Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 346 (20.4.1934)
- Date
- 1934-04-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 346. — 20. April 1034 DIE STIMME Seite 3 Die Landeskonferenz der österreichischen Zionisten Im bis aufs letzte Plätzchen gefüllten Festsaal des Nied.-Oster r. Gewerbevereines wurde am Dienstag, den. 17. d. M., vom Präsidenten des Zionisti sehen Landesverbandes, Herrn Dr. Oskar Grünbaum, in hebräischer Sprache die diesjährige Landes ko nfere n z d e s Zionistischen Landesver b a n d e s für Österreich eröffnet. Dr. Grünbaum begrüßte die Delegierten und Gäste, insbesondere das Mitglied der Zionistischen Exekutive in London Professor S. Brodetsdy, Oberrabbincr Dr. David Feuchtwang, Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde Dr. Desidcr F r i e d m a n n, als Vertreter der Wiener Kultusgemeindc Vizepräsidenten Dr. Josef Löwenherz, Frau Präsidentin Sophie Löwenherz (Wizo), den Präsidenten des Keren Kajemeth für Österreich Adolf Böhm, Dr. David Rothblum (Histadruth Iwrith), Dr. Bernhardt und Dr. Piekarsky (Herzl-Klub), Oberfinanzrat Dr. Be n e d i k t (Hakoah) und schließlich die Vertreter der Ortsgruppen Graz, Linz, Wiener-Neustadt, Baden und Mödling Die Eröffungssitzung In seiner Eröffnungsansprache wies Doktor Grünbaum auf den ernsten Charakter der Zeit hin, in der der Delegierten tag Zusammentritt. Wir haben — sagt Dr. Grünbaum — in diesem Jahre unendlich Schweres erlebt. Jeder von Ihnen spürt die Judennot am eigenen Leibe sehr schwer und wir stehen heute am Abschlüsse einer Entwicklung in unserer Landesorganisation. Vor vier Jahren war es anders mit unserem Zionistischen Landesverbände bestellt, wie heute. Die Organisation war zerfallen, die Bezirkssektion Leopoldstadt, heute unsere stärkste Sektion, hatte damals 7 Mitglieder. Unsere Finanzen waren zerrüttet. Wenn wir heute nachsehen, wie es bei uns aussieht, können wir feststellen, daß wir geordnete finanzielle und administrative Verhältnisse haben. Es ist notwendig, daß das einmal in der Öffentlichkeit gesagt wird. Man hat uns den Untergang prophezeit, man hat an unserer Existenzmöglichkeit gezweifelt, abeT Wir leben noch und leben, obwohl wir keinerlei gleißnerische Parolen gehabt haben. Wir sind in die jüdischen Massen gedrungen und haben dort unermüdliche Kleinarbeit geleistet. Im letzten Jahre haben wir CAFE SILIER I.« SCHWEDENPLATZ für diese Wahl aius. Ins Präsidium wurden noch außerdem gewählt: Prof. Wilhelm Stein, Frau Federn Lipschütz, Doktor Morgenstern. In den Permanenzausschuß wurden entsendet: Prof. Rath, Ingenieur Ehrlich, Dr. Groß, Apotheker Groß, Frau Dr. Löwenherz, Dr. Zwi Wieselberg, Karl Schwarz (Graz), Inspektor Stern, Lebensohn und Nimmhäuser. Die Rede Brodetzkys des Eröffnungsabends Im Mittelpunkt stand das Referat des Mitgliedes der . Zion. Exekutive, London, Prof. S. Brodetsky. Prof. Brodetsky führte in seinem hochinteressanten, von großem Optimismus erfüllten, von der Landeskonferenz und den Gästen mit größtem Beifall aufgenommenen Referate ungefähr folgendes aus: Prof. Brodetsky bringt in hebräischer Sprache zunächst die Grüße der zionistischen Exekutive und gibt seiner Freude Ausdruck über die finanzielle und organisa- 4 Schilling arbeiten, die unter den schwersten Bedingungen, die wir hier nicht kennen, in der schwersten Sonnenhitze, diese Menschen tanzen, diese Menschen singen, in diesen Menschen ist der biblische Spruch: „Gestern waren wir Sklaven, heute sind wir frei!“ verwirklicht worden. Wir sind freie Menschen geworden in Palästina. Wenn man diese zwei Faktoren gesehen hat: das wachsende, das tanzende und singende Palästina, dann erscheint einem die Frage, welchen Sinn es habe, hier mit der Algebra zu spiemehr neue Mitglieder bekommen, als alle anderen zionistischen Organisationen in Österreich zusammen haben. Wir haben im Zionistischen Landoskomitee unsere eigene Ansicht durchgekämpft, wir haben gesagt, wir sind dafür, daß alle, die arbeitswillig sind, die eine Stätte der Arbeit suchen, zu uns kommen; nicht diejenigen, diie nutzlose Diskussionen abführen wollen, nicht diejenigen, die Opposition machen, um der Opposition willen. Ich freue mich ganz außerordentlich, daß diese Ansicht doch langsam und sicher sich durchringt. Es ist mir eine ganz besondere Freude, Ihnen mitteilen zu können, daß der Verband der Radikalen Zionisten sich unserem Verbände angeschlossen hat. Ich begrüße diese Tatsache aufs herzlichste. Wir wollen aufrichtige Freundschaft halten. Wir wollen die Meinung des anderen achten, ehrliche und aufopferungsvolle zionistische Arbeit leisten, und wo es möglich ist, freundschaftlich Zusammenarbeiten. Wir haben eine Disziplin. Dieser Disziplin haben wir uns selbst unterworfen, dieser Disziplin unterwerfen sich auch die Radikalen. Alle Zionisten, die das gleiche wollen, wie wir, nämlich Arbeit, denen stehen die Tore der Zionistischen Organisation weit offen. Das will ich ganz deutlich festgestellt haben. Es ist dies eine höfliche Einladung an jedermann, aber auch eine Erklärung, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Begrüßungen 1 Eine Reilhe von Begrüßungsschreiben langten ein. So vom Zion. Landesverband Ungarns, von der Ortsgruppe Klagenfurt, von dem Weltverband der Allgemeinen Zionisten (Krakau), von der Ortsgruppe Salzburg, vom Zion. Zentralverband für die Tschechoslowakische Republik, und schließlich oin Begrüßungstelegramm vom Präsidenten der Allgemeinen Zionisten, Doktor Schwarzbarth aus Tel Aviv. Untor großem Beifall wird die Wahl des Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Dosider Friedmann, zum Präsiden- Die langer wartete, aktuelle Neuerscheinung JESAIAS PRESS NEUES PALÄSTINA-HANDBUCH iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiw Der vollkommenste Reiseführer, mit 31 Karten und StadtplSnen * Unentbehrlich fDr jede Palästinareise Wichtig für jeden Palästina-Interessenten Fiba*Versandbuchhandlun9( Wien, VI., GumpendorfcrstraBe 10 Telephon B 94*9*78 torische Konsolidierung des österreichischen len, recht müßig. Es ist jetzt nicht die Frage Landesverbandes. Er bringt Grüße von Palästina, das er als letzter Teilnehmer an der A. C.-Tagung verlassen hat, von den 250.000 Juden, die hier leben, arbeiten, sin gen und tanzen und am Leben so große Freude haben. „Ich freue mich besonders“, sagte Prof Brodetsky, „an einer Tagung des Landesverbandes für Österreich teilnehmen zu können, weil ich an den Allgemeinen Zionismus glaube — wohl nicht an einen A-, B- oder C-Allgemeinen-Zionismus —, denn als Mathematiker darf ich mir wohl erlauben, gegen die Algebra zu sprechen. Wir brauchen einen Zionismus für das ganze Judentum, einen Zionismus, für dem der Aufbau des jüdischen Landes, des jüdischen Volkes oberstes Prinzip bedeutet. Es gibt verschiedene Probleme im Zionismus, die Probleme der Organisation, der Arbeit, der Politik, das Wichtigste aber ist, daß wir zusammen für ein Ideal arbeiten. Der Allgemeine Zionismus ist nicht der Zionismus einer Richtung oder irgend eines Standes, sondern der Zionismus des ganzen jüdischen Volkes.“ Über die A. C.-Sitzung sagte Brodetsky folgendes: Die Tagung hat ein sehr wichtiges Moment gebracht: Die Differenzen sind zu einem großen Teil verschwunden, das praktische Palästina wird auch die anderen Differenzen aus der Welt schaffen. Für mich ist die Hauptaufgabe des Zionismus: d e r A u fbauPalästinas. Hier ist es vor allem der rasche Aufbau, der frappiert. Palästina wächst in grandioser Weise. Tel-Aviv ist jetzt eine Stadt von 100.000 jüdischen Einwohnern. Das Zentrum dieser Stadt ist nicht mehr dort, wo es vor zwei Jahren war. Die Levante-Messo wird eine der größten Ausstellungen werden, die es je gegeben hat. Etwa 22 Regierungen werden sich an der Messe beteiligen. Die englische Regierung hat dort ein großes Haus für zukünftige Messen gebaut. Wir sind heute in Palästina ein wichtiger Faktor geworden. Die zweite Feststellung, die ich in Palästina machen konnte, ist die Lebensfreude der Menschen, Man kann hierüber nicht genügend erzählen. Sie haben keine Ahnung, wie düster S i e aussehen, nach Palästina. In Palästina sieht man Menschen, die Freude am Leben haben. In Palästina wird immer gesungen, getanzt. Das ist das wahre, das ten der Landeskonferenz vorgenommen, echte Judentum. Die Arbeiter, die um 3 bis einer Meinung gegen eine andere Meinung, es spielt sich hier der Prozeß eines Volkes ab. Das Volk erneuert sich. Der Jude fragt jetzt nicht: Wer ist Präsident?, sondern: Kann ich nach Palästina fahren? Was ich von Dr. Grünbaum hörte, läßt mich hoffen, daß man hier nach einer gewissen Zeit vergessen wird, daß es eine Algebra, daß es Parteien gibt, und daß man nur an das wachsende Palästina, an das fröhliche jüdische Volk denken wird. Die Probleme, die wir zu lösen haben, sind schwer; und es unterliegt keinem Zweifel, daß die politischen. Probleme in Palästina keineswegs gelöst sind. Da ist zum Beispiel die englische Regierung. Ich kann wohl nicht behaupten, daß sie das tut, was sie tun soll. Ich habe mir überhaupt nie die Aufgabe gestellt, als Anwalt der englischen Regierung zu erscheinen. Es ist sicher, daß die Einwanderungspolitik der englischen Regierung in der letzten Zeit nicht die richtige ist. Palästina hat jetzt eine Aufnahmsfähigkeit, die viel größer ist, als wie sie die Regierung errechnet hat. Wenn wir 20.000 Zertifikate verlangen und die Regierung uns 18.000 erteilt, so ist dies eine Meinungsverschiedenheit. Aber wenn wir 24.000 verlangen und die Regierung uns 5500 gibt, dann ist dies keine Meinungsverschiedenheit mehr, sondern einfach eine andere Politik. Man hat mich vor einigen Jahren, als es keine Palästina einw an derung gab, gefragt, wie wir Palästina mit den paar Ohaluzim aufzubauen gedenken. Ich habe darauf gesagt: Es wird eine Zeit kommen, wo der Jude entdecken wird, daß es ein Palästina gibt. Diese Zeit ist jetzt gekommen. Alle Juden haben jetzt Palästina entdeckt. Wir Zionisten waren die Pioniere, dio Forscher. Man hat auf uns geschimpft, wie man auf alle Forscher schimpft. Doch die Entdeckung, die wir vor 30 Jahren gemacht haben, hat jetzt das ganze Judentum gemacht. Die Aufnahmsfähigkeit ist nicht nur ein Faktor der geographischen Bedingungen Palästinas, sondern vielmehr ein Faktor des Glaubens und des Idealismus des jüdischen Volkes. Wenn die englische Regierung es verstanden hätte, würde sie zuerst ausgerechnet haben, wie viele Menschen nach Palästina kommen können — und dann diese Zahl verdoppeln. Denn der Jude braucht nur dio Hälfte des Raumes. In New York zum Beispiel gibt es zwei Millionen Juden und diese Juden haben sich kraft ihrer Fähigkeiten, selbst ihre Aufnahmsfähigkeit geschaffen. So ist es in der ganzen Welt gewesen. Was der Jude unter schweren Verhältnissen tun kann, das kann sonst niemand anderer. Das jüdische Volk, das ist die Aufnahmsfähigkeit Palästinas. Ich glaube an eine große Zukunft. Palästina ist das Land, das in der Mitte der Welt steht. In Palästina treffen sich alle Wege. Die ganze Menschheit geht durch diesen kleinen Teil. Früher führte der Handelsweg von Osten nach Westen über den Ural nach Kiew, jetzt geht der Weg von Westen nach Osten durch diese kleine Öffnung zwischen Asien und Afrika. Wir werden Palästina aufbauen. Der Verkehr in Haifa Ist in den letzten Jahren so gestiegen, wie man sich dies gar nicht vorstellen kann. Die anderen Häfen stehen schon im Hintergrund. Haifa ist jetzt einer der wichtigsten Punkte der Welt geworden. Die Bevölkerung Haifas war zu wenig jüdisch. In den letzten paar Jahren ist hier eine große Änderung eingetreten, jetzt beträgt der Prozentsatz 50, er wird sicherlich in den nächsten Jahren noch sehr steigen. Wir haben eine Türe vom Westen nach dem Osten geöffnet. Der Handel und die Kultur zwischen Ost und West gehen durch Palästina. Der ■Suez-Kanal hat an Bedeutung verloren. In Indien und China zusammen leben 900 Millionen Menschen, also die Hälfte der Menschheit. Diese suchen jetzt die Möglichkeit, ihre Rolle in der Weltpolitik zu spielen. In Haifa ist viel internationales Erlösung von der täglichen Quo) ht diesanft-scharfe SWING Kapital. Das ist nicht gut. Wir müssen! Palästina für uns bauen. Alle Juden haben gleiche Bedeutung für das Land. Der Arbeiter sowohl, als auch der Kapitalist. Sie haben gleiche Berechtigung und auch gleiche Pflichten in Palästina. Wenn man in der Geschichte von der Größe des jüdischen Volkes spricht, dann spricht man nur vom Sande, vom gewöhnlichen Juden, vom Proletarier, nicht vom Auserwählten. Das gesamte jüdische Volk wird das Land aufbauen. Man hat gesagt, die deutschen Juden werden nicht Hebräisch sprechen. Ich habe geantwortet, die hebräische Sprache ist eine Sprache, die alle anderen Sprachen verschlingt. Die deutschen Juden sprechen Hebräisch und selbst die älteren deutschen Juden stammeln schon Hebräisch. In Palästina gibt es eine hebräische Kultur, die verschlingt alles. In der letzten Zeit haben wir ein wenig vergessen, daß Palästina doch etwas von der Galuth beziehen muß. Aber es gibt eine Sache, die Palästina von der Galuth beziehen kann, die Aliah. Das Wort Alij ah ist wichtig. Denn Einwanderung heißt auf Hebräisch Hagirak Man kommt in ein Land als Fremder, doch wir kommen naoh Palästina, um dort Juden zu werden. Ich will Ihnen nun ein Wort über das schwierige Problem der Erziehung der Jugend sagen. In unserem Leben in der Galuth fehlt die Beziehung zu den alten Traditionen, die uns 4000 Jahre lang am Leben erhalten hat und die die Basis für die nächsten 4000 Jahre unseres Lebens bildet. Ich glaube nicht an die Möglichkeit eines plötzlichen Endes einer Kultur eines Volkes. Aus der Bibel kam der Talmud, aus dem Talmud dio rabbinische Literatur, dann kamen die Maskilim, dio Haskade und von ihr dio moderne hebräische Literatur, die aufgebaut ist auf dem alten jüdischen Leben. Es ist kein Zufall, daß der einzige Mensch, der in Palästina wirklich eino Bedeutung für die kulturelle Entwicklung des Landes hat,