Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1934-04-24 · Heft 347 (24.4.1934) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 347 (24.4.1934)
Date
1934-04-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3053752-3054070-3054101--4171-3059766
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. 847 — 24. April 1034 DIE STIMME Beftt B Bei den Bnei-Yisrael in Indien Theateir^uiidJLiteratur jüdisches Theater Gastspiel Vera Ranicicska—Paul Breitmann Das Jiddische Theater in Wien steht in den letzten Wochen ausschließlich Im Zeichen des Gastspiels der Gltsto Kaniewska— Breitmann. Insbesondere vermag Frau Kaniowska durch ihre blendenden Schauspiele* riechen Darbietungen immer wieder das Publikum zu fesseln. Gelangt noch ein jüdisches Stück, das im dramatischen Aufbau wohl an Ilirnrissigkeit nichts zu wünschen übrig läßt, aber doch auch etwas Volkshaftes aufweist, und wird es noch von guten jüdischen Melodien begleitet, wie dies zum Beispiel beim „B ö r d i c z o w e r 0 h u s e n“ der Fall ist, so sind die Wünsche des jüdischen Thoaterpnblikums erfüllt und der Theatererfolg ein gesicherter. Der künstlerische Löwenanteil solcher Aufführungen gebührt Frau Kaniewska. Verblüffend ist ihro Profilierungskunst, ganz gleichgültig, ob sie groteske oder tragischo Typen auf die Bühne bringt. Immer sind ihre Gestalten von einem starken und echten Lebensodem erfüllt. Ob sie die reizende „Palaschka“ oder das verschmitzte „Chusendel“ oder gar den bezaubernd rührenden „Berdiczower Cluisen“ (übrigens eine ihrer besten Rollen) verkörpert, immer wieder offenbart diese Frau neue künstlerische Seiten, gewinnt Sie den scheinbar unscheinbarsten und belanglosesten Rollen neue reizende Momente ab, füllt sie sie mit dem ganzen Charme ihrer strahlenden Persönlichkeit aus. Ihr zur Seito steht Paul B re it m a n n, der im „Berdiczower Chusen“ in Gesang und Spiel gleicherweise angenehmst auffiel. Israel Kamay überraschte auch iliesmal durch frisches, lebhaftes Spiel. Cilli Bell entwickelt auch in einer kleineren Rolle sympathische Spielfroudigkeit. Eine junge Schauspielerin mit wohlklingender Gosangsstimme lernte man in Fräulein Rubin kennen-. Nicht zu vergessen der kleine Holzkncc h t, mit dem ein großes Talent heranwächst. Nur darf diese zarte Kinderkraft unter keinen Umständen so exploitiert werden. Ebenso sollte der Aufmarsch der Armeleutc-Judenjungeu-Kompagnie lieber unterbleiben. Judenjungen gehören auf den jüdischen Sportplatz, damit sie junge Juden werden und nicht auf die Bühne! Die übrigen Mitwirkenden gaben mit dem Gästepaar ein guteingespieltes Ensemble ab, das bei richtiger künstlerischer Führung ohne Zweifel auch befähigt wäre, für ein ständiges jüdisches Theater eine Pflegestätte zu schaffen. j. r. Konzert Juliusz Wolfsohn Infolge plötzlicher Erkrankung des Dirigenten Dr. Ernst Ba ehr ich wurde das Konzert Juliusz Wolfsohn mit dom Wiener Konzertorchester nunmohr endgültig auf Donnerstag, den 26. April, um halb 8 Uhr, im Großen Musikverelnssaal festgesetzt. Die gelösten Karten behalton ihre Gültigkeit. Das Programm bringt unter anderem das C h opin -Konzort in E-Moll, ferner die „IIeb r ä i s c h o S u i t o“ von W o 1 f s o h n, oine Uraufführung oinös Werkes von Freud ouh a i n sowie Lieder und Arien, vorgetragen von Ctle ilio König. Sie haben Sorgen? Im Wienor jüdischen Gesangverein Ündon Sio Frounde, welcho Ihnen diese vertroibon wordon. Kommen Sio zu uns! Sie sind willkommon. Die Veroinsabonde finden jeden D io ns tag, halb 8 Uhr abends im Konzorthaus (IlollUndcrsaal) unter Leitung von Israel Uran d m a n n statt, Ein Kriminalfilm mit Honsi Niese. Unter dem Titel „Die Dame mit dem Schleier“ erscheint am 27. d. in Wien ein Kriminalfilm. in dom Hansi Niese eine ihrer letzten Rollen spielt. Weitoro Hauptrollen: Olga Tfechöehowa, Johannes Riemnnn, Paul Otto, Friedrich Kayßler. In der Kadoorischule in Bombay Mit bewundernswerter Gastfreundschaft lud mich Frau Rebekkah Rüben, die Leiterin der Kadoorischule in Born b a y, zur Besichtigung ihrer Anstalt ein. Der Name „K adoore“ hat in Bombay ungefähr denselben Klang wie der Name Rothschild in Europa. Einer hochangesehenen jüdisch-vefardischen Familie entstammend, wanderte der Begründer des Hausös Kadoore einige Jahrzehnte nach der Besitzergreifung 1. idiens durch die Engländer aus der berühmten spaniolischen Judengemeinde in Bagdad aus und übersiedelte nach Bombay, wo er es bald zu ungeheurem Reichtum brachte. Der Reichtum hat sich im Laufe des letzten Jahrhunderts vervielfacht und mit ihm ebenso der gute Name und der Ruhm der Kadoores. Alle Kadoores waren treue Juden geblieben und widmeten einen Großteil ihre* Vermögens ihren weniger glücklichen Glaubensgenossen. In philanthropischen Einrichtungen wetteifern die Kadooris in Bombay nrt den ebenfalls aus Bagdad stammenden jüdischen Goldmagnaten Indiens, den Sassoons. Eine Unmenge von Kadoore- und Sassoon- Stiftungen fällen dem Besucher jüdischer Einrichtungen in Bombay eofort ins Auge. Ein besonderes Augenmerk wandten die Kadoores den Bnei Yisrael —- den «sogenannten „schwarzen Juden“ von Bombay und Umgebung zu. So entstand auch fließe herrliche moderne Schule in Bombay, deren Leiterin Frau Rebekkah Rüben, selbst den Bnei Yisrael entstammend, gar nicht müde wurde, auf meine vielen Fragen zu antworten und mir auch am Schlüsse unserer Unterhaltung ihre Schützlinge, Klasse um Klasse — 700 an der Zahl — vorführte. Die Bnei Yisrael sehen äußerlich "eigentlich wie Inder aus. Nicht nur ihre - eigenartige orientalische Kleidung und Kopfbedeckung erinnert an irgend eine vornehmere Hindukaste, sondern auch die dunkle Hautfarbe. Die Bnei Y'srael sind nicht schwarz, wie man vielfach erzählen hört, sondern gelblichbraun — im allgemeinen stark den Yemeniten ähnelnd — nur zum Unterschied von diesen körperlich ausgezeichnet entwickelt — stark, gesund, kräftig, hochgewachson und sehr kultiviert. Die Mädchen tragen buntseidene Überwürfe — in den Hüften lose gefaltet — handgeflochtene goldverzierte Sandalen; Brokatkopftücher oder Blumen im Haar sind nicht selten. Dio Erziehung der Kinder, die von ihrem vierten (!) bis zum 18. Lebensjahre der K.adoorö-Sohule angehören, ist ganz modern und wird von 31 erstklassigen Leitern besorgt. Außer der englischen und hindustanischen Sprache lernen die Schüler \on ihrem siebenten Lebensjahr an auch Hebräisch — allerdings mehr zu Gebetzwecken, als um praktisch sprechen zu können. Ganz hervorragend ist die sportliche Erziehung der Bnei Yisrael in Bombay. Die Anstalt verfügt über eino der besten Hockeym annsc hafte n des Landes, pflegt Leichtathletik und Schwimmen sowie Krickett- und Baskettball als regelmäßige Schulgegenstände vom frühesten Kindesalter an. Schon als ganz junge Zöglinge werden die Kadoore-SchUlcr in leichtathletische Wettkämpfe geschickt, und den Erfolg sah ich mit eigenen Augen, als ich die hoehgewachsenen Gestalten der oberen Klassen bei meinem Besuche betrachtete. Ein herzliches „Sehalom“ empfing mich in alleu Klassen, und hello Begeisterung entstand, als die Jugend erfuhr, daß ich aus „Erez Israel“, aus ihrer Heimat sei — die sio vor mehr als zweitausend Jahren verlassen hatten. Die Sage erzählt nämlich, daß Eypei Yisrael noch lange vor der zweiten Tempelzerstörung bei der Verteilung des Landes Israel unter die zwölf Stämme ein Schiff bestiegen und — wie viele unserer Ahnon — eine abenteuerliche Seefahrt wagten. Das Schiff strandete an der persischen Küste — aber die Insassen retteten sich und be*- gannen eine lange Wanderung, die sie durch ganz Persien und wahrscheinlich auch durch das heutigo Afghanistan —■ vielfach durch Wüßten, nach Indien führte. Ihre Geschichte spricht von einem „Zug aus dem Norden nach dem Süden“, wobei mit „Süden“ nichts anderes als die Sildldiste Indiens — Bombay und Umgebung gemeint ist. Vori den jüdischen Festen findet sich in ihrer Geschichte nur Jom Kippur, Rosch Haschanah und Pessach verzeichnet, während sic zum Beispiel Purim und Chnnukah nicht kannten. Natürlich lernen die Kadooreschülcr heute ebenso die Megilath Esther wie die Geschichte der Makkabäer, wenngleich es eigentlich nicht, ihro Geschichte ist, da ihre Väter sich schon lange Zeit vor jenen historischen Geschehnissen von der jüdischen Volkseinheit loslösten. Zum modernen Zionismus haben die Bnei Yisrael keine praktische Einstellung, wenngleich sic eine unsagbare Sehnsucht nach dem „Heiligen Land“, besonders nach Jerusalem, zieht. 15.000 Bnei Yisrael — hievon über 7000 in Bombay — könnten ein ausgezeichnetes Clialuz-Elcinent für unser Land liefern, wenn man sich der Mühe unterziehen würde, dieses Menschenmaterial zionistisch zu erziehen und unserem Lande näherzubringen. Der \nfang wurde durch die palästinensischen Makkabim, die Bombay auf ihrer Reise zu der Westasien-Ölympiade passierten, schon gemacht. Nun möge die zionistische Weltorganisation das weitere tun! Bevor ich die Anstalt verließ, dankte ich meiner netten Führerin, Frau Rebekkah Rüben, und sprach einige Dankesworte auch zu den älteren Schülern, die die Direktrice zum Abschied zusammenrief. „Wir werden zu unseren Brüdern nach Erez Israel kommen — zu den Makkabim — zur großen jüdischen Olympiade — zur zweiten Makk a b iah — wir werden unsere besten Höckey Spieler und Athleten entsenden und werden das Land unserer Väter sehen und Jerusalem, die ,Heilige Stadt'.“ Dieses herrliche Versprechen — das waren gie letzten Worte, die ich hörte —, dann saß ich im Auto, und lange Zeit fiel mir nichts anderes ein, als ein und dasselbe Wort: „Brüder“ ... das ich mir immer wiederholte. Von Walter FranJcI, äzt. Bushir (Persien) MatSaam Birnbaum»70 Jahre Der jetzt in Scheveningen lebende bekannte Führer des thoratreuen Judentums, Dr. Nathan B i r n b a u m, vollendet am 25. d. sein 70. Lebensjahr. Birnbaum war in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einer der Vorkämpfer' des nationalen jüdischen Gedankens und hat nach der Begründung des modernen politischen Zionismus kurze Zeit eine bemerkenswerte Rolle in der Organisation gespielt. Nach dem zweiten Zionisten-KongTcß im Jahre 189S schied er aus der Organisation au's. Seit 1902 führte er in Österreich, Rußland und Amerika eine intensive Propaganda für die Pflege der jiddischen Sprache und Literatur. Dank seiner Initiative kam die im August 1908 in Czernowitz abgehaltene jiddische Spraehkonferenz zustande. Auf seine unermüdliche Werbearbeit ist es unter anderem zurüekzuführen, daß die zusammen fassende und eine kulturelle Einheit andeutende Bezeichnung „Ostjuden“, die er immer wieder vorschlug, an die Stelle der früher fast ausschließlich gebrauchten Bezeichnungen „polnische Juden“, „russische Juden“ usw. trat. Birnbaum hat eine Reihe von Zeitschriften gegründet und geleitet, wio ..Selbstemanzipation“ (Wien 1885—1886 und 1890 bis 1893, „Jüdische Volkszeitung“ (Berlin 1890), „Zion“ (1890) und zuletzt „Der Ruf“, der jetzt in Amsterdam erscheint. Seine „Aufgewühlten Schriften“ sind 1910 in zwei Bänden in Czernowitz erschienen. Aus neuerer Zeit nach vollzogenem Anschluß an die streng religiöse Richtung stammen „Gottes Volk“ (deutsch, 2. Auflage, Wien 1918, jiddisch, Berlin 1921); „Diwre lioalam“ (hebräisch und jiddisch); „Vom Freigeist zuni Gläubigen“ (Zürich 5(579); „Vor dem Wandersturm“ (Frankfurt a. M„ 2. Auflage, 5680); „Um dio Ewigkeit“ (Berlin 192ti); „Im Galuth bei Juden“ (Zürich). Zusammen mit Hugo Herrmarm gab er „Edom, Berichte jüdischer Zeugen und Zeitgenossen über die Judenverfolgungen während der Kreuzziige“, aus dem Hebräischen, heraus. Anläßlich seines 60. Geburtstages erschien im Warschauer Verlag Josobnrun ein Sammelbuch über sein Lehen mid seine Werke. Nathan Birnbaum, der unter dem Pseudonym Matthias A c h e r auch auf dem Gebiete der schönen Literatur hervorgetreten ist, wirkte viele Jahre in Wien, wo er 1882 zusammen mit Moritz Sehnirer, Bierer und J. Sotok die älteste jüdische Studentenverbindung Österreich«;, die „Kadimah“, gründete. Seine Söhne sind der bekannte Forscher für jiddische Sprachwissenschaft Dr. phil. Salomo Birnbaum, früher Dozent an der Universität Hamburg, und der Dichter und Maler Uriel Birnbaum. Nathan Birnbaum mußte nach dem Durchbruch de* Hitlertums in Deutschland seinen letzten Wirkungskreis in Deutschland verlassen und nach Holland übersiedeln. Nathan Birnbaum: Ihr und ich. Wh bringen aus Nathan Birnbaums .Jugendgedichten das folgende Gedicht, das heute erneuerte Aktualität besitzt. Ihr habt mir das Schwert aus den Händen. gewunden, Die Krone gerissen vom Königshaupt. Ihr habt mir den Kücken krumm gebunden, Den kecken, den siegenden Blick geraubt/ Ihr habt mich aus einsamer Höhe gestoßen, ln wimmelnde Tiefe hinabgedrängt, Ihr habt meinen Stola, den reinen, den großen, ln Schmutz und Schlamm und Sumpf ertränkt! Ihr habt mich gehalten in dumpfen Verließen Und habt mir gestohlen die jauchzende Welt, Ihr habt mich betrogen ums Glückgenießen Und habt mir den Sinn meines Lebens entstellt. So will ich euch fluchen und, will euch hassen! Doch nein — ich entkam ja der Schmach und Not. Wohl könnt ihr’s in eurem Dünkel nicht fassen, > Wie blutend Leben weiter loht. Aus meinem Herzen hob* ich gesogen Viel sonnige Fäden so fein und fest, Und hab* mir daraus zusammengewoben Ein neues lauschiges Weltennest. Aus meinem Geiste hab* ich geschmiedet Mir hurtig Krone und Schwert zugleich, Nun rag' ich aufrecht und glanzumfriedet ln meinem jungen Gedankenreich. Und hole aus tiefen Seelenverstecken Mein Wollen, den zeugenden Sturm hervor, Und laß' ihn wirbeln und laß' ihn wecketi Aus Ahnen und Denken die Taten empor! „., Nun will ich euch segnen und will euch lieben, So viel und so schwer ihr gesündigt an miri Denn ich bin das siegende Opfer geblieben Und reueverfallene Henker ihr. Der Sprachforscher und Pädagoge Prof• Caro gestorben Am zweiten Po&saehtag ist in Frankfurt a. M. einer der bedeutendsten jüdischen Pädagogen, der weit über seine Lehrtätigkeit in Frankfurt hinaus in der wissenschaftlichen Welt als Sprachforscher großes Ansehen genoß, dahingegangen: Prof Dr. Josef Caro erlag 71jährig einom Herzschlag. Als Sproß einer berühmten Rabbiner- und Gelehrtenfamilie in Rawitech (Posen) geboren, promovierte Josef Caro 1886 in B r e s l a u und wurde 1889 als N e U p h il o 1 o g e an die damals noch junge Rea lschule der Israelitischen Religionsgemeinschaft von Dir. Mendel Hirsch berufen, wo er vierzig Jahre wirkte. Neben seiner Scdiultütigkeit ist Prof. Caro aber ständig auch als Sprachforscher hervorgetrd*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.