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Die Stimme · 1934-05-18 · Heft 354 (18.5.1934) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 354 (18.5.1934)
Date
1934-05-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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tfr. 354 — 18. Mai 1934 DIE STIMME Seit© 8 Das Stichwort Goebbels Sohr tapfer, sehr ritterlich ist. dieser Goebbels. Umgeben von einigen tausend seiner uniformierten bewaffneten S. A.-Leute tritt er d e n w a f f c n 1 o s e n Juden gegenüber, hält, ihnen die gepanzerte Faust vor die Augen. Bei ihnen hat er die „Kampagne gegen die Miesmacher und Kritikaster“ begonnen, ihnen gilt das programmatische Stichwort — Stichwort in rl e s Worte s w ö r 11 i o h b t e r Bede utimg —, und was Goebbels ihnen verkündet, das wird nunmehr die Grundlage für einige tausend Versammlungen im ganzen Reich in den nächsten zwei Monaten bilden. Er sagt selbst, daß seine Worte den Juden als letzte Warn u n g dienen mögen. Mit schäumendem Mund schreit sie dieser mörderische Ekstatiker an: Sie, die Juden Deutschlands, tragen die Schuld an dem Devisenschwund, weil die Juden des Auslandes Deutschlands Waren boykottieren; und wenn sich eine ernstliche Bedrohung der deutschen Wirtschaft ergeben sollte, dann würden sich H a ß, Wut u n d V e rz w e i f 1 u n g zuerst an die deutschen Juden halten, die im Lande greifbar s i n d. Das ist unmißverständlich geredet, so geredet, daß die Worte allein schon eine Tatsache sind. Und wie sie auf das Auditorium wirkten, darüber läßt sich die „Prager Presse“ aus Berlin berichten: Ausländische Zuhörer, die der Rede des Doktor Goebbels am vorigen Freitag im Berliner Sportpalast beiwohnten, erzählen, wie er seinen Witz und Spott mit den Feinden des Hitler-Regimes trieb, wie er alle Register seiner Rednergabe spielen ließ, wie er Feuer und Gift von sich gab, aber so fasziniert sie von der dunklen Gewalt dieses Redners waren, so waren sie auch erschüttert und geradezu in Schrecken versetzt durch das dumpfe Bcho, das er in allen Rängen des Riesenraumes fand. Ein tiefes Gebrüll antwortete seiner Ironie und seinem Zorn, und ein anwesender Engländer sagte, so stelle er sich einen a 11römischen Zirkus vor, so umbrandet .von Gebrüll, wenn der Cäsar den Daumen gesenk t h a t, t, e, um den Todesbefehl zu geben. Dr. Goebbels soll besonders glänzend disponiert gewesen sein. Die geringste seiner Anspielungen wurde .von seinen Berliner Gardetruppen verstanden. So sieht, also die letzte Warnung aus. Vielleicht hat es sich dem Goebbels in der Stunde seiner Rede nur um Eisenfressereien gehandelt, als Äußerungen seines Minderwertigkeitsgefühls als Person wie als Minister dieses Systems. Er ist.'nicht gerade das Idealbild eines nordischen Recken. Schwarzhaarig, häßlich, klein, hinkend. So ein Devisen, keinen Export, keine Rohstoffe, und darum fühlt es jeder Minister, fühlt es auch Goebbels, daß gcschrien und mit der Faust gedroht werden muß. Den .Juden. Und was hat er ihnen außer dem Auslandsboykott, mit dem sie doch gar nichts zu t u n haben, anzulasten? Sogar Goebbels weiß nichts anzuführen. „Wenn sie meinen“ — sagt er — „s i e könnten wieder auf die deutsche Bühne treten, wenn sic meinen, sie könnten wieder Zeitungen schreiben, wenn sie wieder über den Kurfürstendamm flanieren...“ Wenn sie m e i- J ES AI AS PRESS NEUES PALÄSTINA¬ HANDBUCH Der vollkommenste Reiseführer mit 31 Karten und Stadtplänen und die NEUESTE GENERALKARTE VON PALÄSTINA SOEBEN ERSCHIENEN FIBA VERSANDBUCHHANDLUNG Wien, VI., Gumpendorferstr. 10 Telephon B 24-9-78 n e n . . . Aber sie stehen nicht auf der Bühne, sie schreiben keine Zeitungen. Goebbels, der Gewaltige in Kunst und Kultur, weiß, daß das alles nur hypothetisch ist. Es bleibt übrig, daß sie sich auf der Straße bewegen. Das ist das Verbrechen, auf das das Dritte Reich die Todesstrafe gesetzt hat. Sie haben sich wie Gäste zu benehmen, sagt Goebbels. In dem Deutschland des Goebbels besteht das Gastrecht darin, daß der Nichtdeutsche, der Jude, geprügelt, bestohlen, geschändet wird. Diese Art der Anwendung des Wortes Gast — ein allen Kulturmenschen und den Wilden heiliger Begriff — ist in Deutschland althergebracht. Schon die Rieß und Hieß, die nach dem Tode Kotzebues den Judenpogrom predigten, haben von den Gästen gesprochen. Und so bleibt Goebbels in der Tradition, wenn er für die Gäste nichts anderes weiß als den Hausarrest. Er bleibt auch in der Tradition, wenn er seine Versammlungsparole, das Stichwort, ableugnet. In seinem „Angriff“ schreibt er: „W ir stimmen keinen Pogromgesang an, wir rufen zu keiner Judenverfolgung auf, aber wir wollen zeigen, wie der Jude sich heute ie können Ihren Verwandten, Bekannten und Freunden m der owjet-Union dUrChff TORGSIN (Warenhäuser in allen Städten der UdSSR) alle gewünschten Lebensmittel« Bekleldungsge» genstände und Bedarfsartikel spesenfrei ausfolgen lassen. Bestellungen, Auskünfte und Preislisten in der Handelsvertretung der UdSSR, Wien, I., Wallnerstraße Nr. 9, Telephon U 27-5-55 Einige Preise (mngerecluiel in öslerr. Schillingen zum gegenwärtigen Kurs): Mehl, 1 Kilogramm von S 0.10 bis 1.19; Reis, 1 Kilogramm von S 0.47 bis 0.85; Würfelzucker, 1 Kilogramm S 1.32; Honig in Dosen, 1 Kilogramm S 1.66; Teebutter in Dosen, 1 Kilogramm von S 2.13 bis 3.56; Herrensocben, lPaar S 0.47 bis 4.75; Dumenschuhe, 1 Paar S 17.75 bis 26.10; Herrenschuhe, 1 Paar S 19.70 bis 24.90. Schrumpfarier muß in Superlativen reden, schreien, toben; er muß hetzen und er muß d o r M i m o der Nibelungen bleibou. Aber er gohört auch einer Regierung an, die sieh mir mehr mit Waffengewalt an der Macht halten kann. Sie hat das Vermögen und dio Wirtschaftskraft Deutschlands verzettelt, steht im zweiten Jahr ihrer Herrschaft bettelarm vor den Gläubigern, hat keine schon wieder benimmt und wio er sich zu benehmen hat. Es handelt sich also um einen Anschauungsunterricht für dio geschonten und geduldeten Staatsbürger jüdischen Glaubens. Keiner rühre dio Juden an, aber jeder gebe acht auf sie, auf der Straße, im Freien, in den Lokalen, im Beruf, auf Reisen, überall, wo er einzeln, besonders aber, wo er in Scharen auftritt. Er ist ja nicht zu verfehlen. Und schreibt an den ,Angriff’, was los ist!“ So wird’s gemacht. Er gibt auch Anweisungen: „Wie spricht man mit Juden?“ Die Niedrigkeit der Gesinnung ist nicht weiter auffallend. Sie gehört ja zu dieser „Bewegung“, die nichts anderes ist als ein Troglodytcneinbrueh ins zwanzigste Jahrhundert, als eine ununterbrochene Verführung der Jugend zu Mord und Gewalt, zu Spitzeltuni und Angeberei; zur frechsten Blasphemie gegen den jüdischen Glauben und zum Krieg gegen Waffenlose. Die Juden — sagt Goebbels — werden in Ruhe gelassen, wenn sie nicht den Anspruch erheben, für vollwertig und gleichwertig angesehen zu werden. Die Juden Deutschlands werden es sich wohl überlegen, mit dem, was Goebbels als deutsches Volk gelten läßt, vollwertig und gleichwertig zu sein. Aber das jüdische Volk hat sehr wohl den Anspruch, und cs leitet ihn aus seiner Existenz her — mit dem deutschen und mit jedem anderen Volk vollwertig und gleichwertig zu sein, und es tut alles, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Nicht der anderen und ihres Urteils willen, sondern aus seinem seelischen Drang heraus, sich selbst zu genügen. Es legt den höchsten Maßstab an sich, und das, was in Palästina geleistet wird, ist doch ein Erkleckliches höher, als was die Goebbels und Kameraden in anderthalb Jahren in Deutschland fertiggebracht haben. Das jüdische Volk ist im Aufstieg, es schafft sich sein Recht, ohne das Recht anderer zu verletzen; es PafakY’s iiiiiiiniiiiiiiiiiiiii IViiiiiIcrfjsirfeii Wien, XIX., Grinzingerstraße 68 Endstation Hohe Warte Wieder geöffnet Beste Original-Zigeunermusik mit siugendem Zigeunerprimas! GanzenTag und Nacht warmeKüdie l Billigste Jausenstation! Edelste österreichische und ungarische Weine I Vorzügliches Schwechater Spezial- Bräu 1 Fünf-Uhr-Tee, Tanz im Fre ien I Bei Regenwetter gedeckte Terasse! Autobusverkehr bis früh! Besonders billige Preise! kennt keine Enteignung, keinen Diebstahl aus rassischen Gründen, es behandelt d&n Gast als Gast. Es ist vollwertig und gleichwertig, auch wenn es in Deutschland in Fesseln liegt und von jedem Buben angespuckt wird. Das mindert in nichts seinen Adel und Wert. Der Goebbels und mit ihm die anderen Hetzer, der Darre und der Goering und die S. A. und S. S. — wer kann diese Liste ganz auf zählen —, die reden doch nur wider dio Juden aus ihrer zitternden Seele heraus, aus ihrer schüttelnden Angst vor dem Tag, den sie schon dämmern sehen. Der Tag kommt. „Durch eine Judengasse gehen wir nicht!“ Zur Psychologie der deutschen Nationalsozialisten Herr Goebbels, des Dritten Reiches Propaganda-minister, hat in seiner großen Rede im Berliner Sportpalast seinem Furor teutonicus Luft gemacht und mit fürchter-' liehen Drohungen den Juden die Folgen angedeutet, die sie zu gewärtigen haben, wenn sie den Boykott nicht abblasen und sich wie verprügelte Hunde in die Ecke verkriechen. Die Juden sind wie an allem — aus der Rede klingt tiefe Sorge und sie enthüllt mehr als Herr Goebbels beabsichtigt — auch daran schuld, daß es mit der Verwirklichung des Programms Adolf Hitlers nicht so einfach geht, wie es sich die Träger „nationalsozialistischen Gedankengutes“ vorstellten. Er warnt die Juden in letzter Stunde und macht sie verantwortlich fiir alles, was noch kommen mag. Wahrhaft heldisch, heroisch sind die Auslassungen des Herrn Goebbels, des Propagandaministers eines Sechzigmillionenvolkes gegenüber einem Häuflein Wehrloser... Für bewußte Juden, die die Psyche dieser Helden kennen, sind diese Äußerungen der nordischen Seele und die brutalen und niedrigen Redensarten, mit denen das Organ des Herrn Goebbels, der Berliner „Angriff“, ihnen sekundiert, keine Überraschung. Es ist derselbe Ton, wie ihn die jüdischen Studenten der vorigen Generation kennen, es ist das tausendfache Echo von damals, aber trotz seiner brutalen Gewalt ist er nicht weniger feig, als er damals war, als wir noch junge Studenten waren. Welcher Wiener jüdische Student aus der ersten Blüte des Rassenantisemitisnuis erinnert sich nicht an alle die Vorgänge, die uns zu bewußten, starken, unbeugsamen Juden gemacht haben? Waren die deutschnationalen Anwärter auf Walhall von damals nicht ebenso feig, verlogen und anmaßend wie es heute die nationalsozialistische Horde inmitten von Europa ist? Waren e>s nicht dieselben Helden, die 2000 und mehr Maun stark, ein Häuflein Juden zu verprügeln und aus der Aula der Universität hinauszuwerfen versuchten? Wenn aber Mann gegen Mann einander gegenüberstand, konnte der arische Held es nicht fassen, daß ein Jude die Frechheit hatte, die „Sattsfaktionsverweigerung“ gemäß den Satzungen des „Waidhofner Konvents“ mit einer kräftigen Ohrfeige zu beantworten, die fast wie durch eine Reflexbewegung ausgelöst, der Wange des teutonischen Jünglings appliziert wurde, so daß er oft — sich zu wehren vergaß. Wer von den damaligen Studenten erinnert sich nicht an die erbitterten Kämpfe und förmlichen Schlachten in der Aula, in denen die Gegenwehr der jüdischen Studenten entschlossen und zäh bis in die Nachmittagsstunden der berüchtigten Samstage andauerte, bis der IMc scharf-scharfe Klinge, die den wildesten Bart in einem Schwung umlegt, ist _SWIN« Herr Rektor oder der Kanzleidirektor erschien, um den Juden freien Abzug durch ein Spalier der teutonischen Recken zu garantieren, wenn eie die berühmte Judenecke freigeben? Wer von damals erinnert sich nicht an den einmütigen Chor, der dem Herrn als Antwort entgegenschallte: „Durch eine Judengasse gehen wir n i c h t!?“ Man mußte buchstäblich, im wahrsten Sinne des Wortes, jeden einzelnen Juden CAFE SIILER I., SCH WEDEN PLATZ hiiuuistragen, bis die tausenden, heldenhaften, deutschnationalen, antisemitischen Studenten ihren „Sieg“ mit der „Wacht am Rhein“ feiern konnten ... Die Mentalität von damals hat sich in den „nordischen, rassenreinen, arischen“ Gehirnen bis heute nicht geändert, das heldische Edclvolk, repräsentiert durch Herrn Goebbels, spricht und handelt genau so wie die jungen Herren von damals. Sie haben i

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