Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 342 (5.4.1934)
- Date
- 1934-04-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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8«!t« 9 DIE STIMME Kr. 349. - S. April 1934 Ihb mschf’n, daß der numerus clausus in jeder noch so versteckten Form unzulassi;. ist. Daß die Kriedensvertriige auch eint „Quelle des herrschenden Übels“ sind, wissen wir. Sie sind aber nicht, deren alleinige Quelle. Fine weitere Quelle sind boispicls-, weise die nationalsozialistischen Ideen des Hasses, der Unduldsamkeit und Machtgier, die Furopa schwer gefährden. Niemand hat aber die Zerstückelung der Monarchie mit mehr Bitterkeit empfunden als wir Juden und niemand hat wirtschaftlich durch die Friedensverträge mehr gelitten als wir. Auf den Minoritätenschutz werden wir aber nie verzichten. Schutz für die Minderheit ist sittliche Pflicht jedes Kulturvolkes ohne Rücksicht darauf, ob er gesetzlich verankert ist oder nicht. In Österreich ist er gesetzlich verankert und unabdingbar. Das wissen auch die verantwortlichen Regierungsmänner. Aber gewisse Kreise laufen gegen ihn Sturm. Das ist also begreiflicher, daß sich die Juden gegen alle Entrechtungsversuche zur Wehre setzen? Eine kleine Hypothese: ■Was würde geschehen, wenn in Österreich die Forderung erhoben würde, daß alle im Jahre 1918 vor den Tschechen, den Jugoslawen und Rumänen nach Österreich geflüchteten Deutschen — denen übrigens nichts geschehen wäre, wenn sio in ihren Ländern geblieben wären — ausgebürgert oder auf den numerus clausus gesetzt und ihrer Staatsanstellungen verlustig gehen würden? Da würden sich diese Patentösterreicher rasch auf die „Diktatverträge“ berufen und das würde ihnen dann sicher nicht als „skrupellose Versündigung an der Revisionsidee“ erscheinen. Sicher würden sie nicht von einer „Erscheinung“ sprechen, „die aller Beachtung wert ist“. Sie würden auch nicht warten, bis ihnen „schon etwas geschehen“ ist. Sie würden mächtig ihre Stimme erheben. Nicht nur durch die heimatlichen böhmischen Wälder, durch den ganzen deutschen Blätterwald im Auslände würde ein Aufschrei der Empörung gehen. Die Herren Schriftleiter würden plötzlich darauf kommen, daß der Schandfriede von St. Germain doch den numerus clausus verbietet und sie würden nicht warten bis ihnen „schon etwas geschehen“ ist. Eines möchten wir aber auch bei dieser Gelegenheit feststellen: Wir haben Vertrauen zur Einsicht der Regierung Dollfuß-Fey. Wir hoffen zuversichtlich, daß sie den Juden kein Unrecht zufügen wird. Italien dient der österreichischen Regierung beim Neuaufbau des Staates als Vorbild. Alle einsichtigen Kreise der österreichischen Bevölkerung mögen sich daher die Behandlung der italienischen Juden durch die italienische Regierung zum Vorbild nehmen. Und noch etwas: Der aus Deutschland finanzierte Versuch, in Italien eine antisemitische Pressekampagne einzuleiten, wurde von Mussolini kurzerhand unterdrückt. Man wende nicht ein, daß die geringe Zahl von Juden in Italien eben keine Judenfrage schafft. Diese italienischen Juden sind weit über die Perzentnorm Rechtsanwälte und Arzte, Richter, hohe Staatsbeamte, Generäle und Minister. Trotzdem hetzt kein Mensch in Italien gegen diese Juden. Wir bringen in dieser Nummer unseres Blattes einen in der „Neuen Zürcher Zeitung“ erschienenen Artikel über „Österreich und der Minderheitenschutz“. Dort heißt es, daß die Minderheitsbestimmungen des Friedensvertrages von St. Germain „R e c h t s r c g e 1 n“ sind, „di e im Dienste eines höheren Kollektiv! ntcresses der europäischen Menschheit stehe n“. Wer also gegen diese Rechtsregeln Sturm läuft, erweist Österreich einen schlechten Dienst. Der Papst gegen das Heidentum des Nationalsozialismus Rom, 4. April. Der Papst hat in einem Handschreiben einen Ostergruß an die katholische Jugend Deuteohlands gerichtet, in dem er den Bekennormut dieser Jugend rühmt, die „entgogon einer mit Lockrufen und Druck arbeitenden Propaganda für eine Lebensauffassung, die von Christus weg ins Iloidontura z u r 11 c k f ü h r t“, der christlichen Kirche die Treue hält. Fast die gesamte Presse der Spietcecld voll yewaUct! VERWENDET EURE TREFFER ANLEIHE FÜR EINE PHÖNIX Lebensversicherung Welt gibt diese Papst-Botschaft wieder a\s ein Symptom des neuen, nun eindeutiger gewordenen Verhaltens des Vatikans z u m Nation a 1 s o z i a- 1 i s ra u s. Tschechoslowakische Staatsleitung gegen Rassenhaß Prag, 4. April. Als Einleitung zum Osterfest wurdo am 31. März im Sitzungasaal des tschechoslowakischen Abgeordnetenhauses in Anwesenheit des Präsidenten der Republik, Thomas Cf. Masaryk, der Mitglieder dor Regierung, des diplomatischen Korps und der gesetzgebenden Körperschaften der Friede des tschechoslowakischen Roten Kreuzes feierlich verkündet. Der Vertreter der Regierung, Minister für Unterricht und Volksaufklärung, Dr. K fotnar, sagte übor (len Sinn der Feier unter anderem: „L i e b e zum eigenen Volk fordert keineswegs Lieblosigkeit zu anderen Völkern“, so lehrt miß unser großer Präsident. „Gegen ©inen positiven Nationalismus, der positive Ziele anstrebt, eine intensive Arbeit zur Hebung der eigenen Nation beinhaltet, kann niemand etwas citizuwenden haben, nicht die Liebe zum eigenen Volk, .sondern der Chauvinismus ist der Feind der Völker und der Menschheit.“ Nach diesem Masaryk- Zitat führte der Untcrriehtsminister unter anderem aus: Unter den Völkern gibt e.s keinen angeborenen Haß. Dem arbeitenden Volk jedweder Zunge und Rasse ist jegliche r R a ß s e n h a ß fremd. Propagandasekretär gesucht für zionistische Landesorganisatfcn Erforderlich : Rednertalent und Beherrschung der deutschen, Jiddischen und womöglich hebräischen Spradie. Anträge mit Nachweis der bisherigen Verwendung unter „Propagandasekretär'1 an die Administration der „Stimme“. Zentrum von Südoßteuropa gegolten hat und daher eine starke Anziehung auf die handeltreibenden Elemente dieses Gebietes ausübte, so erscheint es begreiflich, daß gerade die jüdische Gemeinschaft dort, besonders stark vertreten ißt und ira kulturellen Leben eine wesentliche Rolle spielt. Außer dieser Wiener Judenschaft beherbergt der junge ößterreichische Staat, dessen Schwergewicht in den Alpcnlänclern liegt, relativwenige Juden, außer den 10.00Ü ehemals ungarischen Juden des Burgonlandes nur noch 28.000 andere. Auf eine Gesamtbevölkerung von 6,500.000 gibt es 218.000 Juden in Österreich. Österreich und der B m Die „Neue Zürcher Z e i t u n g“ bringt in ihrer Nummer vom 31. März folgende Darlegungen von einem Kenner der österreichischen Verhältnisse: Die antisemitische Welle, die in Deutschland eine judenfeindiiehe Gesetzgebung und Verwaltungspraxis gebracht hat. schlügt auch auf Österreich über. Nicht erst seit es dort eine nationalsozialistische Bewegung gibt, ist der Antisemitismus ein Problem des öffentlichen Lehens geworden, schon in der Vorkriegszeit war ein großer Teil der Christlichsozialen Partei stark antisemitisch angehaucht, und auch in großdeutschen Palästinaabteilung ^■'X"rabn& Josef Popoer Internationale Transporte Wien, II-, Taborstrafte 22 Telephon R 48-5-10, R 49-5-70 Serie Spezial -Warentransporte, Übersiedlungen, Verpackungen für Palästina, Transport- und Reisegepäckversicherungen. Auskünfte jeder Art über Palästina. Kreisen gewann allmählich eine radikalantieemitische Richtung die Oberhand. Es ist daher kein Zufall, daß bereits der Friedensvertrag von St. Germain im Gegensatz zum Vertrag von Versailles in. weitem Umfang Mindurheitenschutzbestimmungen aufetellte, die nicht nur zugunsten von Personen getroffen wurden, die durch die Sprache sich vom Mehrheitsvolk unterschieden, sondern auch die nach Rasse und Religion einer Minorität angehören. In Österreich sind somit nicht nur etwa die Slowenen in Kärnten und die Tschechen in Wien vor jeder Diskrimination geschützt (Art 62—69 des Vertrages von St. Germain), sondern zweifellos auch die Juden. Auch auf sie bezieht sich die Garantie des Völkerbundes, die jedem Ratsmitglied erlaubt, die Aufmerksamkeit dieses Organs auf eine Verletzung oder Gefahr einer Verletzung der Minderheitenschutzverpflichtungen zu lenken und ihm dae Rocht gibt, „solche Weisungen zu geben, die im gegebenen Falle wirksam und geeignet erscheinen könnten“. Daneben besteht unter Umständen sogar die Möglichkeit einer Anrufung des Ständigen Internationalen Gerichtshöfe« ira Haag, Jede Ausnahmegesotzgebung und entsprechende Vorwaltungspraxis gegenüber den österreichischen Juden wäro somit eine Völkerrechtßverletzung, die unter Umständen vor einer Internationalen Inßtanz zur Diskussion kämo. Bisher hat sich die österreichische Regierung trotz starken antisemitischen Strömungen in der Heimwehr und bei den Nationalsozialisten von einem ausgesprochen antisemitischen Kurse daher auch ferngehalten. Diee wurde ihr dadurch erleichtert, daß die große Mehrheit dor alteingesessenen Wiener jüdischen Bevölkerung trotz dem ausgesprochen „christlichdeutschen Kurs“ der Regierung loyal zu ihr hielt und im ausgesprochenen Gegensatz zur Politik der österreichischen Sozialdemokratie stand. Dabei ist zu betonen, daß die Juden in Österreich seit Joßeph II., dem großen Vorkämpfer der Aufklärung in den habsburgischen Erblanden, zu den wärmsten Vorkämpfern des österreichischen Staatsgedankeus gehörten. Es ist daher kein Zufall, wenn sie den Regeneratiorißbestrebungen des Bundeskanzlers Dr. Dollfuß ihre Unterstützung liehen. Anderseits standen auch im Lager der Sozialdemokratie zahlreiche jüdische Intellektuelle mit an führender Stelle, die aber von ihren Glaubensgenossen mit stärkeren nationalen und religiösen Bindungen nicht erst seit gestern aufs heftigste bekämpft worden sind. Wenn daher die österreichische Regierung der starken antisemitischen Welle nicht nach gibt, so handeltßie lediglich in derlogischen Linie ihrer Politik, die kaum mehr eine weitere Verengung ihrer Basis aushalten dürfte. Es besteht aber leider die Gefahr, daß in diesem Punkte auf die Forderungen einer lauten Straße Rücksicht genommen wird. Die Schlagworte der antisemitischen Propaganda scheinen auch in Österreich ihren Eindruck nicht zu verfehlen; bereits beginnen an einzelnen Orten vorbereitende Maßnahmen, die darauf hiudouten, daß die Regierung in ihrer Haltung schwankend wird. (Davon ist hier nichts bekannt. Dieser Behauptung stehen auch die wiederholten Erklärungen verantwortlicher Regiorungemännor entgegen. D. Red.) So müssen in großen Bank- und Ver&ichorungsunternehmungen Nachforschungen über die Zahl dor jüdischen Angestellten unternommen werden. Es wird dabei auch gefragt, ob sie ihren Vor- und Zunamen geändert hätten und seit wann sie die österreichische Staatsangehörigkeit besäßen. Natürlich ist die Zahl dor Juden in Wien verhältnismäßig hoch (185.000). Zieht man aber in Betracht, daß Wien von jeher als Welche neue Gefahr für den sozialen Frieden in Europa die Diskriminierung und teil weiße Vertreibung dieser Juden mit sich bringen würde, beweist das Schicksal ihrer deutschen Glaubensgenossen. Es besteht daher nicht etwa nur ein Interesse der österreichisch -jüdischen Bevölkerung, daß jeder Diskriminationsakt unterbleibe, sondern es besteht auch ein gesamteuropäisches Interesse an der Aufrecht haitu ng der staatsbürgerlichen Gleichheit der österreichischen Juden. Die Minderheitensschutzbestimm ungen des Vertrages vou St. Germain, die in erster Linie den religiösen und sozialen Frieden im Innern Österreichs schützen sollen, erweisen sich als Rechtsrogeln, die im Dienste eines höheren Kollektivinteresses der europäischen Menschheit stehen: den zweifellos ist auch in diesem Fall dio Aufrechterhaltung des Status quo in Österreich Handlungen vorzuziehen, die zu unabsehbaren Konsequenzen für eine heimatlos gewordene Gemeinschaft führen müßten. Zu den vielen Schwierigkeiten, welche die deutschjüdische Emigration in genügendem Maße bereits aufwirft, käme eine weitere Aufgabe hinzu, deren Erfüllung angesichts der allgemeinen Not der Zeit schlechthin unmöglich wäre. Aus all diesen Gründen wäre ein Nachgeben des österreichischen Bundeskanzlers vor einer zwar zeitgemäßen, aber nichtsdestoweniger destruktiven Bewegung nicht nur eine Versündigung gegen die Humanität, sondern auch ein Akt einer folgenschweren, schlechten Politik. Ritualmordbroschüre tn Litauen beschlagnahmt Antisemitische Vereinigungen in Litauen nahmon das uwTanr.aher.~r Pcssachfeet zum Anlaß, eine verstärkte judenfeindiiehe Propaganda zu entfalten. Eine Flugschrift, in der das Märchen vom jüdischen Ritualmord von neuem aufgotiseht wurde, war ln großen Massen horgestollt worden. Eine Abordnung des jüdischen Frontkämpf er verbände« hat bei der Regierung auf die Gefahren dieser Hetze hingewiesen. Daraufhin wurde die polizeiliche Beschlagnahme der Broschüre verfügt, bevor sio noch zur Verbreitung gelangte. Einstein am Seder New York, 4. April. Professor Albert Einstein wohnte In New York der vom National Labour Committee for PaleBtino verunstalteten Seder- F e i e r bei und führte in seiner Anspraolie unter anderem aues „Als Jude darf ich stolz sein darauf, duß uns Juden keine Verfolgung von unserem Weg abbringen kann, ein Leben der Rechtschaffenheit zu führen. Die Art, wie er leben muß, bestimmt das Schicksal des Juden.“