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Die Stimme · 1934-04-05 · Heft 342 (5.4.1934) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 342 (5.4.1934)
Date
1934-04-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 342. — 5. Äpril 1934 schlossen hat, ging heute ein Gesetzentwurf der Regierung zur Regelung des palästinensischen Rabbinats zu. Der Entwurf bezweckt eine vereinheitlichte Lei tung des Rabbinats. Über eine solche Vereinheitlichung wurde seit langem zwischen Waad Leunii und Agudah verhandelt, die Verhandlungen wurden jedoch vor kurzer Zeit abgebrochen. Man glaubt, daß der neue Entwurf der Regierung danach angetan sei, die Unzufriedenheit der Agudah- Kreise mit der Rabbinatsverwaltung zu beseitigen und eine Grundlage der Verständigung zwischen Waad Leumi und Agudah zu schaffen, wodurch dem langwierigen inneren Streit über das palästinensische Rabbinat ein Ende gemacht ■werden wird. Die Ansiedtung deutscher Juden und deutsch-jüdischer Kinder in Palästina Der Keren Kajemeth stellte kürzlich 2000 Dunam Boden im Emek Chefer (Wadi Hawarith) zur Ansiedlung von mehr als hundert Familien deutscher Juden zur Verfügung, wovon 1000 Dunam bereits fruchttragend sind. Arbeitergruppen, denen dieser Boden früher versprochen worden war, haben zugun sten der deutschen Juden auf ihn yerzichtet. Im Emek Zebulun bei Haifa stellte der Keren Kajemeth einige größere Bodenflächen zur Ansiedlung von 170 deutschjüdischen Familien, sowie 15 Dunam für Heime deutsch-jüdischer Kinder, in denen diese landwirtschaftlich geschult werden sollen, zur Verfügung. Die ersten Gruppen deutsch -jüdischer Kinder im Alter von 15 bis 17 Jahren sind bereits in Palästina einge troffen. Bis jetzt hat die Palästina-Regierung 350 Zertifikate speziell für deutsch -jüdische Kinder gegeben. Die Kwuzoth, denen die Kinder zugeteilt werden, haben deren Erziehung bis zum 18. Lebensjahr übernommen. Palästina-Einwanderung vor dem Unterhaus Im Unterhaus richtete der Abgeordnete Rys-Davies an den Minister für die Kolonien die Frage, ob die auf Einschränkung der Einwanderung nach Palästina abzielende Politik der Regierung auch Maßnahmen zur Kontrolle und Einschränkung der arabischen Einwanderung aus Transjordanien einschließe und ob die Zunahme arabischer Einwanderung als Grund für die Einschränkung jüdischer Einwanderung anerkannt werde. Minister Sir Philip Cunliffe-Lister führte aus: Während Personen, die in Transjordanien ihren ordentlichen Wohnsitz haben, auch ohne Paß palästinensisches Gebiet betreten dürfen, ist die Erteilung der Niederlassungserlaubnis für sie abhängig von ihrer Qualifikation gemäß den Bestimmungen des palästinensischen Einwanderungsgesetzes. Nach meinen Informationen ist die Zahl solcher Einwanderer aus Transjordanien klein. Die Frage der Einwanderung nach Palästina im allgeminen wird auf Grund der ökonomischen Fähigkeit des Landes, neue Einwanderer zu absorbieren, geregelt. Lord Reading: Die deutsche judenheit lebt weiter in Bedrückung Marquis of Reading (einst Sir Rufus Isaacs), der frühere V i z e k ö n i g von Indien und spätere britische Außenminister, leitete den zweiten Appell der englischen Juden zur Aufbringung von Mitteln für Seßhaftmachung der geflüchteten deutschen Juden in Palästina und in anderen Ländern mit einer Rede im Wob um House ein, in der der hervorragende englische Staatsmann und Jude sein Urteil über die Behandlung der Juden in Deutschland sprach und die englische Judenheit aufforderte, auch den zweiten Appell des Central British Fund nach Kräften zu unterstützen. „Bedenken Sie“, rief Marquis of Reading den Teilnehmern an der Konferenz zu, „daß wir für eine große Sache arbeiten. Sie wissen, was geschehen ist; man ist wie vor den Kopf geschlagen, wenn man zusieht, was in einem Lande geschehen konnte, welches früher als hochzivilisiert und als geistig interessiert galt. Soll ich noch einmal das Elend schildern, von dem die gesamte deutsche Judenheit seit der Machtergreifung durch die Nazis heimgesucht wurde; ein Elend und ein Schrecken, von denen man vorher nicht einmal geträumt hatte. Männer, die Deutschlands Bedeutung in Wissenschaft, Kunst und Literatur unendlich erhöht haben, sind zu Menschen niedersten Grades degradiert worden, ihr Lebenswerk wurde ruiniert, sie selbst gezwungen, in anderen Ländern ihren Lebensunterhalt zu suchen. Die ganze zivilisierte Welt fühlte sich durch ein solches Vorgehen der neuen Herren in Deutschland getroffen. Seitdem der Central British Fund seinen ersten Appell an die englische Judenheit hinausgeschickt hat, haben sich die Dinge nicht geändert. Die deutsche Judenheit lebt weiter in Bedrückung und Qual; neue, sie bedrückende Dekrete wurden in Kraft gesetzt, wir haben von neuen, sehr betrüblichen Ereignissen gehört. Die Hoffnung, daß im Verlauf der Zeit eine gewisse Erleichterung eintreten wird, wurde schwer enttäuscht. Es gibt sehr viele Menschen, denen Deutschland eine geliebte Heimat war, an deren Lasten sie gerne mitgetragen haben. Sie kämpften, bluteten und starben für Deutschland. Heute befinden sich diese Menschen in einer Lage, wie wir sie alle gut kennen. Die Gefahr besteht, daß sich die Außenwelt an den Anblick des Unglücks gewöhnt, denn Leid, das sich immer wiederholt, stumpft ab. Wir dürfen uns aber nicht abstumpfen lassen. Die Pflicht, den Unterdrückten und Verjagten zu helfen, ist so gebieterisch, so dringend wie nur je. Alle Länder, in die Flüchtlinge kamen, haben ihre eigenen Schwierigkeiten und wirtschaftlichen Nöte. Es ist nicht leicht, Arbeitsplätze für Menschen zu schaffen, die früher in Deutschland hochgeehrte und geachtete Bürger waren. Die jüdischen Persönlichkeiten aller Richtungen in England sind nach wie vor entschlossen, was immer auch kommen möge, und so viele Flüchtlinge auch in Zukunft hierher sich verirren mögen, die daraus erwachsenden öffentlichen Lasten selbst zu tragen. N i emand anderer soll sie spüren als die englischen Juden selbst. Mit Stolz und Freude wollen wir diese Lasten auf uns nehmen. Ich möchte“, fuhr Marquis of Reading fort, auf die besonders wichtige Rolle hinweisen, die Palästina in dieser Notzeit gespielt hat. Die Tore dieses Landes sind den Flüchtlingen so weit geöffnet worden, wie die Behörden es für richtig befunden haben, aber nicht der jüdischen Not entsprechend. 9000 deutsche Juden sind in Palästina eingewandert, viel Aufbauarbeit wurde in diesem Lande geleistet. Inmitten der allgemeinen Wirtschaftsnot blüht das Heilige Land auf; ein kleines Land mit verhältnismäßig geringer Bevölkerungszahl und unbedeutendem Flächenausmaß blieb allein von der Wirtschaftskrise unberührt, seine Entwicklung ist eine stetige. Manche werden Ihnen sagen: ,Was hilft alle Anstrengung gegenüber einer Katastrophe von solchem Ausmaße? Nur eine Regierung, eine große Institution könne die nötigen Mittel aufbringen.‘ Solche Worte sind unentschuldbar. Jeder tue, was er kann, die kleinste Spende gilt ebenso wie die größte, sofern sie Ausdruck einer edlen Gesinnung ist. Die Seele des britischen Juden werde sich in der Hilfsaktion für die notleidenden deutschen Juden kundtun. Wenn einer Ausflüchte sucht, dann erinnern Sie ihn daran, daß er das Glück hat, Bürger diess Landes zu sein. Wir wollen Gott dafür danken, daß wir diesem großen, freien, gerechtigkeitsliebenden Lande zugehören. Jeder bringe sein Opfer dar, und er wird damit dem Drang seines empörten Herzens Genüge tun.“ * Ziel des Central British Fund: 200,000 Pfund für die deutschen Juden London, 3. April. In der letzten Konferenz des englischjüdischen Central British Fund, in der der neue Feldzug zugunsten der deutschen Juden eingeleitet wurde, erklärte es der Vorsitzende, Sir Osmond Elim d’Avigdor Goldsmid, als das Ziel der Konferenz: zweihunderttausend Pfund in diesem Jahre für die deutsch-jüdischen Flüchtlinge aufzubringen. Herr Josef Melzer Fräulein Anny Rubin empfehlen sich als Verlobte Nissan 5694 verantwortlichen Führer der Aktion jede antijüdischo Boykottpropaganda ausdrücklich untersagt. Allein, es ist offenbar nicht leicht, die erforderliche Aufklärung über-* all hin wirksam werden zu lassen, zumal in solchen Fällen die lokalo Presse oft keinerlei Neigung zur Mitarbeit zeigt. Es ist wohl so, daß es bei fortschreitender Beschäftigung des Volkes mit Rassenfragen ausführlicher Belehrung auch über die Grenzen des beabsichtigten Vorgehens bedarf, wenn nicht spontane Strömungen entstehen sollen, die über die gewollte Begrenzung der Ariergesetze auf außerwirtschaftliche Gebiete hinausgehen. Erst kürzlich ist ja öffentlich in einem Teil der Presse vor der Aufnahme nichtarischer Le’h’rlinge in der Landwirtschaft gewarnt worden. Und ebenso ist mit großem Nachdruck dagegen Verwahrung eingelegt worden, daß sich neuerdings Juden bemühten, „Lehrstellen für ihren Nachwuchs bei Handwerks- und Gewerbemeistern zu ergattern“. Wie junge deutsche Nichtarier ihr Leben gestalten könnten oder sollten, ist danach nicht leicht auszumachen. *LTE R s. Mit voller Erhaltung und Verfügbarkeit der eingezahlten Beiträge. Allgemeine WHTfN ANSTALT ^1 CN ** GRABEN 20 TEVÜ 21*510 Hitlers Hungerkrieg gegen die Juden Kanadischer Ministerpräsident eröffnet die Palästina-Aktion Entsprechend den Beschlüssen der im Dienste des Palästina-Aufbaues stehenden Organisationen in Kanada wird in diesem Jahre von den dortigen Organisationen eine gemeinsame Aktion zur Aufbringung von 200.000 Dollar für Aufbauarbeit in Palästina durchgeführt. Diese Aktion haä die volle Unterstützung des kanadischen Ministerpräsidenten R. B. B e n e 11 gefunden, der den Drive am 15. April durch eine A ngprache im kanadischen Rundfunk eröffnen wird. Die „Frankfurter Zeitung“ veröffentlicht unter der Überschrift „Nichtarier in der Wirtschaft, Strömungen und ihre Grenzen“ eine ausführliche Darstellung der unter den gegenwärtigen Verhältnissen gegebenen Möglichkeiten der Berufsausübung durch Nichtarier, wobei hervorgehoben wird, daß die Stellung der Juden in der Wirtschaft nicht nur durch die Rassengesetzgebung, die nach dem wiederholt ausgesprochenen Willen der Reichsregierung auf bestimmte Gebiete beschränkt bleiben soll, bedingt wird, sondern auch durch die Strömungen innerhalb der Bevölkerung, wie sie sich als Ausstrahlungen rassentheoretischer Grundsätze ergeben haben, und durch die Wirksamkeit der verschiedenen Wirtschaftsverbände. Was die Berufe betrifft, die beamtenähnlichen Charakter tragen, die kulturellen und früher sogenannten „freien Berufe“, auf die die Arierbestimmungen gesetzlich angewandt werden, so können, wie die „Frankfurter Zeitung“ feststellt, junge Nichtarier auf diesen Gebieten ihre Lebensaufgaben nicht mehr suchen, da die vorgesehenen Ausnahmen von der grundsätzlichen Sperre dieser Berufe für Juden vorübergehenden Charakter tragen und sich auf Kategorien, wie Frontkämpfer und Personen, die langjährig in diesen Berufen tätig waren, beziehen, die nach und nach aussterben müssen. Bei Ärzten wirkt sich die gesetzliche Zulassung angesichts gewisser Standesvorschriften doch nicht als Gleichstellung mit ihren arischen Kollegen aus. Für die praktische Berufsausübung ist es auch von sehr unterschiedlicher Bedeutung, ob der Betreffende dem Verbände seines Wirtschaftszweiges angehört oder nicht. Nun wurde von manchen Wirtschafts- und sozialpolitischen Verbänden der Arierparagraph eingeführt und damit dio Stellung der jüdischen Berufsangehörigen erschwert. Anläßlich der vom 23. März bis 7. April stattfindenden „Frühjahrsoffensive des deutschen Handwerks, Gewerbes und Einzelhandels“, haben die Die neue antisemitische Weile Das Tschechoslowakische Preßbureau meldet aus Borlin: Die antisemitische Welle ir Deutschland, die nach dem vorjährigen Boykott und den judenfeindlichen Maßnahmen fühlbar nachgelassen hatte, beginnt nun iin Frühling wieder anzusteigen, wie verschiedene Zwischenfälle zeigen. In den letzten Wochen wurden aus verschiedenen' Teilen des Reiches j u d e nf e in dl ichq Ausschreitungen gemeldet, doch wurden sie zum Teil auch verschwiegen. Die Behörden haben zwar in einigen Fällen, vor allem soweit sie das Wirtschaftsleben betreffen, erklärt, daß zu neuen antijüdischen' Maßnahmen kein Grund vorhanden sei, doch wurden andererseits in der letzten Zeit wiederum behördliche Maßnahmen getroffen, dio zu dieser Erklärung im Widerspruch stehen. Eine scharfe antisemitische Unruh ostimmung besteht auch in den anderen Orten Mittolfrankens sowie in Nürnberg und in Augsburg selbst. In einigen Orten fanden direkte Angriffe auf die jüdischen Bürger statt. Man beurteilt diese neue antijüdische Unruhewelle als einen Ausdruck dor Enttäuschung der Leute um Julius Streicher über den von behördlicher Seite abgeblasencn Judemboykott sowie als ein Ergebnis der blutrünstigen Judenhotzo der von Julius Streicher herausgegebenen Zeitungen „Fränkischo Tagespost“ und „Stürmer“. Inzwischen dauert der Boykottnuiunel in GROSS E|W ERBEVERSAMMLUNG LSI M Mittwoch, den 11. April, 8 Uhr abends, Sektion XVI/XVII, Hernalser Brauhaus-Säle, XVII., Frauengasse Nummer 27 f§j DR. JOSEF LUWENHERZ: „Die Aufgaben und Leistungen der Kultusgemeinde in der Jetztzeit“ DR. MARTHA HOFFMANN: „Gegenwärtige Aufgaben der Jüdischen Frau“

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