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Die Stimme · 1934-05-18 · Heft 354 (18.5.1934) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 354 (18.5.1934)
Date
1934-05-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nr. 854 - 18. Mal 1934 DIE STIMME Seite 9 Dr. Jakob Rosenthal: (Nachdruck verboten.) Der Heilige von Miedzyboz Aus dem Leben und Wirken des Baal-Schem-Tow - Legende und Wirklichkeit reinen Geist des Baal-Schem-Tow nicht. Im Laufe der Zeit verwandelte sich der wunderwirkende Baal-Schem-Tow in den religiösen Führer, der die verschiedensten Kreise, Geschulte und Ungeschulte, Kenner und Unwissende, als Jünger und Anhänger um sich scharte. Die eigentlich große Phase im Leben und Wirken des großen Beseht fiel erst in die Zeit zwischen 1740 und 1750 mit seiner Übersiedlung in das podolische Städtchen Miedzyboz. Man begann zu ihm zu pilgern und wallfahren, nicht mehr bloß seines Heilwirkens willen ,als vielmehr, um seine Lehren zu hören. Miedzyboz wurde so zum Mekka der ersten Chassidim. Seine Lehre trug er nach der Art der alten Weisen und Religionstifter in Unterredungen und Dialogen, sowie Aussprüchen vor. Er selbst pflegte nie Aufzeichnungen zu machen, und da seine Jünger die Aussprüche des Stifters zwanzig Jahre nach seinem Tode erstmalig schriftlich Wiedergaben, war ein nicht unerheblicher Teil dieses Stoffes bereits verlorengegangen. Die Lehret des Baal-Schem — ein mystischer Pantheismus *1 Die kabbalistische Auffassung, daß die empirische Welt nur eine Emanation der Gottheit sei, wurde vom Stifter des Chassidismus zum Prinzip seines Systems erhoben. Der Bibelvers „Die ganze Erde ist voll von seiner Ehre“, erhält so erst durch den Chassidismus seinen eigentlichen Sinn. Im Mittelpunkt seiner Lehr steht der Glaube, daß die ganze Welt nur um des Menschen willen erschaffen sei. „Denn der Mensch ist eine Leiter, die auf der Erde steht und mit der Spitze an den Himmel rührt.“ Der wahrhaft Gläubige, der Chassid, soll seinen Sinn darauf richten, die göttliche Wurzel, die allen sinnlichen Dingen zugrunde liegt, die verstreuten „heiligen Funken“ zu erschauen und durch reine Taten zu erlösen. So braucht ihn auch nichts zu schrecken. Denn „sieht ein Mensch irgend etwas, wovor er sich fürchtet, so möge er sich sagen: warum soll ich mich ängstigen vor einem Etwas, wenn es ein Mensch ist, wie ich einer bin, geschweige denn, wenn es ein Haustier oder auch ein wildes Tier ist, da sich doch Sein Name in dieses Ding hüllt; tun wieviel mehr muß ich also vor Ihm selbst in Angst erbeben“. Aber auch Dinge, die des Menschen Begehrlichkeit reizen, sind vergänglich, und nichtig ist das Sehnen nach ihnen: „Betrachtet der Mensch eine schöne Frau, so möge er denken: Woher hat sie nur ihre Schönheit? Stürbe sie, so hätte sie nicht mehr dieses Gesicht; somit kommt dies von der sich in ihr ausbreitenden göttlichen Kraft. Diese ist es, die ihr die Kraft der Schönheit und die Wangenröte verleiht. Daraus folgt, daß die Wurzel der Schönheit die göttliche Kraft ist. Wozu soll ich mich also von dem Teil anziehen laßsen,' wenn es für mich doch viel besser ist, mich an die Wurzel aller Welten anzuschmiegen.“ I Auf welche Weise " nähert sich nun der Mensch dem großen Schöpfer, wie kann er I Die „Cassiduth“, das ist die wahre Frömmigkeit, darf auch keinen Trübsinn kennen. „Das Weinen“, sagte der Baal-Schem, „ist überaus abträglich, da der Mensch seinem Herrn fr e u d i g dienen soll.“ Das Tauchbad — eine auch heute noch für Chassidim wichtige rituelle Übung — schätzte er zum Beispiel höher ein als das Fasten, wie er derin überhaupt jeder Askese abhold war. „Wer ein starkes Verlangen hat zu fasten, soll sich von seinem Willen nicht abbringen lassen, obschon er wissen muß, daß es viel besser ist, dem Herrn aus freudigem Herzen ohne Kasteiung zu dienen, da diese traurigstimmt.“ „Dienst am Kleinen“ muß der Mensch üben, lehrte der Baal-Schem. In allen Dingen sind heilige Funken enthalten. Sogar im Holz und Stein, in allen menschlichen Handlungen, ja sogar in der Sünde. Durch die Buße des Menschen werden die heiligen Funken, die in der Sünde eingesohlossen, zu der höheren Welt emporgetragen. Hat der einfache Mensch nicht die Kraft und Fähigkeit, sich zu der göttlichen Schechinah zu erheben, in geistige Berührung mit dem Urquell der Schöpfung zu treten, so ist es der Z a d d i k, der die Wiederaufrichtung des Bußfertigen vollzieht. Der Zaddik, der Gerechte, unterstützt gleichsam die göttliche Allmacht, denn er vermag durch sein Gebet auch einen Urteilsspruch von oben abzuändern. „Der Eine tut mehr, der Andere weniger, die Hauptsache ist aber, daß man den Himmel im Sinne hat.“ So wurde die ganze Lehre des Baal-Schem-Tow dem einfachen Manne aus dem Volke Offenbarung. Eine Offenbarung, die den von Sorgen ums tägliche Brot bedrückten Massen den Weg zur Erhebung aus dem Dunkel, in dem sie die letzten Jahrhunderte gewandert und zurückgeblieben waren, wies und ihnen jene seelische Erhebung brachte, die sie von Grund auf revolutionierte und sie wieder zu seligen Kindern Gottes, zu naiven, glaubenserfüllten, der Wunder harrenden Menschen machte. Die Massen waren für den Gedanken des Zaddiks, der sie aus der dürftigen Enge ihres Daseins in die weiten Gefilde seelischer Befreiung führte, reif geworden. Nekudah-Verlag, Miikacevo 193< Vor kurzem erschien dieses Buch, da: wie aus der Einleitung hervorgeht, die Eir drücke einer Palästinareise aus dem Jab 1931 wiedergibt. Eine lange Zeit ist seit da mals vergangen, eine viel längere als der Kalender entspricht. Was hat sich doc alles in diesen zwei Jahren in der Welt, ins besondere in der jiidischeu Welt und in Pa lästina, ereignet! So ist denn das Buch wei entfernt, von dem, was wir Aktualität neu nen. Der Verfasser will aber auch gar nich „aktuell“ sein, er führt keine Tatsachen uni keine Ziffern an, er beleuchtet weder di politischen noch die wirtschaftlichen Ver Der erste Schewuothtag wird als der Todestag des Baal-Schem-Tow angenommen. Ein Kranz von Legenden und Mythen, gewoben von der Phantasie eines Volkes, umrankt die Gestalt des Stifters des Chassidismus, des großen „Baal-Schem-Tow“, das ist Meister des wundersamen Gottesnamens, kurz „Ribasoht“ oder auch „Beseht“ genannt. Die erste Biographie des Baal- Schem, der eigentlich Rabbi Israel ben E 1 i e s e r hieß, erblickte da« Licht der Öffentlichkeit erst fiinfundfünzig Jahre nach seinem Tode. Die Darstellung des Lebens und des Werdeganges dieses merkwürdigen Heiligen erscheint da in Form einer Legende. Es ist schwer, aus der farbenreichen Fülle der Legenden, die Generation um Generation um die Gestalt des Heiligen von Miedzyboz gesponnen wurde, sein tatsächliches, wirkliches Leben herauszuschälen, zumal es eigentlich nur mündliche Überlieferung einiger Geschlechter ist, die uns Kunde von dem Loben und Wirken dee Baal- Schem und seiner ersten Nachfolger geben. Allein die Legende und der Mythos sind es ja, die das wahre Wesen des Helden erschließen, mehr als es die tatsächlichen Begebenheiten und der reale Ablauf seines Lebens jo vermögen. Schon an die Geburt des Stifters des Chassidismus knüpfen sich zahllose Sagen und phantastische Erzählungen. Historisch festzustehen scheint jedenfalls nur, daß der Geburt des Baal-Schem Kriegswirren vorangegangen waren und daß sie in die Zeit nach dem Karlowitzer Frieden (1699) fällt, also etwa in das Jahr 1700. Wie der genaue Zeitpunkt der Geburt, so ist auch der Geburtsort des Baal-Soliem ungewiß. Nach den Forschungen über die Anfänge des Chassidismus wird als die Geburtsstätte des Beseht die Stadt 0 k o p oder 0 k o p y in der Nähe von Kamenez-Podolsk an der alten polnisch-türkischen Grenze angenommen. Des Baal-Schem Kindheits- und Lehrfahre Schon in jungen Jahren verlor der Knabe seine Eltern nnd kam in die Obhut der Gemeinde, die ihn vor allem in einen Cheder steckte. Aber diese Unterrichtsmethode, die auf das kindliche Gemüt keine Rücksicht zu nehmen pflegte, behagte auch dem jungen Israel nicht. „Einige Tage pflegte er zu lernen, sodann aber aus der Schule wegzulaufen.“ Gewöhnlich fand man ihn dann im Walde, wo er einsam umherirrte. Immer wieder flüchtete der verträumte und in sich gekehrte Knabe in die WaJdabgeschiedenheit. Die Pilpulistik und die Haarspaltereien, die ganze Geistesakrobatik des Talmudstudiums sagte ihm, dem verträumten Jungen, gar nicht zu. Die Phantasie des Knaben fühlte sich violmehr zu der Welt der Sagen hingezogen. Dies zum Mißvergnügen seiner Bevormundet’, die ihn schließlich seinen eigenen Weg gehen ließen. In der Folgo wurde Israel zuerst „Boholfor“, das heißt Schullehrorgehilfe, dem der Unterricht und dio Unterweisung der Kleinsten in Religion oblag. Diesen ersten Beruf fühlte er mit großem Ernst aus, „von Kinderscharen umringt, durch die Straßon schreiton d, ließ er im Chor mit ihnen seine wohlklingende Stimme ertöno n“. Später wurde Israel Synagogenwächter. Und in dieser Zoitperiodo scheint in ihm jener seelischo Prozeß seinen Anfang genommen zu haben, der ihn zum „Baal-Schem“ werden ließ. Während der allgemeinen Andacht der Betenden in der Synagoge pflegte der Wächter Israel zu schlafen, um freilich dann mitten in der Nacht zu erwachen und sich dem „schlichten Dienste“ hinzugeben. In der abgeschiedenen Stille der Nacht betete er mit Inlrunst und vorsonkte sich in die kabbalistischen Bücher, dio den Geist des Jünglings schon damals beza’ iberten. Als Eremit in den Wäldern der Karpathen Nach der damaligen Sitte früh verheiratet, wanderte Rabbi Israel mit seiner jungen Frau Jahre hindurch in größter Not durch die Wälder und Dörfer Podoliens. ln einem Dorfe am Abhange der gegen den Himmel ragenen, schneebedeckten Gipfel des Karpathengebirgevs schlug er zuerst seinen Wohnsitz auf. Freilich, er selbst verbrachte seine Tage in einsamer Bergeshöhe. Fern aller Wirklichkeit, in gänzlicher Abgeschiedenheit lebte er hier einzig dem Studium der heiligen Kabbala ergeben. Seine Nahrung bestand aus einem Stück trockenen Brotes, das er lediglich jeden zweiten Tag zu sich nahm. Zweimal in der Woche wurde er von seiner Frau besucht, die er gewöhnlich mit einem Wagen ausgehobenen Lehms ins Tal hinunterschiokte, welchen sie dann im benachbarten Dorfe verkaufen sollte. Später richtete ihm sein Schwager, um seiner Not zu steuern, in einem Dorfe nahe Kutow eine Schankwirtschaft ein, deren Führung Rabbi Israel aber zur Gänze seiner Frau überließ. Er selbst zog sich jetzt in ein am Ufer des Pruth aufgeschlagenes Zeit zurück und widmete sich auch hier ausschließlich dem 'Studium der Geheimwissenschaften, ganz nach der Art der ohassidischen Überlieferung vom Leben des berühmten A r i, des Vaters der Kabbala im 13. Jahrhundert, der in seiner siebenjährigen Abgeschiedenheit in Ägypten sich eine Hütte am Ufer des Nils erbaut hatte. Rabbi Israel führte sein Eremitenleben an den Ufern des Pruths nicht anders als in der von Felsen umgebenen Lehmhütte, wo er in seinem bäuerlichen Schafpelz und den braunen Schaftstiefeln, aus deren Löchern bisweilen seine Zehen hervorguckten, den in seiner Schenke verkehrenden Bauern, Händlern oder Jägern, als der „Herr der Berge“, den Juden aber,; die um ihn wußten, als eine absonderliche Erscheinung erschien. So lebte er bis zu seinem 36. Lebenjahre, welches Jahr als das seiner „Offenbarung“ bezeichnet wird, und in welchem er zum erstenmal als „Baal-Schem“ auf den Plan tritt. Der Baal-Schem als Heilkünstler „Baale-Schem“, Wundertäter gab es um jene Zeit in großer Anzahl. Das Volk, abergläubisch und unwissend, wallfahrte zu ihnen, nahm sie in Fällen körperlicher und auch seelischer Leiden in Anspruch, da es wirkliche Ärzte in den vielen kleinen Ortschaften gar nicht gab. Auch der Begründer des Chassidismus, Rabbi Israel Baal-Schem, wandte sich zunächst aus eigener Not, später aber aus dem inneren Bedürfnis, der Allgemeinheit zu helfen, dem Heilkünstlerberuf zu. Der Glaube an seine magische Heilkraft trug auch viel zur Verbreitung seiner Lehre bei. Und bald wurde er von den vielen Hilfsbedürftigen nicht mehr gewöhnlich „Baal-Schem“, sondern „Baal-Schem-T o w“, Mann der Güte, genannt. Seine Heilmethode waren altbewährte Mittel, wie Aderlaß, Blutegel usw. Bei seelischen Erkrankungen versuchte er mit Beschwörungen und Gebeten dom „Dibbuk“, von dom der Kranke besessen, beizukommen. Seinen Amuletten, die gegen böse Geister unter den Kleidern getragen wurden, schrieb das Volk eine ungeheure Wirksamkeit als Schutz gegen jede Gefahr zu. Das Volk wendete sich an ihn um Rat und fragto ihn nach der Zukunft, und der Baal-Schem-Tow brauchte nur das wunderbare Buch des „S c h a r“, das Hauptbuch der Kabbala, aufzuschlagen; und erhellte mit seinen Weissagungen das undurchdringliche Dunkel der künftigen Tage. Die Masse glaubte an seine prophetische Wunderkraft. Für ihn selbst bildete das Wahrsagen nur einen andächtigen Vorsuch, dio göttliche Vorsehung zu bestimmen, irgendwie zu beeinflussen, ein Versuch, der manchmal gelingen konnte, ein anderes Mal aber wieder auch versagen mußte. Doch all das genügte dem hohen und sich mit der Gottheit vereinen? Durch die innere Sammlung schmiegt sich der Mensch an die göttliche Scheohina an. Es ist die Andacht und Inbrunst beim Beten, aber auch des Menschen von großer Bedeutung und Wirkung, wichtiger aber ist die Andacht. Auch das Thorastudium äst ein Weg zum Göttlichen. Aber nur insoweit es zur Gottesfurcht hinführt und nicht bloßes Studium voll widmet, weitaus höher zu stellen als der Gelehrte, der sich nur mit dem Studium befaßt, ohne daß sein Leben davon auch durchwirkt und geheiligt wird. Der Gottesdienst aber soll das ganze Leben erfassen, den Alltag nicht ausschließen. *) Wir folgen hior den Atiffussungen, wlo sio vom Historiker Simon Dubvow in seiner Ooschiohto dos Chassidismus niodergologt sind. hältnisse des Landes. Zum Schreiben drängt ihn nur die innere Nötigung, der wir als Palästinaerlebnisseß „Rote Perlen“ (Mukacevo 1931) verdanken. Neumaun will nichts anderes, als sein Erleben in Worte kleiden, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Belehrung. Wie er das Land und die Menschen sah, wie er den Sinn ihres gäbe ißt ihm gelungen. Willig läßt man sich von der Begeisterung des Dichters mitreißen und folgt ihm auf der Reise durchs Gelobte Land. Daß freilich diese Reiso im Geiste schließlich etwas ermüdet, darf bei der Fülle der Eindrücke nicht wundernehmen. Dr. Hen/ny Lichtenstein-Rappaport. bei Ausübung der gewöhnlichsten Handlung, die ihm dazu verhelfen. Wohl ist das Gebet auch den Gedichtban zwecks Schärfung des Verstandes wird. So ist der einfache Mann, der sich der Andacht Strebens und ihr schicksalhaftes Schaffen begriff, das will er formen, das will er den Leser nacherleben lassen, das will er „seinem Herzen nahebringen“. Und diese Auf-

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