Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 348 (27.4.1934)
- Date
- 1934-04-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Saite 2 DIE STIMME Nr. 318. — 27. April 1034 zu machon hätten. Er verlangt soziale Gerechtigkeit- und soziale 1. i e 1» e. Die Ent-prolctarisiorimg dürfe riieht. wie beim Klassonkampf so dure-hgoffihrt werden, daß diejenigen prolet-arisiert "'erden, die noch keine Proletarier sind un.d Soiiniitz meint: ..Das Wort: .Dean Tüchtigen freie Bahnwird in der berufsstilndischen Gesellschaft zur vollen Auswirkung kommen i .. . können. innerhalb des Berufsstandes sowohl wie in der Gesellschaft, selbst." Wir werden bald Gelegenheit haben, die Anis Wirkungen dieser berufsständiseben Theorien in der Praxis kennenzulernen. Erst die Praxis wird beweisen, ob dieser neue Sozialismus berufen sein wird, bessere «soziale 'Anstände zu schaffen. Das wird dann der Fall sein, wenn die .,wohlgegliodorte Vielheit" in der ..Einheit“ nicht nur Omament, sondern mit,bestimmender Faktor sein wird, wie die« alle offiziellen Erklärungen verbiete rn und wofür auch wichtige Tatsachen sprechen. Die Neuordnung dos Staates erfordert Umdenken und Umlernen. nicht nur beim Arbeiter, «sondern bei allen Ständen. Man muß sich damit abfinden, daß für die Parteiendemokratie in Österreich kein Platz mehr ist. Was hat sie uns Juden gebracht? Dem einzelnen den Kitzel der Wahlbeteili- QASTSTÄTTE FÜR JEDERMANN I., Kärlnersfrafje Nr. 61 Besitzer Olfo Kaserer WIENER RATHAUSKELLER volkstümliche Preise in allen Lokalitäten Wien vor 400 Jahren Allabendlich Original Wiener Musik und Gesang Inhaber Ollo Kaserer gung, der jüdischen Minderheit in Österreich nichts. Eine sorgfältig konstruierte Wah.1geometrie sorgte dafür, daß die Juden von einer Vertretung durch bewußte Juden auegesch.los.sen waren. Die wenigen Wähler!olge bestätigen nur die Tatsache, daß die jüdische Minderheit in Österreich keine Möglichkeit hatte, ihren kollektiven Willen zum Ausdruck au bringen. Welcher Partei immer der Jude seine Stimme gab, er war das Sandkorn zwischen politischen Mühlsteinen. Nun stehen wir am Beginn einer neuen Verfaesungsära und wollen aus diesem Anlaß einige prinzipielle Feststellungen machen. .Staateform und Verfassung sind für uns in einem wesentlichen Punkte von subsidiärer Bedeutung, wenn man sie nämlich sub specle aeternitatis betrachtet. Die soziale Ethik unserer Propheten, bisher unerreicht an sittlicher Größe, beweist uns das. In seinem Briefe an die Exulanten fordert der Prophet Jeremia von ihnen, sie mögen das Wohl der Stadt fördern, in der sie wohnen. „Betet für feie zu Gott, denn bei ihrem Wohl wird auch euch wohl sein“, lesen wir da. Diese Worte des Propheten waren dem bewußten Judentum immer Wegweiser. Sie verlangen Treue gegenüber dem Staate, dem sie aber auch zurufeu: „Hier ist die jüdische Minderheit! Sie ist dir gegenüber gerecht und treu, vergilt ihr gleiches mit gleichem!“ Der sittliche Wert jeder Verfassung läßt sich am verläßlichsten nach ihren praktischen Auswirkungen gegenüber der jüdischen Minderheit im Lande beurteilen. Die Staaten ßind im 19. Jahrhundert einen falschen Weg gegangen und die Juden mit ihnen, da sie in der Assimilation das Heil erblickten. Genau so falsch und von verheerenden Folgen für den Staat selbst wäre eine Dissimilation der Juden. Deutschland ist ein warnendes Beispiel für alle Regierungen. Es wäre aber ein verhängnisvoller Irrtum, d u r c h eine Reehtsminderung auf kaltem Wege die Dissimilation zu tarnen. Soziale Liebe und soziale Gerechtigkeit — aber allen Einwohnern gegenüber — müssen die Grundlago jeder Verfassung sein und im öffentlichen Leben ohne jede Einschränkung geübt werden. Kein politisches System ißt sittlich gerechtfertigt.. das diese gruiufllegomlon Erfordernisse verletzt. Daraus ergibt sich für uns Juden, daß wir jede Verfassung begrüßen, die die faktische Gleichheit, aller Bürger in Theorie und Praxis, in Verfassung und Verwaltung verbürgt. Von der berufsstündißcheu Verfassung erwarten wir daher, daß sie unsere berechtigten Forderungen erfüllen wird. Sie möge das Unrecht der früheren Verfassungen gut machen, unsere kulturellen Forderungen berücksichtigen mul uns jene Stellung in den staatlichen Körperschaften und in der Bürgerschaft sichern, die uns nach unserer Bedeutung zukommt. Die soziale Gerechtigkeit erfordert, daß wir in den Beruteßtänden eine angemessene Vertretung finden und dies auch daun, wenn dies einige jüdische Angsthasen nicht haben wollten. Unsere Vertretung kann sich gereohtenvei.se nicht auf t'ine Vertretung unserer religiösen Interessen beschränken, die ohnedies in der neuen Ordnung mehr Verständnis finden werden als früher, sie muß auch unserer Stellung im beruflichen Leben Rechnung tragen. Pb ereil dort wo man Angriffe gegen uns richtet, wollen wir die Möglichkeit deö Schutzes und der Abwehr haben. Wir wollen uns nicht Jerusalem, 25. April. Die am 23. April vor dem Jerusalemer Geschworenengericht stattgefundene erste Verhandlung trug ganz das Gepräge eines Sensationsereignisses. Stavsky, Rosenblatt und Achi-Meir wurden von ihren vor dem Gerichtsgebäude angesammelten Parteifreunden mit lauten, aufmunternden Zurufen empfangen. Als Stavsky zur Anklagebank geführt wurde, trat seine Mutter mit tränengefüllten Augen auf ihn zu, umarmte ihn, sprach ihm Mut zu und sagte ihm, daß sie auf seinen Freispruch hoffe. Bald nachdem die Verhandlung in hebräischer Sprache eröffnet worden war, beantragte der Verteidiger Horace Samuel, daß in jiddischer Sprache verhandelt werde, da Stavsky und Rosenblatt nicht Hebräisch verstünden. Entgegen der sonstigen Gepflogenheit der palästinensischen Gerichte beschloß der Gerichtshof, dem Antrag des Verteidigers gemäß, Jiddisch als Verhandlungssprache zuzulassen. Als erster Zeuge wurde der Bürgermeister von Tel-Aviv, Meier Dizengoff, vernommen, der kurz nach dem Morde am Abend des 16. Juni in das Tel-Aviver Hospital, in das Arlosoroff eingeliefert wurde, eilte und mit ihm ein kurzes Gespräch über die Umstände des Mordes führte. Dizengoff schilderte genau und eindringlich diese seine letzte Begegnung mit Dr. Arlosoroff. Die letzten Worte, die Arlosoroff zu Dizengoff sprach, lauteten: „Sieh, was man mir angetan hat!“ über die mutmaßlichen Täter sagte Arlosoroff nichts. Der jüdische Polizist Selig Kampf, der an die Mordstelle gerufen wurde und die Uber- Palästinaabteilung nrro'pn» Josef Popper Internationale Transporte Wien, II-, Taborstraße 22 Telephon R 48-5-10, R 49-5-70 Serie Spezial - Warentransporte, Übersiedlungen, Verpackungen für Palästina, Transport- und Reisegepäckversicherungen. Auskünfte jeder Art über Palästina. in fremde kulturelle Angelegenheiten mengen, wollen an der Verbesserung unserer sozialen Schichtung mit arbeiten und jiiobei (1 u r c li M ä u n er unseres V e r t r a ue n s vertreten Kein. Das wird nicht nur uns, sondern in einem viel bedeutenderem Ausmaße, dem Frieden und dom Wohin Österreichs förderlich sein. .Schmitz sagt, in seiner Broschüre: „Da s G r u n d ü b e 1 der Gebells e h a f t i ö t d e r u n g e o r d n e t e E g o i s m u s“. Ein Grundiibol wäre daher auch der Egoismus, der sich einem Teile der Bevölkerung gegenüber durch einen faktischen nunierus clausus oder numenus nullus auswirkt. Wir hoffen zuversichtlich auf Grund wiederholter Erklärungen verantwortlicher Staatsmänner, daß uns Juden Österreichs unter der neuen Verfassung soziale Gerechtigkeit und soziale Liebe zuteil werden wird. Jeder ungeordnete Egoismus ist nach Schmitz ein Grundübel. Es darf daher nur einen geordneten Egoismus geben, das ist ein sacro egoismo der ganzen Gesellschaft, deren Individuen gleichberechtigt sind. Das ist der auch von der christlichen Gosollßchaftslohre und von Schmitz gepriesene Grundsatz: Ordnung is t Einheit in w‘ o h I g e g l i o d er t e r Vielheit. führung Arlosoroffs in das Hospital veranlaßte, sagte aus, Arlosoroff habe sich geweigert, seine Frage nach dem Täter oder den Tätern zu beantworten, er habe nur gesagt: „Ich kann wegen der Schmerzen nicht sprechen.“ Dann habe Arlosoroff ihm seine Brieftasche, in der sich Geld und Visitenkarten befanden, überreicht. Hier griff der Verteidiger Horace Samuel zum erstenmal ins Zeugenverhör ein. Er richtete an den Polizisten Kampf die Frage, ob sich in der Brieftasche auch die Photographie einer Frau befand. Kampf erwiderte, er erinnere sich nicht daran. Ein anderer jüdischer Polizist, Selig Ostrowsky, sagte aus, in dem Polizeibericht war gar keine Rede davon, daß sich in der Brieftasche Arlosoroffs die Photographie einer Frau befunden hätte. Leitartikel über die seit der vorjährigen Proklamierang des Judenboykotts unablässig andauernden Verfolgungen der Juden in Deutschland. Am Tage darauf sandten der Erzbischof von G’anterbury, Lord C e c i l of Cholwood und Sir W. II. B r a g g einen Brief an die „Times“, in dean sie clio Christenheit in Großbritannien auffordern, den verfolgten deutschen Juden zu Hilfe zu kommen. Die englischen Christen mögen dessen eingedenk sein, daß das Verfolgungs- »systom in Deutschland nicht allein Volljuden trifft, sondern viele andere Menschen, für deren Schicksal die Christenheit die Verantwortung tragen müßte. Aber auch den jüdischen Leiden gegenüber dürfen die Christen nicht gleichgültig bleiben; schon darum nicht, weil diese Juden unter dem Regime eines christlichen Staates leiden. Wir hoffen, heißt es am Schluß des Briefes, daß nicht Mangel an ZUERST: PALÄSTINA¬ REISEBERATUNG, DANN PALÄSTINAREISEN (veranstaltet Dir ihre Mitglieder) „PAG“, Kreditkassa und Wirfsehaftsvcreinigung für den Warenaustausch mit Palästina, reg. Gen. in. b. H., Wlan, VI., Caplstrangaase 2 (bei Mariahilf erst™ ßo 31). .Sprechstunden: Montag Pis Freitag, nur von 9 bis 12 Uhr Vaterländische Front und Judenfrage Bei einem Appell der Dienststcllenorganisation der Vaterländischen Front erklärte der Bimdesleiter - Stellvertreter llauptmaim n. D. Kein hl: „An die Judenfrage wird inan eines Tages herantreten müssen, aber dies wird in einer Art geschehen, wie es der .österreichischen Kultur und dem Wesen des österreichertums entspricht. V o l k s f r e md o n Einfluß auf den .Staat, werden wir aber dabei gerade in Österreich restlos nuszuschalten wissen.“ Diese dunkle Ausclruckswciisc bedarf dringendst einer Aufklärung durch die kompetente Regierungsstelle. Für die Stimmung in der jüdischen Bevölkerung Palästinas ist es charakteristisch, daß die antirevisionistische bürgerliche Tageszeitung „Haare z“ anläßlich der Eröffnung des Prozesses einen Leitartikel veröffentlicht, in dem sie den Wunsch ausdrückt, daß die von den Revisionisten im Ausland für den Verteidigungsfonds eingeleiteten Sammlungen vollen Erfolg haben mögen. Auf Initiative von Oberrabbiner Ko c k wurden nach Jerusalem eine Konferenz führender Rabbiner; Misrachisten und Allgemeiner Zionisten einberufen. Die Konferenz will einen Aufruf erlassen, in dem zur Un* terstützung der Sammlung von Mitteln für die Verteidigung der Angeklagten aufgefordert werden . soll. Zweitens soll ein allgemeiner Fasttag proklamiert werden, an dem Gebete darum gesprochen werden sollen, daß die Richter die Angeklagten als nicht schuldig befinden mögen. gutem Willen, sondern Unkenntnisder tragischen Tatsachen diie Schuld an der Nachlässigkeit in der Hilfeleistung seitens christlicher Kreiße trägt, und daß dieser Mangel bald wieder gutgemacht wert den wird. * Erklärung des „Manchester Guardian“ London, 24. April. „Man di oster Guardian“ berichtet über neue Judenverfolgungen in Deutschland und bemerkt dazu: Die Judenverfolgungen seitens der Braunhemden dauern an und arten hie und da zu regelrechten Pogromen, wie zum Beispiel der in Gunzcnha us c n, aus. Es handelt sich hier nicht um spontane Ausbrüche, sondern dio Braunhemden werden von ihren Befehlshabern unablässig daran erinnert, daß der Judo als Paria zu behandeln ist. Die Verantwortung für dieses Vorfolgungssystem ruht nicht auf den Nazi-Soldaten, eondorn auf den Führern und Arlosoroff-MordprozcB begonnen NEUERÖFFNUNG PENSION, CAFE-RESTAURANT, orth. -|©5 A. BARSCHAK & C0. aus Wien, II., Große Schiffg-asse 3, Tel. A 46-4-39 Das Unternehmen steht unter Aufsicht * Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Babad Ob.-Osterr. (Villa Mayrhofer) Erzbischof von Canterbury, Lord Cedi und Sir W. H. Brass rufen die enslisdie Christenheit für die deutschen Juden auf London, 24. April. ht-n pilitnn vnv n,iniio*en Ta<rnn einen GROSS ElW ERBEVERSAMMLUNG Mi.twoch, den 2. Mai 1934, 8 Uhr abends, Sektion Währing, XVlII., Währingerstraße 85, Cafö „Zum wilden Mann“ Dr. Josef Löwenherz: »Die Aufgaben und Leistungen der Kulfuige mflinde in der Jetztzeit« Dir. Dr. Viktor Kellner: »Zur jüdischen Situation«