Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 355 (25.5.1934)
- Date
- 1934-05-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 355 — 25. Mai 1934 DIE STIMME Seit© 7 zweiten Angeklagten Zwi Rosenblatt. Auch dieser erklärte, er wolle unter Eid aussagen. Ara 16. Juni abends, zur Zeit, als Arlosoroff ermordet wurde, habe er an einem Meeting der „Plugah“ in Kfar Saba, in dem über rein administrative Fragen verhandelt, wurde, teilgenommen. Dem Meeting folgte eine Tanzunterhaltung, der er ebenfalls beiwohnte. Gegen 11 Uhr war der Tanz zu Ende. Stavsky habe er nie gekannt, er habe ihn erst im Gefängnis kennen gelernt. Er hat helmgeSimden Freilassung Archi«Me2r Jerusalem, 18. Mai. Das Jerusalemer Gericht, das in der Sache des Mordes an Dr. Arlosoroff zu urteilen hat, hat beschlossen, einen der drei Angeklagten, den Führer der revisionistischen Jugend, Abba Aclii- M e i r, der wegen Anstiftung zum Morde unter Anklage stand, freiz ulassen und das Verfahren gegen ihn einzustellen. Das Gericht faßte diesen Beschluß am 16. Mai, als das Verhör mit den von der Anklage geführten Zeugen beendet worden war. Am Schluß des Verhörs stellte der Verteidiger Horace S a m u e 1 den Antrag auf Freilassung und Außerverfolgsetzung der drei Angeklagten und begründete dies wie folgt: 1. Mit Ausnahme der Aussage von Frau Arlosoroff, die behauptet, Rosenblatt als einen der Mörder zu erkennen, hat keiner der Anklagezeugen etwas Gravierendes gegen Rosenblatt aussagen können. 2. Alle Aussagen der Anklagezeugen gegen Abraham Stavsky stehen auf sehr schwachen Beinen. 3. Gegen Abba Achi-Meir liegt überhaupt keinerlei irgendwie stichhältige Aussage vor; es sei unvorstellbar, eine Person unter Mordbeschuldigung in Haft zu behalten, nur weil sie vor einem Jahre zwei Tagebuchnotizen angefertigt hat oder Manuskripte hergestellt hat, die nicht veröffentlicht wurden. Das Gericht zog sich zur Beratung zurück und verkündete hierauf den Beschluß, dem Antrag des Verteidigers hinsichtlich Acbi- Meirs stattzugeben und ihn außer Verfolg zu setzen. Hinsichtlich Stavsky und Rosentblatt beschloß das Gericht, den Prozeß gegen diese w e i t e r z u f ü h r e n, da der bisherige Verlauf der Gerichtsverhandlung genügend starke Belastungen gegen sie erbracht hat.’ ' Daraufhin wurden Achi-Meir die Han dfesseln abgenoniraen, und er durfte das Gerichtsgebäude sofort verlassen. Es war dies auf den Tag genau 11 Monate nach dem Mord an Dr. Arlosoroff (der Mord geschah bekanntlich am 16. Juni 1933). Achi- Meir umarmte und küßte seine bisherigen Genossen auf der Anklagebank und drückte seinem Verteidiger Horace Samuel fest die Hand. Während er hinausging, stürzte ihm die im Saale anwesende Mutter S t a vs k y s mit einem gellenden Schrei entgegen, man glaubte, sie sei ohnmächtig geworden. Es gelang schließlich, sie zu beruhigen und auf ihren Platz zurückzuführen. Bei Ver lassen des Saales rief Achi-Meir: „Es lebe Jabotinsky! Es lebo Tel-Chai!“ Die Nachricht von Achi-Meirs Freilassung verbreitete sich schnell in Jerusalem und erregte überall großo Sensation. Die hebräischen Zeitungen verkündeten das Ereignis durch Extraausgaben, die in den Straßen ausgerufen wurden. Überall sah man große Menschenansammlungen, die das Ereignis besprachen. ■ Nun ist also auch Alfred Eduard F r a u e n f e 1 d in ein besseres Reich cinge gangen. Er hat, wie amtlich mitgeteilt wird aus freien Stücken das Gelöbnis abgelegt sich in Wien ruhig zu verhalten; dieses Ge löbnis hat der wackere Deutsche Mann g e b r o c h e n und ist über die deutsche Grenze geflüchtet. Dieses Großstadtpflänzchen hat in dem nationalsozialistischen Erlüserrummel keine geringe Rolle gespielt. Er hat einen pornographischen Roman geschrieben und war dann Berichterstatter nationalsozia listischer Zeitungen. Als solcher ließ er sich, da er krank war, in das Spital der jüdischen Kultusgemeinde aufnehmen; während ihn dort jüdische Ärzte und jüdische Pflegerinnen betreuten, schrieb der edle Germane schmierige antisemitische Sudeleien für Linz und München; später wurde er Wiener Gaufüh rer und hat sehr bald das in seiner Partei obligatorische große Maul gezeigt. Der H a b i c h t, den Hitler zur Eroberung Österreichs als Landesinspekteur nach Wien setzte, hat den Frauenfeld' nie leiden kön nen, also mußte sich Alfred Eduard sehr anstrengen. Als Herr des Braunen Hauses ließ er eine dort wohnende jüdische Familie Nacht für Nacht in Schrecken setzen; selbstverständlich leugnete er alles ab. Er wußte überhaupt nie etwas, nichts von den T r ä n e n g a s p h i o 1 e n b e i G e r n g r o ß, von den Bomben in Meidling und in der Produktenbörse, von den vielen Ammonit- und Ekrasitattentaten. Sonst funktionierte er als Redner und einige seiner Kraftaussprüche verirrten sich in die Zeitungen. „Man sagt mir, daß auch die kleinen Kinder vonJuden hübsch sein können. Nun, aus einem rosigen Ferkel wird eine große Sau!“ „Wenn der Führer (Hitler) bei einem Attentat sterben sollte, dann werde ich ihm ein ganzes Volk ins Grab nachsonden!“ Er hat Mut gehabt, dieser Frauenfeld. Als aber die Bombenanschläge sich mehrten und man ihren reichsdeutsc-hen Ursprung feststellte, zog es auch Frauenfeld ins Weite. An der italienischen Grenze wurde er aber angehalten und nach Wien zurückgebracht. Dann kam ein Prozeß, bei dem der Richter den Gauführer wegen der Geschichte im jüdischen Spital als einen ehrlosen Kerl erklärte. Weiters gab es dann Wollersdorf, das Gelöbnis und als vorläufig letzten Effekt die Flucht ins Dritte Reich. Der Habicht wird sich freuen ... und Walter Riehl noch mehr. An diesem Frauenfeld kann man die sittliche Größe dieses Edelmenschen studieren und ihren Entwicklungsgang. Dieser Mensch, der als Bankbeamter einen Band lyrischer Gedichte „in aufrichtiger Verehrung“ dem Herrn Sieghart widmet, einer Größe des „raffenden jüdischen Kapitals“, — der dann eigenhändig in einem gutgeschützten Zimmer in der Hirschengasse blutrünstige Pogrom plakatc entwirft, hinter einer dreifachen Mauer von S A. - L e u t e n Reden wider die Juden hält und dann die von ihm verführten jungen Leute ihrem Schicksal ü b e r 1 ä ß t, um die eigene Haut zu retten so wie dieser Frauenfeld sind sic alle, alle. Er hat nur das Pech gehabt, seine staatsmännischen Talente nicht voll entwickeln zu können. Als nach dem bekannten Wechsel im Polizeipräsidium ein rauher Wind den Habicht über die Grenze blies, war auch für Frauenfeld eine große Zukunft zur Vergangenheit geworden. Sie sind nur auf Gewalt eingestellt, diese Burschen, sind Schreier, Hetzer; ihr ganzes Wissen und Können ist „der Jud“. Dem Juden gegen über — welche Tapferkeit, welche Härte Aber wenn sie sich bewähren sollen, wenn sie ein Gelöbnis — aus freien Stücken! — halten sollen, dann, nun dann brechen sie j o d e n Eid und gehen schimmeln. Man wird ja bald Frauenfeld süße Stimmen von irgend einem Sender her vernehmen und er wird erzählen, wie in Österreich die Frei heit geknebelt wird. Aber seine Anhänger werden doch fragen; Warum ist dieser Gau f (ihrer davongelaufen? Eine Stütze, wie eine feste Hand sind alle unsere Mode-und Maßschuhe, denn sie sind alle nach orthopädischen Grundsätzen gebaut nur VII., Burggasse 3 In Haft behalten Jerusalem, 22. Mai. Achi-Meir wurde, nachdem das Gericht ihn in Sachen de* Arloöoroff-Mordes außer Verfolgung gesetzt hatte, nicht gleich freigelassen, sondern wegen seiner Führerschaft im verbotenen Brith Habirjonim i n Haft behalten. Da ein Antrag, ihn gleich den anderen Birjoniten gegen Erlag einer Bürgschaft von 25 Pfund freizulassen, vom # Gericht zurück gewiesen wurde, trat Achi-Meir in den Hungerstreik ein. Es wurde nun an das Oberste Gericht appelliert. Die Ritualmord-Numniea* des „Stürmer“ beschlagnahmt In Berlin wird amtlich bekanntgegeben: Auf Befehl des Reichskanzlers wurde die Sondernummer des „Stürmer“, Nürnbe Mai 1934, betitelt „Ritualmord-Nummer“, wegen eines Angriffes gegen das christliche Abendmahl beschlagnahmt. Man geht nicht fehl, wenn man annimmt, daß die Beschlagnahme unter dem Druck der öffentlichen Meinung in der ganzen Welt erfolgt ist. Es widerstrebt offenbar Hitler, den Anschein zu erwecken, als ob in einer jüdischen Sache nachgegeben würde; deshalb wird ein „Angriff gegen das christücho Abendmahl“ vorgeschoben, über das sich in der Nummer kein Wort findet. Wie uns a u s B e r I i n gemeldet wird, ist die Konfiskation eine leere Augenauswischerei: Die Ritualmordnummer wird Im Berlin wie in ganz Deutschland offen verkauft. Die Geldgeber des „Stürmer“. Wir machen darauf aufmerksam, daß eine Reihe Großfirmen durch Aufträge für Eiescninseratü das Erscheinen und die Verbreitung der Ritualmordnummer des „S t il r m o r“ in 130.000 Exemplaren ermöglicht haben. Es sind dies die folgenden Firmen: Kgl. Hofbräuhaus, München; „Zündapp“-Motorradfabrik; Schwarzwälder Apparatebau-Anstalt August Schwer Söhne G. m. b. H. iri V Illingen (Saba-Radio); Raab Karohor-Stündt G. m. b. H., Nürnberg; Deutsche Ford-Vertriebsgesellschaft; Bergisches Kraftfutterwerk G. m. b. H., Düsseldorf („Muskator“) und Leipziger Verein- Barmenia-K ranken Versicherung A.-G. Fornor findet sich in der Iiitualmordmuumer auch ein Inserat der Zigarettenfabrik „Austria“ in München. Dieso Fabrik steht der österreichischen Tabakregio nahe. Wir hoffen, daß die Tabakregio der MÜH chener Stelle begreiflich machen wird, daß sie nicht ein Organ unterstützen darf, das nicht nur antijüdisch, sondern auch anti österreichisch wirkt. öffentliches An-den-Pranger* Stellen „Neuer Vorwärts“ bringt die Photographie einer soeben in Cuxhaven geschehe nen Anprangerung eines arischen Mädchens und eines jüdischen Mannes. Das Mädchen trägt ein Schild mit der Aufschrift: „Ich bin am Ort das größte Schwein und lass’ mich nur mit Juden ein.“ Die Inschrift an der Brust des Juden lautet: „Ich nahm als Juden junge immer nur deutsche Mädchen mit aufs Zimmer!“ Erpressungen an dem Vater eines Ermordeten Wir berichteten bereits,'daß der Berliner „Angriff“ es als einen der kraeeen Fälle „jüdischer Unverschämtheit“ anprangert, daß der jüdische Möbelhändler Schümm in Kiel sich vor Gericht geweigert hat, dom S. S.-Mann Wilhelm Asthalter eine Entschädigung dafür zu zahlen, daß Asthalter von Schümms Sohne am Boykott-Tag, 1. April 1933, angeblich verletzt worden sei. Der Fall Schümm-Asfchalter erinnert an eine der grausigsten Judentragödien des 1. April 1933. An diesem Tage griff ein Trupp S. A.- und S. S.-Leute die M ö b e 1 g r o ß h a n d- I u n g Schümm in Kiel an, während der Sohn des Inhabers, der Berliner Rechteanwalt »Schlimm, bei seinem Vater zu Besuch weilte. Bei dem Versuch, das Geschäft zu demolieren, wurde der S. S.-Mann Asthalter von seinen e i g e n o Kameraden verletzt. Sofort verbreitete sich das Gerücht, daß der junge Schümm einen S.-Mann angegriffen hat. Die Menge . stürzte sich auf den jungen Rechteauwalfc,!um ihn zu lynchen. Sch-umm wurde dabei schwer verletzt. Die Polizei entriß ihn der Menge und nahm ihn in Schutzhaft. Später stürmte die Menge das Gefangenhaus, holte Schümm aus der Zelle und mordete ihn bestialisch hin. Nunmehr soll der alte Schümm dem Ast* haltcr eine Entschädigung zahlen. Die Weigerung des Möbelhändlers Schümm, dies zu tun, kennzeichnet der „Angriff“ mit den Worten: „D a s e r 1 a u b t s i c h ein Jude vor Gericht! Kein Haar wurde ihm gekrümm t.“ Pension EcKsjejn - Semmering Ritualmordpropagandisten; — hohe Richter im Saarland Der 57. Vierteljahrsbericht der Regierungskommission für das Saarland an den Völkerbund wurde hier veröffentlicht. Ihm ist ein S o n d e r b e r i c h t des Mitgliedes der Regierungskommission Marize beige-*- geben, der in Genf allgemeines Aufsehen er- regt, hat, weiler die saarländischen Justiz-' Verhältnisse beleuchtet. Marize erklärt, er könne nicht, länger schweigen, wenn er zu* sieht, wie die Rechtsprechung der saarländischen Gerichte sich immer mehr der im nationalsozialistischen Reiche anpaßt. Die saarländischen Richter haben an deutschen Universitäten studiert, sie lesen die im Reich gedruckten Rechtsbücher und Zeitschriften und sind von Natur aus geneigt, der Nazi-Rechtsentwicklung zu folgen, die einzig und allein im „nationalen Interesse“ die Quelle jeden Rechtes erblickt. Das Gefühl der Unsicherheit ist so groß, daß Saareinwohner, besonders Franzosen und Juden, die geschädigt und mißandelt waren, es vorziehen, keine Klage zu erheben. Haustausch Wien-Palästina Tausche Wiener Haus mit Garten, .freier größer Wohnung und gutgehendem Geschäft auf Hauptstraße mit einem Haus in Palästina, Ort egal; Auskunft: Adm. „Die Stimme“ und Tel. A 26-7-53 und B 45-125 U folgende Bei- Im Bericht wird u. a. auf spiele hingewiesen: „Ein Landgerichtsdirektor, der bis zum 31. Dezember 1933 Vorsitzender der Strafkammer war, mußte Äußerungen, die er während einer Verhandlung in dieser Eigenschaft gemacht hatte und in deren Verlauf von Ritualmorden die Rede war, die den Juden angedichtet werden, wenn nicht widerrufen, so doch richtig stellen und erklären. Es tut nicht gut, wenn ein Gerichtsvorsitzender dahin gebracht wird, sich an die Presse zu wenden, um sich dagegen zu verteidigen, daß er eine unzulässige Sprache geführt hat. Der Antisemitismus, der an den Saargrenzen wütet und der sogar in eine gewisse Gesetzgebung eingodrungen ist, müßte von den Gerichten eines Landes vollständig ferngehalten werden, das vom Völkerbund verwaltet wird. Dies ist aber nicht der Fall. Mit Staunen las ich in einem alltäglichen Scheidungsurteil, das zwei Ehegatten jüdischer Religion betraf, folgende Begründung: „Unter Juden spielt in allen Dingen des Lebens die Geldfrage eine besonders wicht ige Rolle.“ Im Bericht wird eine Reihe von Fehlurteilen aufgezählt, die ein Gericht unter Vorsitz eben dieses Landgerichtsd'ftektors, der in öffentlicher Sitzung von Ritualmorden sprach, gefällt hat. Die Vereinigung jüdischer Hörer an der Hochschule für Welthandel veranstaltet Dienstag, 29. Mai d. J., 7»8 Uhr abends, im Zentralheim der jüdischen Studentenschaft, IX., Alserstraßo 26, einen Vortrag des Herrn Adolf Böhm über das Thema Eindrücke seiner letzten Palüstinareise Gäste herzlich willkommen!