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Die Stimme · 1934-05-11 · Heft 352 (11.5.1934) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 352 (11.5.1934)
Date
1934-05-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 351 — 11. Mai 1934 ZUM MUTTERTAG SCHENiff Bilder aus der jüdischen Arbeitsnachweisstelle KINOPROGRAMME DER WOCHE «StS'jjg'-fc.. LEBENSPOLIZZEN Wieder antisemitische Unruhe weite in Polen Eine neue antisemitische Unruhewelle geht jetzt durch die polnischen Großstädte nach den Straßentumulten in Warschau und in Bialystok, bei denen mehrere Juden ver letzt wurden, werden nun einste Ausschrei tungen aus Lodz und aus Wilna gemel det. In Lodz begann die Unruhe anläßlich des Staatsfeiertages am 3. Mai. Ein großer Trupp radikaler Elemente aus dem jungen nationaldemokratischen Lager zog, vom Straßenpöbel verstärkt, durch die Straßen der Stadt. In zahlreichen jüdischen Geschäftsläden wurden die Auslagenfenster eingeschlagen und Waren beschädigt. Viele jüdische Passanten wurden schwer mißhandelt, vier Juden wurden erheblich verletzt und mußten sofort in ärztliche Behandlung genommen werden. Am gleichen Tage kam es in L a s k i, in der Nähe von Lodz, zu sehr ernsten judenfeindlichen Ausschreitungen. In zahlreichen jüdischen Häusern wurden die Fensterscheiben eingeschlagen, mehrere jüdische Straßenpassanten wurden mißhandelt. Die Polizei verhaftete eine größere Zahl von Demonstranten. In Wilna endigten die Maifeiern mit Überfällen auf Juden. Mit dem Ruf „Nieder mit den Juden“ stürzte sich der Pöbel auf jüdische Teilnehmer am Maifestzug. Nach Beendigung der Umzüge wurden jüdische Straßenpassanten schwer mißhandelt, in zahlreichen jüdischen Geschäftslokalen und Privatwohnungen wurden die Fensterscheiben eingeschlagen. An de»- Talmud- Thora-Schule wurden Fenster und Türen zertrümmert. Aufrufe zu Judenpogromen wurden in unzähligen Exemplaren verbreitet. Die Polizei verhaftete etwa 40 Studenten. Zehn Juden erlitten mehr oder weniger erhebliche Verletzungen. Der bekannte jüdische Holzhändler Abraham Branzowski wurde am Auge so schwer verletzt, daß sofort an ihm eine Operation vorgenommen werden mußte. Am 2. Mai wiederholten sich die Exzesse. Eine jüdische Abordnung, bestehend aus den früheren Abgeordneten Dr. J. Wygodski, Rabbiner Rubinstein und Kruk, besuchte den Polizeipräfekten, der Gegenmaßnahmen und Bestrafung der Schuldigen zusicherte. Ein Student wurde auch schon mit zwei Monaten Gefängnis bestraft, einige Mittelschüler wurden aus den Schulen ausgeschlossen. Am 5. Mai kam es im Ujazdowski- Garten zu antisemitischen Ausschreitungen. Mitglieder der kürzlich von der national-demokratischen Partei abgespaltenen Organisation der „Radikal-Nationa- 1 e n“ versuchten, die jüdischen Erholungssuchenden aus dem Garten zu verdrängen. Fünf Juden wurden schwer mißhandelt. Die Polizei verhaftete vier Anführer der Exzedenten, zwei Studenten und zwei Arbeiter. In don Straßen Marszalkowska, Szwientoksziska und am Napoleonplatz demonstrierten „Radikal-Nationale“ und trugen Transparente vor sich mit den Aufschriften: Es hat den Anschein, daß sich der jüdische Mittelstand am Rande seiner wirtschaftlichen Kraft befindet. Der Verarmungsprozeß schreitet unaufhörlich fort: die Angehörigen sind ohne Gegenwart und ohne Hoffnung und bieten ein Bild der Zermürbung und des inneren Zusammenbruches. Im Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis erscheinen täglich aus allen Bezirken Arbeitsuchende, die das Fahrgeld nicht aufbringen können, und bitten verzweifelt um Arbeit. Still, trostlos und mit Tränen in den Augen bringen sie ihr Anliegen der Reihe nach vor. „Meine Eltern sind krank“, seufzt einer, „ich kann sie nicht mehr ernähren und erhalten. Mein Leben wollte ich für sie opfern, um ihre alten Tage zu erleichtern, und nun bin ich nach löjähriger Bureauarbeit abgebaut. Die Abfertigungssumme ist aufgezehrt, was soll ich machen?“ Die vorgelegten, die Zeitdauer bestätigenden Zeugnisse werden leider für diesen Stellensuchenden zum Verhängnis, weil kein neuer Dienstgeber den dieser Dienstzeit entsprechenden Kollektivvertragslohn auf sich nehmen will oder kann. Es ist eben leider so, daß derzeit in der überwiegenden Mehrheit der Fälle seitens der Kaufleute qualifizierte Kräfte nicht angefordert werden. Nach mehrwöchigem Warten muß der Bittsteller der den gesetzlichen Einschränkungen unterliegenden und auch sehr schwer zu verschaffenden Heimarbeit zugeführt werden. Ein zweiter Fall: Eine alleinstehende, physisch erschöpfte Arbeitsuchende will Arbeit und Beschäftigung. Angesichts ihres Alters von vierzig Jahren sind die Unterbringungsaussichten nicht sofort gegeben. Endlich findet sie im Arbeitsnachweis wunschgemäß in einer jüdischen Wohlfahrtsanstalt Besohäftigungsmöglichkeit. Die Freude dauert nicht lange; ihre Kräfte ver-1 sagen und sie verläßt die Stelle. Wieder muß die Heimarbeit als Rettungsanker Betracht kommen. Ein dritter Fall: Eltern, jüdische Mittel Ständler, nehmen ihre Kinder aus den Mit telschulen und suchen für sie angesichts der Aussichtslosigkeit der geistigen Berufe ma nuelle produktive Berufsstellen. Auch die Kinder verlassen gerne diese Schulen und suchen Handwerksstätten auf. Nicht immer ist es leicht, diesen Wünschen nachzukom men, den die jüdischen Gewerbetreibenden beziehungsweise Handwerker sind größten teils ohne Beschäftigung und die Beschäl tigten nehmen nicht gerne den jüdischen unisdhichtungswiHigt n Menschen auf! Ein vierter Fall: Aus dem Anmeldezettel des Stellensuchen den ist folgendes zu ent nehmen: Langjährig beschäftigter Beamter ohne Stelle und ohne Mittel; von den fünf Schilling Arbeitslosenunterstützung pro Woche wird Miete gezahlt und der Haushalt geführt; die Schulden können nicht weiter anwachsen; er nimmt jede Beschäftigung jede Arbeit, auch Bedienung, an. Und nun zu den traurigsten Bildern des jüdischen Arbeitsnachweises: Es suchen Stellen abgebaute Lageristen, Manipulanten Kalkulanten, Buchhalter, Inkassanten, Auf seher, Verkäufer, Kassiere, Korresponden ten usw., die ihren Kindern und Eltern brot geben wollen. Es ist auffallend, daß in die sen Berufszweigen die weiblichen Angestell ten vor den männlichen, die Familienerhal ter sind, bevorzugt werden. Es soll gesagt werden: Ohne Hilfe und bewußte Einstei lung der jüdischen Unternehmer, der Indu striellen und Gewerbetreibenden wird das Problem der Arbeitsbeschaffung und Um Schichtung nicht gelöst werden. Und Hilfe und werktätige Liebe zu den arbeitslosen Volksgenossen bleiben leider oft aus. Still, trostlos und mit Tränen in den Augen suchen jüdische Arbeitslose Erwerb Juden, helft ihnen! a. s. „Schlagt die Juden! Tod den Juden!“ Poli zei schritt gegen die Demonstranten nicht ein. Am 3. Mai, dem polnischen Nationalfeier tag, drangen in Lodz große Trupps „Radikal-Nationaler“, mit Stöcken und Eisen staben bewaffnet, in die von Juden bewohnten Gassen ein und schlugen die Passanten. In den Straßen Nowomejska, Pulnazna, Sa wodnja, Zawodzka, Peterkowska und Szrudmejska kam es zu schweren Tumulten. In der Kilinskego-Gasse sammelten sich die Juden und setzten den Exzedenten Widerstand entgegen. Man zählt viele verletzte Juden. In zahlreichen jüdischen Wohnungen wurden die Scheiben eingeschlagen. Als das Chaluz-Heim angegriffen wurde, setzen die Chaluzim Widerstand entgegen, wobei zwei Chaluzim verletzt wurden. Die Bedrückung der jüdischen Kaufmannschaft , in Polen Die Jahresversammlung des Verbanes jüdis’cher Kaufleute Polens mündete in eine tiefe Klage über den katastrophalen Niedergang des jüdischen Handelsstandes, der unter der Steuerast erdrückt wird, aus. Nichts, sagte Vizepräsident G e p n e r, wird von seiten der Regierung unternommen, um den Handelsstand zu ermuntern. Der einzige Lichtpunkt im abgelaufenen Geschäftsjahr waren die Erfolge des Boykottkampfes er jüdischen Kaufmannschaft egen Hitler-Deutschland. Seymdeputierter W y s z 1 i c k i führte aus, Polen sei ein Agrarland, die Bauernbevölkerung mache 75 Prozent der Geamtbevölkerung aus, deshalb denken alle maßgebenden Faktoren ausschließlich daran, die Lage des Dorfes zu verbessern. Sie vergessen, daß zwischen Stadt und Dorf ein unzerreißbares wirtschaftliches Band besteht und daß das Wohl des Dorfes von dem der Stadt abhängig ist. 75 Prozent der jüdischen Stadtbevölkerung nagen am Hungertuch, der Jude wird nach und nach aus dem Wirt schaftsleben eliminiert. Der Redner warnte scharf vor Verwirklichung des Planes der Schaffung von Zwangsorganisationen im Wirtschaftsleben und schloß mit dem Appell an die maßgebenden Faktoren, den Juden das Leben und die Existenz in Polen, auf die sie ein Recht haben, erträglicher zu gestalten. Nach Annahme entsprechender Resolutionen wurden in die Verwaltung A. Gepner, J. Hirn melfahrt, P. Löwenfisch, N. Pollak, K. Rechtstand und Abg. Wyszlicki gewählt, Die polnischen Blauhemden In den Abendstunden wurden zahlreiche jüdische Passanten in Bialystok von nationaldemokratischen Faschisten, sogenannten „Blauhemde n“, überfallen und mit Eisenstäben bearbeitet. Mehr als zehn jüdische junge Leute blieben blutüberströmt liegen und wurden von der Rettungsgesellschaft ins Hospital eingeliefert. Unter den Schwerverletzten befinden sich Kantorowicz, Szer, Kaplan, Joszen, Grünberg und Köper. Antisemitische Exzesse in der Bukowina Denn „Czemowitzor Morgenblatt“ wird aus Radautz berichtet: Seit dem 22. April leben die Juden von Radautz und Umgebung in einem Zustande der Beunruhigung. Wie gemeldet, haben während der Wahlkampagne cuzistischo Agitatoren in einzelnen Orten Juden malträtiert; sic zwangen sie, das Hakenkreuz zu küssen, warfen sie in den Suceava-Fluß und befahlen ihnen, „Es lebe Cuza“ zu rufen. In vielen Fällen wurden die Opfer mit Pflöcken und Schlagringen blutig mißhandelt. Kein Gen- II. Rotenstcrngasae 7a Telephon R 49-0-23 Leopoldstfldter Volkskino Vom 11. Mai bis 11. Mai: Hans Alber» In „GOLD“ mit Brigitte Helm, Lien Deyera Wochentags 7i0. 7,8. 7,10 Uhr, Sonnu. Feiertage 7*4 ühf darmerieposton unternahm den Vesueh, die Täter festzustellen. Radautz selbst war der Schauplatz von Ausschreitungen gegen jüdische Bewohner. Dem jungen Richard Fischer und dem Fleischhauer Wacher wurden die Schädel o n t z w e i g e s p a 1ten, viele Juden wurden mit Stöcken und Steinen schwer mißhandelt. Ein Student, Gavri-I Nistor, den der schwerverwundete Richard Fischer als Täter erkannte, gab bei der Polizei eine Deklaration ab, worauf er freigelassen wurde. Angesichts dieser Zustände ist die jüdische Bevölkerung der Stadt und des Bezirkes beunruhigt und wendet sich an die Regierung mit der neuerlichen Bitte, ihr entsprechenden Schutz zu gewährleisten. „Czemowitzer Morgcnblatt“ schließt sich im Leitartikel dieser Bitte an und fragt, warum die Behörde trotz des Ausn a hmeziistandes nicht mit Energie eingeschritten ist. Man dürfe, schreibt die Zeitung, nicht den Eindruck aufkommen lassen, daß die Maßnahmen zu spät kommen. ZZ Deutsche Nationalsozialisten aus Brasilien ausgewiesen Der Staat Rio Grande de Sul hat zweiundzwanzig deutsche Nationalsozialisten wegen’ Führung unerlaubter Propaganda aus dem brasilianischen Reichsgebiet ausgewiesen. Der vom deutschen Gesandten! gegen die Ausweisung erhobene Protest wurde als unberechtigt zurückgewiesen. Die Juden von Sao Paulo gründeten’ eine Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus und erließen einen' Aufruf an alle Juden Brasiliens, den ans Deutschland importierten Judenhaß mit allen Mitteln zu bekämpfen. Sechs jüdische Mitglieder der TschetjuskimExpedition aus• gezeichnet Unter den laut Dekret des Zentralexekutivkomitees ausgezeichneten Mitgliedern der Tscheljuskin-Expedition, die den Orden .Roter Stern“ erhielten, befinden sich sechs Juden: Der Kinooperateur Arkadi Schaf ran, der unter außergewöhnlichen Umständen bis zum letzten Augenblick Filme von der wissenschaftlichen Tätigkeit, dann aus dem Leben der gescheiterten Tscheljuskin-Besatzung herstellte; der Ingenieur R a ß, der Ernährungskommissär. Gurcwitsch, der junge Forscher Schulmann und der als einziger von der ganzen Besatzung umgekommene Obersteward Boris Mogilowitsoh. Unter den Fliegern, dio mit beispielloser Heldenhaftigkeit das Rettungswerk vollbrachten, befindet sich auch der jüdisches Pilot Piwcnstein. Palästinaregierung und Tel-Aviver Messe Im Unterhaus fragte der Abgeordnete Barnott Jänner den Minister für die Kolonien, in welcher Art die Palästinaregierung die erweiterte Lcvantomosso in Tel- Aviv gefördert liabo. Kolonienminister Sir Philipp C u n 1 i f feist e r antwortete: Die Paiästinaregierung gewährt dieselben Erleichterungen betreffend Zölle, Bahntransport, Post, Telephon- und Tolcgrammverkohr wie anläßlich der Levantemesso im Jahro 1932. Sie at ferner 700 Pfund zur Bestreitung der Kosten einer Sonderausstellung der Regierung im Rahmen der Messe einschließlich der Miete für den von der Messeleitung der Regierung zur Verfügung gestellten Pavillon beroitgostellt. ZIONISTEN! JUDEN! GDUD — Z’IRIM. Heimei II», Untere Augartenstrafle 35, Wollt Ihr eure Kinder vor Assimilation schlitzen? Wollt Ihr sie zu guten, aufrechten Juden erziehen? Schicket eure Kinder in den jüdischen Jugendbundt VI., Loquaiplatz 11, IX^ Hörigasse 13, XV., Herklotzgasse 25, XVII., Rötzergasse 10

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