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Die Stimme · 1934-05-08 · Heft 351 (8.5.1934) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 351 (8.5.1934)
Date
1934-05-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 351 — S. Mal 1934 einer neuen großen Erweiterung des britischen Reiches ist. Die wachsende Feindseligkeit der Araber richte sich nicht gegen die .Juden, sondern gegen England. Die Bildung einer arabischen Föderation von Bagdad bis nach Damaskus stelle eine Gefahr für die Zivilisation dar. Ihr müßte das Ideal der Freiheit und der Gerechtigkeit für alle entgegengesetzt werden, das von den Juden wie von den Engländern getragen wird. Der Sekretär des parlamentarischen Palästina-Komitees. Abg. Marques of H a rtin g t. o n, erklärte, im englischen Parlament bringe man heute den zionistischen Ideen weit mehr Verständnis entgegen als vor einigen Jahren. Englands Stolz tmd Ehre seien mit dem Palästinawerk verknüpft; es könnte sich von ihm nicht eher zurückziehen, als bis das jüdische Nationalheim frei von jedem Zweifel und jeder Unsicherheit für die Zukunft, ist. Zweifellos sei die Lüge, daß das Land auf Kosten der Araber entwickelt wurde, geplatzt. Er stehe hier, um zu bekunden, daß es n I c b t j ü d ische Abgeordnete im Unterhaus gibt, die entschlossen sind, mit allen Kräften gemeinsam mit den Juden darauf hinzuarbeiten, daß die Verwirklichung des Ideals des jüdischen Nationalheims zu einem großen, bleibenden Erfolg werde. Der Vorsitzende Barnett Jänner erklärte, die Arbeit in Palästina sei das beste Gegengift gegen die internationale deutsche Propaganda, für die Millionen deutsche Mark ausgegeben werden. Dieser Propaganda der Lüge müsse die Wahrheit der jüdischen Arbeit entgegengesetzt werden. Als letzter Redner sprach der Präsident des Jüdischen Nationalfonds für Großbritannien, Robert B. Solomon. Wir fordern nicht Großmut, erklärte der Redner, sondern nur Gerechtigkeit. Wir fordern, daß Transjordanien in das Einwanderungsgebiet mit eingeschlossen werde. Araber kommen aus Transjordanien nach Palästina, warum sollten Juden aus Palästina nicht nach Transjordanien gehen können? Wir wollen darüber wachen, daß England seiner großen Tradition der Redlichkeit nicht untreu werde. Pritfdent Dr. Friedmann: Die neue Verfassung und die Juden POLEN PFINGSTFAHRT nach 17. Mal — 4. Juni Bewährt« Führung POLN. VERKEHRSBÜRO „FRANCOPOL11 III., Rennweg 1, Tel. I116-4-90 Evangelischer Weltbund ruft zu Gebeten für die Juden auf London, 2. Mai. Wie die englisch-evangelische Zeitschrift „English Churchman“ mitteilt, hat der Evangelische Weltbund (World’s Evangelical Alliance) einen Aufruf an die Christenheit gerichtet, in den Kirchen kollektive Gebete für die Juden zu verrichten. Diese Gebete sollen insbesondere am PfLngsteonntag gesprochen werden. Der vom Bischof von Worcester verfaßte Aufruf wurde von einer Reihe von Kirchenführern unterzeichnet. In dem Aufruf wird unter anderem erklärt, es sei heute ein bedauernswertes Wiederaufleben des Antisemitismus festzustellen. Der Schlüssel zur Lösung des Problems liege in der Hand der christlichen Kirche, doch habe diese bisher ihre Aufgabe nicht erfüllt. Die Christenheit stehe in der Schuld der Juden, sie verdanke ihnen ihr Schrifttum. Das Alte Testament sei in allen seinen Teilen, das Neue Testament bis auf wenige Abschnitte ein jüdisches Buch oder vielmehr ein Sammlung jüdischer Bücher. Anti-Hitler-Boykott-Tag In New York New York, 4. Mai. Mehr als 100.000 Menschen demonstrierten in geschlossenen Zügen am 1. Mai in den Straßen New Yorks mit Fahnen und Inschriften gegen Hitler. Der Führer der amerikanischen Sozialisten, Präsidentschaftskandidat Norman Thomas, forderte in der Festansprache allo Sozialisten auf, den Boykott gegen Hitler- Deutschland zu unterstützen. In einer großen jüdischen Versammlung der Zionistischen Sektionen XII, XIV, XV sprach der Präsident, der Wiener Israelitischen Kultutsgemcinde Dr. Desider Fried m a n n über „Die neue österreichische Verfassung und die Juden“. Er sagte unter anderem; Die neue österreichische Verfassung wird eingeleitet mit der Präambel: „Im Namen Gottes, des Allmächtigen, von dem alles auageht, erhält das österreichische Volk für seinen christlich-deutschen Bundesstaat auf ständischer Grundlage diese Verfassung.“ Eine Verfassung, die im Namen Gottes verkündet wird, kann nicht gegen uns Juden sein, denn auch wir sind Kinder Gottes. Die Bestimmung der Verfassung, daß Österreich ein christlich-deutscher Bundesstaat, ist, bedeutet, daß wir Juden eine Min'derh e i t. in diesem Staate bilden, eine Tatsache, die auch früher schon bestanden hat. wenn sie auch manche jüdische Kreise nicht sehen und nicht wahrhaben wollten. Artikel 16 der Verfassung lautet: „Alle Bundesbürger sind vor dem Gesetz gleich. Sie dürfen in den Gesetzen nur so weit ungleich behandelt werden, als es sachliche Gründe rechtfertigen.“ Wir dürfen erwarten, daß tatsächlich nur sachliche Gründe für eine etwaige ungleiche Behandlung in Betracht kommen. Keineswegs kann eine ungleiche Behandlung aus dem Grunde der Zugehörigkeit zum Judentum in Betracht kommen, denn das wäre kein sachlicher Grund mehr, sondern ein persönlicher und würde außerdem mit den Bestimmungen des Artikels 181, wonach neben dieser Verfassung auch der Abschnitt V des III. Teiles des Friedensvertrages von St. Germain als Verfassungsgesetz zu gelten hat, in Widerspruch stehen. Der Redner bringt die entsprechenden Bestimmungen des Vertrages von St. Germain in Erinnerung, so den Artikel 66, der ausdrücklich besagt: „Alle österreichischen Staatsangehörigen ohne Unterschied der Rasse, Sprache und Religion sollen gleich sean vor dem Gesetz und dieselben bürgerlichen und politischen Rechte genießen.“ Weiter den Artikel 67: „österreichische Staatsangehörige, die nach Rasse, Religion oder Sprache edne Minderheit im Staate bilden. haben auf dieselbe Behandlung und dieselben Garantien rechtlich und faktisch Anspruch, wie die anderen österreichischen Staatsangehörigen.1' Schließlich den Artikel 62 des St. Germainer Vertrages, wonach die au fge zähl ton Bcst.ininnmgcn „als Grundgesetze anerkannt, werden, daß kein Gesetz, keine Verordnung und keine amtliche Handlung mit diesen Bestimmungen in Widerspruch oider Gegensatz stehe, und daß kein Gesetz, keine Verordnung und keine amtliche Handlung mehr gelte als jene“. Aus dieser Tatsache ergibt, sich, daß eine Ungleichheit, die sich auf Rasse, Sprache oder Bekenntnis bezieht, in der neuen österreichischen Verfassung keinen P 1 a t. z haben kann. Die Bestimmungen der neuen Verfassung über die ungleiche Behandlung aus «sachlichen Gründen (Artikel 16) sowie über die Zulässigkeit von Ausnahmen beim Schulwesen (Artikel 27) werden sieh daher keineswegs auf uns beziehen können. Es entsteht im Zusammenhang mit der Publikation der neuen Verfassung auch die Frage, ob wir Juden in den zu schaffenden R a t s k ö r p e r s c h a f t c ii vertreten sein werden. Diese Körperschaften werden b o r u f s s t ä n d i s c h zusammengesetzt sein. Die Mitglieder werden, wie Verfassungsminister Dr. En der ausdrücklich erklärt, hat, ihre Vertreter zu entsenden haben. Es wird daher von ihrem Einfluß in den verschiedenen Berufen abhängen, ob Juden als Vertreter der einzelnen Berufe entsendet, werden. Was die Vertreter der kulturellen Gemeinschaften anbclamgt, so werden nacli den Veröffentlichungen des Ministers Dr. Ender die Berufungen im Einvernehmen mit den kulturellen Körperschaften erfolgen. Dr. Friedmann rief seinen zahlreichen Zuhörern zu: „Seien Sie Vaterlands treu, aber aufrechte Menschen zugleich! Es ist selbstverständlich, daß wir Juden mithelfen wollen bei dom Aufbau dieses Staates, nuit allen anderen Bürgern, als Gleiche mit Gleichen. Wir werden die Stürme dieser Zeit überdauern, wenn wir alle Zusammenhalten, ohne Zersplitterung, ohne Unterschied zwischen glaubenstreuen und modernen Juden, zwischen Ostjuden und Westjuden.“ den Text dieser Bestimmungen mitgeteilt hat. Noch in dei Vorwoche ist, einfach nachgedruckt worden, daß laut Artikel so und so der neuen Verfassung der Abschnitt so und so des Friedensvertrages als Verfassungsgesetz zu gölten habe. Nunmehr hört der Zeitungsleser verblüfft von einer Bestimmung, die man vor ihm getarnt hat und die man jetzt hcrvorholt, weil sich doch mit ihr etwas Vernünftiges erreichen ließe! KINOPROGRAMME DER WOCHE II. Rolenslcrn^nsse Telephon R 49-0-2S leopoldstfldter Volkskino Vom 4. Mal bis 10. Mal: „DER TUNNEL“ mit Paal Ifrtrtmann, Attila Hörbiger Wochontnets 7,ß. 7 »8, 7,10 Uhr. Sonnu. Feiertags 7j4 Uhr Die „Wiener Neuesten Nadiriditen" rufen nach dem Minoritätenschutz Die Bestimmungen des Friedensvertrages von St. Germain zum Schutze der Minderheiten sind, wie man weiß, für die deutschnationalistischen Kreise Österreich nicht vorhanden. Ihr Blatt, die „Wiener Neuesten Nachrichten“, hat noch vor ganz kurzer Zeit entrüstet der „Stimme“ vorgehalten, daß sich die Jüdischnationalen auf diesen Vertrag berufen. Die Herrschaften scheinen Bich aber eines Besseren besinnen zu wollen und beten an, was sie gestern noch verbrennen wollten. Dieselben „Wiener Neuesten Nachrichten“ haben gefunden, daß der Friedensvertrag doch auch seine guten Seiten hat, und sie sagen in einem Artikel über das Konkordat (am 6. d. M.), in dem sie sich mit der Förderung der katholischkonfessionellen Schulen beschäftigen, das Folgende: „Wenn durch den Betrieb katholischer Kloster- oder Vereinsschulen staatliche Schulen entlastet werden, gebühren jenen aus den Ersparnissen entsprechende Zuschüsse. ,Durch diese Maßnahmen soll4, wie das Konkordat ausdrücklich bemerkt, ,das katholische Schulwesen in Österreich gefördert und damit auch die Voraussetzung für die Entwicklung zur öffentlichen katholisch-konfessionellen Schulo geschaffen werden.4 Es taucht dabei die Frage auf, ob nicht unter den gleichen Umständen etwa auch protestantische Schulen im Sinne dos Artikels 68, Absatz 2, des Staatsvertrages von St Gormain die gleiche Begünstigung in Anspruch nehmen könnten.“ Gegen die Frage kann man billigerweise nichts einwenden Jeder Minderheit gebührt der Schutz des Vertrages. Aber bisher galt jede Anrufung dieses Vertrages als ein jüdisches Verbrochen und es ist nicht uninteressant zu erwähnen, daß die deutsch-chauvinistische Presse ihren Lesern nicht einmal Professor Max Eisler über den Gewährsmann der „Reichspost“ In der „Jüdischen Presse“ vom 4. d„ also in dem Apudahorgan, schreibt Universitätsprofessor Max Eisler in einem längeren Aufsatz unter anderem: .. Jetzt aber über&teigt diie Verwilderung jode Grenzen. Seit einiger Zeit treibt in Wien ein Anonymus sein ebenso gefährliches wie widerliches Unwesen. Er trägt den Zank, der bisher intern gewütet hat, hinaus und versorgt damit eine große, heute besonders maßgebende Zeitung, die seine Darstellungen in gutem Glauben übernimmt. Wie „unterrichtet“ der Man ist, ist am letzten Sonntag wieder einmal horausgekommen. In diesem Punkt habe ich der offi* zicllen Richtigstellung nichts hinzuzufügen. Was mich beschäftigt, das ist die besondere Infamie dieses Zwischenträgers. Es wird mir wahrhaftig nicht leicht, sie klarzustellen, denn indem ich ihr naoligehe, habe ich das Gefühl, midi zm beschmutzen. Er beschuldigt eine große jüdische Partei nicht nur eines kriminellen Manövers, das sonst nur in Erbschleiohprozessen eine Rolle spielt, er beschuldigt sie auch — natürlich nicht expressis verbis — einer in der vaterländischen Frage wenig verläßlichen'. Gesinnung. Und hier vor allem erblicke ich die Infamie. In einem Angenbliokf wo die oft bewiesene und unbedingte Staatstreue alelr Juden — ein Gebot unserer Religion — für unsere Rolle in erneuten Staatswesen von größter Bedeutung ist, kommt einer daher, um, geschützt durch seine Anonymität, eine solche ungeheuerliche und durch nichts begründete V e r 1 e u m d u n g zu konstruieren und einen Teil unserer Gemeinschaft, vor der Öffentlichkeit sohleohtzumaohen. Mit einem solchen Lumpen kann man nur in seiner Sprache sprechen. Nun, ich erkläre hier: Wenn er den Mut aufbringt, sich zu nennen, bin ich gewillt, ihn — wer immer er sei — öffentlich zu züchtigen!“ Die Reichsvertretung der deutschen Juden bei Hitler Berlin, 4. Mal. Die Reichsvertretung der deutschen Juden hat folgendes Telegramm an den Reichskanzler Adolf Hitler gesandt: „Der ,S t ü r m e r4 verbreitet eine Sondernummer, die unter ungeheuerlichen Beschimpfungen und mit grauenerregenden Darstellungen das Judentum des Ritualmordes bezichtigt. Vor Gott und Menschen erheben wir gegen diese beispiellose Schändung unseres Glaubens in feierlicher Verwahrung unsere Stimme.“ Der Protest der Reichsvertretung der deutschen Juden an Hitler — cs ist dies seit Bestehen des Hitlerregimes das erstemal, daß eine autoritative doutschjüdischo Behörde sich offiziell an die nationalsozialistische Regierung wendet — bezieht sich auf die vom Gauleiter und Mitglied der bayrischen Regierung Julius Streicher herausgegebeno Sondernummer seines Nürnberger Wochenblattes „Der Stürmer“, in der unter der Schlagzeile „Jüdischer Mord plan gegen dio nichtjüdische Menschheit aufgedeckt“ auf zwölf reich illustrierten Seiten 131 angeblich jüd'seho Ritualmorde von 1.69 v. Chr. bis 1932 aufgezählt, beziehungsweise geschildert worden. In der gleichen Nummer klagt Streicher das Weltjudentum an, einen M o r d plan g e g on Hi 11 er ausgebrütet zu haben. Streicher verwendet [ dabei das Material, welches der .vom Reichspropaganda rr.inisteri um zur Führung der Judenhetze auf internationalem Boden begründete „Bund völkischer Europäer“ durch seine Unterabteilung „World League against the Lie“ verbreitet. Das Material wurde auch schon von zahlreichen nationalsozialistischen Zeitungen benutzt. Es sollen im Auslände jüdische Ansichtskarten verbreitet worden sein, auf denen der Kopf Hitlers auf einem Opfertische abgebildet sei. Aus London wird uns gemeldet: Die in zehn tausenden Exemplaren in ganz Deutschland verbreitete Ritu almordn ummer dos „Stürmer“ hat im Zusammenhang mit der erneuerten Welle der Judenhaßpropaganda in der gesamten rachsdeutschen Presse und mit den wiederum sich häufenden judenhetzerischen Ausfällen der nationalsozialistischen Führer in der englischen Öffentlichkeit wio auch in der anderer Länder großo Aufmerksamkeit erregt. Es fällt auch auf, daß die i n Berlin lebenden Korrespondenten auswärtiger Blätter, die unter der Einwirkung des Reichspropagandaministeriunis aufgehört haben, der deutschen Judenfrago allzu große Aufmerksamkeit zu widmen, jetzt wieder nach dieser Richtung hin rege geworden sind; ein Bewois dafür, daß sie die Situation für dio Juden in Deutschland wiederum als sehr gef ä h rdet ansohen.

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