Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 343 (10.4.1934)
- Date
- 1934-04-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 343. — tO. April 1034. Auslands-Chronik Niiilüi.'üililllliililnlüü Aus dem Dritten Reich llllllllllllllilillllllllllllllllllllllllllllll Vteh-Chetto auch in Frankfurt Treiben der Hahenhreuzter in Amerika New York, 4. April. Das jüdische Mitglied des Kongresses der Vereinigten Staaten, Samuel Dickstein, auf dessen Antrag die Parlamentskommission zur Untersuchung der nationalsozialistischen Umtriebe gebildet wurde, teilt der Presse mit, er habe von Nazis so viele Drohbriefe erhalten, daß er sich zu seinem Schutz eine ihn ständig begleitende Leibwache halten muß. Die amerikanische Presse befaßt sich eingehend mit den Enthüllungen der Zeitung „T o * D a y“ über die Organisation der Nazipropaganda in den Vereinigten Staaten. Man habe, berichtet die Zeitung, S. A. - 0 f f i z i e r e nach Amerika entsandt, um die nationalsozialistischen Militärorganisationen in den Vereinigten Staaten zu organisieren. Die Hitler-Verbände sind in drei Gruppen eingetcilt, eine für den Westen, eine zweite für die Mittelstaaten, die dritte für das östliche Gebiet. Sie alle unterstehen dem Hauptquartier in C h i c a g o, das von Fritz G r i s s i b I geleitet wird. Die militärische Nazi-Organisation umfaßt zur Zeit 6000 Mann, überdies bestehen 24 Nazizellen allein in N e w Y o r k unter dem Namen „F reunde des neuen Deutschlan d“, deren Mitglieder bedingungslosen Gehorsam schwören müssen. Hauptorgan ist ..Die a m e r i k anische Gard e“, die von dem amerikanischen Korrespondenten des ..Völkischen Beobachters”, Karl L ti d e c k e, redigiert wird. ★ Auch Wannamaher häuft nicht mehr in Deutschland ein New York, 4. April. Das berühmte Warenhaus Wannamaker, eines der größten in Amerika, gibt bekannt, daß es keine Einkäufe mehr in Deutschland tätigt, weil das amerikanische Kaufpublikum sich w e igert, deutsche Waren in Kauf zu nehmen. Das Wannamaker-Warenhaus ist damit in die Reihe der Mammuth-Warenhäuser Mac y, W o o 1 w o r t h und G i m b e 1 getreten, die schon früher ihre Einkäufe in Deutschland eingestellt haben. ★ Juden im Schmidt-Lager auf der Eisschoiie Moskau, 4. April. Außer dem jungen Forscher Boris M o g i- 1 e w i t s c h, der als einziges Mitglied der Schmidt-Expedition auf dem Eisbrecher „Tscheljuskin“ beim Bergen der Forschungsinstrumente unter den Trümmern des von den Eismassen erdrückten Eisbrechers den Tod erlitt, befinden sich in der nun auf einer Eisscholle in der Arktis kampierenden Mannschaft des „Tscheljuskin“ noch folgende vier Juden: der Kinooperateur Arkadi Schafran und die Wissenschaftler Gurc- .witsch, Rass und Schpako wski. * Leiter der Tscheljuskin-Expedition Schmidt über Boris Mogileivltsch Moskau, 5. April. Der Leiter der in der Arktis gescheiterten russischen Expedition, Professor Schmidt, sandte von der Eisscholle einen Bericht über den Hergang der Katastrophe, als der Eisbrecher „Tscheljuskin“ von Eismassen zermalmt wurde. Schmidt erzählt: „Als letzter nach dem Kapitän sollte der Wirtschaftsleiter Boris M o g i 1 e w i t s c h, dem unter anderem die Bergung der Instrumente oblag, rlas Schiff verlassen. Das Wasser war schon auf dem Heck und die, Anlagen auf dem Deck stürzten ein. Von diesen und von rollenden Fässern zu Fall gebracht, gelang es Mogilewitsch nicht mehr, das Schiff zu verlassen. Zu unserem größten Schmerz hatten wir keine Möglichkeit, diesen ausgezeichneten Arbeiter und Genossen zu retten, da das Schiff nach einigen Sekunden, das Heck nach oben, unter Wasser war. Boris Mogilewitsch, ein J u d e, ist als einziger bei der Katastrophe ums Leben ge- ★ Höchste Auszeichnung für einen jüdischen Maler in Rußland Moskau, 5. April. Die Regierung der Sowjetunion verlieh dem Maler Isaac B r o d s k y, der als der p o p u 1 ä r s te Künstler in den Sowjetländern gilt, den L e n i n - O r d e n, den h ö c hs t e n in der Sowjetunion zu vergebenden Z i v i 1 o r d e n. KINOPROGRAMME DER WOCHE Leopolttsfffdter Volksüino ivärirss Vom 6. bis 16. April: J©S©:»!fo Schmidt in: „Wenn du jung bist, gehört dir die Welt“ mit Szöke Szakall und Otto Treßler Wochentags 7i6. 7,8, '/,1U Uhi, Sonnu. Feiertags 7,4 Uhi Auszeichnung des Gelehrten Abraham Joffe Der weltberühmte jüdische Physiker Abraham Joffe, u. a. Erforscher der Kristalle, wurde mit dem höchsten von der Sowjetunion zu verleihenden Titel „Verdienstvoller Arbeiter der Wissenschaft“ ausgezeichnet. * Antisemitische Ausschreitungen in Saloniki — loo Studenten relegiert Saloniki, 5. April. Vor dem Gericht in Saloniki hatten sich vier griechische Nationalisten, Mitglieder der faschistisch-antisemitischen Organisation E. E. E., wegen Urheberschaft der schweren antijüdischen Unruhen i n S a 1 o n i k i in der ersten Februarwoche 1934 zu verantworten. J. Kosmides, Sohn des Präsidenten der E. E. E„ wurde zu einem Jahre Gefängnis, die drei anderen Angeklagten Kokinos, Mahlis und Skenderoglou wurden zu je einem Monat Gefängnis verurteilt. Alle vier müssen je 3000 Drachmen Geldbuße erlegen. Gemäß einem Regierungsentscheid, wonach Hörer staatlicher Hochschulen sich der Politik fernhalten müssen, haben die Rektoren der Hochschulen in Saloniki und in d‘ E d e s s a etwa 100 Hochschüler, die sich an antisemitischen Manifestationen der E. E. E. beteiligt hatten, r elegiert. Eine Gruppe der E. E. E. angehörendor junger Leute drang in das Lokal des Makk a b i - K 1 u b s in Saloniki ein und demolierte die Einrichtung vollkommen. Bevor Polizei zur Stelle war, waren die Täter g eflüchtet. ★ Warum die Pharmaziefakultät von Jassy nach Bukarest verlegt wird Bukarest, 4. April. Der Senat hat den Antrag des Unterrichtsministers, die Phannaziefakultät der Universität Jassy nach Bukarest zu verlegen, z uge stimmt. In der vom Unterrichtsministerium gegebenen Begründung wird unter anderem auch auf das Überwiegen der jüdischen Studentenschaft in Jassy angespielt. Der ehemalige Unterrichtsminister N. O ostaclifiscu verwahrte sich im Senat gegen die merkwürdige Unterscheidung zwischen c h r i s t, 1 i e hen und jüdischen Studenten. Als Hauptgrund für die Verlegung gab das Unterrichtsministerium die Notwendigkeit der Konzentrierung der pharmazeutischen Studien an. S,-A*-Leute schänden eine Synagoge in Westfalen Münster, 8. April. Zwölf große und künstlerisch wertvolle Fenster der Synagoge zu Beverungen in Westfalen wurden zertrümmert, die Tür der Synagoge wurde aus den Angeln gehoben. Wie die Polizei mitteilt, sind als die Täter Mitglieder der S. A.-Sportschule in Beverungen ermittelt worden. * Jüdischer Friedhof im Rheinland geschändet Düsseldorf, 4. April. In Kettwig v. d. Brücke wurden auf dem an einer Anhöhe liegenden jüdischen Friedhof in einer Nacht 3 0 Grabsteine u mgestürz t. Trotz der vom Vorstand der jüdischen Gemeinde ausgesetzten Belohnung konnte man der Täter noch n i e h t habhaft werden. ★ Judenboykott im Rheinland in vollem Gange Köln, 5. April. Nicht nur in Franken, sondern auch im Rheinland und in anderen deutschen Provinzen ist der antijüdische Boykottin vollem Gange. Der Distriktsfiihrer der NS-Hago Alfred Witte erklärte auf einer Tagung der Gewerbetreibenden in Mehring an der Mosel, in der Nähe von Trier: „Unser Schlachtruf ist und bleibt: Kauft nicht bei Juden! Ich habe in Trier mehrere Juden zur Strecke gebracht, andere Juden werden ihnen folgen. Wir werden nicht ruhen, bis der letzte Jude aus Trier hinausgeworfen ist.“ Ungeachtet der Erklärungen des Reichswirtschaftsministers Schmitt und des Befehls des Reichskanzlers Hitler an die Reichsstatthalter, daß störende Eingriffe in die Wirtschaft zu unterbleiben haben, wird seitens der Staatsmacht nichts gegen den öffentlich betriebenen Judenboykott unternommen. Wie in mehreren anderen Städten in Hessen und anderswo wurde auch auf dem V i e h m a r k t in Fra n k f u r t. a. M. eine spezielle Abteilung für j ü d is o he Vieh h ä n d 1 o r und ihre Ware goschaffen. Die arische Abteilung befindet sich re c h t s, die jüdische links. Auf dem Nürnberger Viehmarkt wurden Plakate horumgetragen mit folgender Aufschrift: „Ich warne euch zum letztenmal: kauft n i c ht bei J u d o n! Jeder, der diese Warnung nicht beachtet, wird die Konsequenzen zu tragen haben!“ Die Plakate trugen keine Unterschrift, doch nahm, man an, daß die Warnung vom Ga uleitor Streicher ausging. * Geflügelschächten in Baden bei strengster Strafe verboten Die Pressestelle beim Staatsministerium in Baden teilt mit: „Nach den Vorschriften über das Schlachten von Tieren darf mit der Blutentziehung erst nach v o r a n gegangener vollständiger Betäubung dos Sch.lachttieres begonnen werden. Für das Schlachten von Geflügel ist insofern eine Ausnahme zuzulassen, als bei diesen Tieren die Betäubung vor der Schlachtung nicht erforderlich ist, wenn das Schlachten durch schnelles, vollständiges Abtrennen des Rumpfes vom Kopf erfolgt. Es sind nun Wahrnehmungen gemacht worden, daß auf Betreiben von jüdischen Kreisen in Abweichung von dieser Tötungsart dio rituelle Schlachtung von Geflügel in der Weise erfolgt, daß der Hals des Tieres mit einem Messer durchschnitten wird. Diese von jüdischen Schächtern geübte Tötungsart ist nicht geeignet, Tierquälereien mit Sicherheit auszuschließen. Sie erfüllt somit die Absicht der Vorschriften über das Schlachten von Tieren nicht. Um diese Tierquälereien zu verhüten, sind die Polizeibehörden vom Minister des Innern angewiesen worden, darüber zu wachen, daß die von jüdischen Kreisen beim Geflügel geübte Tötungsart in Zukunft unterbleibt, i. Das Ende des badischen Staatsrats Marum - eine jüdische Tragödie Prag, 5. April. Nach Meldung des Geheimen Staatspolizeiamtes in Karlsruhe hat sich der Ex-Staatsrat Ludwig M a r u m, der eich seit Mai 1933 in Schutzhaft befand, in der Nacht zum 29. März in seiner Zelle in K i s 1 a u erhängt. Die Staatspolizei nimmt an, daß Marum in einem Anfall von Schwermut den Tod gesucht hat, da ihm, als Juden, seine Beurlaubung oder Haftentlassung vorerst nicht in Aussicht gestellt werden konnte, während die meisten seiner mitverhafteten sozialdemokratischen Kollegen bereits in Freiheit waren. * Marum stammte aus unbemitteltem jüdischem Hause, wurde 1882 in Frankcnthal (Pfalz) geboren. Ein hervorragender Rechtsanwalt, leistete er der S. P. D. wertvolle Dienste. Die neue badische Verfassung ist zum allergrößten Teil sein persönliches Werk. Seit 1914 dem badischen Landtag angehörend, wurde er nach dem Kriege ins badische Kabinett berufen; er übte sein Amt ehrenamtlich, ohne Besoldung, aus. 1928 wurde er in das Reichsparlament gewählt, dem er ohne Unterbrechung bis zur Übernahme der Macht durch Hitler augehörte. Die badischen Nationalsozialisten wählten ihn zur Zielscheibe einer unsäglich skrupellosen Hetzkampagne. Die Tatsache seiner jüdischen Abstammung wurde in der antisemitischen Psychose zum Anlaß genommen, erlogene Korruptionsaffären mit seinem Namen in Verbindung zu bringen. Dieser Feldzug endeto aber immer mit der Niederlage seiner Gegner. Als Mensch wie als Politiker stand Marum makellos da. Nach dem Regierungsantritt Hitlers wurde Marum als einer der ersten verhaftet. Nicht erst seit Mai, wie dies die Staatspolizei mitteilt, sondern bereits seit Mitto März 1933 befand sich Marum in „Schutzhaft“. Seine Überführung in das Konzentrationslager Kislau war ein Spießrutenlaufen, man lieferte ihn dem Haß und der antisemitischen Schimpfwut des verhetzten nationalsozialistischen Bevölkerungsteils aus. Später stellte man ihm seine Freilassung mehrmals in Aussicht, aber unter der Bedingung, daß er sofort nach Palästina uuswandere. Marum aber lehnte es ab, Deutschland zu verlassen. Er sagte, er sei in Deutschland geboren und wolle hier sterben. Man zweifelt, ob Marum, dessen Idealismus und Leidensfähigkeit ohne Grenzen war, Selbstmord begangen hat; man glaubt vielmehr, er sei ein Opfer barbarischer Racherncthodon geworden. Sollte er dennoch Selbstmord begangen haben, so tat er es nur darum, weil er den seelischen und körperlichen Torturen, denen er ausgesetzt war, nicht mehr gewachsen war. Von sozialdemokratischer Seite wird mitgeteilt, daß Marum, der sich die höchste Achtung seitens der sozialdemokratischen und auch der kommunistischen Arbeitcrschichten erworben hat, als Märtyrer seiner sozialistitschen Überzeugung im Gedächtnis der Arbeiterklasse aller Länder fortleben wird. Die Akten des Falles Marum aber worden erst geschlossen werden, wenn ein gerechter Richtereprucli die Ilauptveraritwortlichen für das tragische Schicksal Marunis, nämlich dio Naziführer Wagner, Wacker, Pllaumer und Köhler, getroffen hat. GROSlSlElWlE ramm rMMiai summa Mittwoch, den 11. April, 8 Uhr abends, Sektion XVI/XVII, Hernalser Brauhaus-Säle, XVII., Frauengasse Nummer 27 DR. JOSEF LOWENHERZ: „Die Aufgaben und Leistungen der Kultusgemeinde in der Jetztzeit' DR. MARTHA HOFFMANN: „Gegenwärtige Aufgaben der jüdischen Frau1