Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 345 (17.4.1934)
- Date
- 1934-04-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 345. — Erziehung zur musik VON JOACHIM STUTSCHESWKy, WIEN Ausstellung für Synagogenarchltektur ln London In London wurde durch den polnischen Gesandten S k i r m 11 n t. eine Ausstellung von bisher noch nirgends gezeigten Zeichnungen des Professors der Architektur Georges L u k o m s k i eröffnet, die polnische Synagogein aus dem 15. bis 18. Jahrhundert darstellen. Professor Lukomski hielt bei der Eröffnung einen Vortrag, in dem er nachwies, daß Synagogen in Polen bereite seit 1203, also seit mehr als 700 Jahren bestehen; zu vermuten sei, daß die ersten Synagogen in Polen schon 1060 errichtet wurden, doch lasse eich vorläufig der exakte Nachweis hiefttr noch nicht erbringen. Der Vortragende trat sodann der Ansicht entgegen, daß die Juden nicht« Bedeutende« auf dem Gebiet der bildenden Kunst geleistet hätten. Erst vor kurzem sei durch neue Entdeckungen eine bemerkenswerte künstlerische Tätigkeit der Juden im 2. und 3. Jahrhundert festgestellt worden. Die jüngsten Forschungen in Polen hätten ergeben, daß die bisherige Annahme, die «panische Synagogenarchitektur des 11. bi« 15. Jahrhunderte sei für alle spätere Synagogenarchitektur vorbildlich geworden, nicht aufrechterhalten werden kann. Auch in Osteuropa: Polen, Rußland, Rumänien und Lettland sei eine ursprüngliche jüdische Kunst entstanden, und die aus der Krim eingewanderten Juden hätten ebenfalls in einer spezifisch jüdischen Architektur gebaut. Der Synagogenbau in Polen habe bereite im 14. Jahrhundert begonnen, zu einer Zeit, da anderwärts nur Bethäuser bestanden. Dann erst wurden auch in Italien und Deutschland Synagogen errichtet, die aber klein und architektonisch imbedeutend waren. Auch die in Prag, Worms und Mainz errichteten Synagogen seien für die Entwicklung eines repräsentativen jüdischen Architekturstils von minderer Bedeutung gewesen. In den Holzsynagogen Polens komme eine bemerkenswerte Ursprünglichkeit des Stils bei gleichzeitigem Einfluß nichtchristlicher Baustile, wie des chinesischen Pagodenstils, sowie der indischen Kunst zum Ausdruck, Einflüsse, die sich auf dem Umweg über Gebiete am Schwarzen Meer geltend gemacht hätten. Auch wertvolle Elemente altslawischer Kunst seien durch diese Synagogenbauten aufbewahrt worden. Steinsynagogen sind in Polen seit dem 14. Jahrhundert bekannt. Die älteste, noch heute bestehende Synagoge Polens ist eine aus dem 14. Jahrhundert stammende, in romanischem Stil erbaute Synagoge i n einer Vorstadt von Krakau. In der Art ihrer Anlage käme ganz besonders in den Synagogen Polens die Eigenart des Lebens und der Gebräuche der Juden jener Zeit zum Ausdruck. Zum Schluß wie« Professor Lukomski auf die Notwendigkeit hin, eine vollständige Sammlung jüdischer Synagogenarchitektur anzulegen, da viele Holzsynagogen vom Untergang bedroht seien. Es sei ebenso Pflicht der polnischen Regierung wie des jüdischen Volkes soviel wie möglich von diesen Kunstechätzen zu erhalten, besonders im Hinblick darauf, daß diese jüdische Kunst in Europa noch ziemlich unbekannt ist und endlich ihre Würdigung finden müsse. Das Aufnehmen und Erfassen eine« Musikwerkes stellt an den Hörer Anforderungen, zu deren Bewältigung es einer gewissenhaften Vorschulung bedarf. So wie jedes Kind Lesen und Schreiben lernt, so sollte es auch musikalisch gebildet werden, um in reiferen Jahren in der Lage zu sein, die Zusammenhänge des melodischen (motivischen) Materials, den Rhythmus, der den Tönen Gliederung verleiht, und die Harmonien, die der Musik Basis und Farbe geben, zu verstehen. In Wirklichkeit sind die meisten Konzertbesucher zwar „musikalisch“, aber in der Musik leider völlige „Analphabeten“. Denn erst durch das Spielen eines Instruments und durch richtiges Singen erwerben wir die Fähigkeit, zum Musikwerk in innere Beziehung zu treten, es so wirklich zu genießen. Erst durch das eingehende Studium und wiederholte« Spielen einer Komposition wird uns das unbekannte Land der Töne, das uns die vielfältigsten Eindrücke vermittelt, erschlossen und vertraut. Nur auf diesem Wege wird aus dem Ahnungslosen, desinteressierten Zuhörer der ernste Musikliebhaber, dem Musik nicht bloß eine gesellschaftliche Angelegenheit ist, sondern ein tiefes Bedürfnis, eine neue Quelle der Freude und Begeisterung. Durch eine sorgfältige Musikerziehung wird die Jugend allmählich zu einem aktiven Musikempfinden erzogen. Das Fehlen einer fundierten, musikalische« Schulung wirkt sich auch in dem Mißverhältnis der jüdischen Massen zur Kunstmusik entscheidend aus. Bis zum Volkslied oder Volkstanz kommen sie noch mit, ja es ist untrennbar mit ihnen verbunden, aber darüber hinaus versagen sie die Gefolgschaft, weil ihnen einfach das Verständnis fehlt. Im jetzigen Abschnitt jüdischer Geschichte, da die Besinnung auf eigenes geistiges und seelisches Gut wieder im Erwachen ist. sollten wir auch diejenigen, denen noch die Kunstmusik fernesteht, zu ihr hinführen, ihnen ihre Werte erschließen. Eine umfassende Musikerziehung muß zur Hauptaufgabe unserer kulturellen Arbeit werden. Nicht nur in Palästina, sondern allerorts. Im Palästina, wo eine bodenständige Kultur im Entstehen begriffen ist, wird die Musikerziehung ihre natürliche Entwicklung nehmen. In der Diaspora muß sie jedoch erst planmäßig eingeleitet und organisiert werden. Die Eindrücke von gehörter Musik sind unmittelbarer, wirkungsvoller und anhaltender als noch so tiefgehende Überlegungen über die Musikwerke. Es ist eine unaufschiebbare Pflicht unserer führenden Persönlichkeiten, das Volk intensiver zum Musikhören zu erziehen, die Selbstverständlichkeit, ja Unentbehrlichkeit ihrer Existenz, ihre organische Verbundenheit mit dom Menschen klarzulegen, um das musikalische Niveau zu heben und zu vertiefen. Wir müssen endlich den Wert einer ernsten, musikalischen Erziehung für die geistige und kulturelle Entwicklung des Volkes erkennen und uns eingehender damit befassen. Denken wir speziell an die Jugend, an unsere heutige Jugend. Der gefährliche Gegner einer gesunden Musikerziehung ist der Sport, der das ganze Interesse der jungen Generation vollkommen absorbiert. Gegen Sport in bescheidenem Ausmaße ist gewiß nichts einzuwenden. Aber die Formen, die er heute angenommen hat, die völlige Überschätzung der sportlichen Betätigung und die daraus resultierende verschobene Einstellung zu allen Lebenserscheinungen, zwingt uns, alle Kräfte für eine anders geartete Erziehung einzusetzen. (Die Sportfanatiker mögen mich für diese Äußerungen nicht knock out schlagen!) Wir müssen die Jugend wieder zu einer höheren und idealeren Auffassung des Lebens und des Menschen führen. Dazu kann gerade die Musikerziehung am meisten beitragen. Es geht um das Innerste des Menschen, seine Seele! Man beginne in Gruppen und Vereinen die Musik, Gesang, Instrumentalspiel, rhythmische Gymnastik in die allgemeine Arbeitsleistung systematisch cinzugliedern, die Veranstaltung von Konzerten weitestgehend zu unterstützen und auch bei allgemeinen Veranstaltungen und Festlichkeiten der jüdischen Kunstmusik breiteren Raum v" gewähren. Durch eine zielbewußte und andauernde Musikpflege wird und muß es gelingen, unsere Massen aus ihrer Unbekümmertheit herauszu- Neue Schikanen für Palästina- Wanderer Warschau, 15. April. Der englische Konsul in Warschau teilte dem Palästina-Amt mit, daß die Palästina- Regierung ihm eine Instruktion, betreffend etwa 400 Palästina-Einwanderungsbewerber der sogenannten Kapitalistenklasse gesandt hat des Inhalts, daß jeder Bewerber als Depositum an einer der bevollmächtigten Banken 1000 Pfund einzuzahlen habe, und erst, wenn das geschehen ist, seine Bewerbung um Zertifikat und Visum in Behandlung gezogen werden könne. Bisher war der Modus derart, daß die Summe von 1000 Pfund erlegt wurde, wenn der Bewerber die Genehmigung zur Einreise erhalten hat und unmittelbar vor der Einreise stand. Die neue Verordnung erschwert ungeheuer die Einwanderung von Kapitalisten, indem sie solche zwingt, vorerst ihre Geschäfte in Polen zu liquidieren, um sich die notwendige Barsumme zu beschaffen, und erst dann sich in das ungewisse Abenteuer einer Visumsbewerbung einzulassen, deren Erledigung oft Monate dauern kann. In der polnischen Judenheit herrscht Entrüstung über diesen von der Palästina-Regierung geführten neuen Schlag gegen die Aliah. ic Jabotinskys Palästina-Visum Jerusalem, 15. April. Hier verlautet, daß der High Commissioner das Londoner Colonial Office telegraphisch verständigt hat, daß er nichts dagegen ein zu wenden h at, wenn Herrn Wladimir Jabotinsky ein V i s u m f ür d i e Ei nreise nach Palästina gegeben wird. In der von Jabotinsky verfaßten und von der Union der Zionisten-Revlsionisten verbreiteten Petition, die für den König Georg1 von England bestimmt ißt, weist Jabotinsky darauf hin, daß er selbst zu „einer der Kategorien jener Juden gehört, die gemäß den Gesetzen Palästina« von der Einwanderung in dieses Land ausgeschlossen sind“. In der Petition heißt cs dann weiter: „Ich bitte deshalb in aller Ehrfurcht, daß diese Gesetze so abgeändort werden, daß sie ee mir ermöglichen, ein dauernder Bewohner des Lande,« dos jüdischen Nationalheimes zu worden.“ 17. April 1934 ziehen, die Ausbildun und Steigerung der Musikalität zu beeinflussen und — was uns besonders am Herzen liegt — den Weg zur jüdischen Kunstmusik anzubahnen, damit sie zur lebendigen Kraft des Daseins geworden, Eingang ins Volksbewußtsein findet. E« ist endlich an der Zeit, daß Kunst und. Leben, Musik und Lebensform, nicht mehr als getrennte Dingo betrachtet werden- Die Musik (die Kunst) muß uns etwas Natürliches, Selbstverständliches werden, die künstlerische Formung unserer Empfindung als wesentlich er* scheinen. Der Kunstbegriff muß alle Teile des Volke« umfassen. Wahre Gemeinschaft entsteht im Gefühl. Daher ist die Musik, weil sich in ihr das Gefühlsmäßige am stärksten auswirkt, als ein gemeinschaft - zusammenhaltendes Element zu betrachten. In der Forderung nach Erziehung des Volkes, unserer Jugend zur Musik, liegt der Gedanke nach Stärkung des Gemein- ■schafstsgefiihls eingebettet. Und Ln dem Wunsche nach Erziehung speziell zur jüdischen Musik, kommt unser Bestreben, das Wachhalten des Jüdischen zu einer Lebensnotwendigkeit zu erheben, zum Ausdruck. Einschränkung der Praxiserlaubnis für Ärzte in Palästina? Jerusalem, 13. April. Die Palast iniaregierung hat neue Vorschriften über die Zulassung z.ur ärztlichen Praxis in Palästina ausgearbeitet, die danhin gehen, daß in Zukunft nur noch palästinensischen Bürge r n die Erlaubnis zur Ausübung der ärztliche« Praxis erteilt werden soll. Durch die neuen Bestimmungen soll dem Zustrom von Ärzten aus dom Ausland, der in letzter Zeit allzu großen Umfang angenommen hat, Einhalt geboten werden. Daß die Regierung sich mit der Frage de« Ärzte Überflusses in Palästina befasse und einschränkende Maßnahmen auf .diesem Gebiete plane, war schon im Dezember vorigen Jahre« vom stellvertretenden Leiter des Gesa ndh e i tsdcpertem e n ts d or Palästina regierung, Harkneß, mitgeteilt worden. Harkneß erklärte damals, daß von den 1043 Ärzten dos Lande« 882 Juden seien. Fast sämtliche jüdischen Ärzte, die 1033 in Palästina Praxiserlaubmis erhalten haben, seien aus Deutschland eingewandert. Von Ende 1932 bis zum 30. November 1933 eei die Zahl der Ärzte, Zahnärzte und Pharmazeuten in Palästina um 500 gestiegen. Alle diese Neueinwanderer seien Juden. ★ Überführung der Leiche Motzklns nach Palästina Paris, 12. April. Am 11. April wurden die provisorisch auf dem jüdischen Friedhof von Montparnasse beigesetzt gewesenen sterblichen Reste des im November verstorbenen Versitzenden de« Aktionskomitees der Zionistischen Weltorganisation und des Comite des Delegations Juivcs, Dr. Leo M o t z k i n, zur Überführung nach Palästina zum Bahnhof gebracht. Vor Abgang des Zuges fand ein Gedenkgottesdienst für Motzkin statt. ¥ ZI Sb Juden kamen Im Februar nach Palästina Jerusalem, 13. April. Das Regierangsorgan „Off’icial Gazette“ teilt mit, daß von den im Februar 1934 in Palästina eilige wand ertön 2789 Personen 2756 Juden waren. 2890 wurden im glei- MIL LANDESKONFERENZ DES ZION. LANDESVERBANDES FÜR ÖSTERREICH Dienstag, den 17, April, 8 Uhr a bends im Festsaal des N ied.-Ost. Gewerbevereines L, Eschen bachgasse 11 Referat: Untversiiai^prcfesscr Dr. S. Brodefsky (Lenden); Die ^e^emvarii^e La^e im Zäcääm mtss Eintritt nur für Mitglieder des Zion. Landesverbandes. Karten zum Preise von S 2**-' im Zion. Landeskomitee, I., Kärntnerstraße 28, Telephon R. 27-4-68