Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 345 (17.4.1934)
- Date
- 1934-04-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1 Ott STTWfC Nr. 345. — lt Kprfl 1934 Ausschluß der Juden aus den Ham» Bürger Bürgervereinen Per Verbandsführer des Zontralaus- Schusses Ilnniburgt'r Hiirgervereine hat den angosehlossenen Kürgervcreinen von einem Schreiben des Reichsbundes für Volkstum lind Heimat Kenntnis gegeben, wonach der A r i c r [» a r a g r a p h für alle angesehlossenen Verbände genau so wie für die einzelnen Mitglieder verbindlich ist. Per Zentralaussclinß hat für die Durchführung der neuen SatzungshesMmmung bis zum 15. Mai zu sorgen. * Eine amtliche Greuelmeldung Nach einer Mitteilung des Polizeipräsidium? in Braunschweig sind mehrfach bei jüdischen Geschäftsleuten die Schaufensterscheiben durch Anbringen von Schi nt p fwerten 11 nd A u f s e h r i f t e n mittels Ätzsäure stark beschädigt worden. Obgleich derartige Schäden von den Versiehe rungsgesellschaften nicht ersetzt würden, seien die wirklich Geschädigten schließlich doch nur die Versicherungsgesellschaften. Denn durch Atzsäure werde die Bruch gefahr erhöht, Es werde also damit letzten Endes nur deutsches V o 1 k s vermögen vernichtet, ★ „Stürmer“ in Norddeutschland verboten Das Verbot. Julius Streichers ..Stürmer“ nach dem Ausland auszuführen, ist nunmehr von der geheimen Staatspolizei auf Norddeutschland ausgedehnt worden. Es wurde streng untersagt, den „Stürmer“ in Berlin zu verkaufen, da man nioht ha.ben will, daß daß Pogromblatt. von den in Berlin sich aufhalt enden Ausländern gelesen wird. ★ Die Greuel in den Konzentrationslagern Der aus einem deutschen Konzentrationslager nach Dänemark geflüchtete Thomas Petersen berichtet im „Hejmdal“ über unmenschliche Greuel im Konzentrationslager Papenburg und unterstreicht dabei, daß die Juden des Lagers weit mehr als alle' anderen Insassen unter grausamsten Mißhandlungen seitens des Lagerkommandanten und der SA. zu leiden haben. Es ist Tatsache, daß alle bis jetzt erschienenen Schilderungen von ins Ausland geflüchteten Insassen deutscher Konzentrationslager einmütig unterstreichen, daß die Behandlung der jüdischen Lagerinsassen weitaus .schimpflicher und grauenvoller ist als die der nichtjüdischen. ★ Das Verbot des Max-Baer-FUms Wie die Pariser Presse aus zuverlässiger QueUe berichtet, wird das Verbot des amerikanischem Max-Baer-Films in Deutschland die Folge haben, daß die amerikanische Filmindustrie, die bisher ihren Sitz für Europa in Berlin hatte, ihre Zelte in Berlin abbricht und in Paris aufschlagen wird. Der Fox-Film hat das bereits getan, Universal-Film ist dabei, diesem Beispiel zu folgen, das gleiche wird nun auch die Metro Goldwyn Mayer tun. Die Berliner Zeitungen bestätigen diese Mitteilungen. Metro Goldwyn Mayer unterstreicht in einer Mitteilung die Bedeutung des Verbots des vom ihr hergesteilten Max-Baer-Films, durch daß der künstlerische Antisemitismus Wohin? Der Verlauf der A. C.-Tagung hat die Gemüter tief bewegt. Wir bringen unseren Lesern aus der Fülle der uns aus Leserkreisen zugogangenen Äußerungen die folgenden Ausführungen: Dur Verlauf der letzten A.-C.-Tagung läßt keinen Zweifel mehr aufkommen. Die zionistische Organisation, das ganze ideelle und praktische zionistische Werk ist von innen und außen, vor allein aber von innen erschüttert und bedroht, Erschüttert durch die schweren Sünden der Parteien, durch die Starrköpfigkeit und Engherzigkeit oft begabter Führer, die die flammenden Zeichen der Zeit nicht sehen wollen. Die Wortführer der Poalc Zion besitzen schon längst keinen jugendlichen Elan mehr. Erstarrter Dogmatismus, selbstherrliche Bürokratie sind ihre Verhängnis vollen Fehler, die sie von der europäischen Sozialdemokratie übernommen haben. Mit einer kleinbürgerlichen und kleinlichen Beharrlichkeit weigert man sich nun, ein klein wenig auf die gewonnene formale Machtposition zu verzichten und sie der nationalen Konsolidierung zu opfern. Nichts hat man dort zugelernt. Man lehnt religiöse Forderungen des Misrach kurzerhand ab im Namen der bereits antiquarischen Maxime des seligen Liberalismus, Religion sei Privatsache. Man setzt ich so nicht nur in einem Gegensatz zum Geiste unserer jüdischen Zeit, die das Religiöse immer stärker betont, sondern verkennt auch die volkserhaltende Rolle des religiösen Pathos, der unseren traditionellen Formen und Handlungen zugrunde liegt. Auf der anderen Seite die Revisionisten! Eine unheimliche Ambition eines Führers von Format führt wertvolles, jüdisch-patriotisches Menschenmaterial auf Abwege. Nach einer Zeit von oft gesunder Opposition beginnt die Politik des Abenteurers. Täglich wird politisches Neuland entdeckt und neue Losungen werden in die erstaunte Welt geschleudert. Dann das gefährliche Spiel mit dem Austritt und der Sprengung der Organisation ’ und mit selbstherrlichen Sonderaktionen. Vor allem aber der bedauernswerte und nicht zu verleugnende fremde Zug. Man liest über Hetzlieder, die in betharischen Sommerlagern gesungen werden, die man nicht für möglich halten würde. In Polen überfällt eine revisionistische militante Organisation (Berith ha-Chajal) laut Zeitungsmeldungen Versammlungen politischer Gegner, Veranstaltungen des K. K. L., provoziert deren Auflösung durch die Polizei. Schwer zu entscheiden, wo heute der Bruderhaß größere Orgien feiert, rechte oder links. Die unselige Ghettogewohnheit lebt wieder auf, sieh so lange gegenseitig in den Kot zu zerren, sich so lange heramzusohlagen, bis es Gelegenheit gibt für den lachenden Dritten, in Gestalt eines Polizisten oder gar einer meistens unfreundlichen Landesbehörde, sich in innerste jüdische Angelegenheiten einzumengen und den Friedensstifter zu spielen. Besitzen denn die Flügelparteien des Jisohuw so wenignationalen Stolz und jüdisches Ehrgefühl, daß sie sich vor den Augen des vergnügt grinsenden Arabers gegenseitig zerfleischen oder was noch schlimmer ist, vor den Augen des schadenfrohen Engländers, der nur zuwarten will, bis er genügend Anlaß hat, um dreinzufahren und unser Werk zu unterbinden? Wer steht aber fliesen zentrifugalen Kräften entgegen? Etwa der Allgemeine Zionismus? Seine Aktionskraft wird ja durch Mangel an Einheitlichkeit, sehr geschwächt, Es bleibt, nbznwart.en, ob und wie es der Leitung dos Weltverbandes durch Beschlüsse üher Programm, Disziplin und dergleichen gelingen wird, den Allgemeinen Zionismus zu konsolidieren. Dann der Misrachi: Er besitzt in seinen Reihen viele hochstehende Männer, aber Politik war nie seine starke Seite. Seine Forderungen des Misrachi sind fast, durch* wegs berechtigt. Aber der Misrachi läßt sich von gewissen nicht misrachistischen Gruppen mißbrauchen, die trotz ihres Gehtabens nichts für Dafch oder Mussar ha-J.ahadut-h übrig haben, sondern nur der Exekutive um jeden Preis Schwierigkeiten bereiten wollen. Endlich die Judenstaatspartei. Sie ist von vornherein zu einem bescheidenen Dasein verurteilt, Der gewöhnliche Jude, der wahre „Stamm-Zionist“, kann unmöglich einen wesentlichen Unterschied finden zwischen dieser jüngsten Partei und dem Programm der B.-Gruppe der Allgemeinen. Dieser gewöhnliche Jude, der unbekannte Soldat des Zionismus, steht überhaupt dieser Vielheit von Parteien verwirrt gegenüber, die im Grunde genommen eines und dasselbe wollen. Er läßt sich von Fall zu Fall durch Bluff und Reklamemache für eine oder die zweite Flügelpartei gewinnen, in Wirklichkeit aber steht er Führer- und heimatlos da. Wohin soll das alles führen? Es ist höchste Zeit, in die fatale Entwicklung der Dinge hemmend einzugreifen! Es muß ein mächtiger und einheitlicher Zionismus der Mitte ins Leben gerufen werden..Den Anfang dazu hat bereits der Allgemeine Zionismus gemacht, Je stärker der Allgemeine Zionismus wird, der weder nach rechts .noch nach links schielt, desto eher wird die Organisation ihrer Gesundung ontgegengehen. Ein gemeinsames Programm ist von selbst gegeben. I. Ju'denstaat. II. Schärfste aber von Gefräßigkeit und Bruderhaß freie Bekämpfung des Klassenkampfes und der Klasseninteressen, von welcher Seite sie auch kommen mag. III. Anerkennung der Einheit u.n.d Integrität der zionistischen Organisation. IV. Forderung nach einer Exekutive der nationalen Konzentration und Erweiterung der obersten zionistischen Leitung auf alle Gruppen, die auf dem Boden der Organisation stehen und die das Primat der nationalen Disziplin restlos bejahen. Ein stramm organisierter Zionismus der Mitte wird nioht nur die Zwerggruppen in sich aufnehmen, sondern auch einen mächtigen Zustrom all jener erhalten, die, durch den häßlichen Parteihader angewidert, parteilos bleiben. Aber auch die Besonnenen und Verantwortungsvollen aus den radikalen Lagern werden wieder heimfinden können. Wir wollen und können es nioht glauben, daß persönlicher Ehrgeiz, kleinlicher Feldherrenidünkel oder politische Kurzsichtigkeit diese rettende zionistische Tat, den Zusammenschluß der Mittelgruppen unmöglich machen werden. In dieser schicksalschweren Stunde darf es kein Bedenken geben. Nicht an verantwortungslosen, selbständigen außenpolitischen Sonderaktionen wird der Zionismus genesen. Er muß aus seiner Mitte heraus regeneriert, werden. S t a m. des Dritten Reiches vor aller Welt dokumentiert wird; sie weist darauf hin, daß Max Baer als Weltmeister wahrscheinlich dazu berufen sei, Amerika auf der Berliner Olympiade 1936 zu vertreten. Berliner amerikanische Kreise erwarten, daß die Frage, ob man noch Deutschland zur Olympiade gehen «oll, nunmehr in Amerika erneut zur Debatte gestellt werden wird. „Pariser Tageblatt“ druckt G e h e i nabe fehle der SA-Führung zur Verhinderung der Aufführung von Stücken und Filmen jüdischer Autoren sowie von Stücken und Filmen, in denen jüdische Regisseure und Künstler beschäftigt sind, ab. Es werden die Theater, Autoren, Stücke, Filme und Schauspieler genau mit Namen genannt. Man erfährt, daß die Aufführung des Bergner-Filnis den SA-Leuton vorher nebst einer Charakteristik der „Jüdin Bergner“ angekündigt worden war. Die ,,Befehle“ tragen die Unterschrift dos Führers der Brigade R. (Berlin-Brandenburg). Beschluß des A. C. über die Teilnahme am Jüdischen Weltkongreß Jerusalem, 12. April. Der Beschluß des Aktionskomitees der Zionistischen Organisation betreffend Teilnahme an dem Jüdischen Weltkongreß hat folgenden Wortlaut: ,,Angesichts der immer mehr bedrohten Lage großer Teile des jüdischen Volkes in den Ländern der Diaspora und dor wachsenden Gefahr der Entrechtung verschiedener jüdischer Gemeinschaften sowohl hinsichtlich ihrer bürgerlichen Gleichberechtigung wie auch i h r e r n at i o n a 1 o n M i n o r i t ä t h r e c h t e, erachtet das Zionißitsche Aktionskomitee den Zusammenschluß aller bewußten Teile des jüdischen Volkes zum gemeinsamen Kampf für die politischen Lebensrechte und die ökonomische Exis tenzmögiliohkeit sowie die Schaffung einer zur Führung dieses Kampfes legitimierten Gesamtrepräsentanz des Volkes auf demokratischer Grundlage für dringend notwendig. Das Aktionskomitee erinnert an die seit Jahren in verschiedenen Kongreßresohitionen fostigelogte positive Beziehung der zionistischen Bewegung zum Gedanken des Jüdischen Weltkongresses. Das Aktionskomitee nimmt die Erklärung des Vorsitzenden des Comitö des D6I6gations Juives zur Kenntnis, wonach im Sommer dieses Jahres eine Konferenz einberufen wird, welche die Probleme des Kampfes für die jüdischen Lebenerechte in den Galiithländeni erörtern und die Organe zur Leitung der galuth-politischen Arbeit bis zur Einberufung des Weltkongresses bestellen soll. Dos Aktionskomitee empfiehlt allen Teilen der zionistischen Bewegung die Beteiligung an dieser Konferenz.“ Reidisposf und Aguda auf dem Rüdezuge In unserer letzten Nummer berichteten wir über eine mehr als sonderbare Attacke einer Aguda-Gruppe, der die antisemitische „Reichspost“ ihre »Spalten mit einer Bereitwilligkeit öffnete, wie man es eben bei diesem Blatte gewohnt isf, wenn es sich tun Angriffe auf das Judentum handelt. Daß Agudisten der „Reichspost“ durch verlogene und hinterhältige Angriffe auf die Kultusgemeinde Handlungsdienste leisten, hat in allen Wiener jüdischen Kreisen eine derartige Entrüstung hervorgerufen, daß die Aguda mit süß-sauerer Miene zum Rückzug bläst. »So lesen wir also in der „Reichspost“ vom 14. April unter der Überschrift: „J ü d i s c h e Jugend für religiöse Erneuerung“, folgendes: „Wir berichteten am 11. d. von einem Anträge, der in der Generalversammlung der Agudas-Jisrael-Jugendgruppe eingebracht worden sei und darauf gerichtet gewesen sei, die Führer der glaubenstreuen Juden Wiens zu veranlassen, daß sie den Rücktritt von solchen Mitgliedern des Vorstandes der Ir a. e 1 i t i sehen Kultus gemeinde fordern, die ein unreligiöses Leben führen. — Wir sind dom Sachverhalt noch nachge-gangen, daß der Antrag zwar tatsächlich dem Willen und der Absicht der übergroßen Mehrheit der genannten Jngendvereinigung entspricht, aber aus rein formalen Gründen noch nicht, eingebracht werden konnte.“ Hiezu wäre zu bemerken, daß anscheinend die „Reiohspost“ das offiziöse Blatt der Jugendgruppe Leopoldstadt der Agudas Jisrael ist. Wir können die „Reichspost“ nicht darart hindern sich zu blamieren. Mit ihren jüdischen Reportern aber, die offenbar nicht so fromm sind, daß sie wissen, was „Messirah“ heißt, werden wir uns etwas näher befassen. Nach unseren Informationen hat die Jugendgruppe den von der „Reichspost“ behaupteten Beschluß zwar nicht gefaßt, er war angeblich auch nicht Gegenstand einer Debatte. Die „Reichspost“ soll einem Anonymus aufgesessen sein. Da aber nur angenommen werden kann, daß dieser Anonymus Agudisl ist, fordern wir von der Aguda, daß sie ihn ausfindig macht und ausstößt. Wenn die Aguda aber schweigt oder glaubt, sich mit Erklärungen hinter verschlossenen Türen salvieren zu können, dann irrt sie und macht sich moralisch mitschuldig. Wir erwarten eine eindeutige öffentliche Erklärung der Agudas Jisrael. 50.000 Jüdische religiöse Ehen in Polen legalisiert Da? polnische Jmstizmimi s terium berät über ein Gesetz, welches alle auf polnischem Territorium geschlossenen religiösen Ehen, die in das zivile Ehestandsregister nicht ein-! getragen sind, einfür allemal legalisiert und in Zukunft darauf achtet, daß religiöse Ehen ohne Eintragung auf dem Standesamt nicht mehr geschlossen werden sollen. Man schätzt, daß mindestens 50.000 jüdische Ehen auf diese Weise legalisiert werden würden. Namentlich in der orthodoxen jüdischen Bevölkerung war es Brauch, religiöse Ehen ohne zivile Eintragung zu schließen. Dadurch ergaben sichi Mißliobkeifcen sowohl für die Ehepaare und ihre Nachkommenschaft als auch für die Ämter, weil die Kinder vot dem Gesetz als unehelich galten und den Namen der Mutter trugen. Durch das neue Gesetz soll in dieser Beziehung einfür allemal Ordnung geschafft werden. Niederlage des antisemitischen Kandidaten bei der Bürgermeisterwähl In Montreal Bei der am 9. April stattgefundenen Wahl des Bürgermeisters von Montreal wurde Camillien Hönde mit 90.000 Stimmon gewählt. Sein Gegenkandidat Salms tc Lav e r y, der die Wahlkampagne auf a n t isemi tisch er Basis unter Verwendung von uniformierten Sturmabteilungen und Benützung des II akenk r e u z e s als Wählzeichen! durohgeführt hatte, konnte nur 2000 Stimmen auf sich vereinigen. Von den drei als »Stadtratskandidaten aufgestellton Juden wurden zwei, Josef S c h u b e r t und Max Si eg l e r, gewählt.