Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 351 (8.5.1934)
- Date
- 1934-05-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 351 — 8. Mai 1934 Der ArlosoroSf-MordprozeA jüdischen Gesamtheit. Es folgten als Redner der palästinensische Landesrabbiner K u k und der Vorsitzende des Waad Leumi Ben Z w i. Die Reden waren von orchestralen und chorischen Darbietungen umrahmt. Die Feiern sind auf fünf Tage berechnet und schließen ein* musikalische Darbietungen, Tauzvorführungen, Sportveranstaltungen, Theatervorstellungen, in denen mehr als 300 Künstler, Sänger und Tänzer und viele Hunderte Sportsleute mitwirken. Assefat Haniwchaxim Sür den 15« Mal einberufen Jerusalem, 6. Mai. Vom Waad Leoimd wird offiziell mitgeteilt, daß die Assefat Hamweharim (Delegiertentagung der Organisation der palästinensischen Judenheit Knesseth Israel) zum 15. Mai einberufen worden ißt. In ihrer Mai- Session wird sich die Assefa-t mit politischen Problemen des Jischuw, so auch mit dem Einwand erungsproblem, befassen und auch versuchen, eine Lösung der innerjildiischen Arbeitskonflikte herbeizuführen. Libanon-Republik wünscht jüdische Siedlung Jerusalem, 6. Mai. Der Präsident der Libanon-Republik gab der Presse eine offizielle Erklärung, daß jeder Jude, der legal nach dem Libanon einwandert, willkommen ist und Boden in jedem Umfang erwerben kann. Die Erklärung des französischen Hochkommissars für Syrien und Libanon, wonach der Verkauf von Boden an Juden und Ausländer nicht gestattet ist, beziehe sich auf Boden direkt an der Grenze gegen Palästina, nicht aber auf Boden außerhalb des Grenzdistrikts. Nach der letzten Statistik zählt Syrien 2 Millionen Einwohner, unter ihnen 21.730 Juden. 16 Sabbath-Demonstranten in Tel- Aviv verhaftet Tel-Aviv, 3. Mai. Sechzehn Mitglieder des Vereins „Schomre Schabbos“ in Tel-Aviv wurden verhaftet, als sie jüdische Auto- und Motorradfahrer mit dem Hinweis auf die Sabbathheiligungspflicht aim Weiterfahren hindern wollten, wobei es zu einer Schlägerei kam, in deren Verlauf mehrere Personen, unter ihnen der intervenierende Polizeiinspektor Spector, leichte .Verletzungen erhielten. Da die Verhafteten sich weigerten, die Pflicht auf sich zu nehmen, an den kommenden Sabbathtagen derartige Kundgebungen nicht zu wiederholen, wurde ihnen das Recht, gegen Hinterlegung einer Kaution aus der Haft entlassen zu werden, entzogen. Donnerstag (Feiertagt den 10. Mai 1934,3h nachmittags grosses Kinderfest in Schönbrunn, im Prachtgarten des Cafd Schlüssel (Eingang Meidlinger Tor), XII. Schönbrunnerstraße 309 Tanz im Freien, Kinder-Jazz-Kapelle, Div. Belustigungen Bei ungünstiger Witterung findet das Fest Sonntag den 13. Mai statt. Nationalsozialisten in Palästina Jerusalem, 4. Mai. Die nationalsozialistischen Gruppen in den palästinensischen Städten, die ihr Zentrum in Haifa haben, halten Versammlungen ab, zu denen besonders ausländische „arische“ Touristen, Schiffsbeamte und Matrosen eingeladen werden. In den Ansprachen wird auch Bcharf gegen die Juden gehetzt. Die jüdische Presse weist auf die Gefahr solcher Umtriebe für die Ruhe im Lande hin. Jerusalem, 3. Mai. Der stellvertretende Superintendent der Polizei und der Gefängnisse, Inspektor S t a f f o r d, wurde in der am 30. April durchgeführten Verhandlung im Arlosoroff- Mordprozeß als Zeuge vernommen. Er berichtete über die Konfrontierung der Witwe des Ermordeten, Frau Sima Arlosoroff, mit 15 Insassen des Jerusalemer Gefängnisses, von denen sie S t a v s k y als Täter bezeichnete. Der Verteidiger Horace Samuel richtete an den Zeugen einige Fragen im Sinne der von ihm vertretenen Theorie, daß nur ein Linkshänder Dr. Arlosoroff habe erschossen haben können. Inspektor Stafford erklärte, unter den 15 Gefangenen, die Frau Arlosoroff vorgeführt wurden, habe sich ein Linkshänder, der ursprünglich des Mordes an Dr. Arlosoroff verdächtigte, später aber freigelassene Revisionist Schneiderman, befunden. Auf eine weitere Frage des Verteidigers antwortete der Zeuge, Stavsky habe ihm gegenüber geklagt, daß Frau Arlosoroff vermutlich deshalb auf ihn gewiesen habe, weil er der Größte gewesen sei. Doch erklärte der Zeuge mit Bestimmtheit, daß einige andere der vorgefährten Gefangenen ebenso groß waren wie Stavsky. Was Rose nb 1 a 11 betreffe, so sei er weder der kleinste Mann bei der Identifizierungsvorführung noch anders als die übrigen gekleidet gewesen. Zum Schluß erklärte Inskektor Stafford, er habe nicht gesehen, daß Frau Arlosoroff, wie behauptet wird, mit Rosenblatt gesprochen hat, um ihn zu einem Schuldbekenntnis m veranlassen. (Bei ihrer vorwöchigen Vernehmung hat Frau Arlosoroff selbst zugegeben, daß sie mit Rosenblatt gesprochen hat, allerdings in Gegenwart des Chefinspektors Rice und nicht vor Inspektor Stafford.) In der Nachmittagsverhandlung schilderte der Polizeispurensucher Ibrahim Abu Regaig, wie er zu der Feststellung gelangt sei, daß die Fußspuren an der Mordstelle von Stavsky und Rosenblatt herrühren. Er sei z w e i Stunden nach dem Mord an dem Tatort eingetroffen, wo er die Fußspuren eines Mannes und einer Frau, die nebeneinander gegangen waren, und, diesen Spuren gegenüber, diejenigen von zwei Männern, einem größeren und einem kleineren, feststellte. Die Schuhe des größeren Mannes seien halb besohlt, die des kleineren ganz besohlt und mit Nägeln beschlagen gewesen. Die Spuren dieser beiden Männer hätten zu dem mohammedanischen Friedhof geführt, wo ein Stacheldrahtzaun übersprungen worden war. Dann liefen die Spuren zu dem Gipfel des Hügels, wo sie verschwanden. Wenige Meter weiter traten die Spuren wieder auf und waren bis zu dem Platze, wo die Straße nach Tel-Aviv beginnt, zu verfolgen. Wo die Fußspuren aufhörten, habe die Spur eines Autos begonnen. Später habe er die Schuhe Stavskys als diejenigen identifiziert, die den Fußabdrücken des größeren Mannes entsprachen. Auf eine Frage des Verteidigers erklärte der Zeuge, er habe auf dem Gipfel des Hügels auch noch die Spuren eines anderen Mannes, einer Frau und eines Hundes gesehen. Auf die Frage des Verteidigers Horace Samuel, ob er nicht einem Polizisten gesagt habe, dies seien die Spuren der Mörder gewesen, erwiderte Abu Regaig, er entsinne sich dessen nicht. Ira Widerspruch nicht nur zur Aussage des Spurensuchers Abu Regaig, sondern auch zu seinen eigenen Angaben vor dem Untersuchungsrichter stand die am folgenden Tage von dem zweiten Spurensucher Abu Rouz gemachte Zeugenaussage. Der Zeuge erklärte, er sei bei Sonnenaufgang am Morgen na'ch dem Mord an der Mordstelle oingefcroffen und habe die Spuren nach derselben Richtung wie Abu Regaig verfolgt. Er habe jedoch festgestellt, daß die Schuhe des kleineren Mannes nicht genagelt, sondern mit Hufeisen versehen waren. Als dem Zeugen der Widerspruch zwischen dieser und seiner früheren Aussage* vorgehalten wurde, erklärte er, er könnte seine jetzige Aussage beschwören, hätte man ihm nicht seine frühere vor einigen Tagen vorgclesen. Die Frage des Verteidigers, ob Stavsky nicht als einziger von den acht Gefangenen, mit denen am Strand eine Gehprobe vorgenommen wurde, Handschellen getragen und dem Zeugen deshalb besonders verdächtig erschienen sei, wurde von diesem verneint. Polizeiinspektor Faraday, der hierauf vernommen wurde, gab zu, daß Stavsky beim Eintreffen an der Mordstelle Handschellen getragen habe, die ihm aber später abgenommen worden seien. Die Richter C o r r i e und P1 u n k e t bekundeten für die Aussagen des Zeugen Abu Rouz besonderes Interesse und stellten wiederholt an ihn Fragen im Zusammenhang mit seiner Aussage und derjenigen Abu Regaigs. Eingermaßen sensationell wirkte die Aussage des Spurensuchers Abu Regaig bei seiner zweiten Vernehmung am 30. April nachmittags. Regaig gab zu, daß während der polizeilicherseits im Gefängnishof vorgenommenen Prüfung der Fußabdrücke zahlreicher Personen, unter ihnen Stavsky, er, Regaig, Stavskys Fußabdrücke nicht wiedererkannt habe. Vom Verteidiger Horace Samuel ins Kreuzverhör genommen, erklärte Regaig diesen Umstand damit, daß die Bodenbeschaffenheit des Gefängnishofes und die der Mordstelle voneinander verschieden seien. Der Boden des Gefängnishofes ist zwar ebenfalls sandig, aber hartgestampft, während der Sand am Meeresufer weich und feucht ist. Abu Regaig fügte hinzu, er habe dies dem Polizeiinspektor Schiff, der die In der Nachmittagssitzung des Jerusalemer Geschworenengerichtes am 2. Mai wurde der offizielle polizeiliche Spurensachverständige Weisberg weiter vernommen. Er wiederholte, daß die an der Mordstelle Vorgefundenen Fußabdrücke von anderen Schuhen als denen Stavskys herrühren konnten. Diese Annahme Weisbergs wurde vom stellvertretenden Distrikspolizeisuperintendanten Captain William Riggs unterstützt. Auch er erklärte vor Gericht, man könne nicht mit Bestimmtheit sagen, ob die Abdrücke von Stavskys Schuhen herrühren. Der Tel-Aviver Bibliothekar Eliahu K e ßler sagte aus, Stavsky, der aus seiner Leihbibliothek Bücher entlieh, sei am Tage vor dem Mord zu ihm gekommen, um die Rückgabe des Geldpfandes zu erbitten. Als Keßler ihm sagte, er habe kein Geld bei sich, Stavsky möchte am nächsten Tage wiederkommen, antwortete Stavsky, am nächsten Tage werde er in Jerusalem sein. Aber schon 14 Tage vorher habe Stavsky um die Rückgabe des Geldpfandes ersucht, da er am Mittwoch — das wäre neun Tage vor dem Morde gewesen — nach Europa reisen wollte. Am Mittwoch aber habe Stavsky ihm gesagt, er habe seine Europareise verschoben. Es folgte die Einvernahme des Polizisten Mosche Keßler und des Polizeiinspektors Salomon R o s e n s t e i n, beide aus Petach Tikwah. Keßler sagte aus, Stavsky habe sich im Mai 1933 in Petach Tikwah als revisionistischer Streikbrecher gegen dio Histadruth betätigt. Er habe gesehen, wie Stavsky im Mai, also einen Monat vor dem Arlosoroff-Mord, auf zwei Steinen folgende Inschriften einmeißelte: „Hier liegt Ben Gurion begraben“ (Ben Gurion ist der Vorsitzende der Histadruth), „Hier liegt der Histadruth-Führer Arioso- Priifung der Fußspuren im Gefängnishof arrangiert hat, auseinandergesetzt. Horace Samuel fragte Abu Regaig, ob ed wahr sei, daß bei einer zweiten Prüfung der Fußspuren an der Küste von Tel-Aviv in Gegenwart der Angeklagten Stavsky und Rosenblatt, er vor Beginn der Prüfung Stavskys Fuß gehoben und seine Schuhe untersucht habe. Abu Regaig gab dies zu, erklärte aber, er habe diese Prozedur nicht allein bei Stavsky, sondern auch bei allen anderen zu der Prüfung vorgeftihrten Personen geübt, es sei dies in der Ordnung. Eine zweite Überraschung bedeutete die Vernehmung des offiziellen polizeilichen Spurensachverständigen Schlojme Weisberg in der Gerichtssitzung am 1. Mai nachmittags. Weisberg machte zuerst seine Aussage über die Beschaffenheit der Schuhe und Fußspuren der Angeklagten. Plötzlich aber unterbrach er sich und bat das Gericht um dio Erlaubnis zur Abgabe einer Erklärung. Nachdem ihm eine solche Erlaubnis erteilt wurde, erklärte Weisberg: Obwohl zwischen den Fußabdrüoken an der Mordstelle und denen Stavskys eine große Ähnlichkeit besteht, könne es sich dennoch um die von zwei verschiedenen Personen handeln. Es bestünden keine besonderen Anzeichen, die es zur Gewißheit machen, daß die Fußabdrücke Stavskys mit den an der Mordstelle Vorgefundenen identisch seien. Vom Verteidiger Horace Samuel ins Kreuzverhör genommen, machte Weisberg eine Enthüllung, die offenbar auch auf das Gericht seinen Eindruck nicht verfehlte. Er sagte aus, daß Hauptmann Rice, der Leiter der polizeilichen Nachrichtenstelle, ihm am Vortage, den 30. April, zu sich geladen und mit ihm dreieinhalb Stunden lang über seine Aussage vor Gericht betreffend die Fußspuren Rosenblatts konferiert hatte. Der Polizeioffizier C o 11 e r, ebenfalls Sachverständiger für Fußabdrücke, gab dem Gericht eingehende Darlegungen technischer. Natur. roff begrabe n“. Einer dieser dem Gericht vorliegenden Steine wurde von Keßler und Rosenstein als im Mai 1933 von. Stavsky hergestellt w i e d e r e r k a n n t. Roeenstein bestätigte alle Aussagen Keßlers. Der Verteidiger Horace Samuel sagte dem Gericht, Keßler sei vor zwei Jahren des Diebsstahls verdächtigt worden, seine Wohnung wurde von der Polizei nach gestohlenem Gut durchsucht. Ferner habe Keßler als Polizist während des Histadruth- ■Streiks die revisionistischen Streikbrecher beschimpft. Drittens sei Keßler der Arbeiterbank, von der er Geld geliehen bekommen habe, verpflichtet. Viertens besitze er einen Orangenhain. Keßler erwiderte auf diese Vorhaltungen des Verteidigers, er sei nie des Diebstahls verdächtigt worden; es sei zwar bei ihm eine Haussuchung vorgenommen worden, ein Haftbefehl aber wurde nicht gegen ihn ausgestellt; er habe nie Revisionisten in Petach Tikwah beschimpft; seit drei Jahren habe er Geld von der Arbeiterbank geliehen bekommen. Er sei auch nicht Orangenhainbesitzer, sondern seine. Frau besitze Orangengrund. Polizeiinspektor Rosenstein sagte noch aus, er habe Rosenblatt im Lager von Kfar Saba verhaftet, aber bei der Haussuchung nichts Verdächtiges gefunden. Er habe die Verhaftung nur vorgenommen, weil er von der vorgesetzton Stelle hiezu ohne Rücksicht auf das Ergebnis der Haussuchung beauftragt war. Stavskys Alibibeweis war Gegenstand der Erörterungen während der ganzen Nachmittagssitzung vom 3. Mai. Stavsky behauptet bekanntlich, daß er zur Zeit des Mordes, am 16. Juli abends, in Jerusalem war und im dortigen Restaurant „Hascharon“ Abendbrot aß. Die Polizisten Weitere Sachverständigen- und Zeugenaussagen Im Rahmen der vom Keren Kajemeth und Herzl- Archiv veranstalteten HERZL-AUSSTELLUNG findet Die Herzl-Feier des Zionistischen Landes - Verbandes für Österreich Dienstag, den 8. Mai, V»8 Uhr abends im Ausstellungsräume, I., Rathausplatz 8 (neben Cafd Reichsrat) statt. GEDENKREDE: DE, OSKÄR G R Ü N ß A U M ANSCHLIESSEND; FÜHRUNG DR. TULQ NUSSENBLATT