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Die Stimme · 1934-05-29 · Heft 356 (29.5.1934) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 356 (29.5.1934)
Date
1934-05-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seit« 6 DIE STIMME Nr. 856 — 29. Ma! 1984 Wohl dem Könige, den man preist, in seinem Hanse. Was aber bleibt dem Vater, den s^ine Kinder verlassen haben?“ — Des Rabbi Augen weiteten sich und leuchteten bei diesen Worten in heiligem Weh auf, von Tränen erfüllt. — Beide Männer standen einander stumm gegenüber, sie fühlten miteinander. Endlich setzte der Rabbi noch hinzu. indem er unmerklich lächelte: „Verzeihet, es war nicht nötig, vor Euch, einem Weisen, so viele Worte zu machen. Ich bin ein alter Mann und vergesse, was ich selbst einmal geschrieben habe: Die Weisheit aller Völker ist vom Ewigen, der sie ihnen von seiner Allweisheit mitteilt,“ Tycho drückte ihm die Hand. Ein Kammerdiener war an der Tür der Galerie erschienen, das Zeichen, daß er sich für die Audienz fertigmachen solle. Nur kurzer Abschied und Dank war noch möglich. Bald darauf trat Sadeler vergnügt aus dem Kabinett des Kaisers, er hatte den erwarteten Auftrag erhalten. Im Vorbeigehen blickte Tycho in das frische, vom Glück des Augenblicks prangende Gesicht des jungen Künstlers; doch es war überstrahlt von der unendlichen Versöhnung, die sich für Tychos Augen aus dem kampfgefurchten Greisenantlitz des Rabbi über die ganze Welt hin ausgegossen hatte. Mit diesem Gefühl trat Tycho hinter dem Diener in die inneren Gemächer des Kaisers ein. LETZTE NACHRICHTEN I»ettlSndlsche Regierung duldet keinen Anti* semltismus Riga, 27. Mai. Zur Minderheiten- und Judenfrage in Lettland haben zwei Mitglieder der neuen Regierung, der stellvertretende Ministerpräsident Skujeniek und der Kriegsminister General B a 1 o d i s, wichtige Erklärungen abgegeben. Kriegsminister Balodis empfing eine Abordnung jüdischer Teilnehmer an den lettländischen Freiheitskämpfen und erklärte ihr gegenüber, die neue Regierung werde Antisemitismus nicht dulden. Der stellvertretende Ministerpräsident Skujeniek, der keineswegs als Judenfreund gilt, sagte in einer Rundfunkansprache unter anderem, die Regierung wolle die Minderheiten nicht unterdrücken und ihnen nicht das Leben verbittern. Es sei ihr Ziel, den lettländischen Vaterlandsgeist zu stärken und Gewähr dafür zu schaffen, daß alle Bürger, ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses und der Nation a 1 i t ä t, sich für die Verteidigung des Vaterlandes einsetzen, wenn Lettland bedroht sein sollte. 4c Eine aus Riga in Warschau eingetroffene Persönlichkeit teilte der J'TA. folgendes über die Position der Juden im neuen lettländischen Regime mit: Der jetzige diktatorische Ministerpräsident U1 m a n i s, Führer der Bauernpartei, der nach der Proklamierung des lettischen Staates an dessen Spitze gestanden hat und jetzt zum achtenmal Ministerpräsident ist, pflegte sich auch auf die Minderheiten, unter ihnen auf die Juden, zu stützen, er unterhielt besonders freundliche Beziehungen zu dem Führer der lettländischen Agudah, Deputierten Rabbiner M. Dubin. Wie sich die jetzige Regierung Ulmanis den Juden gegenüber verhalten wird, läßt sich heute noch nicht übersehen. Dem jetzigen Kabinett gehören Personen an, von denen das lettländiciche Judentum nichts Gutes erwarten kann. Der Vizepremier S k u j e n e k ist als Gegner der Minderheiten und besonders der Juden bekannt, der Unterrichtsminister Prof. Adamowitsch ging bereits daran, die Schulautonomie der Minderheiten zu beseitigen. Von irgend einem öffentlichen jüdischen Leben in Lettland ist jetzt nichts zu spüren, nachdem die Tätigkeit aller Parteien und Organisationen behördlich eingestellt ist. Von jüdischen Zeitungen sind nicht nur die revisionistische „Ownt-Post“, sondern auch die große jiddische Tageszeitung „Frimorgn“ samt ihrer Nachmittagsausgabe „Bajtog“ sowie sämtliche jüdischen Wochenblätter mit Ausnahme des Agudah- Wochenblattes „Unser Stirne“ verboten worden. Verhaftet wurden u. a. die Führer der jüdischen sozialdemokratischen Partei „Bund“. Doch wurden die zionistisch-sozialistischen Kreise unangetastet gelassen. Im allgemeinen herrscht unter der jüdischen Bevölkerung Lettlands im Hinblick auf die Ungewißheit, was die Zukunft den Juden bringen wird, eine gedrückte Stimmung. Doch ist es nirgends zu antijüdischen Aktionen gekommen. Die Mitglieder des jüdischen Komitees für antideutschen Boykott wurden zur gerichtlichen Verantwortung gezogen. Angeklagt sind angesehene Führer des lettischen Judentums, wie dermisrachistische Sejm-Deputierte Rabbiner M. N u r o k, der Agudah-Deputierte S. Wittenberg, der bekannte Schriftsteller und frühere ukrainische Minister W. Latzky-Bertholdi, Dr. W. S i e w und mehrere Großkaufleute und Industrielle. Die antisemitische Unruhewelle ln Polen Wie aus B i a 1 y s t o k telegraphiert wird, ist im dortigen Hospital der 34jährige jüdische Weber Mendel Lubineki, der vor wenigen Tagen von Radikal-Nationalen überfallen und durch Stockscibläge und Messerstiche schwer verletzt wurde, seinen Verletzungen erlegen. Seine Braut, die ihn damals begleitete und bei dem Versuch, ihn zu schützen, ebenfalls durch Messerstiche schwer verwundet wurde, liegt bedenklich darnieder. Eine Anzahl anderer Juden, die bei dieser Gelegenheit überfallen und schwer verletzt wurden, wird längere Zeit das Bett hüten müssen. Der Tod Men de] Lubinskis hat in Bialystok einen niederschmetternden Eindruck gemacht; eine Abordnung der jüdischen Bevölkerung erschien am Freitag beim Bialystoker Wojwödien, um von ihm dringend Schutzmaßnahmen für die seit mehreren Wochen ununterbrochen schwer terrorisierte und am Leben bedrohte jüdische Bevölkerung zu fordern. Die antisemitischen Überfälle in P o 1nisch-Teschen (Cieszyn) waren, wie sich nachträglich herausstellt, schwerwiegender als aus den ersten Meldungen hervorging. Nach dem Überfall der Radikal- Nationalen auf eine Veranstaltung des revisionistischen Brith Trumpeld o r, zu dem die Radikal-Nationalen durch zwei Revolverschüsse das Signal gaben, begann im ganzen Stadtviertel eine Jagd auf Juden. Die überfallenen Befcharim stellten sich gegen 12 Uhr nachts auf dem Hauptmarkt den Exzedenten entgegen. Polizei trennte die Streitenden. Am Tage darauf erfolgte ein Angriff auf zwei Synagogen, auf daß Lokal der Zionistischen Organisation und auf einige jüdische Häuser. In allen diesen Gebäuden wurden sämtliche Fensterscheiben zertrümmert. Hierauf wurden das Haus des chaluzischen Kibbuz „Hanoar Hazioni“ demoliert und die darin wohnenden Chaluzim mörderisch geschlagen. Zwei Chaluzim wurden sehr schwer verwundet, dem Ohaluz Mendel Apel wurden einige Rippen gebrochen, andere Chaluzim erlitten leichtere Verletzungen. Nach Eintreffen einer größeren Polizeiabteilung aus Kattowitz wurde diie Ruhe wieder!] ergestellt. 16 radikal-nationale Akademiker und dae Mitglied des Brith Trumpeldor Breitkopf wurden verhaftet * DU Jüdischen Deputierten beim Innenminister Am 18. Mai erschien eine Delegation der jüdischen Sejmdeputierten mit dem Präsidenten dee jüdischen Parlamentsklubs, Dr. Rosmarin, und dem jüdischen Abgeordneten des Regierungsblocks Wysz i c k i an der Spitze beim polnischen Innenminister P i e r a c k i, um den Minister um den Schutz der jüdischen Bevölkerung Polens vor den antisemitischen Angriffen, die in der letzten Zeit in Warschau, Bialystok, Wilna, Czenstoohau und in anderen Städten Polens von Mitgliedern der neu gegründeten radikalnationalen Partei gegen sie gerichtet werden, zu ersuchen. Die jüdischen Parlamentarier überreichten dem Innenminister ein Memorandum, in dem die antisemitischen Überfälle der letzten Zeit in ihrer ganzen Gefährlichkeit dargestellt werden. Innenminister P i e r a c k i gab die Versicherung, daß er entsprechend der von ihm im polnischen Sejm am 10. Februar 1934 abgegebenen Deklaration nach wie vor entschlossen sei, allen Erscheinungen des R a s s e n k am p f e s in Polen rücksichtslos entgegen zu treten. Pogrom in Amswaide Dem „Neuen Vorwärts“ wird gemeldet: In Köln am Rhein wurden auf dem jüdischen Friedhof 161 Grabdenkmäler zerstört. In Amswaide, in der Nähe von Berlin, wurden alle jüdischen Geschäfte geplündert, ein Wonhaus in Brand gesteckt. Behörden und Presse bemühen sich, judenfeindliche Ausschreitungen totzuschweigen. Die Polizei schreitet gegen solche Ausschreitungen nicht ein. SPRECHSAAL Für den Inhalt der in dieser Rubrik veröffentlichten Mitteilungen tragen die Einsender allein die Verantwortung. Um Aufklärung wird gebeten. In der Ausgabe der „österreichischen Schneiderzeitung“ vom 5. Mai d. J. werden alle Kleidermacber zum Eintritt in den „Deutsch-Österreichischen Gewerbebund“ aufgefordert. Wir werden durch Einsendung einer Beitrittserklärung aus unserem Leserkreise auf die in der Beitrittserklärung sich befindliche Rubrik „Religion“ aufmerksam gemacht. Mit Recht fragt in einer Zuschrift an uns eine jüdische Firma: „Wenn wirklich alle Kleidermacher Mitglieder werden sollen, wozu dann die Forderung nach der Religion?“ Eine diesbezügliche Aufklärung durch den „Deutschösterreichischen Gewerbebund“ wäre dringend angezeigt. LOKALCHRONIK Jüdische Kinder aufs Land Mit einem Kostenaufwand von rund 50.000 Schilling hat die Kultusgememdc Wien im Vorjahre 2536 erholungsbedürftigen Kindern ermöglicht, im eigenen Erholungsheim sowie in Heilstätten, Ferienkolonien, Sommerlagern und Tagesheim- Stätten einige Wochen in Luft und Sonne zu verbringen. Die Zahl der armen Kinder, bei denen laut ärztlichem Befund Land- oder Heidstättenaufenthalt dringend empfohlen ist, hat angesichts der jetzigen Verhältnisse derart zugenommon, daß die Kultusgeraeinde außerstande ist, die erforderlichen Mittel beizußtellen. Der Vorstand der Kultusgemeindo sieht sich daher veranlaßt, an die breito jüdische Öffentlichkeit den Appell zu richten, durch reichliche Spenden .dazu zu verhelfen, daß wenigstens eine große Anzahl der allerbedürftigsten Kinder auch heuer der Erholung zugeführt werden können. Es gilt, Kinder wenigstens einen Monat aus ihrem grauen Dasein hervorzuheben in Licht und Sonne, in unbeschränktes Jugendglückl Für neunzig Schilling kann einem Kinde ein Monat Kinderglück gesichertwerde nt Spenden wollen a.n die Fürsorge-Zentrale der Israelitischen Kultuegemeinde, I., Seiten* stettengasse 2, „Aktion jüdische Kinder aufs Land“ überwiesen werden. Postsparkassen-Konto B 29.659, Tel. U 25-5-85. Zionistischer Vortragskalender Dienstag, den 29. Mai 1934: 1. Bez.: Sektion m, Wiener Ring-CaI6, I., Stubenring 18, 8 Uhr abends, Vortrag: Doktor Emi] Schmitz: .Aufnahmsfähigkeit Palästinas und die englische Zertifikatssperre.“ 6. Bez.: Sektion VI/VH und Wizo, VI., Loquaiplatz 11, 8 Uhr abends: Kurs für jüdische Geschichte, unter Leitung von Doktor R. Taussig. 9. Bez.: Jüdischer Hochschulausschuß, Vereinigung der jüdischen Hochschüler an der Hochschule für Welthandel, IX., ALserstraße 26, 8 Uhr abends: Adolf Böhm: „Dio Wirtschaft Palästinas.“ 14. Bez.: Sektion XII/XV, Mariensäle, XIV., Reindorfgasse 2, Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsident der Kultusgemeinde: „Die Lage der Juden in Österreich“. 8 Uhr abends. Mittwocb, den 30. Mai 1934: 2. Bez.: Sektion II, Praterstraße 13, 8 Uhr abends. Josef Singer und Israel Müller: „Über den Aufbau des Landes“. 6. Bez.: Klub junger Zionisten, VI., Loquaiplatz 11, 8 Uhr abends: Aron Schwertfinger: „Galuth und Palästina“. 10. Bez.: Sektion X, X., Hasenstraßo 17, 8 Uhr abends: Dr. A. Groß: Siedlungsformen in Palästina. 13. Bez.: Sektion XHI, Jugendgruppe, Caf6 Hietzingerhof, XIII., Hietrfnger Hauptstraße 22. Große Jugendversammlung. Schmalfilmvorführung: Richard Müller, Dr. Paul Berger, Vizepräsident des Zionistischen Landeskomitees für Österreich über „Jüdische Jugend . denkt an eure. Zukunft“. 8 Uhr abends. 18. Bez.: Sektion XVIII, Währingerstraße §5, Herzl-Feier. Prof. Dr. Wilhelm Stein: Festrede; Dr. 0. Teiler: „Aus Herzls Schriften“. 8 Uhr abends. Die Sektion Döbling veranstaltet am 5. Juni im Cafe Döblingorhof eine große Versammlung mit dem Thema „Was soll aus unserer Jugend werden,“ Redner: Dr. L. Goldhammer und Dr. I. Klaber. Verband radikaler Zionisten. Mittwoch den 30. Juni um %9 Uhr abends im Saal des Cafe „Produktenbörse“, II., Taborstraße 10, Vortrag Dr. Leo Goldhammer über „Schöpferische Kräfte am Aufbau Palästina s.“ Gäste willkommen. Über Einladung des „Jüdischen K1 u b s{< Baden spricht Herr Josef Baratz, Mitbegründer der Kolonien Merchabiab und Daganiah, am 31. d. M., um %9 Uhr abends in Saale des Hotels Ebruater über: „Wie mau in Palästina lebt.“ Bezugsbedingungen: Monatlich S 1.50, vierteljährlich S 4.20, ganzjährig S 16.—. Für das Ausland: Deutschland vierteljährlich RM 3.—. Tschechoslowakei vierteljährlich KC 24.—, Jugoslawien vierteljährlich Dinar 40.—, Polen vierteljährlich Zloty 6.50. Ungarn vierteljährlich Pengö 4.20. Rumänien vierteljährlich Lei 120.—, übriges Ausland vierteljährlich Schweizer Franken 4.50. Postscheck-Konti: Österreich Nummer D 113.546, Polen Nr. 191.199. Tschechoslowakei Nr. 500.230. Jugoslawien Nr. 40.879. Eigentümer, Verleger and Herausgeber: Zionistischer Landesverband für Österreich. Wien, I.. Kärntnerstraße 28. — Verantwortliche* Redakteur: Dr. Rudolf Glücklich. Wien. Kärntnerstraße 28. — Druck: Vernay A-G„ Wien, IX., Canlsiusgasse 8—10. Sektion XII/XIV/XV, XIV, Mariensäle, Reindorfgasse 2, Dienstag, den 29. Mai, 8 Uhr abends Große Werbeversammlung Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsident der Israel. Kultusgemeinde: 9yDl6 Iflgg dRf JllCUUt In Österreich“

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