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Die Stimme · 1934-05-18 · Heft 354 (18.5.1934) · page 10

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 354 (18.5.1934)
Date
1934-05-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Blätter der jüdischen Frau F R AU E N S E I L /^G f £> f # SjV * F ff e!t AG, 18. MAI 1 934 * 2. JAHR GA NG NR. 8 „Wizo" und Mädchen-Alijah aus Deutschland Schewuoth Milch und Honig. Blumen und Grünes — 'das sind die Symbole für Schewuoth. Milch und Honig bedeuten Lehre und Lernen. Unsere alten Rabbiner sagten: Die Thora ist so süß wie Honig und so nahrhaft wie Milch für die. die sie studieren und nach ihren Gesetzen leben. Blumen und Grün bedeuten Boden und Früchte. Sie erinnern uns an das Landleben unseres Volkes in alten Zeiten und in unseren eigenen Tagen. Als unser Volk noch in Palästina lebte, war das Schewuoth-Fcst, ror altem ein Erntefest. Der größte Teil unserer Vorfahren waren damals Bauern. Natürlich erwarteten und beobachteten sie die nächtigen Naturereignisse im Leben des Bauern. Für sie bedeutete Schewuoth den Beginn der Kornernte. Und wenn Gerste und Weizen sicher hereingebracht waren, war das Volk dankbar und freute sich. Zur Schewuoth-Zeit begannen auch die Früchte zu reifen und daher wurde es auch das Fest der Erstlingsfrächte. Sieben Wochen lang, vom zweiten Pessach-Tag an, erwarteten unsere Vorfahren Schewuoth. Es waren Wochen schwerer Arbeit für sie. Jeder arbeitsfähige Mann, jede Frau und jedes Kind waren mit Erntearbeiten, mit Schneiden und Binden, Einfahren und Dreschen beschäftigt. Je näher das Fest kam, um so erwartungsvoller schlugen die Herzen im ganzen Lande, denn viele freuten sich auf die Wallfahrt nach Jerusalem. Die, die weiter entfernt wohnten, begannen die ersten Früchte zu sammeln und zu trocknen, um sie im Tempel zu opfern. Die, die in der Nähe der Heiligen Stadt wohnten, pflückten die Früchte erst einen oder zwei Tage vor dem Fest, um sie noch frisch zum Tempel bringen zu können. Sie freuten sich alle auf diese ereignisreiche Reise, auf die Zeremonien und Festlichkeiten, die sie in Jerusalem erwarteten. Zu Schewuoth war Jerusalem von Pilgern so überfüllt, daß viele außerhalb der Stadtmauern lagern mußten. Aber das machte ihnen nichts aus. Die Tempelfeierlichkeiten zu sehen, mit Tausenden vor dem Altar zu tanzen und mH den Priestern zu beten und zu singen, entschädigte sie für alle Unbill. Dafür hatten sie so viel Schönes, an das sie sich erinnern, über das sie Wochen und Monate bis zur nächsten Wallfahrt sprechen konnten. Als der Tempel zerstört und das jüdische Volk zerstreut v:ar, bekam Schewuoth eine andere Bedeutung. Es wurde das Fest der Gesetzgebung zur Erinnerung an jenes große Ereignis, als die Juden die zehn Gebote auf dem Berge Sinai empfingen, und das Fest zur Verherrlichung der Thora, die unserem Volk ein „Lebensbaum“ geworden ist. Während, der vergangenen zweitausend Jahre haben die Juden die Thora gelernt und ihren Lehren gemäß gelebt, und in diesem Lernen und im gesetzestreuen Leben Kraft und Trost gefunden, ln Zeiten der Not wurde ihnen die Thora eine Zuflucht, eine Art unsichtbaren Schutzes. Beim Lernen in der Thora, vergaßen sie ihre Leiden. Sie sannen Uber die Worte der Lehre nach und das gab ihnen Hoffnung auf die Zukunft. Über all dem wurde die alte Bedeutung des Schewuolh-Festes nicht vergessen. Sie gedachten der Ernte, der Erstlingsfrüchte und sie schmückten die Häuser und Synagogen mit Blättern, grünen Zweigen und Blumen. Sie lasen auch das Buch Ruth, das das Landleben der Juden in alten Zeiten beschreibt. Sie gedachten sogar des Königs David, der der Überlieferung gemäß ein Nachkomme Ruths war. Wir jüdischen Frauen, vereinigt in der Wizo, müssen an diesem Feiertag besonders des engen Zusammenhanges gedenken, der zwischen der Gestaltung des neuen nationalen Lebens und der Ausbildung eines geeigneten Menschenmaterials für die Bebauung des Landes, wie sie durch die Wizo ermöglicht wird} besteht. Führende und ('influßreiche Damen der ..WIZO“ haben von Anbeginn dem Problem der Mädchen Alijalt aus Deutschland ihr volles Augenmerk zugewendet. Schon auf der Konferenz in Prag konnte das Mitglied der Londoner Exekutiv«', Frau Rebekka 8 i e f f, über die ersten Maßnahmen berichten. Mit der besonderen Aufgabe betraut, die Ansiedlung jüdischer Mädchen aus Deutschland in Palästina in die Wege zu leiten, wurden zwei Damen der ,.WlZO"-Exckutive (Frau Eder und Sicff) in das Allokationskomitee delegiert. Diese Komitee, welches im Rahmen der von London aus organisierten Hilfsaktion ins Leben gerufen wurde, hat über die Verwendung der i einlaufenden Gelder zu verfügen. Es handelt sich vor allem darum, Unterhaltsspesen und die Kosten der Umschulung aufztibringen, die für eine größere Zahl von Mädchen zunächst erforderlich waren. Von großer Bedeutung in dieser Hinsicht waren die im Lande schon bestehenden Einrichtungen und Organisationen der „WIZO“. Mein letzter Besuch mit Frau Sieff in Polen hat mir die Möglichkeit gegeben, die Bedingungen, unter denen die Mädchen und Burschen in den Kibbuzim leben, aus eigener Anschauung kennenzulernen. Ich hatte Gelegenheit, drei Zentren im Distrikt von Krakau, zwei in Lemberg, vier in Warschau und drei in Lodz zu besuchen. Die Geschichte der Ilachscharah-Bewegmig in Polen ist, in Anbetracht der großen und verschiedenartigen Erfahrungen, die dabei gemacht wurden, von ganz besonders großem Interesse. Die Tatsache, daß Polen das größte Reservoir für Chaluzoth war und ist, verleiht den polnischen Kibbuzim außergewöhnliche. Bedeutung, und der Besucher aus dem Auslande hat daher, besonders im Hinblick auf die Entstehung neuer Hachscharah-Zentren in Zentral- und Westeuropa, viel zu lernen. Das Ziel rler Kibbuzim, in diesen Siedlungen die Bedingungen, unter welchen die Pioniere in Palästina zu leben haben, zu antizipieren, wird von den jungen Leuten in jenem Geist der Selbstaufopferung erreicht, der das Erkennungszeichen für unsere Chaluzoth und Chaluzirn ist. Für jene, die diese Siedlungen noch nie gesehen haben, sind die schweren Bedingungen, unter denen diese jungen Menschen — viele unter ihnen Söhne und Töchter von Eltern, die dem Mittelstand angehören — zu leben haben, die hochgesinnte Art, in der sie sich der täglichen langen und schweren Arbeitszeit bei schlechten Wohn- und schlechten Ernährungsverhältnissen unterwerfen, einfach unfaßbar. Ein einfaches Gebäude beherbergt, sie alle und die Arbeit wird gemeinsam getan. Was die Mädchen anlangt, so arbeiten sie nicht nur in Fabriken, Wäschereien und Schneidereien, sondern sie besorgen außerdem noch das Kochen, das Abwaschen und Aufräumen und die Wasch- und Flickarbeit des Kibbuz. Am Abend, wenn sie, wie man annehmen dürfte, „frei“ sein sollen, studieren sie noch Hebräisch, Jüdische Geschichte, die Geographie von Palästina und diskutieren die verschiedenen Aspekte und Probleme der zionistischen Bewegung. Der einzige Lohn, auf den sie brennend und hoffnungsvoll warten, ist, Zertifikate für die Einwanderung nach Palästina zu bekommen, das für sie das „Gelobte Land“ in des Wortes vollster Bedeutung ist, und auf diese Weise das Ziel zu erreichen, auf das sie, viele von ihnen jahrelang, hingearbeitet haben. Ich habe mich selbstverständlich vor ihre Lehranstalten und Meschakim (Mtisterfarnien für Mädchen). Diese Institutionen hatten eine große Anzahl aus Deutschland kommender Mädchen a.ufgenommen, erwiesen sich aber bald als überfüllt. So ging man daran, die bestehenden Anstalten auszubauen, um zu einem späteren Zeitpunkt weitere Aufnahmen vornehmen zu können. Zur Erzielung einer besseren Schülerauslese erließ die Palästinaexekutive besondere Verfügungen, nach denen sich die Berliner Zentralstelle der „WIZO“ zu richten hatte. Besonderer Wert wurde darin auf elementare Kenntnisse der hebräischen Sprache gelegt, Um die Erlangung der notwendigen Einzelzertitikato hatte sich die „WIZO“- Exekutive bemüht. Die Schaffung von Verdienstmöglichkeiten. in Erez Israel läßt sich die „WIZO“ besonders angelegen sein. In Zusammenarbeit mit dem Britischen Hilfsfonds für deutsche Juden hat sie, geleitet von dem Bestreben, die aus Deutschland kommenden Frauen und Mädchen möglichst rasch praktischen Berufen zuzufühallem für die drei Mädchenkibbuzim interessiert, deren zwei unter der Leitung der „Wizo“ (Krakau und Warschau) stehen, während der dritte ein Misraehi-Mädchenkibbuz ist, (loch waren die meisten der Kibbuzim, die wir besuchten, gemischte Kibbuzim. Was nun diese gemischten Kibbuzim anlangt, die dem Hechaluz angehören, so unterstehen sie einem Zentralkomitee (Merkns), das ihre Arbeit beaufsichtigt und das in der Frage der Zertifikatsverteilung’ entscheidet, Der Hechaluz übt einen moralischen Einfluß auf seine Mitglieder aus, nicht nur, indem er ihren Enthusiasmus weckt und sie zur Hingabe und Ausdauer anspornt, sondern auch, indem er sie zur individuellen und korporativen Disziplin erzieht. Denn der Zweck der Kibbuzim ist nicht allein der, körperliches Training jenen Menschen zu geben, die sieh in Palästina niederlassen werden, sondern auch, die Ungeeigneten auszuscheiden und sie durch jene zu ersetzen, die sich nach Prüfung ihres Charakters, ebensosehr wie ihrer physischen Eignung, als würdig erwiesen haben, den Platz unter jenen einzunehmen, die Erez Israel aufbauen. Im Gespräch mit diesen jungen Leuten beiderlei Geschlechts ist mir die Tiefe dessen aufgegangen, was dies alles nicht nur für sie, sondern auch für unser Volk bedeutet. Ein hoher Geist der Kameradschaftlichkeit verbindet die jungen Menschen, die in diesen Kibbuzim leben. Dies ist ein wichtiges Charakteristikum, denn das Leben in einer Gemeinschaftssiedlung erfordert einen vollentwickelten Sinn für das Gemeinwohl. Deshalb betrachten alle Mitglieder des Hechaluz sich als Menschen einer Klasse, jener Klasse, die von ihrer Hände Arbeit lebt. Sie stellen die feinste Kombination einfacher Lebensweise und hohen Denkens dar, die ich je gesehen habe. Der bleibende Eindruck, den ich von diesen Gruppen mitgenommen habe, .sind strahlende Gesichte und gestählte Herzen. Das Herz jubelt, wenn man diese jungen Menschen bei Gesang und Tanz nach hartem Arbeitsage sieht, und gerade in diesen Momenten des Feierns erkennt man so recht, was für ein prachtvolles Menschenmaterial wir in ihnen besitzen. Wäre es doch der Wizo möglich, die Härten des Kibbuzlebcns zu mildern und beizutragen an der Förderung des Streitens jener Menschen, deren brennendster Wunsch cs ist, in Erez Israel sich niederzulassen! ren, eine Reihe von Fachkursen (Dauer sechs Monate) eingerichtet. Hier werden dio Teilnehmerinnen in einer Anzahl von Fertigkeiten ausgebildet, wie zum Beispiel in der Weberei, Strickerei, Schuhmacherei, Tischlerei, Anstreicherei, Wäscherei, dann in Plätten und Chemisch-Reinigen, in der Herstellung von Spielwarrn, im Fußbodenlegen, als Hausgehilfinnen, Arbeiterinnen für kooperative Näh Werkstätten, kooperative Küchen usw. So erhalten Hunderte von Frauen und Mädchen eine für ihr weiteres Fortkommen unerläßliche gewerbliche Ausbildung. Tatsächlich liegen bereits Nachrichten vor, wonach die Einordnung der von den „WlZO“-Anstalten ausgebildeten Mädchen in den Arbeitsprozeß erfolgreich vonstatten geht. So konnten beispielsweise sämtliche, aus den sechs wöchentlichen Kursen für Orangcnpacken hervorgegangenen Fachkräfte restlos in Arbeit gestellt werden. Von der Überzeugung getragen, daß dio Zukunft des Volkes in der Jugend liegt, erstreckt sich die Fürsorge der „WIZO“ nicht bloß auf die Erziehung und Ausbildung von Mädchen und jungen Frauen, sondern parallel damit auch auf die Obsorge um Kinder und Säuglinge. Für diesen Zweck wurde dem Allokationskomitee ein besonderes Departement für soziale Wohlfahrt angegliedert. Die „H i s t a d r u t h N a s c h i m Z i o n i o t h“ wurde zur Mitarbeit an diesem Departement aufgefordert und nimmt an ihr aktiv teil. Es stellte sieh mit dem Einsetzen verstärkten Flüchtlingszustromes vor allem die Notwendigkeit heraus, den arbeitsuchenden Familien die Betreuung ihrer Kinder abzunehmen. Die bestehenden Kinderheimo erwiesen sich allerdings bald den Anforderungen nicht mehr genügend, so daß man zeitweise private Mithilfe in Anspruch nehmen mußte. Im Einvernehmen mit den einzelnen Landesgruppen hat die „Histadruth Naschim Zionioth“ fiir die Unterbringung einer größeren Anzahl von Kindern bei privaten Familien Sorge getragen. Außerdem wurden für Kinder unter sechs Jahren mit Hilfe einer besonderen Subvention zweckmäßige Überbringungsmöglichkeiten geschaffen. Man hat dabei das System der Tageskrippen mit Erfolg angewendet, wo die Emigrantenkinder tagsüber beaufsichtigt werden. Mit einer solchen Institution ist den aus Deutschland kommenden Flüchtlingen für die Zeit der Arbeitsuche bis zur definitiven Ansiedlung eine nicht, zu unterschätzende Beihilfe an die Hand gegeben. Programmgemäß soll sich das Kinderfürsorgewerk der „WIZO“ auf möglichst viele Städte und Kolonien im Lande erstrecken. Wieviel in dieser Hinsicht schon bisher geleistet werden konnte, beweisen immer wieder aus dem Lande eintrelfcnde Berichte, denen zufolge in Hunderten von Fällen erfolgreiche ,,W1Z0“-Hill'e erteilt wurde. Bei ihrem Hilfswerk weiß die „WIZO“, daß die Masse der jüdischen Frauen und Mütter hinter ihr steht. War und ist sie doch ausschließlich im Interesse der jüdischen Frau tätig, handelt sie doch in Erez und in der Galuth im engen Kontakt, und im vollen Einklang mit den Forderungen und Wünschen der jüdischen Frau von heute. Die „WIZO“ ist sich dessen bewußt, daß sie mit ihrem Schaffen und Wirken die volle Verantwortung vor der Gegenwart, und vor der Nachwelt, trägt. Was sie in der Galuth und in Palästina bisher geleistet, hat, und noch leisten wird, betrachtet sie als den ihr zustehenden Teil am großen Aufbauwerk. Sie will damit dartun, daß die jüdische Frau mit, dein ganzen Einsatz ihres Könnens und Wollens sieh in die vorderste Reihe der Pionierarbeit für Erez Israel gestellt hat. Dr. Amalie K a n t o r. Romana Goodman, London: iTTF Kym 6857076^

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