Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 351 (8.5.1934)
- Date
- 1934-05-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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HV. 851 - 8. Mal 1934 DIE STIMME Belte 8 Simcha Semel und Simon Fuchs, die an dem gleichen Freitag im Restaurant „Hascharon“ das Abendbrot einnahmen, sagten aus, daß sie in der Zeit zwischen 8 und 9 Uhr abends, da Stavsky im Restaurant gewesen sein will, ihn nicht gesehen haben. Da sie Stavsky persönlich kennen, würde seine Anwesenheit ihnen aufgefallen sein. Sie kannten die meisten damals im Restaurant Anwesenden mit Ausnahme von drei Fremden, denen sie keine Aufmerksamkeit schenkten. Der Eigentümer des Restaurants, Jehuda Leib Radamsky, sagte aus, er kenne Stavsky, könne aber nicht genau sagen, ob dieser an dem Freitag-Abend, an dem der Mord in Tel-Aviv geschah, in seinem Restaurant das Abendbrot eingenommen habe. ' In der Sitzung des Gesellwornengerichtes am 3 Mai stellte Horaco Samuel den Antrag, daß die Aussagen aller Tdentiflzierungszeugen eliminiert werden, da diesen Zeugen vor der Identifizierung Photos der Verdächtigten gezeigt worden seien. Auch die Spurensucher haben Gelegenheit gehabt, die Verdächtigten zu sehen, bevor sie ihre Schuhe untersuchten und die Spuren prüften. Das Gericht lehnte den Antrag der Verteidigung im Prinzip und im Hinblick auf die wirklich vorliegenden Tatsachen ab. Friedrich Hebbel und die hebräische Sprache Die junge Frau des berühmten Dramatikers Mosenthal war gestorben. Der Dichter Ludwig Aug. Frankl schreibt über ihre Beerdigung: „Ich ging mit Hebbel auf den israelitischen Friedhof, um derselben die letzte Ehre zu erweisen. Salzer sang die bei Leichenbegängnissen üblichen hebräischen Gebete. Hebbel hörte gespannt zu. Plötzlich faßte er mich am Arme und sagte: Jch höre heute zum ersten Male die Laute der Bibel und Propheten in der Ursprache. Es ist wunderbar, eine Sprache aus Jahrtausenden ans Ohr schlagen zu hören. Weil sie an ihrer Sprache festhalten, sind die Juden einig. Kein Volk der Erde hat ein Dokument aufzuweisen, wie es das. Alte Testament ist. Die Juden können noch reden wie Mose sprach, mit denselben Worten und Wendungen. Mir ist, als verstände ich mehr die vom Prediger in der Ursprache gesprochenen Bibelverse, als die, welche er deutsch vorträgt. Kommen Sie fort, ich leide zu sehr unter der Erhabenheit. Fühlen Sie sich getröstet durch das, was der Prediger in deutscher Sprache sprach?* Der tiefe Eindruck, den der Psalmongesang in der Ursprache auf Hebbel machte, äußerte sich noch auf dem Heimwege vom Friedhofe. Als ich ihm erzählte, daß die Juden ihre Begräbnisstätte das ,Haus der Welt* oder der ,gute Ort/ nennen, blieb er stehen und wiederholte in mächtiger Erregung: ,Der gute Ort. Ja, das ist er, es gibt keinen besseren. Wer einen Hauch von der Gottesbegeisterung der Psalmen in sich aufnehmen könnte! Was sind die Hymnen Pindars gegen die Psalmen! Ein Volk, das aus sich einen Dichter, wie König David einer ist, und die Propheten hervorgehen sah, darf sich mit stolzem Bewußtsein rühmen, ein auserwähltes zu sein. Es rollt selbst in den modernen Juden trotz starker Verdünnung etwas wie ererbter Geistespurpur in den Adern.* “ mmm. Die Jtt8«£@ffett*ag@alae im Saarland London, 2. Mat. Der Saarland-Korrespondent des „Daily; Iierald“ teilt, mit. daß hunderte jüdische Familien im Saarland sich für den Fall des Rückfalles des Saargebietes an Deutschland z u r F 1 u c h t v o r b e r e i t e n. da alb s dafür spricht, daß die Nazis, wenn .-ie d's Herrschaft im Saarland erlangen, ein ri.ieksichtrsloses Verfolgungssystem gegen die Juden einleiten werden. Die Saarbrückener Zeitung „Westland** druckt den Brief eines jüdischen' Schülers in Saarbrücken an seinen Lehrer ab, in welchem der Schüler schildert, welches Martyrium er unter der Verfolgungswut der christlichen Kameraden und der Gleichgültigkeit der Lehrer auszustehed hat. Ein Lehrer ließ die Klasse mit Absingen antisemitischer Hetzlieder durch die' Straßen marschieren. Der Judensiedlungsplan in Angola London, 2. Mai. Als Polizeiinspektor Jehuda Tenenbaum vor Gericht Rosenblatts erste Aussage vor der Polizei verlas, protestierte Samuel gegen diese Verlesung, weil „diese Aussagen unfreiwillig gegeben wurden“. Das Gericht wies Samuels Einwand zurück. In der Nach- ' mittagssitzung wurde Tenenbaums Vernehj m.ung fortgesetzt. Er sagte aus, er habe die I Verhältnisse an der Küste ein paar Stunden nach dem Mord geprüft. Am Abend des 16. Juni sei das Sternenlicht nicht stark genug gewesen, um Menschen auch in kurzer Distanz genau zu erkennen, bei Benützung von Blendlicht aber konnte man einen Men- ' sehen in der Distanz von einem Meter er- ■i kennen. Die Zeugen Oscher Chasan und seine jj Frau, bei denen Achi Meir und Stavsky in einem Zimmer in Aftermiete wohnten, sagten aus, daß sie Stavsky am Mordtage zwischen 6 und 7 Uhr abends .in seinem Zimmer in Tel-Aviv gesehen hatten. | Stavsky habo drei Monate vor dem Mord I ein Zimmer in seiner Wohnung im kaukasischen Viertel gemietet. Ara Freitag, den 16. Juni, nach sechs Uhr abends, weilten außer Stavieky und Achi Meir drei weitere Personen in deren Zimmer. Das nächstemal sah er Stavsky und Achi Meir am Samstag um 10 Uhr abends. Sie unterhielten sich vergnügt in ihrem Zimmer, gaben sieh die Hand und sprachen über die von der Polizei für die Ermittlung der Arlosoroff-Mörder ausgesotzto Belohnung von 1500 Pfund; dabei sagte Stavsky, die Regierung möge weitere 1000 Pfund dazulegen. Einige Tage danach wurde Achi Meir verhaftet, aber bald wieder freigelassen. Als er nach Hause zurückkehrte, fragte er Chasan, ob Polizei dagewesen war und was er dieser gesagt habe. Als ihm Chasan erzählte, was er der Polizei sagte, bemerkte Achi Meir, das sei nicht gut. Einige Tage später fand Chasans Frau in dem Zimmer der Angeklagten einen Zettel in Achi Meirs Handschrift, der lautete: „Ich handelte richtig im M o r d f a 11. Weinschall war d a g o g e n.“ Chasan zeigto den Zettel dem Hietradruth- Führer D o v H o z, der ihm riet, der Polizei hierüber zu berichten. Auf die Frage Samuels, warum er zuerst zu Dov Hoz ging, erwiderte Chasan, er erinnere sich nicht, wer ihm riet, zu Hoz zu gehen, er kannte auch nicht Hoz’ Verbindung mit Histadrath. Auf die Frage Samuels, ob er auf die angesetzte Belohnung spekulierte, erwiderte ( .man: „Jeder Judo wünscht Belohnung.“ Chasan gab noch zu, daß er 1926 zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden war. Bisher haben 32 Zeugen dor Anklage ausgesagt, man erwartet, daß dio Vernehmung der Anklagezeugen nächste Woche enden wird. Wichtig für Polenreisende. Zu Pfingsten findet vom 17. Mai bis 4. Juni eine besonders billige Reiso nach Polen statt. Wegen Platzreservierung ist es notwendig, sich schon jetzt anmolden zu wollen. Auskünfte und Anmoldungen: Polnisches Verkehrsbureau „Francopol“. Wien, III., Rennweg 1, Telephon U16-4-90. 1 * 3 4 Her zl-Ausstellung eröffnet In Anwesenheit einer Reihe hervorragender Vertreter des zionistischen sowie jüdischpolitischen Wien, ferner der Kunst- und Wiseßnscha.ft, fand Freitag, den 4. Mai, die Eröffnung der Herzl - Ausstellung in Wien statt. In seiner gehaltvollen Eröffnungsansprache zeichnete Herr Adolf Böhm in kurzen, prägnanten Strichen den Werdegang Herzls als treibende Kraft der neuen jüdischen Geschichte und hob seine faszinierende Wirkung, insbesondere auf die jüdische Jugend, hervor. Nachdem Herr Böhm die Festgäste begrüßt und den Leitern der Ausstellung Dr. Nüssenb.latt und Pr. Ing. Mond den Dank ausge-sprochen hatte, würde die Ausstellung für eröffnet erklärt. Hierauf erläuterte eingehend der Leiter der Ausstellung Dr. Tulo Nussenblatt die einzelnen Objekte der Ausstellung. Daran schloß sich ein Rundgang durch die Ausstellung, die wiederum, nicht zuletzt durch ihre ausgezeichnete Durchführung und Gliederung* auf alle Anwesenden einen starken Eindruck hinterließ. Der bei der Eröffnung anwesende Nestor des Wiener Zionismus und Schöpfer des Keren Kajemeth, Johann Kremenetzky, dem zu Ehren ein zweiter Raum der Ausstellung gewidmet ist, wurde sehr herzlich gefeiert. Unter den Festgästen sah man als Vertreter der Stadt Wien Dr. R e i t h e r, ferner Johann Kremenetzky,, den ersten Generalsekretär der Zionistischen Organisation Dr. Isidor Schalet, das Mitglied des ersten Zionistischen Aktionskomitees Doktor M. T. S c h n i r e r, Frau Prof. Kellner, den Präsidenten des Zionistischen Landeskomitees Dr. Oskar Grünbaum, den Vizepräsidenten der jüdischen Gemeinde Dr. Josef Löwen herz, Prof. Strnad, Dr. Bernhard vom Herzl-Klub, Hofrat Doktor S. Frankfurter, Dr. Siegmund Münz und viele andere. Begrüßungsschreiben . langten ein: - Vom Wiener Polizeipräsidenten S e y d e 1, vom Bundesminister ' für Unterricht Doktor Schüs'ch-nigg, von der französischen und tschechoslowakischen Gesandtschaft und von der Zionistischen Exekutive in London. Die Herzl-Äusstellung befindet sich in den Räumen, I., Rathausstraße 8 (neben dem Cafb Rathaus), und dauert bis zum 10. Mai. Die Ausstellung ist a 11g e m ein zugänglich. „Daily Herald“ veröffentlichte, wie berichtet, eins Mitteilung, daß die Ansiedlung! von fünf Millionen Juden in der portugiesischen Afrikakolonie Angola geplant sei. Von maßgebender jüdischer Seite wird die J. T. A. gebeten, diese phantastische Meldung auf das richtige Ma3| zurückzuführen. Vorläufig liegt bloß ein Beschluß vor, eine jüdische Abo r dn u n g zu Verhandlungen mit der portugiesischen Regierung zu delegieren und eine' Erforschungskommission nach' Angola zu entsenden. Saloniki, 3. Mai. Der Führer der griechischen Oppositionsparteien und ehemalige Ministerpräsident» Eleiitherös Venizelos empfing zwei Notabein der jüdischen Gemeinde Saloniki, denen gegenüber er sein Bedauern' darüber ausdrüekte, daß die griechischen' Juden ihn für die zweifellos zu verurteilenden Schreibereien der venizelistischea Zeitungen in Saloniki verantwortlich machen. Venizelos erklärte, er habe seine Ansicht, in' der Frage der Wiedererrichtung einer besonderen Wahlkurie für die Juden Salonikis geändert und glaube heute nicht mehr, daß eine solche Kurie Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben zwischen Juden und Venizelisten bilde. Zum Schlüsse gab Venizelos das Versprechen ab, sich für die Herstellung guter Beziehungen zwischen den Juden und seiner Partei einzusetzen. Bdnque des Pays de FEurope Centrale—Zentral-Europäische Lfinderhank Aktiengesellschaft, Qesellsohaftskapital 100 Millionen Franos. — Sitz der Qesellsohaft: Paris, Rue de Castlgllone No. 12 Die Herren Aktionäre werden hlemit für Freitag (Icn 25. Mai 1034, vormittags 11 Uhr, zu der im Saale der Socidlö des Ingönieurs Civils de France in Pnria, Rue Blanche No. 19, stattfindenden ORDENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG einberufen. 1. Bericht des Verwaltungsrates und der Zensoren, Genehmigung dor Bilanz und des Rechnungsabschlusses für das am 31. Dezember 1933 abgelaufene Geschäftsjahr. 2. Wiederwahl von Verwaltungsräten, Bestätigung dor Kooptierung otnes Vcnvnltungsrutes und Erteilung ViVWIili a der Entlastung an die Verlassenschaften nach zwei Verwaltungsr Ilten. 3. Erteilung der Ermächtigung an die Verwaltungsräte gemäß Art. 40, Ges. v. 24. Juli 1807. 4. Wahl der Zensoren für das Geschäftsjahr 1934 und Festsetzung der ihnen zukommenden Entschädigung. Gemäß Artikol 37 der Statuten wird die ordentliche Generalversammlung durch jene Aktionäre gebildet, dio Eigentümer von mindestens 6000 Francs Nominale in volleingezahllen Vorzugs- oder Stammaktien sind. Dio Eigentümer von weniger als 5000 Francs Noniinuio können sicli jedoch vereinigen, um diesen Betrag zu erreichen, und sich durch einen unter ihnen oder durch ein Mitglied der Versammlung vertreten lassen, falls sie ihre Vollniachtserkläruug drei Tage vor der Generalversammlung beim Sitz der Gesellschaft blnteriegen Zur Teilnahme an der Versammlung vom 25. Mai 1034 Bind berechtigt; t. alle Eigentümer von auf Namen lautenden Vorzugs- oder Stammaktien, deren Aktien spätestens am 10. Mai 1034 eingetragen sein werden, 2. alle Eigentümer von auf den Inhaber lautenden Vorzugs- oder Stammaktien, deren Aktien spätestens am 19. Mai 1934 bei der Zentrale der Qesellsohaft, Paris, Rue de Castlgllone No. 12, bei der Zentral-Europälsohen Länderbank, Niederlassung Wien, Wien I. Hohenstaufengasse 3, sowie bei don österreichisohenZweignlederlnsBungen dieser Anstalt, bei der Bank für Handel und Industrie ehemals „Länderbank“ In Prag, sowie bei den Zweigniederlassungen dieser Anstalt, bet der Rumänlsohen Kreditbank In Bokarest sowie hei den Zweigniederlassungen dieser Anstalt, bei der Allgemeinen Kreditbank A. Q. In Warsohau sowie bei den Zweigniederlassungen dieser Anstalt erlegt sein werden. Legilimatlonskarlon zur Generalversammlung werden überdies auf Grund von Depolbostätlgungen der Bnnque do France, des Crödit Fonclcr de France, der Compagnie des Agents de Change de Paris und der bedeutendsten Pariser Bankinstitute ausgefolgt. Die Legitimuliouskurlen können von heute an behoben werden. Jeder Aktionär, welcher an der Generalversammlung toilzunehnien befugt ist, hat das Recht, sich von einem gleichfalls zur Teilnahme an der Generalversammlung berechtigten Bevollmächtigten vertreten zu lassen. Paris, am 2. Mai 1934. DER VERWALTUNGSRAT. (Nachdruck wird nicht honoriert.) Nationalsozialistische Propaganda in Athen Athen, 3. Mai. Die deutschen Nationalsozialisten in Athen haben unter der Ägide der deutschen Gesandtschaft und mit Unterstützung griechischer Faschisten eine Werbekundgebung veranstaltet, die auch von Vertretern der Nationalistischen Partei (Partei des Ministerpräsidenten T s a 1 d a r i s) besucht war. Einiges Befremden erregte es, daß Frau Lina T s a I d a r i s, die Gattin des Premiers, der Veranstaltung beiwohnte. In einem der größten Kinopaläste der Stadt wurden deutsche Filmstreifen vorgeführt, die pompöse nationalsozialistische Veranstaltungen in Deutschland zeigten. Hiezu gab der Leiter der deutschen nationalsozialistischen Partei in Athen, K u n d o rf e r, entsprechende Erläuterungen und stellte die Hitler-Idee als sieghaft fortschreitend dar. Die gesamte deutsche Kolonie in Athen war anwesend. In Saloniki und in den benachbarten Städten nimmt der Terror der faschistischen Gruppe EEE, die die deutschen Methoden bewußt nachahmt, immer krassere Formen an. Zahlreiche jüdische Kaufleute in Saloniki erhielten B r i e f e m i t ei n e m II a k e n k r e u z k o p f, in denen sie aufgefordert werden, aus Griechenland zu vor-