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Die Stimme · 1934-05-29 · Heft 356 (29.5.1934) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 356 (29.5.1934)
Date
1934-05-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nt. 886 — 20. Mal 1084 DIE STIMME Salta 8 J(unstwjdLiteratu^ Oer fünfzigjährige Max Brod Am Anlaß seines 50. Geburtstages ist, Max Brod Gegenstand zahlreicher Ehningen, die von verschiedenen literarischen und gesellschaftlichen Gmppen in Prag veranstaltet werden. Den Auftakt zu diesen Ehningen hat das „D e u t, s c h e The ater“ in Prag mit einer Auffilhning von Max Brods erfolgreichem Schauspiel „L o r d Byron kommt a ns d e r M o d e“, mit Ernst Deutsch in der Titelrolle, gemacht. Die Aufführung, die am 18. April stattfand, trug das Gepräge einer Festveranstaltung, ihn Vortrag über Brod wurde in deutscher Sprache durch den Prager Rundfunk gebende nt. In Prag fand auch bereits eine von Fritz Baum veranstaltete Max-Brod-Feier statt, bei der Dr. Felix W c 11 8 c h über die Philosophie des Dichters und A. Marie a.us Werken Brods vortrugen. Auch die Zionistische Organisation in Prag sowie in anderen tschechoslowakischen Städten bereiten Feiern vor. Überdies erscheint zu Ehren Max Brods eine Samimelschrift in der Form eines Jitdiisohen Almanaelis. Oskar Baum PsSsidenf des Schutsverba »des deutscher Schriftsteller Der Scbutzverband deutscher Schriftsteller in der Tschechoslowakei hat den bekannten blinden Dichter Oskar Baum zu seinem Präsidenten< gewählt. Oskar Baum, der Jude ist, ist auch ein hervorragender Gestalter jüdischen Lebens. Vortcagabend Margarethe Bach Mit gewohnter Meisterschaft trug Margarethe Bach vor wenigen Tagen im Kleinen Konzerthaussaale aus der Bibel und dem Buche Ruth vor, und verstand es, den tiefen Sinn und die sprachliche Schönheit der Heiligen Schrift mit dem ganzen Wohlklang ihrer Stimme .Aufleuchten zu lassen. Es folgten die unvergänglich'/schönsten Veräo aus der Jugenddichtung Goethes und man muß der Künstlerin schon dafür Dank wissen, daß sie ihr klassisches Programm mit so ausgesuchtem Geschmack zusammenstellt. Der letzte Teil brachte auoh viel moderne Dichtung, ganz besonders Franz Werfels gedankliche Lyrik und die blühenden, duftenden Verse von Elso Lasker-Schüler. Dio Vortragende vermochte sich dem beseelten Stil der Hebräischen Balladen der großen Lyrikerin im bemerkenswerten Maße anzupassen, wenngleich ihr das Klassizistische, Plastische im allgemeinen mehr Hegt. Auch heitere Töno wurden in einer reizvollen satirischen Erzählung von Thaddäus Rittner angeschlagen. Das herrliche Merlin-Gedicht von Lenau zeigte die hohe Meisterschaft der Vortragenden, dio sie demnächst auch an der Pariser Sorbonne zu beweisen Gelegenheit haben wird, wozu wir der verdienten jüdischen Künstlerin vollen Erfolg wünschen. M. H. Studio Laura Zinner: „Neue Dichtung aus Österreich.“ — I., Annagasse Nr. 3a, Tür 22. In dem am 80. d. M., 8 Uhr abends, stättfindenden letzten Vortragsabend der heurigen Saison lesen Maria Louise C a v a 11 a r und Laura Zinner aus Werken von: Arthur Schn'tzler, Brainin u. a. m. Musikalische Einlagen: Karger — Röntg. Der jüdische Schauspielverein in Wien teilt mit, daß koinos seiner Mitglieder beauftragt iet, im Namen des Vereines oder der Schauspieler Spenden entgegenzunelunen. In letzter Zoit werden von Unberechtigten Sammlungen vorgenonnnen, welche das jüdische Theater auf das empfindlichste schädigen. Daher bittet obiger Verein, denjenigen, welcher Spenden entgegonnehmen will oder Sammlungen veranstaltet, schroff abfinvciso n. Sondervorstellung Klara Melsels-Rahel Weißborg. Wegen technischer Schwierigkeiten :außto dio für Dienstag, den 29. Mai 1934, im Theatersaal „Aßtor“ angesetzto Sondervorstellung verschobon werden. Sie findet Donnere tag, den 7. Juni, im Hotel Continental statt. Karten behalten ihro G u 1* tlgkeit. Max Brod: Tycho Brahe und der hohe i Löw wie seines vielgestaltigen Schaffens für eine der nächsten Nummern unseres Blattes Vorbehalten, bringen wir heute das nachstehende Kapitel aus Max Brods gewaltigem Geschichtsroman „Tycho Brakes Weg zu Gott“. Das Kapitol behandelt das symbolhaft-bedeutsame Zusammentreffen des großen Weltweisen Tycho Brahe mit dem hohen Rabbi Löw, dem Schöpfer des Golem, Im Vorzimmer Kaiser Rudolfs auf dem Prager Hradschin. Tycho Brahe, der faustische Mensch, der Gott und sein Walten nicht mehr in der Welt äh erkennen vermag, findet in dem Gespräch mit dem Rabbi wieder den Weg zu Gott. Tyohos Aufmerksamkeit wurde in diesem Augenblick höchsten Zornes von drei sonderbaren Gestalten ergriffen, die aus den inneren Empfangsräumen des . Kaisers kamen. Es waren Juden, wie man an ihren schlichten langen Kleidern und den gelben breitkrempigen Hüten erkannte: der Rabbi Löwe ben Bezalel nebst zwei ' Begleitern, dem soeben die unerhörte Auszeichnung widerfahren war, vor den Kaiser berufen zu werden. Tycho, der schon bei seinem ersten Aufenthalt in Prag unbefangen genug gewesen war, den gelehrten Rabbiner der Prager Gemeinde in seiner Wohnung aufzusuchen, be&an sich auch hier keinen Augenblick, dem schnell dahinschreitenden Greis, der sich offenbar der plötzlichen Stille und der deutlichen Verachtung aller Anwesenden möglichst rasch zu entziehen suchte, freundlich entgegenzugehen, ihm die Hand zu reichen und ihn zu allgemeinem Erstaunen in die Vorhalle zu begleiten, indem er sprach: „Ich hoffe, daß Ihr bei der Majestät des Kaisers Gnade gefunden habt, und beglückwünsche Euch dazu.“ Der Rabbi schaute um sich und atmete auf, da er die Höflinge nicht mehr sah. Die fleckige Röte seiner Wangen verriet, daß er eben eine bedeutungsvolle Stunde hinter sich hatte, und wie es großen Männern ziemt, bemühte er sich auch gar nicht, seine Aufregung zu verbergen, so daß sein langer weißer Bart und die braunen Augen mit ihrer stillen. Würde zu seiner hastigen Stimme garnicht passen wollten. Er erzählte, daß ihn Fürst Bertier, der Vertraute des Kaisers, sehr freundlich empfangen und. in einen Saal geführt habe, wo er ihn mit auffallend lauter Stimme nach gewissen kabbalistischen Methoden fragte. Die laute Stimme habe auch einen guten Grund gehabt, denn der Kaiser sei hinter einem Vorhang verborgen gewesen und habe die ganze Unterredung angehört. Zum Schlüsse habe sich dann der Vorhang überraschend geteilt, der Kaiser sei hervorgetreten, habe von Angesicht zu Angesicht einige Fragen an ihn gerichtet und sich dann wieder hinter den Vorhang zurückgezogen. „Und das war alles?“ sagte Tycho und konnte sich eines Lächelns nicht enthalten. Der Rabbi erwiderte das Lächeln mit einem traurigen Kopfnicken: „Ich verstehe Euch wohl, Herr de Brahe, wir brauchen darüber nicht viel Worte zu wechseln. Euch scheint es eine kleine Gunst. Ich aber danke dem Ewigen, gepriesen sei er, daß zum erstenmal seit Iahrhunderten ein Mächtiger der Erde sich herbeiläßt, unsere Lehre zu erforschen. Möge hiedurch mein bedrücktes Volk erhöht werden, um aller Menschen willen, wie geschrieben steht: das Wort des Herrn wird wieder von Zion ausgehen und die Lehre von Jerusalem.“ Tycho betrachtete orstaunt den Mann, dem das Volk den ehrenden Beinamen des „Bescheidenen“, aber auch des „hohen Rabbi Löw“ gegeben hatte. Er verstaud nun diese Verbindung und, da er in seiner aufgerüttelten Seele alles mit sich in bezug zu setzen neigte, sah er plötzlich in diesem Juden ein edles Beispiel der Festigkeit und des Stolzes bei äußerer Erniedrigung. Mit welcher Natürlichkeit nahm der Rabbi für seine geringgeschätzte Nation gar ein Lehramt von der ganzen Menschheit in Anspruch! Dies nun fand Tycho freilich etwas übertrieben, doch hätto er gern mehr davon erfahren. Er bedauerte in diesem Augenblick wieder einmal, daß er so wenig von jüdischen Sitten und Denkwürdigkeiten wußte, obwohl er schon mehrmals mit Juden in Verkehr getreten war und sich stets für dieses seltsame Volk interessiert faftita, £e nahm er die letzten Worte des Grefe es auf und fragte: „Bedrückt? Wer bedrückt den euer Volk so sehr?“ „Da mögt Ihr euch freilich nicht leicht hineindenken können“, erwiderte Rabbi Löwe. „Die Geschichte der Völker ritzt in ihre Tafeln unsere Prüfungen nicht besonders tief ein, so werden sie denn leicht ausgelöscht. Wir aber können nicht vergessen, was unsere alte Gemeinde Prag, die,« man eine ,Mutter in Israel4 nennt, erduldet hat. Wir lesen ja Jahr für Jahr am Versühnungstag das Klagelied des gelehrten Abigdor Kara, eines Vorgängers in meinem Amte, — seine Verdienste mögen uns beistehen in dieser Welt und in der künftigen Welt! Und worüber klagt er? Darüber, daß der Pöbel in die Judenstadt eindrang, ,mit Axt und Beil bewaffnet, als gelte ea einen Wald zu fällen1, wie es in dem Liede heißt. Und weiter heißt es: ,Die Bewohner fanden sich mit Familie und Gesinde im Gotteshause ein, imd an heiliger Stätte fielen sie durch Schwert und Flamme4. Es heißt auch noch: ,Wir bejammern den Tod des frommen Rabbi, seines Bruders und einzigen Sohnes, kein Weiser, kein Gelehrter ersteht wie er, mit ihm ging Würde und Glanz zu Grabe! Um der sicheren Schändung zu entgehen, gab er, der geistige Lehrer, der Hochgeachtete seines Volkes, seiner Familie und sich mutvoll den Tod.“ Gierig hörte Tycho zu. Und nun erschien ihm wirklich das Volk der Juden, heimatlos und flüchtig wie er, stets angefeindet wie er, in '«einer Lehre mißverstanden wie er und dennoch an ihr festhaltend, ausgeraubt und verwundet wie er, dieses Volk der Mißerfolge, förmlich als ein Symbol seines eigenen Lebenswandels. Es fiel ihm ein, daß er sich schon früher einmal mit Ahasverus, dem. ewigen Juden, verglichen hatte. Heute, aber mußte sich das Rätsel lösen, das fühlte er, von diesem Rabbi hatte er Auskunft über die Wurzel seines Schicksals zu erbitten, über den Grund all seiner verfehlten Unternehmungen, über alle Kränkungen, Beleidigungen, Gefahren innen und außen, die er seiner Lehre wegen erlitt, und heftig rief er aus: „Nun sagt mir aber, wie ist es möglich, soviel Leid zu erdulden? Wie ist es möglich, dies alles auszuhalten? Und all dies um ein Nichts, um ein paar Buchstaben?“ „Es ist gar nicht die Frage, wie wir es aushalten“, sprach der Alte mit weicher Stimme, die sich während des Gespräches mehr und mehr besänftigt hatte, „wir haben eine Lehre: Gott ist nicht um des Gerechten willen da, um ihm zu dienen und ihn zu stützen, sondern der Gerechte ist da, um Gott zu dienen und um ihn zu stützen.“ „Steht das wirklich in euren Büchern?“ rief Tycho, in seinen geheimsten Ahnungen angerührt. „An vielen Stellen. So ist uns im Traktat Berachoth überliefert, daß der Hohepriester einmal in das Innerste des Innern eintrat, um Räucherwerk darzubringen, da sah er den Ewigen, gepriesen sei er, auf einem hohen Stuhle sitzend, geschmückt mit seinem Namen .Akatriel4, das ist .Der in Un- ' endlichkeit Gekrönte4, und der Ewige sprach: Jischmael, mein Sohn, segne mich! JUnd als der Priester ihn zu Ende gesegnet hatte, da neigte Gott, der Herr der Heerscharen, das Haupt gegen ihn. Hieraus l.lernen wir zweierlei: daß der Herr den I Tempel gewürdigt hat, sich in ihm niederi zulassen, und daß er den gerechten Menschen sogar würdigt, ihm, dem Heiligen, die i Wohltat eines Segens anzutun.“ Rabbi , Löwe war. eifrig geworden und dabei in jene seltsam singende Betonung der Sätze gekommen, mit welcher der Talmud vorgej tragen wird. Er hatte, wie in Verzückung, die Augen halb geschlossen und wiegte den Oberkörper in langsamen Rhythmen hin ' und her. Sein Antlitz drückte zugleich Inbrunst des Gefühls wie Scharfsinn der I Unterscheidung aus, welch letztere aber keine leere Spitzfindigkeit, sondern freudige Sorgfalt war, der Erhabenheit des Gegenstandes angemessen. So war hier im Dienste Gottes aus dumpfer Innigkeit und Bewußtheit, aus ebenderselben beiden widerstrebenden Richtungen, die Tychos Seele zerrissen, eine lebendige Einheit geworden, die sich unmittelbar auf Tycho übertrug und ihn als Naheverwandtes’ schon durch den bloßen Tonfall der Worte überzeugte. „I$t denn Gott nicht allmächtig?“ zitterte j Tycho.; „Bedarf er unserer Hilfe, unseres ISegenssprüches?44 Rabbi Löwe fuhr fort: „Auf eben dieses weist Rabbi Tarfon hin, indem er die Worte der Schrift anführt: Bauet mir ein Heiligtum und sodann will ich da wohnen. — Und sodann! Das heißt also: nicht ehe das Heiligtum für meinen Dienst entstanden ist. Wenn Ihr aber wollt, so sage ich: das, was Rabbi Tarfon sagt, ist mehr als das vorige. Denn vom Hohepriester wurde nur ein einmaliger Segen verlangt, vom ganzen Volk' aber die große Arbeit des Baues. — Woraus aber kann man ersehen, daß der Ewige, gepriesen sei er, unsere Hilfe nicht nur befiehlt, sondern auch klagt, wenn sie nicht, geleistet wird? wir haben die Lehre: Als Rabbi Jofi einmal auf Reisen war und in den Ruinen Jerusalems betete, da hörte er ein Bath Kol, eine göttliche Stimme, girrend wie eine Taube, und sie sprach: „Bei deinem Leben und bei dem Leben deines Hauptes! Nicht in dieser Stunde allein sprich es so. sondern Tag für Tag dreimal sprich es so: 9EHI mit den vorzüglichen, großen Salonschiffen der direkten Eillinie Triest-Jaffa des LLOYD TRIESTIKO Abfahrten jeden Mittwoch um 13 Uhr Ferner. Luxuscillinien nach Athen, Istanbul, Alexandrien, Bombay, Colombo, Singapore, Shanghqt Sehne l leie Schiffe. Höchster Koni for i Auskunft: Lloyd Triestlno. Wien. l.4 Kärntnerring 0, Tel. U 47 5 - 60

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