Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1934-04-17 · Heft 345 (17.4.1934) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 345 (17.4.1934)
Date
1934-04-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3054070-3054099--4153-3059746
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 345. ~ 17. April 1984 DIE STIMM« Seite 5 H. LANG, NEW YORK: Ans dem Lande der Keim Theater und Kunst JoseS-Kamen-Abend Welcher Besucher des Jiddischen Theaters erinnert sich nicht an das erste grandiose Wiener Gastspiel der alten „Wilnaer“ in der Rölandbiihne in Jahre, 1.021. Ein jeder .Schauspieler dieser Elitetruppo bedeutete auch in der kleinsten Rolle ein Erlebnis. Schon damals fiel der junge Jose! Kamen als großes Talent auf. Zwölf Jahre waren inzwischen ins Land gegangen. Die alte „Wilnaer“ war in alle Windrichtungen zerstreut. Eine neue „Wilnaer“ kam im vorigen Jahre nach Wien. Thr Führer war Josef Käme n. Aus dem jünglingshaften Episodiisten war inzwischen ein ausgcreiifter, prächtiger Künstler geworden. »Stunden herzerquickenden Lachens verschaffte uns da. das Spiel Kamen*, das voll urwüchsigem Humors und herzerquickenden Charms war. Da griff ein tragisches Schicksal in das Lehen des Künstlers ein, als er gerade auf der Höhe seiner Künstlerschaft angela.ngt war. Eine arge Nikotinvergiftung warf den jungen Schauspieler aufs Krankenlager. Die Krankheit verschlimmerte sich soweit, daß Kamen nach monafcelaingom, qualvollem Spitaloytuf enthalt vor zwei Wochen im Wiener Rothschild-Spital da« rechte Bein amputiert werden mußte. Nun soll dem Künstler die Möglichkeit zur Anschaffung einer Prothese gegeben werden. Seine Freunde, die jüdischen Schauspieler von Wien, haben nun beschlossen, die Erträgnisse einer Theateraufführung zur Gänze für Josef Kamen zu widmen. Der Abend findet am Donnerstag, den 19. d., in der Jüdischen Bühne (II., Praterstraße 60) unter Mitwirkung der Gäste Vera Ka n i e w s k a und Paul Breitmann statt. Zur Aufführung gelangt „D i e ewige Kal e“. Es ist zu wünschen und zu erwarten, daß das jüdische Theaterpublikum diesen Abend zum Anlaß nehmen wird, dem von so tragischem Schicksal betroffenen Künstler seinen Dank fpr die zahlreichen, genußreichen Stunden, die ihm Kamen‘s Kunst geschenkt, durch zahlreichen Besuch der Vorstellung abzustatten. j, r. Eine Thora-Rolle aus der Inquisitionszeit aufsefunden Die „Jüdische, PressezentraleZürich, meldet: Barcelona, ln einem Jahrhunderte alten, in der Nähe von Barcelona gelegenen Gutshof hatte ich dieser Tage Gelegenheit, einen interessanten und zugleich seltenen Fund zu machen. Ich hatte die Bekanntschaft der Gutsbesitzerin gemacht und sprach mit ihr über die Lage der Juden in Spanien, als sie mir plötzlich erklärte, daß sie auch Jüdin sei. Erstaunt, bi einer Angehörigen der ältesten PatrizierfamiUen in Spanien eine Jüdin zu sehen, führte sie mich ohne weitere Worte in einen unterirdisch gelegenen Raum. Wie ■wunderte ich mich, als ich dort eine alte, ■jedoch noch wunderbar erhaltene Thorarolle sowie auch verschiedene Lehr- und Gebetbücher vorfand. Sie erklärte mir, daß die Reliquien noch aus der Inquisitionszeit stammten, und daß sich hier die Juden zusammenfanden, um im Geheimen ihren Gottesdienst abzuhalten. Der Raum liegt ungefähr 6 Meter unter der Erde und kein Tageslicht dringt in die wunderbare Stille. Ganz vorn befindet sich eine Einsenkung in die Wand, die mit einem hölzernen Tor verschlossen ist. Dort steht die heilige Lade. Auch zeigte man mir eine über 100 Jahre alte „Mazzo“. Nietzsche und die Juden ln Katalog Nr. 58 der Firma V. A. Heck in Wien wird ein unveröffentlichter Brief N letz s c h e s vom 24. August 1877 an Siegfried Lipiner, von dem u. a. die beste deutsche Übersetzung des „Pan Tadeusz“ von Mickiewicz stammt, angeboten. Es heißt darin: .. sagen Sie mir sodann ganz unbefangen, ob Sie in Hinsicht auf Herkunft in irgendeiner Beziehung zu den Juden stehen. Ich habe nämlich neuerdings so manche Erfahrungen gemacht, die mir eine sehr große Erwartung gerade von Jünglingen dieser Herkunf t erregt hat.. Lebende Ha gada Ich komme nach Alexandrien und stelle fest, daß es wirklich am praktischesten ist, hier von vornherein nicht von Ägypten zu sprechen, sondern von — Mizrajim, eben dem Mizrajim der Hagada. Damit es keine Verwechslungen gibt.. Und damit, man von vornherein gleich an die Israeliten, die Lehm zu Ziegeln kneten müssen, denkt und an die zehn Plagen ... Man öffne eine der beiden englischen Zeitungen, die in Alexandrien erscheinen, and lese da, wie ganze Seiten von nichts anderem berichten, als von den verschiedenen Epidemien, die das heißeste Land der Erde heimsuchen. Unrl wenn man die Namen all dieser Epidemien zusammenzählt, dann kommt man, glaube ich, auf eine höhere Ziffer als seinerzeit unser Lehrer Moses. Oder man gehe durch die Straßen von Alexandrien und sehe dort in den Rinnsteinen die Menschen, die sich nicht einmal rühren, wenn ihr Gesicht ganz und gar von Fliegen und Geschmeiß verdeckt ist, und man kann, glaube ich, eine kleine Vorstellung davon bekommen, wie die Ägypter sich verhalten haben, als zu den Zeiten von Pharao Heuschrecken und Ausschlag über sie kamen. Aber nicht, nur das traurige 'Schicksal unseres ägyptischen Exils wird einem in den Straßen von Alexandrien lebendig demonstriert. Auch wie die ganze Geschichte begonnen hat, kann man hier sehen. Ich war in einer Zemontfabrik, ganz in der Nähe von Alexandrien, in dem Städtchen Stanta. Der Besitzer und die Arbeiter waren Juden. Die Arbeiter bekommen einen Tageslohn von etwa einer Mark, in den meisten Fällen noch weniger. Aber sie müssen für dieses Geld ein bestimmtes Mindestmaß an Arbeit leisten, und wenn sie diese Norm nicht einhalten, bekommen sie entsprechend weniger. Was natürlich zur Folge hak daß die Norm von vornherein höher festgesetzt wurde als der erreichbare Tageslohn. Und es kommt hinzu, daß die Arbeitsmethoden unvorstellbar primitiv, eben ägyptisch sind. Für die Arbeit braucht man Wasser. Das Wasser entnimmt man einem Brunnen in der Nähe. Um das Wasser heraufznholen, muß man das Brunnenrad drehen. Um das Brunnenrad zu bewegen, muß man die Achse in ständiger Drehung halten. Kurz und gut: Irgend wer muß stundenlang, tagaus, tagein, im Kreis um ein Rad herumgehen, auf dem die Achse mit einer Verlängerung aufliegt und das seinerseits also indirekt das große Brunnenrad bewegt. In den höherstehenden ägyptischen Dörfern verwendet man für diese Sisyphusarbeit Kamele. In Palästina auch Maulesel, in Mizrajim aber — Kinder Israels. Wenn man vor ihnen steht, wenn man sieht, wie sie sich einen Strick um den Nacken geschlungen haben und, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, ächzend, wie Tiere, im Kreis umhergehen, das Rad ziehen, unter dem Brand der ägyptischen Sonne, mit den nackten Füßen im glühenden Sand ägyptischer Nil-Landschaft, — dann erst weiß man, wovon eigentlich die Erzählungen redenj die wir, fürstlich weich angelehnt, bei vier Weingläsern in unseren Polstersesseln am Pessach-Abend aus der Hagada lesen ... Dicht neben den Israeliten, die in der modernen Pharaonenknechtschaft und bei einem Dienst, der sich von dem alten nur dadurch unterscheidet, daß er Zementfabrik heißt statt Ziegelkneterei, — dicht neben dieser Stätte sah ich Juden auf den Feldern beim Nil arbeiten, und ich sah ein anderes Stück der Bibel lebendig geworden. Ich sah, daß die jüdischen wie auch die ägyptischen Feldarbeiter hier nach dem Mähen ein Eckchen Halme stehen lassen. Ganz so, wie es in Israel Gesetz war, ganz so, wie in den Tagen von Ruth, da sie aufs Feld von Boas kam, die für die Witwen stehengelassenen Der Zionismus und sein Werk Unter diesem Titel erschien soeben in der Schriftenreihe des Zionistischen Landes ko itees eine neue Broschüre. Sie behandelt unter anderem die Geschichte der zionistischen Ähren sich auszuroißen. Auch heute mäht man diese Feldecke um der Witwen willen nicht ab. Auch heute kommen sie imd reißen diesen ihnen gehörigen Teil am Vermögen des Landes mit ihren Händen aus dem Acker, auch heute nehmen sie diese Getreidehalrae in Büscheln unter den Arm und schreiten dann hinüber zu den Arbeitern, die mit dem Dreschen beschäftigt sind. Sie reichen ihnen ihr Büschel hinauf, und man drischt den Witwen ihr Teil, so wie es in der Bibel berichtet wird. Nicht nur Knechte . . . Aber nicht nur Knechte sind die Kinder Israels in Mizrajim. In Alexandrien' besonders lobt eine große Zahl sehr reicher Juden. Die meisten von ihnen gehören allerdings nicht zu der eigentlich ägyptischen, sondern vielmehr zu der spaniolischen Gemeinde. Zu den Nachfahren derjenigen Juden, die nach der Vertreibung aus Spanien hier eine neue Heimstätte fanden, und der andere Teil dieser vermögenderen Kinder Israels in Ägypten kommt aus Italien. Sie geben in dem italienischen Stadtviertel den Ton an. Sie sind hier die Führer der faschistischen Organisation und stellen das Hauptkontingent ihrer Mitglieder. Sie erfreuen sich der besonderen Sympathien der italienischen Regierung. Unter den italienisch-jüdischen Familien ragt besonders die der Pinto hervor. Ihr gehören eine ganze Reihe von Rechtsanwälten und Ärzten an, Wissenschaftler, die lebendigen Austausch zwischen italienischen und ägyptischen Forschungsstätten vermittelt haben, die an beiden Ufern des mittelländischen Meeres gleich guten Ruf in der Gesellschaft und in Regierungskreisen genießen und zudem auch in den jüdischen Gemeinden auf beiden Meeresseiten in der vordersten Reihe der Gläubigen und der Wohltätigen stehen. Auch der Oberrabbiner der Gemeinde von Alexandrien stammt aus Italien. Er ist das Prof. David Prato, der bis vor sieben Jahren. Seelsorger der Gemeinde von Florenz war und um den sich nun in Ägypten ein Kreis intellektueller Juden gebildet hat, die ohne alle Assimilationstendenzeil diese orientalischen Judensiedlungen zu selbstbewußten und zeitve.rbundenen machen wollen. Prof. Prato gibt eine wunderschöne illustrierte Zeitschrift heraus, in der diese Bestrebungen sich spiegeln, in der alles, was gut und schön in der jüdischen Literatur ist, gepflegte Verarbeitung und Wiedergabe findet. Aber wie Judensiedlungen untereinander Austausch halten . . .! Dieser italienische Oberrabbiner des ägyptischen Alexandrien stellt mich, als ich ihn besuche, einem jungen Mann vor, der zu den intellektuellen Stützen seiner Bewegung gehört, einem Herrn Louis Lorbeer, der in London geboren, in New York erzogen und in Kairo beheimatet ist. Er ist der Generalvertreter der Mayer-Goldwin-Filmgesellschaft für den ganzen vorderen Orient. Aber er ist nicht etwa in dieser Eigenschaft von New York Iiieher geschickt worden. Sondern: er hat in New York reich geheiratet, plötzlich aber seine Familie (genauer genommen das Geschäft seines Schwiegervaters) im Stich gelassen und ist als Chaluz nach Palästina gegangen. Er ist dann vonden englisch-jüdischen Kreisen, die kurz nach dem Weltkrieg in Palästina eine führende Rolle spielten, zu politischer Arbeit herangezogen worden und hat erst zu diesem Zeitpunkt sein Pionierleben in der Kolonie aufgegeben. Anfangs waren sein Vater und sein Schwiegervater in New York energisch dagegen, daß er, wie sie sagten, sich seine Karriere mit idealistischen Palästinaträumen verdarb. Als sein Vater aber starb, sagte er auf dem Totenbett, „Ich sterbe glücklich in dem Bewußtsein, ESI Plagen daß mein Sohn in Jerusalem für mich Kaddiseh sagen wird.“ Dieser Ausspruch hat entscheidenden Einfluß auf die Lebensgestaltung des »Sohnes gewonnen; er sagt, daß er, allein um den Kaddisch alljährlich am Jahrzeittag in Jerusalem sprechen zu können, sich nicht weiter als eine Tagereise entfernt von der Heiligen Stadt, nämlich in Kairo, niedergelassen habe. Übrigens gibt es auch sonst genügend Motive, die mir zumindest verständlich machen, warum besagter junger Herr in Kairo wohnt. Als größter Kinobesitzer und Filraimporteur des Landes führt er ein Leben, das auch ohne den jährlichen Kaddisch ganz erträglich und „verdienstvoll“ genannt werden dürfte. . . . Er ist einer der vielen ZivilLsatoren des Landes, wenn inan schon Technik mit Zivilisation gleichsetzen will. Er ist aber auch einer der vielen europäischen Unruhestifter des Landes. Denn die Ägypter werden von den Filmen, die er aufführt, derart stark beschäftigt und wirklich bis an die Grundfesten ihrer Seele erschüttert, daß man in allen verlassenen Dörfern, wo die Kinostücke einmal in der Woche gezeigt werden, ganze sieben Tage lang von nichts anderem spricht Und sprechen heißt im Orient — diskutieren. Und diskutieren heißt — einander in die Haare geraten. Die naiven, weisen Bürger von Mizrajim können sich nämlich nicht vorstellen, daß Gott die Filme einfach so, aus geschäftlichen Gründen und zugunsten der Firma Meyer-Goldwin zu ihnen gebracht hat. Die pharaonischen Weltweiscn (die sieh ja schon in biblischen Zeiten, als sie den Sinn der zehn Plagen deuten sollten, unsterblich kompromittiert haben) sitzen auch heute in allen Dörfern des riesigen Nillandes auf den Marktplätzen bei ihren Wasserpfeifen und sinnen darüber nach, welch tiefere Moral wohl in den Filmfabeln verborgen ist. Und da sie möglichst weise, möglichst mohammedanische Lebensregeln aus den Dramen um irgend einen Bankdefraudanten oder Berufseinbrecher herauszulesen sich bemühen und das naturaotwendig auf gewisse Schwierigkeiten stoßen muß, so entstehen die besagten Meinungsverschiedenheiten, so arten sie in Schlägereien aus, und so ist der junge Londou-New-York-Kairoaner Chaluz Mr. Lorbeer einer der Unruhestifter des Landes. Was ihn nicht gehindert hat, mir in besonders ruhigem, liebevollem Ton die Eigenarten des alexandrinischen großen Bethauses zu erklären. Jenes Bethauses, von dem schon der Talmud Wunder erzählt. Alexaudrinische Synagogen haben nämlich zu Zeiten des Talmud den Inbegriff des Wolkenkratzers abgegeben. Es wird berichtet, daß die Synagoge von Alexandrien so groß war, daß das Volk die Stimme des Vorbeters nicht hören konnte, und daß man durch Fahnenzeichen der Synagogendiener anzeigen mußte, wann „Amen“ und „Jehe Scheine Rabbah“ zu sprechen war. Nun, jene alexandrinische Synagoge hat heute eine andere, Jahrhunderte alte Eigentümlichkeit. Sie ist eine Ständesynagoge. Ständisch organisierter jüdischer Kleinstaat spiegelt sich in ihr wieder. Die verschiedenen Innungen stehen in abgesonderten Beterreihen. Und Symbole an den Pultwänden der Synagoge verkünden, daß von hier aus zu Gott nur sprechen darf, wes Handwerk das Schustern ist, und daß ein paar Reihen weiter die Schafhändler stehen, noch weiter hinten die Schmiede, die Feldarbeiter, die Gerber. „Und die Filmproduzenten?“ fragte ich meinen Mentor. „Die stehen ganz vorne an der Ostwand, unter den Millionären“, geht er auf meinen Witz ein. Und hat damit, wie gesagt, nicht einmal unrecht. Bewegung, den Aufbau der zionistischen Weltorganisation und des Zionistischen Landesverbandes für Österreich und schildert die Leistungen der Organisation in Palästina. Spezielle Kapitel behandeln die Wirtschaft und Verwaltung Palästinas und die Einwanderungsbestimmungen. Diese Broschüre bietet Zionisten und Nichtzionisten wertvollen Lesestoff. Die Broschüre hat 32 Seiten Umfang und kostet 50 Groschen bei Abholung im Landeskomitee, mit Postversand 70 Groschen. Mit Rücksicht auf die beschränkte Auflage empfiehlt es sich, Bestellungen sofort vorzunehmen. *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.