Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 343 (10.4.1934)
- Date
- 1934-04-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Jft. 848. - 10. April 1984. DIE STIMME Seite S DAS HEBRÄISCHE THEATER VON EGO Theater und Kunst tmmmmmmmmmammmmmmmm Kammermusik abend des Vereines für jüdische Musik | Das ganze Programm stand unter oinem 1 glücklichen Stern. Pan künstlerische Niveau dos Abends stand auf respektabler Höhe. Bin Streichquartett „Ebraica1 von Almann ßr- »ffnete das Programm. Durchsichtig in der Satztechnik, verrät das Werk einen Musiker, der in der Kammermusik zu Hause ißt; einigo jüdische Melodiezeh hnungon und rhythmische Eigenarten durchziehen das Werk. Viel mehr davon merkte man in dem Streichquartett mit Klarinette ..Esqniscs ebraiques“ von Alexander K r c i n. Diese Komposition zeigt den richtigen Weg zur Entwicklung der jüdischen Ktmstmusik. Das Ensemble (Brandmann, Josa Westenaeher, Kurt Stern, Ernst Lewitus und 1 Iiidllngmayer) unter Fühlung Israel Brandin a n n s zeigte eine außerordentliche Präzi-! sinn und plasttaoho Abschatticrung der Klangst,’lrke. Brand mann errang als Komponist einen; großen Erfolg; seine bereits bekannten zwei Lieder — .,Es fiel eine Träne“ und „Birg mich unter deinen Schwingen“ (Texte von B i a- 1 i k) wirken immer wieder neu und berücken durch ihre Klangschünheit und Tiefe. Diesmal war dio Interpretin die bekannte Sängerin Judith Sander. Die blühende, von Leidenschaft und innerem Pathos durchglühte Stimme ' strahlt in Schönheit und Leuchtkraft. Dem! Vernehmen nach sollen jetzt in Tel-Aviv stimmbegabto junge Kräfte für die zu gründende Oper gesucht werden, Frau Sander verfügt über Qualitäten, die sie füi die Bühne geradezu prädestinieren, sowohl im Gesang als auch als bildhafte Judith-Erscheinung. Sie sang hoch drei Lieder von G n e s « i n, IC r e i n und Millner mit viel Geschmack. Der Klarinettist Radlinmayer trug mit erstaunlichem Verständnis vier Bearbeitungen von Belisson vor. Es sind dies kleine außerordentlich melodische, von echtem jüdischem Geist durchtränkte Sächelchen von F i t e 1berg, Lewensohu und Jakob Wein- , h e r g. f Einen stürmischen Erfolg erspielte sich der Geiger Alexander Kontorowitz (zuletzt Xhofessor am Konservatorium in Wilna) mit I seiner temperamentvollen Wiedergabe und dem echt musikantischen Schmiß. Kontorowitz spielte seine eigenen Bearbeitungen: „He- Ibräische Rhapsodie“ (nach Saminski), ferner „Zur Isroel“ (nach synagogalen Motiven) und einen „Oha&sidiscbeu Tanz“ (MJaw© Malke). Es wäre sehr interessant und wünschenswert, diesen prächtigen Geiger einmal in einem der größeren Konzerteäle ein allgemeines Programm spielen zu hören. Jul. W o 1 f 'S o h n. um Jüdischer Schauspieler-Verein Wien, II., Praterstraße 40 Der Vorstand de« jüdischen Schauspieler* vereine» in Wien teilt auf diesem Wege allen Freunden und Verehrern des verstorbenen jüdischen Schauspielers Jonas Relßmaan mit, daß in kurzer Zeit dio Enthüllung des Grabsteinos stattfinden wird. Der gonauo Zeitpunkt wird noch in diesem Blatt bekarintgogeben werden. Der Rothschild-Film Dieser Tage wurde, wie Londoner Blätter berichten, in New York der jüdisch-historische Film „Das Haus Rothschild“ zum erstenmal aufgefllhrt. Er errang bei der Kritik und beim Publikum einen enthusiastischen Erfolg. „Das Haus Rothschild“ zeigt dio Schicksale der berühmten deutschen Bankiorfamilio in zwei Generationen. Es führt auch Bildor aus dem altproußisehen Ghetto von der Unterdrückung dor Juden vor, die besonders aktuell wirkten. Die New Yorker- Filmkritiker rühmen „Das Haus Rothschild“ als oin überzeugendes Work clor Antl-Nazlpr opagand a-. Abends am Strand von Tel-Aviv. Durch die erleuchteten Fönst er einer Baracke sieht man ekstatisch in die Höhe geworfene Arme. Und wilde Schreie hört man: „Anachnu rozira lechem!“. Wir wollen Brot... Allmählich formt eich die Ekstase zu einer der stärksten Szenen aus Büchners „Danton“. Jetzt erinnere ich mich, in dieser Baracke bin ich doch schon mal gewesen, 1927, damals hat hier da« „Obel“, das hebräische Theater der palüstinesischon Arbeiterschaft, gleichfalls geprobt für eine Aufführung, mit der es dann durchs ganze Land zog, aber ein jüdische«, ein biblisches Stück: „Jakob und Ealiel“. Nun wohne ich also wieder einer Probe bei, diesmal nur von außen, durchs Fenster. Schauepieier soll man nicht bei der Arbeit stören, auch nicht durch die bloße Anwesenheit. Selbst durchs Fenster wird deutlich, wie die künstlerische Intensität, der „Ohcl“-Leute inzwischen gewachsen ist. Und den schlagenden Beweis liefert kurze Zeit danach: die Premiere. Nunmehr wird das „Ohel“ eine Europa-Tournee antreten. Die „Hablmah“, die bekanntere Büline des Landes, spielt sofern sie nicht auf Reisen ist, in der „Mograbi Hall“, einem Kamrnerspielräiun im Kellergeschoß eines großen Kinos. So ziemlich jede Vorstellung ist ausverkauft, bei einem durchschnittlichen Platzpreis von 6 Piastern, also 90 Pfennig. Und jede Vorstellung ist eine Explosion an Kunstkraft. Wieviel seelisches und körperliches Temperament bildet hier im besten Sinne des Worte« ein Ensemble, ein Zusammen, eine Gemeinschaft! Man denke an den Alltag dieser Schauspieler, um ihre feierliche Leitfiung zu ermessen. Das Habimah-Kollektiv kennt weder Stars noch Stargagen, man spielt auf Teilung. Seit Jahren bekommen die Mitglieder des Kollektivs kaum mehr als acht Pfund monatlich, also etwas über da« palästinensische Lebensminimum ausgezahlt. (Kürzlich wurde zur Stärkung des Bandes Theater-Publikum- .ein „Habimah- Kreis“ der Freunde des Theaters ins Leben gerufen; die Beiträge der Mitglieder, bis jetzt sind es 3000, sollen zur Inszenierung neuer Stücke verwandt werden.) Die Künstler des „Ohel“ spielen überhaupt umsonst, bekommen aber vom Kollektiv nach den-gewerkschaftlichen Tarifsätzen diejenige Tätigkeit bezahlt, die sie im Zusammenhang mit dem Theater als zweiteu Beruf ausüben: der eine malt Dekorationen, der zweite ist Kassier, der dritte Zettelanldeber, der vierte Inspizient.., 1927 waren eie noch Amateure, hatten, offiziell wenigstens, außerhalb des Theaters noch einen Brotberuf, wenn auch praktisch keine Arbeit in ihm. Das schlechte Stück „Wirtschaftskrise“ wurde damals auch in Palästina gespielt. Man eieht also, wie sie ökonomisch dastehen. Ihr Lohn liegt in dem Glück, das sie verbreiten. Dieses Publikum! Es gibt wohl kein theaterfreudigeres unter der Sonne, auch nicht unter der südlichen. Der richtige Palästinenser sieht sich ein Stück, das ihm gefüllt, nicht zwei- und dreimal an, sondern fünfzehn-, zwanzig- und fünfundzwauzigmal, immer wieder, wie ein Bild. Er ist enorm kritisch, gar nicht leicht zu begeistern, er bekommt es fertig, nach einem Abend verströmten Herzblutens ein Urteil abzugeben, das nur oin jüdisch-skeptischos „Jaja und Neinneiu“ bedeutet. „Nicht Schlecht“ ist schon ein hohes Lob. Aber für wirklich große Leistung ist er doch von rührender Dankbarkeit, von tiefstem Verständnis, Dabei macht es ihm nichts aus, daß er auf unbequemen, leimenlosen Bänken sitzen oder auch stehen muß. Immer wioder führt dio „Habimah“ ihre Glanzstücke, ihre Nationalstiicko vor. Wie erschüttert „Der Dybuk“! Wie packt „Der Golem“! Wie schreit ein Volk, wenn hier einer schreit! Wie vermengt «ich hier Leben und Bühne! Dies ist mehr als Wirklichkeit und Dichtung. Dies ist verdichtete Wirklichkeit. Dies ist Kultus. Indes will das hebräische Theater nicht nur Spiegel der Geschichte und konservativer Empfindungen, nicht nur Volkshochschule und Synagoge sein. Das hebräische Theater will vielmehr, wie jedes Theater von Bedeutung, Kampftribüne aller Gegenwartsprobleme sein, moralische Institution, Wegweiser in die Zukunft, Fahnenträger dos Geistes. Doch was wird außer der geistigen oder hietorischen Vergangenheit der Juden gespielt? Das „Ohel“ übte also zuletzt den „Danton“ ein; Regisseur: Friedrich Lobe, zuletzt Direktor des Hamburger Thalia-Theaters. Früher spielte man „Die Drcigroschenopcr“ von Brecht-Wei.ll, fernor Karel . Capek, Stefan Zwoig, Friedrich Wolf. Die „Habimah“ brachte „.lud Süß“ nach Feucht,vvanger, früher Shakespeare, Moliere, Shaw, Maugham, neuerding«, sehr lustig übrigens, den Italiener Rotari mit seinem „Drei Dieben“. Die nur sporadisch auftretende Kleinkunstbühne „Matatei“ machte da« Land der Verheißung freundlicherweise mit dem „Land des Lächelns“ bekannt, zeigte allerdings Stärkere« mit hübschen Kabarettrevuen, die den palästinensischen Alltag persiflieren. Aber im allgemeinen wird adoptiert. Man adoptiert auf anderen Bühnen anderer Länder tausendfach bewährte Stücke, und inan adoptiert sie mit der zweifellos vorhandenen Pflicht, eben auch gutes Unterhaltungstheater machen zu müssen. Man adoptiert Altes und Neues — kommt aber damit der Hauptaufgabe, Herold des jüdischen Geißle« und Propagandist eigener Ideen zu sein, um keinen Schritt näher. Und die kommenden Tel- Aviver Festspiele können — das liegt, in der Natur der Sache — nur so eine Art Generalrevue sein. Aber vielleicht geben sie gute Anregungen. Es ist richtig, daß die „Habimah“ Stücke wie mit Laternen sucht. Stücke, die die deutsch - jüdische Tragödie behandeln; Stücke, die den gegenwärtigen Aufbau Palästinas zum Gegenstand haben. Man animiert jeden, der eine Schreibmaschine leidlieh literarisch zu bearbeiten versteht. Aber die meisten Palästina-Bedichter werden vom zweiten Akt an sentimental, das haben sie anscheinend von den auf einer pathetischen Prosa herumreitenden landesüblichen Reisebeschreibern gelernt. Jetzt lockt ein Preisausschreiben die in Palästina noch erbärmlicher als anderswo bezahlten Poeten. Hundert Pfund sind zu verdienen. Das Heilige Land hat schon mancherlei Wunder erlebt, beglaubigte und unbeglaubigte, aber ob sich Dichtungen aus seinem Boden stampfen Dichtung erfordert Abstand. Was man erlebt, läßt sich im Augenblick des Erlebens nur erzählen. Es ist Stoff zur Reportage, Damit ißt aber auch schon gesagt, daß das hebräische Theater in Palästina jetzt nur eins tun kann: die äußeren Symptome der jüdischen Renaissance in Palästina sammeln und hcrausstellon. Dazu ist nichts weiter nötig, als alle die typischen Erscheinungen des jüdischen Leben« im Lande aufzuzeichnen: die Erörterungen in den Kwuzzoth. die Gespräche in den Mittagspausen der Fabriken, Streitereien, Festlichkeiten — und alles das mit einem gewissen Ernst zu bringen, was da« Matatei nur oberflächlich sammelt und in geschickter Weise verulkt. Diese Aufgabe, in Lehrstücken, wie sie in Deutschland Brecht, WolfT, Staemmle und Döbliti geschrieben haben, das Leben abzustenographieren, muß dio „Habimah“ seihst lösen. Sie verlangt nicht nur kollektiv zu spielen, sondern auch kollektiv zu schaffen. Sie verlangt auch die Mitwirkung eines überragenden Regisseurs; demnächst kommt vermut-! lieh Granowski, man wird sehen, was er leistet; ferner wurde fest engagiert Hans Lindberg, früher Berlin. Ja, man hat so Pläne. Ein anderer wichtiger: der Bau eines 2000 Zuschauer fassen- Habimah-Theatergebäudes an repräsentativer Stelle Tel-Avivs. Bisher wohnte die „Habimah“ nur gemietet, das kostete 1000 Pfund jährlich. Der Platz des neuen Theaters ist schon bestimmt, der Boden steht zur Verfügung, die Pläne des Architekten Professor Oskar Kaufmann, der in Berlin die Volksbühne, die Krolloper, den Sportpalast und das Stadion schuf, sind fertig, man rechnet mit 30.000 Pfund Baukosten, Vorgesehen sind eine Dreh-, Seiten-, Wagen- und Hinterbühne zugleich. Es wird eine Pracht werden — für das Publikum, das zum erstenmal in Palästina auf gepolsterten Plätzen sitzen wird, und für die Schauspieler, von denen die ältesten in ihrer Moskauer Zeit in heimlichen Höfen und Kellern und unter ständiger Gefahr nach Sibirien verbannt zu werden, das vom Staat verpönte und verfolgte Hebräisch zelebriert haben. Das Geld für den Bau wird im Lande gesammelt werden. Hoffen wir, daß der Traum der „Habimah“ bald verwirklicht wird. lassen? GESCHICHTEN AUS CHELM Das Gefängnis. In guten Zeiten, als die Leute noch nicht so durchtrieben waren, gab es in Chelm überhaupt kein richtiges Gefängnis. Nur ein einfaches Zimmer, da setzte man die Sünder hinein, holte den Rabbiner, und der sagte: „Hier bleibst du sitzen und rührst dich nicht vom Ort; denn hier ist ein Gefängnis, und da darf man nicht raus.“ Natürlich folgten die Leute. Wo man ihnen doch ausdrücklich gesagt hatte, es sei ein Gefängnis! Später aber fingen dio Mensehen an, frecher zu werden, und man mußte sie fesseln. Wie feßselt man in Chelm? — Man bohrte ein kleines Loch durch die Wand des Gefängnisses, ließ den Sträfling die Hand durchstechen, und damit er sie nicht wieder zurückziehen könnte, legte man ihm von draußen einen Siddur zwischen die Finger. Den Siddur mit durchzuziehen, war das Loch zu klein; wenn man fortlaufen wollte, hätte man ihn also fallen lassen müssen; und das tat natürlich keiner. Alle blieben und hielten den Siddur. Bis aber die Zeiten noch schlechter wurden, das auch nichts mehr nützte (die Lento liefen doch fort) und man schließlich einen Wächter bestellen mußte. Der stand vor dem Gefängnis und paßte auf, daß die Sträfliiigo nicht flohen; ganz wie in Warschau oder Berlin. Einmal aber kam ein Fremder nach Chelm, stellte sich mitten auf den Markt und rief in einem fort: „Chelmer Dummköpfe! C h e 1m er Du m m köpf e!“ Natürlich setzte man ihn ins Gefängnis. Und der Wächter bewachte ihn. Nachmittags bekam der Fremde Lust auf ein paar Zigaretten. Klopfte er dem Ge-* fängniswürter auf die Schulter und sagte: „Hör mal du, hier hast du fünf Kopeken, geh und hol mir sechs Zigaretten.“ — „Und warum gehst du nicht selber?“ — „Chelmer Narr, ich sitze doch im Gefängnis hier, ich darf doch nicht...!“ Das sah der Wärter ein und ging dio Zigaretten holen. Kaum aber war er um die Ecke, lief auch der „Gefangene“ fort. Stellte sich auf den Markt und brüllte wieder: „Chelmer Dummköpfe! — Chelmer Dummköpfe!“ Natürlich setzte man ihn ins Gefängnis. Und der Wächter bewachte ihn. Gegend Abend aber bekam der Gefangene wieder Lust auf Zigaretten, klopfte dem Wächter auf dio Schulter und sagte: ..Hör mal du, hier hast du fünf Kopeken, geh, hol mir ...“ Aber jetzt war der Wärter klüger. „Nee“, sagte er, „damit du mir wieder davcnlaufen kannst, wenn ich weg bin. Daraus wird nichts. Jetzt geh du bitte sehr allein und hole dir deine Zigaretten, — ich bleibe hier!“ Chelm kauft sich Verstand. Weil die Fremden doch aber immer sagen, dio Chelmer seien dumm, hat man beschlossen, ein für allemal dem Gerede ein Ende zu machen. Wie? — Sehr einfach, man wird den Kinderlehror nach Wilna -ducken, um Verstand für die ganze Stadt zu besorgen. Denn erstens ist Wilna die klügste Stadt im ganzen Land, zweitens kann man für Geld alles auf der Welt haben. Man rüstet aleo den Kinderlehror aus, »ezt ihn auf einen Wagen und läßt ihn nach