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Die Stimme · 1934-04-05 · Heft 342 (5.4.1934) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 342 (5.4.1934)
Date
1934-04-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
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Preis dieser Nummer 20 g V. b. b Erscheint Dienstag und Freitag Die nadiste Nummer der „Stimme1 ersdielnt Dienstag früh! JÜDISCHE ZEITUNG ENGL HERRENMODE FEINE MASSWÄSCHE EUGEN PRAGER I., SPIEGELGASSE 25 FERNRUF: R 22-3-90 Nr. 342 | Wien, 5« April 1934 Redaktion und Administration. Wien, i. Kärntnerstraße 28, Tel. R 27-4*85. Redaktlorisschluß Montag und Mittwoch vorm. I (20. Nisan 5694) 7. Jahrgang Der furor teutonicus und seine Gönner Das Dritte Reich hat den ersten Jahrestag seines großen Judensieges in der bei solcher Sippschaft herkömmlichen Art gefeiert. Eine Metzelei in einem bayrischen Ort, bei der zwei Juden starben und eine erkleckliche Anzahl verwundet wurde; Boykottaufrufe, Plakate, Sprechchöre und all die Mittel der Goebbelsschen Propagandaregie wurden verwendet, und die Welt bekam wieder ein lebendiges Bild der Kulturhöhe zwischen Rhein'und Memel zu sehen. Freilich hat die Regierung diesmal durch entsprechend zweideutige Warnungen für ein Alibi sorgen wollen.. Nicht die um Hitler benehmen sich so ungezwungen nordisch, sondern der Nürnberger Sadist Streicher ist es, der die schönen fränkischen Traditionen fortsetzt. In dem Gau, den diese Kreatur verwest, wurden' ja schon vor hundert Jahren, in der Zeit nach der Ermordung Kotzebues, Juden gemeuchelt und auch das aus der Tiefe der deutschen Seele geholte Wort „Juda verrecke!“ ist damals in Franken entstanden. . Dietrich Eckart war nur ein später Nachempfinder. Der neue Krieg gegen die Juden hat die besondere Aufgabe, die innere Aufmerksamkeit von den immer deutlicher werdenden Anzeichen des Niederbruchs abzuwenden. Die Lage hat sich so verschlimmert, daß die Regierung mit den Vertuschungen nicht mehr auskommt, und selbst wenn man annimmt, daß hinter der Offenherzigkeit der Finanzsachverständigen irgend ein Betrug sich versteckt hält, bliebe doch noch genug übrig, um die argwöhnische Aufmerksamkeit der breiten Massen anzuregen. Statt der Entschuldung haben die Landwirte den Ehrennamen Bauer bekommen, die Arbeiter statt Arbeit und Lohoi das Arbeiter-Ehrengericht, die Arbeitslosen haben überhaupt nichts als die Aussicht auf bessere Zeiten, die ostelbißchen Junker sind, soweit sie noch nicht die Konzentrationslager bevölkern, störrisch und wild. Die Vereinigung aller Deutschen zu einem Reich ist echon längst weggeschwemimt. Die Stimmung ist vor dem Umschlagen. In solcher Situation bietet sich entweder ein Krieg nach außen oder ein Gewaltakt im Innern als momentanes Opiat. Den Krieg möchte ja Hitler führen, aber er kann ihn heute noch nicht wagen. Also bleiben die Juden. Hier kann sich der furor teutonicus voll entwickeln, zumal die Juden keine Waffen haben. Und so geht es mit Sieg Heil! gegen die paar hunderttausend Männer, Frauen und Kinder. Die Welt draußen sieht zu, schüttelt das Haupt und tut nichts. Das Judentum ist heute in der Bewertung der sittlichen Kräfte Europas um vieles weiter gelangt. Es weiß heute, daß die vielen Sympathieversicherun- VII., KAISERSTRASSE 123 » 1X„ ALSERSTRASSE 6 gen nichts als Schwindelmanöver zur Beruhigung des eigenen Gewissens sind, daß die Angst vor den bewaffneten Bravi Hitlers stärker wiegt als alle Ethik. Es brauchte nur einiger demonstrativer Akte, um das Unrecht zu verscheuchen: einige scharfe Noten nach Berlin, Abbruch aller Verhandlungen, Absage der Abstimmung im Saargebiet und Boykott der deutschen Vertretungen im Ausland. Das würde sofort wirken und die in Deutschland niedergehaltenen Millionen von Opfern der Hitlerei vielleicht zum Aufstand bringen. Ein Krieg ist unnötig, würde auch Unschuldige treffen. Aber eine Polizeiaktion der von dem Kontagium der braunen Pest Bedrohten ist denkbar und Europa fände wieder Ruhe. Es könnte sich auch der Spitzel entledigen, die heute in Frankreich und in England hetzen. Aus den Goebbelsschen Anweisungen, die „Petit Parisienne“ publiziert hat, ist ja zur Genüge ersichtlich, wie da gearbeitet wird, und eine' Gefalw, die-man kennt,- ist keine mehr. Aber es ist so, daß die Völker und Regierungen, im Herzen selbst antisemitisch. es lieber sehen, wenn sich die germa- Jerusalem, 3. April. In der Sitzung des Zionistischen Aktions- Komitees am 30. März, dem Vorabend des Pessachfestes, erschien Dr. Chaim W e i zm a n n — es war dies seit drei Jahren der. erste Fall, daß der frühere Präsident der Z. O. einer repräsentativen zionistischen Beratung beiwohnte — und hielt eine eineinhalb Stünden dauernde, von den A. C.-Mitgliedern mit größter Aufmerksamkeit angehörte Rede, in der er einen Überblick über die Aktion des von ihm geleiteten Bureaus der Jewish Agency zur Ansiedlung deutscher Juden gab. 1800 jüdische Jugendliche aus Deutschland, sagte Dr. Weizmann, wurden auf palästinensischem Boden angesiedelt. So einschichtig dieses Problem ist, so schwierig ist das Problem der Umschichtung der Mittelklasse. Weizmann kündigte die Schaffung einer Kreditinstitution zur Erteilung landwirtschaftlicher und industrieller Kredite an deutsche Juden an, ferner die Entwicklung großer Bodenreserven in den Gebieten des Sees H u 1 e h und im Beisan-Distrikt an. Dr. Weizmann kam sodann auf den internen zionistischen Streit in Palästina zu sprechen und gab seiner Befürchtung und zugleich seinem Bedauern Ausdruck, daß jetzt, da nie geträumte Möglichkeiten für den Jischuw sich eröffnen, die Bewegung zerreißende Element edle Oberhand zu gewinnen streben. Er erklärte sich mit der jetzigen Exekutive solidarisch nischen Mordinstinkte an den Juden abreagieren. Dem jüdischen Volk, das sich auf sich selbst angewiesen sieht, bleibt also nur die Aufgabe, das Problem mit seinen eigenen Mitteln anzugehen. Die Frage der deutschen Juden ist eine jüdisch-politische und sie kann nur auf dem Wege der jüdischen Politik, durch den Zionismus abgemildert werden. Auch das jüdische Volk braucht Lebeneraum, Erweiterung seines Siedlungsgebietes Durch Jahre hindurch hetzte die getarnte und nicht getarnte Presse in Österreich gegen die Juden. Ausweisung aller seit 1914 eingewanderten Juden, Ausbürgerung aller seit 1914 eingebürgten Juden, numerus clausus für jüdische Ärzte und Rechtsanwälte waren so einige Blüten des reichhaltig antisemitischen Forderungsbuketts. Nichts ist natürlicher, als daß die Juden und sagte, die Behauptung von dem Bestehen einer Vorherrschaft der Arbeiterpartei sei nichts als lächerliches Gerede. Würde man die Leistungen der Ar- . beiterparteiler vernichten, so würde dies Blutflecke auf dem Boden Erez Israels zurücklassen, die in Jahr und Tag nicht werden abgewaschen werden können. Dr. Weizmann führte zum Problem der Einwanderung aus, es seien im Berichtsjahre über 40.000 Juden in Palästina eingewandert. Im laufenden Jahre und in den kommenden Jahren wird sich der Jahresdurchschnitt der Einwanderung auf 50.000 belaufen und somit sich den Zahlen nähern, die er, Dr. Weizmann, und Nahum S o k o 1 o w auf der Friedenskonferenz zu Versailles genannt haben. Binnen fünf Jahren, sagte Dr. Weizmann, würde Palästina bei einer solchen Einwanderung für sich selbst sorgen und dabei sich ein anspruchsvolleres politisches Programm setzen können. Zum Schluß schlug Dr. Weizmann die Schaffung einer speziellen Körperschaft zur Ausarbeitung eines Arbeitsplanes für den nächsten Zionistenkongreß vor und schloß mit einem leidenschaftlichen Appell zur Einigkeit innerhalb der Zionistischen Organisation. in Paläßtina, Verstärkung seines numerischen Gewichtes im vorderen Orient. Vom Völkerbund muß verlangt werden, daß Transjordanien aufgeschlossen wird und daß alle Möglichkeiten ausgenützt werden, die sich aus der Tatsache des schon vorhandenen jüdischen Hinterlandes ergeben. Und außerhalb Palästinas muß die nationale Aufklärung fortgeführt werden. Wir haben nirgends einen Freund, wir etehen überall vor Doppelzüngigkeit, vor Widerspruch zwischen Theorie und Praxis, vor der Absicht, uns zu Schutzjuden zu degradieren. Nur bei uns, beim politischen Zionismus liegt Erlösung aus dieser Hölle. gegen diese unverblümten Forderungen nach Entrechtung ihre Stimme erhoben. Nichts ist selbstverständlicher, als daß der in seinen Rechten Bedrohte sich auf sein gutes Recht beruft. Das tun auch die österreichischen Juden. Die Gleichheit aller Bürger vor dem Geöet? und die tatsächliche Durchsetzung dieses Rechtes in allen Zweigen des öffentlichen Lebens ist, abgesehen von allen juristischen Erwägungen, eine ethische Forderung. Unsere Antisemiten sind anderer Meinung. Ja, wenn sie könnten, wie sie möchten! Sie würden womöglich noch Hitler übertrumpfen. Ausbürgerungen, numerus clausus, numerus nullus, Ausweisungen und andere mittelalterliche Praktiken würden schaurige Wahrheit werden. Was ist also natürlicher, als daß sich die Juden Österreichs auf Gesetz und Verfassung berufen, wozu auch der Friedensvertrag gehört? Aber da werden unsere Antisemiten ärgerlich. „Ist den Juden in Österreich schon etwas geschehen?“ fragen entrüstet die „W i e n e t Neuesten Nachrichten“. Sie spielen also die Naive, sie haben bisher keine Ausnahmsgesetze für Juden verlangt, weder sie, noch ihre Gesinnungsgenossen, sie waren bisher begeisterte Verfechter der jüdischen Gleichberechtigung. Warum schreien also die Juden? Ist ihnen „schon“ etwas geschehen? Das ist doch unerhört! Die Juden berufen sich auf die Friedensverträge, „die Hauptquelle des herrschenden Übels“, die Juden „sündigen skrupellos gegen die Revisionsidee“. Und überdies und außerdem, es ist gar nicht wahr, daß der Friedensvertrag den numerus clausus verbietet. Zu dieser letztgenannten, sehr kühnen Behauptung sei vorweg festgestellt: Wenn der Schreiber, der in den „Wiener Neuesten Nachrichten“ enthaltenen Notiz Jurist sein sollte, dann möge er sich das Lehrgeld zurückgeben lassen. Ist er aber Nichtjurist, dann möge er die Bestimmungen des Friedensvertrages über Minderheitenschutz lesen, die es auch jedem Nichtjuristen verständ- Nach Palästina mit der Cempass Tours 14. April: „Ausonia“ 17. April: Offizielle Messereiee 30. Aprli: Zweite Messereise mit dem Luxus-Motor schiff „Vulcania“ über Rom, Neapel Palermo, Athen, Beirut 9. Mali S. S. „Tel-Aviv“ FörJiinzelrelsendeJWhiff!^ Auskünfte und Anmeldungen im Reisebüro Compass Tours, Wien, IX., Spitalgasse 3 4e Telephon B 42-5-38 Dr. Weizmann ln der A.C.-Sitzung (Eigenbericht der „Stimme“.) 40.000 im Beridttsjahre eingewandert - In den kommenden Jahren werden fahrlidi 50.000 Juden einwandern Sie hetzen weiter

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