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Die Stimme · 1934-05-01 · Heft 349 (1.5.1934) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 349 (1.5.1934)
Date
1934-05-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 349. — 1. Mal 1934 OHE STIMME Beite 6 Der,.Elfenbeinpalast''des Königs Adrab zum Korn der Geheimnisse, die rlio Berg- Die Rückkehr Die Ahnen lasen noch im frommen Buch. Zuweilen f.önfe mir ihr leises Mahnen, Ihr Wesen rann durch meines Blutes Bahnen. Um ihre Scheitel schattete der Fluch. Gepeinigt Volk, aus dessen Stamm ich sproß, Ich war dir weit und ruhte doch inmitten, Dein Erbe war ’s allein, das ich erstritten, Und dir nur dank’ ich, was ich mir erschloß. Ich wurzelte, so schicn’s, in fremdem Land, Und Bichelte zu deinen heiPgen Bräuchen Und wähnte mich im Schutz der deutschen Eichen Den andern zugehörig und verwandt. Doch nun ob deiner Stirn die Geißel flammt, Und die verharschten Wunden neu entbrennen, Treild s mich mit, Macht, zu dir mich zu bekennen, Gepeinigt. Volk, des Schoße ich entstammt. Ich neige mich vor deinem Dulderruhm, .Mein Herz erbebt, wie nie seit Knabentageu, Ich will mit dir dein schweres Schicksal tragen, Vergessenes, verrat1 nes Judentum. Oskar Be nd le ner Bibliothekar Saul Chajes Zu seinem fünfzigsten Geburtstag (3. Mai 1934) Die Feier anläßlich der Erreichung eines gewissen Lebensalters mag vom Standpunkt des Jubilars aus als eine reine Privat- oder Familienangelegenheit angesehen werden, ln der Wirklichkeit ist es nicht oder zumindest nicht inaner der Fall. "Wir haben keine Wahl, uns unsere Zeitgenossen zu bestimmen. Wir wissen bei der Geburt eines Menschen nicht, wieviel Gutes oder Böses er bringen wird. Erst nach dem Ablauf eines Lebensteiles können wir uns ein Urteil bilden über das, was die Gemeinschaft an diesem Zeitgenossen gewonnen oder verloren hat. Freilich ist das Gute nicht augenfällig bei Menschen, die nicht den Weg in die Öffentlichkeit suchen. Ein solcher Mann von bescheidenem, zurückhaltendem Wesen ist unser Jubilar Saul Chajes. Von einer berühmten Familie, die eine Reihe von erstrangigen Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinschaft schenkte, entstammend, ist er als Bibliothekar und Archivar der jüdischen Gemeinschaft stets bereit, mit seinem reichen Wissen der Öffentlichkeit zu dienen. Man könnte fast sagen, daß die ihm angeborene Hilfsbereitschaft und Freude an dem lebendigen menschlichen Verkehr ihn von anderen Ar-, beiten ablenkten. Hiezu kommt noch der strenge Maßstab, den Chajes an eine Leistung anlegt, zu deren Vollführung der bescheidene Mensch seine eigene Kraft nicht ausreichend findet. Es bedurfte vieler Überredung und Aufmunterung, um Chajes zu bewegen, sein Wissen auch in anderer Richtung fruchtbar zu gestalten. Und so entstand im Zusammenhang mit seiner beruflichen Tätigkeit neben einer Reihe kleinerer Arbeiten sein auch in diesen Blättern gewürdigtes. Standardwerk, Pseudonym- Loxikon der hebräischen und jiddischen Literatur, wofür ihm die jüdische Wissenschaft und insbesondere die jüdische Bibliographie ewig Dank wissen wird. Möge Saul Chajes noch lange, lange beschieden soin, seine fruchtbare Tätigkeit fortzusetzen. B. W. Lasker-Vorstellung der Hakoah. Die jüdischen Schachfreunde Wiens werden am 1. Mai Gelegenheit haben, einer bedeutenden Scliaehveranstultung boizuwohnon. Doktor Emauuel L a s k er, don man allgemein als den größten Meister aller Zeiton zu bezeichnen pflegt, wird an diesem Tage gegon dio beratenden Meisterspiolor der Hakoah (Lichtenstein, Glaß, ßoutum, Rubinsteiu, Weinstock, Hauser) zum Kampf an treten. Die Schachsektion Hakoah ist stolz darauf, zum zweiten Male — das orstomal im Jahre 1922! — in der Lage zu sein, eino Vorstellung Laskors, ihres Ehrenmitgliedes, zu arrangieren. Die Konsultationspartie findet am 1. Mai (Dienstag), um ü Uhr abonds, im Klubhoim der Hakoah, 1., Wiestingerstruße 11, statt. Eintrittskarte 1 Schilling. Unausgesetzt bringen die wissenschaftlichen Grabungen in Palästina erstaunliche neue Zeugnisse für die Kultur vergangener Jahrtausende zutage, die hier in eigentümlichen Schichtungen und verflochtenen Lagerungen im Schoß der Erde ruhen. Die bedeutsamsten Entdeckungen Und Funde des letzten Jahres, dio erst kürzlich abgeschlossen wurden, sind der Spatenarbeit zu danken, die durch gemeinsame Bemühung der amerikanischen Harvard-Universität und der Universität zu Jerusalem in Sebastije, hoch oben in den Bergen von Samaria, durchgeführt worden ist. Der Ort hat die Archäologen von jeher beschäftigt. Wir befinden uns hier auf dem Boden des alten Schomron, das König Omri von Israel als die neue Hauptstadt seines Reiches gründete. Man wußte immer schon von dieser denkwürdigen Stätte: daß Omri seinen Herrschersitz mit starken Befestigungen versehen, daß sein Sohn und Nachfolger Achal) diese Anlage erweitert, und daß, als das alte Schomron längst in Schutt versunken war, Herodes der Große, gleichsam über den Trümmern, eine römische Stadt errichtet hat, die er zu Ehren seines mächtigen Protektors in Italien „Sebastia“ nannte (denn Sebastos bedeutet griechisch dasselbe wie Augustus lateinisch). Die Säulenstümpfe dieser herodianischen Stadt, die sich bis heute erhielten, gaben seit jeher Kundo davon, daß hier ein römisches Forum stand. Man begann den Boden aufzureißen, und es gelang, eine ganze Reihe wichtiger Einzelheiten freizulegen. Aber Eines der ganz großen Dinge, nach denen der sechsjährige Berele heiße Sehnsucht im Herzen trug, war der Dachboden des einstöckigen Hauses, das seine Eltern bewohnten. Wie es einen Dichter zu den Wolken, zu den Sternen, zu dem Mond zieht, so zog es Berele hinauf zu dem Dachboden. Aber gleichwie die Wolken, die Sterne und der Mond zu hoch und unerreichbar für den Poeten sind, so war der Dachboden für Berele zu hoch und unerreichbar. Und hinauf auf den Boden lockten Berele gar viele Dinge. Dort oben, weiß er, sind die Osterbecher, und darunter ist auch sein Glas, blau und blumenbemalt. Außerdem gibt es dort eine Unmenge alter Kleider mit Knöpfen, Knöpfen ohne Zahl. Wie gut könnte er diese brauchen. Er würde sie herunterreißen und bald ein reicher Mann, ach was, ein „Millionär“ in Knöpfen werden und alle Jungens von der Gasse würden vor ihm Respekt bekommen und ihn beneiden. Außer den Gläsern und den Knöpfen, weiß Berele ganz bestimmt, liegt auch das zerbrocheno Wägelchen oben auf dem Dachboden. Er selbst sah, wie man es eines schönen Tages hinauftrug, und seit damals wuchs seine Sehnsucht nach oben. Und wieviel andere Sachen mögen dort erst liegen, von denen er noch gar nichts wußte! Und dieso nur geahnten Schätze vertieften noch sein Sehnen. Wer weiß, was für ein Anblick sich ihm bieten würde, beträte er nur die Schwelle des Dachbodens. Aber Berele begnügt sich nicht, mit der Sehnsucht allein. Oft pflügte er sich einen Anlauf zu nehmen und, auf die haibzerbrochone, hohe Leiter blickend, schickte er sich an, auf ihr emporzuklettern, aber kaum hatte er dio erste Sprosse erstiegen, begann die Leiter zu wackeln und erschrocken lief Borele davon. So schob er jedesmal seiuo Entdeckungsfahrt auf, bis er größer geworden sein und nicht mohr so große Angst haben wird. Eines Tages, es war holl t und schön, hörte Berelo die Mutter rufen: „Berele, geschwind!“ kuppe in sich schloß, ist man erst jetzt vorgedrungen: zu den Resten jener alten jüdischen Königsstadt, des JO. und 9. vorchristlichen Jahrhunderts. Dabei kamen Ergebnisse ans Licht, die alle Erwartungen weit übertrafen. König Achab gehörte zu denen, die unbedenklich, von den Propheten gehaßt und verwünscht, den von Syrien her übernommenen Kult des Baal und der Astarte einführten. Davon erzählen Funde, die man gemacht hat. Aber sie brachten noch mehr ans Tageslicht. Die Überlieferung berichtet, daß der König sich einen „Elfenbeinpalast“ gebaut habe. Und nun fand man mannigfache Reste kunstvoller Möbelbescliläge aus diesem schimmernden Material, das dem Altertum an Wert dem Gold gleichzukommen schien. Es sind durchbrochene Elfenbeinplatten und -längsstreifen, aus denen in zierlichster Arbeit figürliches und dekoratives Sclunuckwerk herausgesägt wurde —, durchaus den ähnlichsten Stücken entsprechend, die man früher schon in Ägypten, auf Kreta und in Mesopotamien gefunden hat. Der Charakter des Elfenbeindekors von Schomron deutet nach Ägypten, Sphinxgestalten spielten dabei eine Rolle. Im provisorischen Ausgrabungsmuseum der englischen Mandatsregierung zu Jerusalem — ein pompöser Neubau am Ostrande der Altstadt, soeben fertiggestellt, harrt der Inneneinrichtung — sind diese interessanten Zeugnisse altisraelitischen Königsluxus jetzt im Hauptsaal ausgestellt. Er schaute sich um und erblickte neben sich die Eltern erschrocken und bleich. „"Wohin?“ frug Berele auch erschreckt. „Auf den Boden, mein Kind!“ „Auf den Boden!“ klang’ es in ihm nach. Das kann nicht sein! Und er wiederholte schon im Gehen, seine Frage! „Wohin!“ „Komm, mein Kind! Komm! — Auf den Boden!“ Nein, er hatte sich wirklich nicht geirrt. Man nimmt ihn wirklich mit auf den Boden. Da hilft ihm auch Vater schon auf die Leiter... Da ist er ja schon wirklich auf den Boden. Allein, was soll das alles eigentlich bedeuten? Ist vielleicht heute ein Feiertag? Ja, gewiß ist’s so ein Feiertag. Es ist zwar ein wenig seltsam, aber doch ein Feiertag, und Berele erinnert sich noch an andere Feiertage, da der Vater einen Beugel mit Asche ißt, da der Lulaw geschüttelt, die Schul mit Laub belegt wird, da man zu den Ufern des Flusses zieht, um die Sünden ins Wasser zu versenken und noch an andere ähnliche Feiertage. Ganz klar wird’s ihm aber erst, als er zu sprechen beginnt und ihn der Vater daran hindert und ihm nur zuraunt: „Sei still! man darf nicht reden!“ Sobald man etwas nicht darf, ist es gewiß ein Feiertag. An Feiertagen ist so vieles verboten... „Ja, das ist gewiß so ein Feiertag“, beschließt er fest und findet Gefallen daran. „Mutter, man schreit!“ sagt er und will zur Dachluke gehen und einen Blick auf die Straße werfen. Aber die Eltern halten ihn davon ab, lassen ihn nicht gehen und reißen ihn an sich. „Ein sonderbarer Feiertag“, denkt Berele unzufrieden und schaut böse auf den Boden, der auf einmal seinen ganzen Reiz für ihn verloren hat, und er möchte hinunter, hinunter ... Aber von der Gasse hört man markerschütterndes Geschrei. Ein Jammern und Wehklagen wie um tausend Toto zerreißt dio Luft und bricht sich an den dunklen Holzwänden des Dachbodens ... ABRAHAM REISEN; D er AUS DEM JIDDISCHEN VON JAKOB ROSENTHAL PFINOSTFAHRT nach 17. Mal — 4. Juni Bewahrt« Führung POLN. VERKEHRSBÜRO „FRANCOPOL“ lll., Rennweg 1, Tel. U 16-4-90 POLEN Oer Rücktritt des Vizepräsidenten Ornstein Die unerwartete Demission des Vizepräsidenten Dr. 0 r n s t o i n hat ihren ausschließlichen Grund in der politischen Umstellung, die diie Union österreichischer Juden vorzunehmen gedenkt. Herr Dr. Ornstein, der schon seit längerer Zeit die Rechtsanwaltschaft nicht ausilbt, ist ein Mann von unermüdlichem Arbeitseifer. Seine Tätigkeit in der Kultusgemeinde bereitete ihm immer besondere Befriedigung. Seine „Ablösung“ bedeutet unter diesen Umständen eine von ihm selbst nicht gewünschte Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand. Es ist charakteristisch, daß die Union um die gleiche Zeit, in der sie Herrn Dr. Ornstein von seiner Stelle als Vizepräsidenten der Kultuegemeinde zurückzog, seine Ernennung als Vertreter der Israelitischen Religion sgesellschaf t in einer anderen wichtigen Körperschaft betrieb, ihm also für ein Amt präsentierte, das mit noch viel größeren Mühen verbunden sein wird als die Stelle eines Vizepräsidenten der jüdischen Gemeinde, dies insbesondere, da voraussichtlich der Vertreter der Israelitischen Religionsgesellsohaft der einzige jüdische Rat der Stadt, Wien sein wird. Die Demission des Vizepräsidenten Doktor Ornstein wurde durch eine Ausseridung der Union den Wiener Tageszeitungen bekanntgegeben, nochehesie demVorstand der Kultusgemeinde zur Kenntnis gebracht war. Diese vorzeitige Bekanntmachung verfolgte offensichtlich den Zweck, einer Rückgängigmachung der Verzichtleiistung einen Riegel vorz uschieben. Auch in den Kreisen der Mitgliedschaft der Union hat die Demission des Dr. 0 r nstein allgemeines Befremden hervorgerufen, da man alles eher erwartet hätte, als daß Dr. Ornstein, der seit dem Jahre 1907 diese Vereinigung zuerst als Vizepräsident, dann als Präsident leitete, sozusagen über Nacht fallengelassen wird. Man verweist in diesen Kreisen nicht mit Unrecht darauf, daß die Liste der Union bei den Wahlen von den Herren Generalstabsarzt Prof. Dr. Pick und Dr. Ornstein geführt wurde, und daß beide Listenf ii h r e r, in deren Namen um das Vertrauen der Wähler geworben wurde, ihre Plätze räumen mußten. Die politischen Erwägungen, die anscheinend bei der Union bestimmend waren, gehen darauf zurück, daß diese Gruppe bemüht ist, ihr bei der Wählerschaft und in der Öffentlichkeit durch ihr W a h 1 b ü n d n i s mit den sozialdemokratischen „werktätigen J u d e n“ .ramponiertes Ansehen wiederherzustellen. Dafür spricht nicht nur die in letzter Zeit überbetonte Versicherung der Heimat- und Staatstreue: sondern auch das ad hoc abgeschlossene Bündnis mit der Agudah, deren religiöses Eiferfcum für die angestrebten politischen Zwecke dienstbar gemacht werden soll. Wenn die Union den Wirkungskreis der Kultusgemeinde auf die Besorgung der religiösen Angelegenheiten der Wiener Judenschaft zurückschrauben will, so setzt sie sich mit ihrer eigenen Vergangenheit in Widerspruch. Die frühere Leitung der Kultusgemeinde, die in den Händen der Union lag, hat in ihren Tätigkeitsberichten immer besonderen Wert darauf gelegt, darauf hinzuweisen, daß sie sich der politschen und bürgerlichen Rechte dev Juden angenommen hat. Unzähligemal haben die der Union angehörenden Präsidenten bei den Regierungsstellen in rein politischen Angelegenheiten vorgesprochen, so beispielsweise bei den S t u d e n t e n u n r u h e n, in Fällen von der bürgerlichen G 1 e i c h b e r e e h- Donnorstag, den 8. Ma,i 1984, liest Dr. Rosonraiich aus seinem neuesten Studeutendrama „D i e H o 1 d e n v o u B a b v l o n“ im Zontmlheim der „Judäa“. Beginn präzise 8 Uhr abend«.

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