Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 345 (17.4.1934)
- Date
- 1934-04-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3054070-3054099--4151-3059744- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Kr. 345. - 17. Äpril 1034 DIE STIMME Seite 3 Die nationalsozialistischen Umtriebe in Amerika Die Versammlung beschließt, zu diesem Zweck eine internationale Konferenz einzuberufen, an der alle Mitglieder des Völkerbundes teilnehmen, eine Konferenz, die den Auftrag erhält, ein allgemeines Abkommen über den internationalen Schutz der Minderheiten auszuarbeiten. Die Versammlung bittet den Völkerbund, geeignete Mittel zu ergreifen, um diese Konferenz bald und auf jeden Fall innerhalb von sechs Monaten nach Schluß der gegenwärtigen Tagung der Völkerbundversammlung einzuberufen.“ Die Juden im Saarland Genf, 15. April. Am 16. April d. J. tritt das Dreierkomitee des Völkerbundrates, dae die Vorschläge für die Organisation des Plebiszits im Saargebiet ausarbeitet, zu einer Tagung in Rom zusammen. Dem Dreierkomitee liegt ein juristisches Gutachten vor, das auch die Frage der Garantien für die Minderheiten der Rasse, der Sprache und der Religion im Saargebiet zu erwägen hatte. Die Juristen erklären, daß, angesichts des Mangels jedweder besonderer Minderheitsschutzbestimmungen in dem Text des Versailler Vertrages, der Rat kein Recht habe, dem Lande, dem das Territorium nach dem Plebiszit endgültig Zufällen wird, derartige Verpflichtungen aufzuerlegen. Das Juristenkomitee soll im allgemeinen von der Auffassung ausgegangen sein, daß gemäß dem Versailler Vertrag die Souveränitätsrechte über das Saargebiet bei Deutschland geblieben sind und daß daher der Völkerbundrat nur Empfehlungen machen kann, deren Berücksichtigung vom Willen Deutschlands als souveränen Staates abhängen wird. ★ 3000 jüdische Künstler auf der Straße Die deutsche Reiohsku 1 tunkammer, deren oberster Chef Dr. Goebbels und deren Bauptfimktiomär der Schauspieler Werner Kraus ist, hat es zuwege gebracht, daß etwa 3000 Juden, Mitglieder der der Kulturkammer unterstellten künstlerischen Faohsohaften, für ein Engagement in Deutschland nicht mehr in Frage kommen und auf der Straße liegen. Nach den Zwischenfällen mit Willi Rosen, Irene Eisinger, Grete Mosheim u. a. m. werden jüdische Künstler überhaupt nicht mehr engagiert. Die kürziiohe Warnung Goebbels’ gegen Engagements jüdischer Künstler dient allen Theaterleitern als Beweggrund, ihr Ensemble von Juden und Judenstämmlingen zu säubern. ★ Juden dis Käufer und Gäste unerwünscht Krefeld, 12. April. Auf der Vorderseite des Orts-Telepbonbuches für Krefeld (OTB-Verlag, Georg Bärke, Düsseldorf) erläßt der Generalvertreter für W a n d e r e t-, Röhr- 'und Hanomag- Automobile folgende Anzeige: „Gebot der Stunde! Schafft Arbeit durch Kauf deutscher Qualitätserzeugnisse. Besichtigen Sie die neuen Modelle in meiner Ausstellungshalle. Judembesuah verboten.“ * Blankenburg, 12. April. Der Hotelbesitzer P. Beck in ThaJe im Harz teilt auf die Frage betreffend Aufnahme von Juden in seinem Hotel mit: „Wir nehmen erst dann wieder Juden auf, wenn sie sich gebessert haben.“ « Jüdische Krüppel ausgeschlossen Die Selbsthilfegruppe jüdischer Körperbehinderter teilt mit: Nach Einführung des Arier Paragraphen bei den allgemeinen Solbsthilfeorgamsationen stellte sich sehr bald die Notwendigkeit heraus, einen Zusammenschluß der jüdischen Körperbehinderten herbeizuführen. Das geschah nun. Durch die neu geschaffene Organisation soll den Juden, die von Geburt an körperbehindert waren oder es im jugendlichen Alter geworden sind, Gelegenheit gegeben werden, die fiir sie in erhöhtem Maße bestehenden Schwierigkeiten des Lebens besser zu überwinden. New York, 11. April. Etwa 7500 deutsch-amerikanischo Nationalsozialisten versammelten sic-h zu einer Kundgebung in New York, wo die amerikanischen Führer die Parole ausgaben: „Boykottiert die Boykotteure!“ Diese Losung soll bedeuten, daß gegen die Juden in den Vereinigten Staaten, die sich an dem Boykott deutscher Waren beteiligten, ein wirtschaftlicher Boykott organisiert werden soll. Dementsprechend wurde eine Resolution angenommen, daß ein Boykott auf breiter Basis gegen jüdische Warenhäuser und Kaufläden einzusefczen habe. 500 uniformierte Angehörige der Sturmtrupps (in Amerika nennen sie sich „Silberhernden“) versahen während der Kundgebung den Ordnerdienst Die Kundgebung wurde mit „Heil Hitler“-Rufen eröffnet. Die Redner griffen sehr heftig die amerikanischen Juden an und hetzten insbesondere gegen Samuel U n t e r m y e r. An die deutschen Hausfrauen in Amerika wurde appelliert, jüdische Geschäfte zu meiden. Die vom ehemaligen amerikanischen Schatzsekretär Moley herausgegebene einfußreiche Zeitschrift „To Day“, setzt ihre Enthüllungen über das gefährliche Treiben der amerikanischen Nazis, die die staatliche Ordnung unterwühlen, fort Das Blatt charakterisiert die Methoden der in eine Hitler-Organisation umgewandelten Vereinigung der „Freunde des neuen Deutschlan d“, die mit terroristischen Mitteln die Mehrheit de rdeutschen Vereine in U. S. A. sich unterworfen hat. In New York wurden viele Wochen lang die Versammlungen aller deutschen Verbände, die sich dem Nazi-Diktat nicht unterwerfen wollten, durch Hitler-Leute in Uniform gesprengt, auf die Besucher wurde mit Gummiknüppeln eingehauen. Der Präsident der Vereinigten Deutschen Gesellschaften Groß-New Yorks Henry O. Spier teilt mit, daß 90 deutsch-amerikanische Gruppen in New York City die Organisierung des antijüdischen Boykotts in die Hand genommen haben. Diese Boykottorganistion führt den Namen DAWA (Deutsch-amerikanischer Wirtschafts-Aus- Praris, 13. April. Ein christlicher Demokrat aus Nürnberg sandte dem ,,Pariser Tagblatt“ einen Brief auf indirektem Wege in der Hoffnung, daß er sein Ziel erreicht. Er schreibt darin: „Die Vorgänge in Gun zenhausen bilden den örtlichen Abglanz dessen, was den Juden in Franken im allgemeinen und täglich geschieht. Ich höre, daß im Ausland die Meinung verbreitet ist, es geschehe den Juden in Deutschland nichts mehr. Diese Behauptung ist eine Lüge. Es geschieht ihnen so Furchtbares, daß ich mich immer wundere, wie wenig selbst die Masse der deutschen Judenheit noch begreift, was in Deutschland vorgeht. Es wäre gewiß falsch, das große deutsche Unglück dadurch zu verkleinern, daß man immer nur von den Juden spricht. Aber hier in Franken, in Nürnberg und um Nürnberg herum, tobt sich die Bestialität in erster Linie gegen die Juden aus. Wenn das Ausland wüßte, was hier dauernd im Herzen eines alten Kulturlandes geschieht, so wäre wahrscheinlich schon lange eine internationale Aktion im Gange. Man sollte einmal internationale Berichterstatter hierher schicken, sie brauchten die Augen gar nicht weit aufzumachen. Es gibt kein Gesetz. In Nürnberg und in Franken herscht unbeschränkt Herr Julius Streicher,, den wir schon in den Tagen der demokratischen Republik für geisteskrank gehalten haben. Für Herrn Streicher, der in jeder Woche in dem von ihm herausgegebenen ,»Stürmer“ eine schreckliche Mordbetze betreibt, gilt kein Gesetz und keine Anweisung aus Borlin. Der Reichsbetrieheführer hat bestimmt, daß in schuß). Der Chefredakteur der nationalsozialistischen „Deutschen Zeitung“ in New York, Walter Kappe, bezeichnet alle Deutsch-Amerikaner, die sich noch nicht zum neuen Deutschland bekennen, a 1 s Kommunisten. Reinhold Walter, der Führer der „Freunde des neuen Deutschland“, erklärt, 500.000 Deutsche und Deutsch-Amerikaner New Yorks beantworten den jüdischen Boykott deutscher Waren mit dem Boykott jüdischer Geschäfte. ♦ Der frühere Senator James A. Reed leitete in Chikago die Western Region anti- Nazi Conference, an der Delegierte aus 35 Großstädten in 5 Staaten teilnahmen, mit einer Rede ein, in der er Hitler als eine Drohung nicht allein für die Juden, sondern für die ganze Menschheit bezeichnete und weiter ausführte, der Tag, an dem Hitler gestürzt werden wird, werde ein glückliches Datum sein nicht nur für die Juden, sondern auch für das ganze deutsche Volk. Die Konferenz nahm eine Resolution an, in der die Bevölkerung der Vereinigten Staaten aufgefordert wird, deutsche Waren und Dienste zu boykottieren. »HEIMHILFE« Mietwäsche für Haushalte Wien/ XX*, Dammstfraße S7-3I Tel. A 42-0-14 Erklärung des American Jewlsh Congress Das Präsidium des American Jewish Congress veröffentlicht eine Erklärung, in der ausgeführt wird, die amerikanische Nazi- Bewegung richte sich nicht allein gegen die Juden, sondern sie erstrebe die E r s c h ü tte rung der Grundfesten des amerikanischen Staates. Es sei darum unverzeihlich von den Behörden, die Manifestation der amerikanischen Nazis zu tolerieren. der Wirtschaft sich auch Nichtarier betätigen dürfen. Aber Julius Streicher ist mächtiger als der Reichswirtschaftsminister. Die kleinen Zeitungen schreiben täglich „Kauft nicht beim Juden!“. Mit welcher Energie diese Parole durchgeführt wird, ersehen Sie daraus, daß ein christliches Schulkind in Nürnberg, das sich neulich bei einem jüdischen' Konditor Schokolade kaufte, zur Strafe 14 Tage hindurch die Schulausflüge nicht mitmachen durfte. Die Beamten haben 6ich schriftlich verpflichten müssen, nicht bei Juden zu kaufen. In Nürnberg selbst können die Juden kaum noch in ein Lokal gehen. Seit kurzem hat auch das von ihnen bisher besuchte Künstlerhaus einen strengen Nazi (von der Stadt auf gezwungen) als Geschäftsführer, der keine Mahlzeiten mehr an Juden verabreichen läßt. Von heute ab ist das einzige' Gartenlokal, das sogenannte Mansfeld-Restaurant, in das bisher diese armen gehetzten Menschen noch gehen konnten, für die Juden gesperrt. Ins Schwimmbad zu gehen, ist den Juden für den Sommer auch nicht mehr erlaubt. Der Turnbetrieb des Reichsverbandes jüdischer Frontsoldaten in Fürth ist geschlossen worden. Die nagelneuen Turngeräte wurden g estöhlen. Die fortdauernden Judeninsultationen regen bereits die christlichen Volksteile in B'ranken erheblich auf.“ * Streicher Regierungskommissar für Franken Prag, 15. April. Der Abgeordnete Julius Streicher, einer der intimsten Freunde des Reichskanzlers Adolf Hitler, bisher Gauleiter der NSDAP, für Franken, ist — wie aus München gemeldet wird — nunmehr zum Regienrngekommissar für Franken und somit zur obersten Regierungsautorität und zum unumschränkten Herrscher in diesem Regierungsbezirk ernannt worden. In seiner neuen Eigensohatf ist Streicher berechtigt, a, n d c n Sitzungen des bayerischen Kabinetts t e i I z ii nehmen. Gemäß einem neuen Beschluß des bayerischen Kabinetts, wonach eine völlige Identität von Regierung und nationalsozialistischen Partei etattzufinden hat, werden alle Gauführer der NSDAP, in Bayern zu Regierungskommissaren ernannt und sind «als solche für die politische Richtung in den Verwaltungen der betreffenden Regierungsbezirke verantwortlich. * Wenn eine Verschlechterung der Lage der seelisch und körperlich unsagbar gepeinigten, gesellschaftlich und wirtschaftlich zu Parias herabgedrückten Juden von Franken überhaupt noch denkbar Ist, so ißt sie angesichts der von Juliuß Streicher errungenen neuen Macht einget.reten. Julius Streicher, der Herausgeber des „Stürmer“, der in seiner Mischung von Geilheit, Brutalität, gemeinstem Denunziantentum und Blutdurst das schmutzigste Presseerzeugnis darsteLlt, das je existiert hat, war bekanntlich Ende März 1933 von Reichskanzler Hitler mit cler Führung des antijüdischen Boykotts in ganz Deutschland betraut worden. Streicher ent-, ledigte sich seiner Aufgabe im einer Art,; die in der ganzen Welt staunende Entrüstung und zornige Verachtung hervorgerufen hat. Die Reichsregierung sah sich genötigt, die öffentliche Boykott-Parole zu widerrufen und Streicher seines Amtes als Reichsboykott-Kommissar zu entbinden. In Franken selbst aber blieben Streichers Einfluß und Macht ungeschwächt, und die Juden dieses Distriktes erleben seither ein Martyrium, das an die schlimmstem Zeiten! amtl jüdischem Verfolgungswahnes erinnert. ★ Der Arierparagraph in der Reichs* wehr In gut unterrichteten Berliner Kreisen verlautet, daß die Durchführung des Arier« Paragraphen im der deutschen Reichswehr^ die mit Emde April 1934 vollendet sein soll,' auf sehr ernste Schwierigkeiten stößt und daß das Problem jedenfalls zu dem angestrebten Termin lange nicht bereinigt sein wird. Mit der Einführung des Arierparagraphen in der Reichswehr war beabsichtigt worden, nach Entlassung zahlreicher Nichtarier Plätze frei zu machen für die S. A.-Führung. Daß Offizierskorps widersetzt sich aber einem Masseneindringen von Außenseitern in das Heer. Man versichert, daß bis jetzt faktisch keine Entlassungen aus dem Offiziers-! korps der Reichswehr auf Grund des Arierparagraphen stattgefundem haben. Von den Ndohtariern unter den Offizieren der Reichswehr gehören nur ganz wenige der jüdischen Gemeinschaft am Alle anderen sind entweder, und zwar zu einem sehr kleinen Teile, getaufte Juden oder, in der überwiegenden Mehrheit, Ab-» kömmlinge getaufter jüdischer Eltern oder eines jüdischen Eltern- oder Großelfcernteiles« * Arierparagraph im Reichsverband, Deutscher Handelsvertreter Der „Reiohsverband Deutscher Handels-) Vertreter und Geschäftsreisender (RDHG) e. V.“, zu dem sich der „Bund National-* sozialistischer Handelsvertreter“, der ,,Cen*i tralverband Deutscher Handelsvertretervesr« eine“ und der ,5Verband reisender Kaufleute Deutschlands“ zusummiemgeschlossen haben, teilt den bisherigen Mitgliedern dieser drei Organisationen in einem Rundschreiben mit« daß ihre Eingliederung in den „RDHG“* unter der ausdrücklichen Voraussetzung er* folgt, daß sie arischer Abstammung sind. ★ Warum besucht Frick Palästinat Auf Anfrage der Jüdischen Telegraphen« Agentur bestätigte der deutsche Konsul in Jerusalem, daß Reichsinneiimdnister Dr. Frick letztens zwei Tage in Palästina gewoilt hat; der Konsul lehnte es aber ab, den Zweck des Besuches Fricks im Lande des jüdischen Aufbaus — und des arabischen Widerstandes gegen diesen Aufbau — zu nennen. Der Schrecken in Franken