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Die Stimme · 1934-04-04 · Heft 341 (4.4.1934) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 341 (4.4.1934)
Date
1934-04-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 34t - 4. April 1984 DIE STIMME Seife 8 Gesdiiditslehren des Pessach-Festes Von Ernst Müller Die Wogen der Zeit zwingen uns wohl, die Feste, die gerade bei uns in hervorragendem Maße aueh geschichtliche Marksteine bezeichnen, nicht nur gewohnheitsmäßig, sondern mit Besinnung zu feiern. Ganz besonders das Frühlings- und Befreiungsfest, im Naturhaften und Historischen ein wahres Überschreitungsfest. Ganz greifbar kann man an dem, was sich da vor fast vier tauend Jahren zwischen Ägypten und Israel abspielte, entnehmen, was Geschichte ist. Über den einzelnen Menschen, Ägyptern und Hebräern, -wirkt ein Geschehensstrom, der das Zeitbild radikal umgestaltet. Die. Vertreter einer auf unerhörtem Sklavendienst basierten Hochzivilisation „versinken im Meer“, die gegestern Sklaven waren, werden aus der Knechtschaft in die Freiheit geführt, wenn auch bislang erst die Freiheit der Wtlstenwanderung. Denn über dem qualvollen Schicksal des Sklaventums wie über den folgenden ruhelosen Kämpfen nach außen und nach innen waltet höhere Bestimmung, sinnvolle Erwählung, Entsprang der Macht trieb der Peiniger, i/n Aufträge eines Iter schers, der sieh für ein göttliches \Y< me hielt, sinnloser Verblendung, so durfte der neue Freiheitstrieb nicht der Blindheit der Volksinstinkte überlassen sein. Der gewaltige Führer, dessen Führertum ja nicht machtlüsterner Selbstverherrlichung, sondern demütig empfangener Sendung entsprang, gestaltet aus Sklaven ein Volk, gestaltet das Volk aus einem die Zukunft der Menschheit umspannenden Gesetz, das als direkte Fortsetzung des Weltgesetzes empfunden ward. Und zwischen diesem Gesetz, trotz mancher der Zeitsituation entsprechenden Härten, und dem gewaltigen Freiheitsimpuls, der doch die Seele dieser Volkswerdung bedeutet, waltet kein Widerspruch, weil nach der tiefsinnigen Deutung eines Midrasch das Eingegrabensein des Gesetzes auf die Tafeln des Sinai selber „Freiheit“ heißt. Eine ständige Erinnerung, deren Treue zum Beispiel einen Henry George mit ehrfürchtigem Staunen erfüllte, läßt das jüdische Volk noch immer alljährlich zu jenem Ereignis, seinem eigentlichen Geburtsoreignis, zurückkehren. Wie es in der Hagada heißt: „In jedem Geschlecht ist der Mensch verpflichtet, sich anzusehen, als sei er selbst aus Ägypten gezogen.“ Dies die eine Seite, daß die Art dieses Geburtsereignisses latent fortwirkt in der ganzen Volksgeschichte, auch in jenen Phasen, wo es Pein und Unterdrückung wieder in das ägyptische Vorstadium seiner Geschichte zurückdrängen wollen. Wenn die Freiheit aus dem rechten Geiste der Erwählung kommt, dann kann auch dieses, im Aspekte einer neuen Zukunft, ein Vorstadium sein. Die andere Seite, daß das Antlitz der Geschichte dennoch in unaufhörlichem Wandel begriffen ist. Unwiederbringlich liegt jenes Urbegebnis mit seiner Art der Führung, Befreiung und Volksgestaltung hinter uns. Führung, Befreiung und Gestaltung werden uns nicht mehr von außen gegeben, weil sie nicht mehr eine für große Ziele blinde, unverantwortliche Masse betreffen können, sondern in gewissem Sinne jeder sein Teil der Verantwortung an dem Ganzen trägt. Auf jedes einzelnen Besinnung, auf sein Stehen im Leben, im Persönlichen, Volkshaften und Geistigen, will es heute mehr denn jo ankommen. Dann erst wird es überhaupt möglich sein, die Zeichen auch dieser Zeit, dieser verhängnisvollen und vielleicht dennoch zukunftsschwangeren Zeit, sinnvoll und fruchtbar zu douten. Aus der Pessadi-Hassada des Dubner Maggid VON DR. JOSEF BABAD (KLAGENFURT) Jüdische Gottesdienste regelmäßig im Pariser Rundfunk Paris, 28. März. Der Postminister ordnete die Wiederaufnahme der religiösen Vorträge im Rundfunk an, die regelmäßig jede Woche erfolgen sollen. Das Datum für die katholische Rundfunkkundgebung wurde auf den 8. April mittags, für die Protestanten auf den 12. April mittagB und für die Juden auf den 13. April mittags festgesetzt. Universitätsprofessoren und Privatgelohrte werden Vorträge philosophischen und sozialen Charakters allwöchentlich halten; den ersten Vortrag hält Prof. Henri Borgson am 10. April, 19 Uhr. Fern in den entlegenen Städtchen und Dörfern des jüdischen Ostens ist vielfach noch heute der „Maggid“, der volkstümliche Wanderprediger, eine beliebto Erscheinung für Jung und Alt. Im Gogonsatz zu den von Ge- | lehrsamkeit übersprudelnden halachischen Er-! örterungen der Rabbinen zeichneten sich die | Reden der „Maggidim“ schon in ältester Zeit! durch populäre, allgemein zugängliche, leicht : gehaltene Form aus. So wird bereits im Talmud (Sota 40a) erzählt: Rabbi Abahu hatte bei seinen agadischen Vorträgen viele Zuhörer, während Rabbi Chija bar Abba bei seinen halachischen Erörterungen nur wenige hatte. Um letzteren zu besänftigen, sagte R. Abahu: „Ich will dir ein Gleichnis vortragen; es ist. dies zwei Menschen gleich, von denen der eine Edelsteine, der andere Häkelarbeiten zu verkaufen hatte. Wer hat wohl einen größeren Zudrang von Käufern? Doch derjenige, der die Häkelarbeiten feilbietet!“ Der wandernde Maggid war es auch, der in' den Zeiten eines finsteren Mittelalters und einer oft ebenso dunklen Neuzeit die großen jüdischen Massen mit messianiseben Hoffnungen zu erfüllen und durch Trost wachzuhalten verstand. Einen solchen Maggid n i s, schon längst eine beliebte Form der jüdischen Volksliteratur, wurde durch ihn zum Schlüssel für alle schwierigen Probleme, ja, selbst für manche halachischen Satzungen. In diesem Sinne sind auch seine Kommentare zur Bibel — der „Ohel- Jakoh“ zum Pentateuch, „Kol Jakob“ zu den fünf Megilloth und „Kochab-Mijakob“ zu den Haphtaroth — gehalten. Besonders beliebt und bekannt sind seine Erklärungen zur Pessach-Haggadah, die unter den Titeln „Emeth Le’jakob“ (hebräisch) und „Ohale- Jakob“ (jiddisch) gedruckt sind. Nachstehend eine freie Übersetzungsprobe: „Ha lachma anja ...“ Zur Erklärung der beiden Lesearten „ha lachma“ und „k e’h a lachma“ erzählt der große Maggid folgendes Gleichnis: Einst lebte ein armer Mann, der sich und seine Familie durch Hausieren und Almosen kümmerlich ernährte. Er zog von Ort zu Ort mit seinem Sacke auf den Schultern, in welchem er verschiedene Ritualien wie Mesusoth, Zizith, Gebetbücher u. a. zum Weiterverkauf führte. Denn es gab und gibt noch heute im Osten den Typus des wandernden Ritualienhändlers, der von Stadt zu Stadt, Erzeugnis jüdischer Pflanzer Die PARDESS aus Jaffa ' ' ' Saftig — Süß — Kernlos In Originalpackung mit der Kamel-Sdiutzmarke In jedem besseren Geschäfte erhältlich par excellence stellt der in der jüdischen Volksliteratur verewigte und um das jüdischreligiöse Leben hochverdiente Jakob ben Wolf Kranz, bekannt unter dem Namen „der Dubner Maggi d“, vor. Im Jahre 1740 zu Zietil (Bezirk Wilna) geboren, kam er bereits mit 18 Jahren nach Meseritz, wo Kundmachung Die Wiener Molkerei bringt auch heuer Pessach-Koschermilch in allen ihren Filialen zum Verkauf. Die Pessach-Koschermilch wird in ihren Meiereien in Niederösterreich unter streng ritueller Aufsicht der von Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. KL Rosenmann bestellten religiös verläßlichen Organe OVTJtPO erzeugt. Jede Kanne und jede Flasche ist mit einer Plombe, respektive einer Schleife versehen mit dem Aufdruck riDS 'VO HD 3TI Vom 30. Marz bis 7. April in allen Verkaufsstellen erhältlich Wiener Molkerei seine eigentliche Maggidlaufbahn beginnt. Er zieht nach einem zweijährigen Aufenthalt von hier nach Zolkiew, Dubno, Wlodawa, Kalisch und Zamosö, wo er überall als Maggid und unübertroffener Predigor die jüdischen Menschenlieben an sich zieht. Besonders Dubno ist die Stätte, wo er ein segensreiches Wirken entfaltet und die er orst verläßt, als ihn der berühmte Elia vVilna zu sich einlädt. Durch hinreißende Beredsamkeit, eine leichte Sprache sowie durch Heranziehung anschaulicher Gleichnisse aus dem täglichen Leben des Ostjuden verstand er es, den Massen den hohen Idealgehalt des Judentums verständlich zu machen und so kulturbahnend zu wirken. Das Gleichvon Dorf zu Dorf zieht, um insbesondere in den Bethäusern seine „heiligen Waren“ feilzubieten, und der nicht abgeneigt ist, auch Almosen in Empfang zu nehmen. Eines Tages kam unser Hausierer mit seinem Sacke in ein Städtchen, machte wie gewöhnlich zuerst einen Rundgang durch die Straßen der Ortschaft, indem er all die Häuser der Vornehmen und Reichen besuchte, und begab sich hierauf — es war bereits die Zeit des „Mincha“- Gebetes — in das größte Bethaus des Ortes. Seine Ware fand aber heute recht wenig Absatz. Es war bereits Mittwoch abends, mehr als die Hälfte der Woche vorbei und der Verdienst für Sabbat nicht einmal zur Hälfte gedeckt. Da beschloß der besorgte Familienvater sogleich aufzubrechen, um noch vor Morgengrauen in der nahegelegenen größeren Stadt seinen Handel fortzusetzen. Dieser Weg wurde nun der Weg seines Glückes; er entdeckte auf seiner nächtlichen Wanderung einen kostbaren; Schatz und ward ein reicher Mann. I Zum Andenken an diesen glücklichen j Wendepunkt seines Lebens bestimmte er den Tag, der der Ausgangspunkt seines Reic-h- . tmns geworden war, zum alljährlichen „Jom-! tow“, zum Freuden- und Festtag; er feierte i diesen „Jom-tow“ mehr als alle Feiertage des Jahres, in seinem Heim machte man aus; diesem Anlaß besondere Vorbereitungen, I festliche Kleider, Schmuck und anderer I feierlicher Prunk wurden angelegt, um dom Tage einen besonders freudig-festlichen Charakter zu verleihen. Beim Schmaus pflegte dann der neue Reiche zur Erinnerung an seine frühere Armut, sich den alten Bettelsack umzuhängen und mit seinen Kindern im lustigen Tanze sich zu erfreuen. Dies I war auch der Höhepunkt seines Festes, das | er als Symbol innerer Genugtuung und Zuj friedenheit alljährlich feierte.! Doch sind des Schicksals Wege gar eigen- | artig! Unser von herzlicher Dankbarkeit er- | füllte Mann ward durch die Ungunst der Zeit wieder an den Bettelstab gebracht und der Verzweiflung nahe. Da erinnerte ihn seine Frau an seinen früheren Beruf und so holte der ehemalige Hausierer seinen Bettclsaok hervor, um sich wiederum auf den alten Weg seines erbärmlichen Handels zu begeben. Als aber die Kinder sahen, daß sich ihr Vater den Bettelsack umgehängt hatte, da meinten sie, der so beliebte Festtag sei wieder angebrochen und klagten, daß ihnen diesmal der Vater gar keine neuen Gewänder für den „Jom-tow“ angesohafft hatte. Der betroffene Vater gab ihnen traurig zur Antwort: „Ja, früher, liebe Kinder, konnte ich euch recht viele Geschenke machen, den Bettelsack hatte ich nur umgehängt, tim der früheren Armut und der Hilfe des Allmächtigen eingedenk zu sein. Jetzt aber ist der Bettelsack leider nicht mehr Symbol, sondern Wirklichkeit; ich muß wiederum hausieren gehen, um euch das Notwendigste bieten zu können.“ Dieses Gleichnis soll nach dem Hagada- Kommentar des Dubner Maggid auch den Unterschied der Lesearten von „ha lachma“ (dies ist das Brot des Leidens) und „k e’h a lachma“ (dies ist w i e das Brot des Leidens) beleuchten: Als wir unseren Tempel zu Jerusalem und unser heiliges Land besaßen, waren die Mazzoth zu Pessach nur Symbol, als Erinnerung an die Sklaverei in Ägypten, daher, sagte man „k e’ha lachma“ oder „ha ke’lachma“ d. h. „dies ist tv i e das Brot des Leidens, das unsere Väter in Ägypten gegessen haben“. Aber heute, da wir gleichwie in ägyptischer Unterdrückung und Knechtschaft schmachten, müssen wir leider sagen: „ha lachma anja“, das ist dasselbe Brot des Leidens, das unsere Vorfahren in Ägypten gegessen . . . PESSACH.DIALOG 1934 VON Dr* A» SCHMERLEN Es ist heute nicht anders wie vor hundert oder fünfzig Jahren. Über die Lage der im Osten lebenden Juden schrieb damals unser großer Volksdichter Schalom Jakob Abrahamowitz in einer allegorischen Erzählung die „Klatsche“ folgendes: „Die obdachlose Mähre (die jüdische Masse) wird von den Herren der Stadt vertrieben, damit sie nicht mit dem Vieh der Stadt auf der Gemeindewiese grast; gegen die Mähre werden böse Buben gehetzt. Der Tierschutzverein kann unmöglich die Frage lösen, ob man die Mähre mit den Rechten des eingesessenen Viehes gleich stellen oder ihr den Schutz verweigern soll. Die Frage kommt vor eine eigene Kommision. Inzwischen besteigen den wunden und müden Rücken der Mähre die Wohltäter des Volkes und reiten auf ihr nach Herzenslust.“ Was wird jetzt mit unserem Volke geschehen? Die Antwort lautot: Awadim hajinu ... Knechte waren wir im Lande Ägypten und Gott führte uns von dort mit starker «Hand hinaus. Voraussetzung war und ist: jedes Volk muß sich ein Ziel setzen und eine starke Führung haben. Es scheint, daß Sie sich zum Führerprinzip bekennen. Hat denn nach unserer Weltauffassung diese Prinzip bei uns Berechtigung? Im Übrigen, was verstehen Sie, darunter? Es bedeutet, daß an den Führer vermehrte Ansprüche in bezug auf Eignung, Leistung und Verantwortung gestellt werden. Wenn ein Volk in Not ist, wenn seine Kultur auf dem Spiel steht, wenn die Gemeinschaft sich am Rande des Abgrundes befindet, wenn die Jugend nicht idealistisch, sondern materialistisch eingestellt ist und die Gottlosigkeit überhand nimmt, dann muß an alle diese Lebensfragen ein Führer herantreten, der vom höchsten nationalen Willen erfaßt, zu kompromißlosen Handlungen ohne Rücksicht auf Snob und Mob bereit ist. Ohne eine starke Führerhand hätten wir sicherlich auch nicht Jezzias Mizraim gehabt. Ich glaube, daß Jezzias Mizraim, die Befreiung aus der Knechtschaft, Ägyptens ein Werk Gottes war, wobei das Führerprinzip ganz belanglos ist. Es heißt doch: Gott führte uns mit starker Hand aus dem Lande der Knechtschaft.. Erinnern Sie sich aber an folgende Stelle

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