Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 351 (8.5.1934)
- Date
- 1934-05-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 851 rnaam S. Mal 1934 DIE STIMME AUS Von Erich Gottgetreu, Jerusalem , Irgend jemand hatte vor einigen Jahren leinen hübschen Einfall: er schenkte der Stadt Tel-Aviv ein Symbol für ihre Messen: lein fliegendes Kamel. Das brave Tier ist [nun schon durch mehrere dieser orientalischen Handelsjahrmävkte getrottet — und jedesmal wurde es dabei scheuer und nervöser. Kamel bleibt. Kamel, auch wenn man ihm Flügel verleiht. Was ist das auch für eine Entwicklung! 1924 ließ man sich noch in einer Tel-Aviver Schule hiluslich nieder, bescheiden, still, damit man die Kinder nicht störe; 1925 und 1927 wurden schon kleine Pavillons errichtet und später — wieder abgerissen; 1929 stammten von 330 Ausstellern über 120 aus dem Ausland, das sich damit zum erstenmal ip größerem Maßstab beteiligte; 1932 meldeten sich schon 821 fremde Firmen aus 23 Ländern, 285.000 Besucher sahen sich die Messe an; und nun 1934 -. Vor der Stadt ist eine neue Stadt gewachsen. Die Autos und Autobusse brausen und stauben in endloser Kette an und lassen einen unablässigen Menschenstrom ins verwandelte Land fließen. Vor einem halben Jahre war ich zum letztenmal hier, da war dies alles noch Sand, trostlose Düne, nur ein Gerüst stand da, und Optimisten behaupteten: „Das wird die Messe“. Die Optimisten* haben — wie immer in Palästina — recht behalten. Das Gerüst ist jetzt das Herz der Messe, die Palästinahalle. Sie trägt einen 28 Meter hohen Turm, später soll er einmal zu einem Hotel ausgebaut werden. Natürlich wird der Besucher eingeladen, den Turm zu besteigen. Die Aussicht ist überwältigend, man muß das abgegriffene Wort gebrauchen. Unten die Pavillons der ausstellenden Nationen, ich zähle die Fahnen, es sind 48 . . . Die Architekten haben einander in stilvoller Modernität übertroffen; die Einfachheit, die die ebene Linie der Landschaft und der technische Sinn unserer Generation verlangt, triumphiert. Der Plan der Gesam Umlage, die mit ihrem weiten Rennplatz und einem, leider, entsetzlich kitschigen Vergnügungspark 100.000 Quadratmeter bedeckt, stammt von Richard Kaufmann. Er hatte es nicht leicht; man bedenke, daß vor wenigen Monaten noch längst nicht feststand, wieviel Staaten sich eigentlich beteiligen werden. Aber auf alle Fälle ging man groß ‘ran. Auf alle Fälle wurden Komitees gegründet, Reden gehalten, Manager engagiert, Werber, Werbebriefe, Werbeartikel, Werbeplakate in die Welt geschickt und Einladungen, Einladungen, Einladungen. Auf alle Fälle wurden Monopole verkauft. Auf alle Fälle wurde ein Kapital von 140.000 Pfund investiert. . . Nun liegt das Geld auf den Messestraßem und steckt in den Pavillons, die noch nicht einmal alle fertiggestellt sind. Aber das Kind wurde jedenfalls zum vorbestimmten Termin unter schmetternder Musik, unter den Klängen der „Hatikvah“ und der englischen Nationalhymne feierlich geboren: ein Wunderkind, ein Riesenbaby nämlich. Die Fahnen wehen, die Tel-Aviver strahlen. Bei der Eröffnung hat außer dem High-Commissioner selbstverständlich auch Bürgermeister Dizengoff gesprochen, der Vater des Riesen. Man wird ihn und seine Beredsamkeit in diesen Wochen oft in Anspruch nehmen, er ist doch nun einmal der würdigste Repräsentant der Stadt. Dabei muß er seine Stimme schonen und seine Popularität nicht allzu großzügig hergeben, denn kaum hat die Messe ihre Pforten geschlossen, feiert die aus dem Nichts oder vielmehr aus der Nichtswürdigkeit des Dünensandes emporgebUihte Stadt ihr 25jähriges Jubiläum. Sie weitet sich und breitet sich, endlos, weiß, heute größer als gestern, morgen größer als heute, vom Turm aus übersieht man nur einen Teil. Bleiben wir noch oin bißchen oben. Vom Westen her schlägt das Meer an die Messe. ZU PFINGSTEN BILLIG NACH ▲ POLEN Abreise am 17. V. 1934 Aus- IkUnfto: BÜRO DR. S. TOCKER l„ Karntnarrlng 13. Tal. U 4Q-3Q1 I AI ISTRDRIJS B,nU «*©» Rovern’ |nUO I l\WDUO bor 12. Toi. U24-0-10 Schiffe ctampf.cn auf Jaffa zu, die arabische Nachbarstadt, Tel-Aviv* Hafen, und man weiß, jede* von ihnen wird neue Besucher bringen, Verkäufer, Käufer, Seeleute und Sehleute. Der Kaufmann kommt nicht nach Palästina, weil die ö.lbäume duften und weil die Landschaft so schön ist, sondern weil er die handelspolitische Wirklichkeit und ihre Geographie kennt: hier steht er auf der Brücke zwischen Ost und West. Der Orient erwacht, hat Bedürfnisse, will kaufen, besitzen, genießen. Städte wachsen und Straßen zwischen ihnen. Felder fangen wieder an zu grünen, die seit 3000 Jahren grau waren. Palästina schwimmt im reißenden Entwicklungsstrom an der Spitze. Das Bibelland wird zum Zukunftsland. In den letzten zehn Jahren führte es mehr Waren ein als im ganzen vorigen Jahrhundert zusammen. Der mittlere Osten überhaupt kaufte im Jahre 1932 für 80,000.000 Pfund Waren. Und 1932 war ein wirtschaftlich schlechtes Jahr! Die Kaufleute, die in Jaffa das Schiff verlassen, sind voll Hoffnung. Morgen werden sie durch die Messehallen wandern, den Auftragsblock in der Brusttasche. In der Eingangsallee begrüßt sie rotleuchtend und monumental — das fliegende Kamel. . . . Vom Turm aus sehen wir, das Meer entlang streichend, erst klein, dann größer werdend, die Karawane des arabischen Treibers. Neugierig steckt das Leitkamel den Kopf über den Bretterverschlag zwischen Wasser und Messe. Da stehen Traktoren, große Lastautos . . . und dieser fliegende Rivale. Der Wiistenzug stampft weiter. Wohin? Die Messeleitung hat sich eine wundervolle Gelegenheit nicht entgehen lassen: sie läßt nicht nur zeigen, was der Nahe Osten kaufen soll und was er von zweitausend Ausstellern aus aller Welt kaufen kann; sie läßt vor allen Dingen auch darstellen, was Palästina selbst in den letzten Jahren wurde und was es heute ist. Eine Ausstellung nicht nur der Waren, sondern auch des Wissens; die Schulkinder werden herpilgern, aber ebenso ihre Eltern, das ganze Land ist ja lernbegierig. So ist die Messe zugleich Propaganda für die Sache des jüdischen Volkes, gleichzeitig ganz Palästinas überhaupt. Ein Diagramm von vielen: „Einwanderung bringt Wohlfahrt!“ Man erfährt: Im Jahre 1923 wanderten 7200 Personen ein; damals belief sich der Regierungsüberschuß auf 98.000 Pfund. Bei der 40.000 Personen umfassenden jüdischen Einwanderung des Jahres 1933 betrug der Überschuß 1,033.000 Pfund. — Sehr lehrreich wird auch das Werk des Keren Hajessod in Diagrammen und Bildern dargestellt. Im Jahre 1921 gegründet, sammelte er bis zum 31. März 1934 in 60 verschiedenen Ländern 5,000.000 Pfund. Dafür produzieren die Siedlungen des Keren Hajessod jährlich für 325.000 Pfund landwirtschaftliche Güter. Der jüdische Nationalfonds kaufte nach dem Kriege 386.000 Dunam Land! Der jüdische Nationalfonds machte 160.000 Dunam Boden malariafrei! (Man hat das sehr hübsch gemalt, wie der Tod wütend abzieht, nach Transjoidanien zu — —). Der jüdische Nationalfonds pflanzte 1,473.000 neue Bäume. Er versorgte 50 Dörfer mit Wasser! 20.300 Menschen leben auf seinem Boden, 27% der jüdischen Bevölkerung. Das alles lernt man auf der jüdischen Handelsmesse. Die vom Baron Edmond de Rotsohild gegründeten Pika-Kolonien — es sind jetzt im ganzen 25 — stellen besonders aus. Sie zeigen, pietätvoll um das Bild des Philantropen herumgeordnet, was die Pika (Palestino Jewish Colonisation Association) im Lande als erste Siedlerorganisation neu eingeführt hat: unter anderem die Crapefrüchte, holländische Kühe, die jetzt allgemein verbreitet sind, bestimmte Schafe, bestimmte Käsesorten, Tabak, Spargel und 13 verschiedene seltene Blumen, aus deren im Lande gewonnener Essenz in Frankreich ein kostbares Parfüm hergestellt wird. Eine in RQsch-Pina gegründete Seidenwirkerei ging wieder ein. Und was noch viel trauriger ist: man bekommt einen herrlichen Orangenwein zu kosten, von dem kein Pikaist mehr weiß, wie er hergestellt wird, denn sein erster und einziger Fabrikant starb und nahm das Geheimnis mit ins Grab. Es ist wirklich zum Weinen. Aber der gute „Kännel“, um dessen Einführung und Ausführung die Pika so große Verdienste hat, fließt und leuchtet und schmeckt, und mit ihm können wir anstoßen auf die Entwicklung Palästinas, deren Umrisse sich in der Zauberstadt des fliegenden Kamels durch den Nebel der Zukunft so vielversprechend abzeichnen. Was wird nicht heute schon alles im Lande hergestellt! Ich will den Notizzettel abschreiben in derselben Reihenfolge, die der Zufall des Rundganges ergab: Brausen, Gartenmöbel, Lampen, Spiegel, Wohnungsmöbel, Aluminiumgeschirr, Drähte, öl, Seifen, Geldschränke, medizinische Utensilien, Bleisoldaten, Textilien, Sonnenschirme. Zigaretten, Schallplatten, Kunstgewerbe, Schilder, Knöpfe — dann wurde ich aufzuschreiben müde. Plötzlich wurde man duftig angespritzt: Parfüm, gleichfalls „tozereth haarez“ (im Lande hergestellt). Am nächsten Stand: Zahnpasta; aber angeschmiert wurde man hier nicht. Gleich daneben stellte sich eine Fabrik künstlicher Zähne vor. In, über und unter allem ein Höllenlärm, denn ein Teil der Stände ist ja noch gar nicht fertiggezimmert. Die hübschen Verkäuferinnen müssen also die Zähne zusammenbeißen und die Ohren voll Watte stopfen — falls es schon im Lande hergestellte gibt. Wollen wir jetzt eine kleine Erholungspause einlegen? Man könnte auf dem „Jarkon River“ spazieren fahren. Erst jetzt bei Gelegenheit der Messe haben nämlich die Tel-Aviver den hübschen Fluß entdeckt, der hier ins Meer mündet. Tüchtig, wie sie sind, haben sie gleich eine Donau aus ihm gemacht und die ältesten Fischerkähne bekamen Sitze hineingeschlagen. Aber nicht zu lange fortbloiben, es ist noch so viel zu sehen-. In der Großbritannienhalle, gefüllt mit tausend Beispielen geschickter Technik, interessiert die nahöstlichen Besucher wohl besonders das Radioempfangsgerät aller Art, denn erst jetzt radiosiert sich der Orient planmäßig. Riesenrohre aus Eisen erfreuen die Jerusalemer. Eine Aufschrift verrät, daß Rohre dieses Typs die geplante Jerusalemer Wasserversorgung sicherstellen werden; dick in Holz gepackt, sieht man sie auch schon in den Gräben längs der Landstraße Tel-Aviv—Jerusalem. Schweden schickt komplizierte Maschinen. Die Schweiz ist vertreten mit Uhren, Käse und Reiseplakaten mit weißbedeckten Bergen. Ein Kind fragt: „Was ist das, Vater?“ — „Das ist Schnee.“ — „Schnee, was ist das?“ Belgien stellt sich mit einer sehr umfangreichen Warenkollektion vor; zu Belgien haben „wir“ sehr gute Beziehungen, Bürgermeister Dizengoff ist belgischer Generalkonsul. Österreich, Tschechoslowakei, Italien, Polen, Lettland, Lebanon, Rumänien, Finnland — und besonders hübsch und dabei ganz offiziell tritt Frankreich auf den Plan, indem es unter anderem das Luftfahrtministe- Beite 3 ' rium, das landwirtschaftliche Ministerium, den Touring Club und das Pasteur-Institut ausstellen läßt. Selbstverständlich hat man auch die arabischen Staaten zur Teilnahme eingeladen, aber die haben beleidigt abgelehnt, obwohl sie viele ihrer Einkäufer, die sich nach dem auch im Arabisch gedruckten Katalog gut informieren können, entsenden. Die palästinensischen Araber haben in Jerusalem eine Konkurrenz-Messe eröffnet. 182 Aussteller füllen die Kojen eines Hotels ganz hübsch aus. 5600 Zertifikate Jerusalem, 3. Mai. Aus Regierungskreisen wird mitgeteilt: Der High Commisskmer Sir Arthur W a. uc h o p e hat die neue Einwanderungsschedule genehmigt, durch die der Jewish Agency für das kommende Halbjahr 5600 Zertifikate, einrchließlich 400 Zertifikate für Frauen, zugetult werden. Die Palästinaexekutive gibt bekannt, daß von den ihr und den Palästinaämtern zur Verfügung stehenden Zertifikaten keines zur Einwanderung von Angehörigen in Palästina ansässiger Personen ver wendet werden darf, da diese Zertifikate von der Regierung ausschließlich für die Einwanderung von C h a 1 u z i m und Handwerkern bestimmt wurden. An Angehörige von Palästinaeinwohnern gibt die Agency Empfehlungsschreiben aus, auf Grund derer die Bewerber von den Palästinaämtern Zertifikate erhalten, sobald solche ausgegeben sein werden. Das Einwanderungsamt unter neuer Leitung Jerusalem, 3. Mai. Die Meldung, daß der bisherige stellvertretende Chefsekretär der Palästinaregierung E. Mills an Stelle A. Hyamsons die Leitung des Einwanderungsamtes der Palästinaregierung übernehmen soll, wird offiziell bestätigt. Die Übergabe des Amtes erfolgt am 28. Mai. Weiteren Informationen zufolge soll Ende Mai der bisherige Distriktskommissar in Nazareth, Edwin S am u e 1, der Sohn Sir Herberts, von seinem Posten abberufen und dem neuen Einwanderungskommissar zugeteilt werden. Tel-Avivs Jubiläum Tel-Aviv, 3. Mal. Am 1. Mai wurde im großen Stadion der Levante-Messe zu Tel-Aviv die Reihe der Feiern aus Anlaß des 25jährigen Bestehens der jüdischen Stadt Tel-Aviv eröffnet. Neben den vielen Tausenden Einwohnern von Tel-Aviv fanden sich im Stadion zahlreiche Abordnungen jüdischer Großgemeinden aus allen Ländern der Welt ein. Der Bürgermeister von Tel-Aviv, Mayer D iz e n g o f f, von den Anwesenden mit stürmischen Ovationen empfangen, gab in seiner Eröffnungsansprache einen Überblick über das Wachstum von Tel-Aviv. Als zweiter Redner charakterisierte der Präsident der Jewish Agency Nahum S o k o- 1 o w die Bedeutung Tel-Avivs im Leben der mit den vorzüglichen, großen Salonsch iffen der direkten Eillinie Triest-Jaffa des LLOYD TRIESTIKO Abfahrten jeden Mittwoch um 13 Uhr Ferner. Luxuseillinien nach Athen, Istanbul, Alexandrien, Bombay, Colombo, Singapore, Shanghai Schnellste Schiffe Räch et er Korn fort Auskunft; Lloyd Trlestlno, Wien, I., Kärntnerring 6, Tel. U *7 5 60