zartem Grün getüncht. In Wände und Decken sind arabische Buntkaebeln mit Blumenornamenten eingelassen, in der Mitto weiß, mit hebräischen Sprüchen versehen, die das Glitzern der roten und blauen Öllämpchen des großen messingnen Kronleuchters in der Mitte zurüokspiegeln. Rührend und großzügig zugleich wirken die bei den Türen angebrachten gämmel büebsen für die „Erlösung des Bodens“ in Palästina, wenn man durch das Quartier dieser oft erschütternden Ar mut der tunesischen Juden gegangen ist Welch ein Gegensatz aber zwischen den Männern der Synagoge und dem Lehrer in ihren., europäischen Anzügen,. ihrem fließen den Französisch,, mit dem sie mir alles so liebenswürdig erklärt hatten. und. pun ihren Frauen, die eie vor den Haustüren er warteten! In den wildesten Farben, rein Oriente lisch, phantastisch stehen sie in den baufälligen Rundbogen mit feinen kleinen, ganz geraden Nasen, schmalen Gesichtem und riesigen Braunaugen. Das meist zitronengelbe Kopftuch hängt stets in einem spitzen Zipfel über dem lose hängenden Haarzopf in den Nacken. Eine kurze, scharf blaurosa Bluse mit kleinen Puffäfmeln sitzt über grasgrünen, enganschließenden Ärmeln, die, nach Vorschrift, bis zum Puls reichen müssen, da die Jüdin keine entblößten Arme zeigen darf. Die Blu^e ist meist mit harten Gold* und Siiberborten besetzt- Dazu werden entweder lange weiße Leinenhosen mit einem Spitzeneinsatz bis auf die ringgeschmückten Knöchel oder gestreifte Seidenröcke, meist burgunderrot mit gelben oder schwarzen Streifen getragen. Aber auch jetzt schon, auf einem trostlosen Schutthügel, der einzelne winzige weiße Häuser mit Gitterfensterchen trägt, begegneu mir schon ein paar Frauen mit jenen über den Kopf gezogenen, alttestamentarisch an Streifenroänteln, von denen mein Schiffsbekannter. gesprochen. Etwas weiter dio Sandhügcl hinab steht ein gutgepflegtes Haus und in seinem brei ten Torbogen lehnt eine schöne junge Frau mit weißer Mütze in einem goldgestickten röten Samtkleid. Als ich einen neugierigen Rlic^ in das Hausinnere werfe, lädt sie mich mit anmutigfeiner Geste ein, liäherzutreten Wie gebannt blieb ich stehen: ein offener viereckiger Hof, mehr ein Garten, von zauberhaftet Stimmung. Pie Wände und die rings umlaufenden Holzgalorien, an denen sich Wein üppig emporrankte, waren in leuchtendem Türkisblau gestrichen und die Sopno lag, von violetten Schatten unter den Laubgalerien begrenzt, in breitem, strahlen* den Orange auf dem roten Ziegelboden. überall, an Wänden, Türen und Balken kehrte das charakteristische Symbol für die tunesischen Juden wieder: Die erhobene Hand und der Fisch. Auch die drei bildschönen kleinen Mädchen, die dort in der Sonne wio bunte Schmetterlinge mit den Haustieren spielten, trugen lebhaft farbige Seidentücher, die von einem Muster fortlaufender Fische oder Hände eingerandet waren. Ein Hauch feierlicher und glücklicher Festtagsruhe atmete über diesem Hausinneren, das in Beinor peinlichen Sauberkeit und dem malerischen Kolorit innerhalb der Nüchternheit der Sraße draußen wie ein Traum aus ,,1001 Nacht“ wirkte. Der Hausherr trat hinzu. Er stammte aus der Oase Gabös und trug arabische Tracht mit Burnus und rotweißem Turban. Als ich ihm mein ehrliches Entzücken über die Schönheit und Gepflegtheit seines Hauses ausdrUckte, meinte er nicht ohne Stolz: „Ja, wir halten es umgekehrt wie die Araber. Ihre Straßen sind wohl sauberer als die unsrigen. Aber sehen Sie sich einmal das Innere eines arabischen Hauses an! Schmutz von oben bis unten. Wir kehren eben alles aus dem Haus auf die Straße. Und wo soll ee danach bleiben? Wer holt den Kehricht ab? Wohin damit?“ Ich fragte meinen Wirt, der mich unter das Laubdach an seinen Tisch lud, ob denn von höherer Stelle nichts zugunsten dieser unmöglichen Verhältnisse vor den Türen geschehen könne. „So einfach ist das nicht. Da istschon viel versucht worden. Aber man müßte das ganze Ghetto ttiederreißen. Es liegt sowohl an dem hügeligen Terrain wie an der Anlage. Daher wohnen die wohlhabenden und ganz in den Lebensgewohnheiten der Franzosen aufgegangenen jüdischen Familien auch längst nicht mehr hier. Hauptsächlich haben sie ihre großen Wohnungen im neuesten Viertel in der Nähe des Belvedereparks, eine Gegend, wo Sie trotzdem noch sehr viel ältere Jüdinnen in ihrer weißen Tracht sehen können. Sicher leben sie hygienischer als wir. Aber wer sollte von uns wohl klagen? Es hat noch keiner — trotz all unserer Armut — im Ghetto.'gehungert. Tunis besitzt einen Glaubensgenossen, der etwa jährlich eipe halbe Million pur für <Jeü Wohltätigkeitsfonds stiftet. Die Kommune kann daher für alles auf*5 köipiiien. Brot und Kleidung ist dem Ärmsten immefhin gesichort. Die Schiulo ist für alle Kinder umsonst, ein möbliertes Zimmer schon für 20 Francs monatlich zu haben. Bei Eheschließungen erhält daa mittellose Mädchen von der' Kommune einen Heiratszuschuß in der Höhe, die sich nach dem Beruf des Mannes richtet. Fast aHo Entscheidungen liegen unserem Großrabbiner ob, der richterliche Gewalt besitzt, Ehestreitigkeiten schlichtet und, wenn notwendig, auch Schuldige dem Gefängnis überweist.“ Ich befragte meinen klugen Wirt dann noch über das Verhältnis der Araber zu den Juden. Er hob, etwas bitter lächelnd, Schulter und Hand. „Unüberbrückbare Gegensätze. Den arabischen Kindern erzählt man schon Schauermärchen, daß die Jüdinnen den Araberinnen die Zöpfe abschnitten, um sie dem Kus-Kus, dem Nationalgericht, als wohlschmeckende Beigabe zuzusetzeu. Überall Verhetzung, Verleumdung. Sie vergeben uns unsere schnelle Anpassungsfähig* keit nicht und daß wir es sind, deren Geschäfte in den Souks den großen Zulauf und den so großen Umsatz haben, daß wir in Europa Filialen gründen können!“ Eine Autohupe, die dicht vor der Tür die friedvolle Stimmung durchbrach, ließ meinen Wirt freudig auf fahren. „Das trifft sich gut — sicher ist es mein Vetter, einer der reichsten Seidenhändler ans Tunis* der sich Ihnen sicher hier gern zur Verfügung stellen wird, wenn Sie für unser Leben Interesse haben.“ Ein mit betonter europäischer Eleganz gekleideter junger Mann, dessen außergewöhnliche männliche Schönheit eher dem klassischen als dem orientalischen Typus entsprach, kam auf uns zu. Erst beim Annähern gewahrte ich in seinem sehr blaßen GeRicht eine solche Melan- Sommersonnenhe!m „Tante Mary“ Scmmöringgcblet (vopnala 8ohIo9 Vetcara) für t Ms ieiasrt»«i Pyfr-n-i«-» »».«v/nKr»1 idealste Höhenlage lamltten antaraa slgpncn nadalreichap1 Parkes. Spielwiesen *- gönnen torfassen r- Praohtr&upie. Geprüfte« Pflegepenonal Im Hiule. Gymnastik ■— Sport — Sprachen — Strandbad. Liebevolles Eineehen auf Sepftratwünffche. Relehllohe, feinste KiridcrdiSt überraschende Erfolge mit achlechtessenden, ctnz'pen ndei lelphtnervflspn Kindern. Referenzen, Prospekte, Anmeldungen: Prlvat-Klndorholm „TANTE MARY“ (Halb- und Oanzintemat; Kindergarten; Sprachschule) Wien, IX., RoRauertPncfo 29, Tof. A 11-3-14

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