Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 341 (4.4.1934)
- Date
- 1934-04-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite DIE STIMME Nr. 341. — 4. April 1934 der auf dor ut^rcter politischen Arbeit in London, insbeson-i dere in Zusammenhang mit der Einwandfrungsfrage. Obwohl im britischen Parlament eine Anzahl araberfeindlicher Deputierter süßen, sei die Lage dort als günstig zu bezeichnen. Der Redner warnte vor den politischen Gefahren Fetitionsbewegung und wies den ungünstigen Eindruck hin, den innere Kampf in der jüdischen Arb sahat't mache, wodurch die politische Arbeit des Zionismus ungünstig beeinflußt werde. Auch die vom Misrachi verbreiteten Übertreibungen betreffend Verletzung religiöser Vorschriften seien schädlich. Brodetsky wies dringend auf die Notwendigkeit hin, der Exekutive volle Unterstützung zu gewähren. Aus Streichers Reich Unsere politische Arbeit, erklärte er, kann nur dann Erfolg haben, wenn Arbeiterp a r t e i 1 e r, M i s r a c h i s t e n und allgemeine Zionisten auf jeden Extremismus verzichten und die Einigkeit im Zionismus wiederh e r s t. e 11 e n. Werde dies nicht gelingen, so werde die Zionistische Exekutive nicht die Kraft haben, die ihr anvertraute Mission durchzufUhren. Die Juden stehen jetzt einer schweren Situation gegenüber. die es notwendig macht, daß die Zionistische Exekutive die Führung des ganzen Volkes übernehme und sich nic-ht ausschließlich auf den Aufbau Erez Israels begeh ränke.‘; In seiner großen, zweistündigen Rede auf der Tagung des Zionistischen Aktionskomitees hat der Präsident des Jüdischen Nationalfonds, M-M. U s s i s c h k i n, die innere Lage der zionistischen Bewegung als auch die politische Situation der Aufbauarbeit Erez Israels kritisch beleuchtet und führte u. a. folgendes aus: „Noch nie standen wir einer ähnlichen Katastrophe gegenüber, wie im gegenwärtigen Augenblick. Systematisch werden von der englischen Mandatsregierung Verordnungen erlassen, die auf nichts anderes hinzielen, als auf den Aitfoau einer nationalen Heimstätte für Nichtjuden. Trotzdem haben wir i rser Verhältnis zur Regierung nicht geändert. Der jüdischen Einwanderung werden die j größtmöglichsten Beschränkungen gemacht, während gleichzeitig die Tore; Palästinas den Arabern weit ge-j öffnet werden, die aus Transjordanien in großer Zahl ins Land strömen und in jüdischen Unternehmungen, nicht zuletzt infclge des großen jüdischen Arbeitermangels, Beschäftigung finden. Ussischkin warnte die ,jMisrachi“ und die Allgemeinen Zionisten vor ihrem weiteren Beharren in der Opposition gegenüber der derzeitigen Exekutive. Im Verlauf de<r weiteren Beratungen des Aktionskomitees beschäftigte sich Berl Locker u. a. mit dem Verhältnis der „Misrachi“ zum „Keren Hajessod“ und der oppositionellen Haltung der „Allgemeinen Zionisten“ der Exekutive gegenüber gewidmet war. Locker beschuldigte die „Misrachi“, daß dieses ihre Sabotage des Keren Hajessod mit der Forderung nach Beobachtung gewisser religiöser Vorschriften verbindet, um so das Prestige der Exekutive zu untergraben. Allein das religiöse Problem, das die Misrachi jetzt in den Vordergrund rücken, bestand auch bei den früheren Exekutiven, in denen der Misrachi vertreten war. Damals hat der Misrachi die Fonds als Institutionen angesehen, die über den inneren Parteikonflikten stehen. Die Exekutive, die durch die Mehrheit des Kongresses gewählt wurde, nimmt wohl das Recht für sich in Anspruch, wenn nicht Unterordnung, so doch Loyalität zu fordern. Im weiteren Verlauf der Generaldebatte sprachen Meer Großmann, Rev. J. K. Goldbioom, Suprasky und IJar .fehl. fühlen sich dom und wagen es zu zeigen. Daß von gewissen Es ist bekannt, daß die in Nürnberg und in anderen Städten Mittelfrankens, dem engeren Wirkungsbereich Julius Strei- [eher?, heute noch verbliebenen Juden der bemitleidenswerteste Menschenschlag sind, den es in der Welt gibt. Allwöchentlich! bringt der von Streicher herausgegebene ..S t ii r m e r“ neben blutrünstigen Legenden spezielle Hetzartikel und Notizen gegen einzelne jüdische Einwohner, Männer, Frauen und Kinder, bei Angabe von Namen und Adressen. Die auf diese Weise öffentlich Angeprangerten ..Volkszorn“ preisgegeben oft nicht, sich öffentlich diese Praktiken auch Elemente zur Erpressung ausgenutzt werden, kann sich jeder denken. Daß Streichers Arm aber auch nach dem Ausland hinausgreift, beweist der folgende von einem Nürnberger Nazi an einen nach Paris geflüchteten Juden gerichtete Brief, den die Saarbrückener Tageszeitung „Westland“ abdruckt: ..Geehrter Herr! Durch Zufall bin ich dahintergekommen, warum Sie im April so plötzlich unser deutsches Vaterland verlassen haben. Ich staune, was Sie für ein Schweinigel sind. Sie haben Devisen geschoben. Sie haben ein unschuldiges deutsches Mädchen vergewaltigt und auch über viele andere Gemeinheiten von Ihnen habe ich Unterlagen. Durch die Juden bin ich unverschuldet in Not geraten. Wenn Sie mir binnen acht Tagen 1000 Mark (eintausend Mark) an das Postamt 1 Nürnberg schicken unterpostlagernd „Deutscher Man n“, soll alles vergeben und vergessen sein. Wenn aber nicht, dann übergebe ich alles, was ich weiß, unserem Gauführer Julius Streicher. Der kennt Sie und Euresgleichen. Ich weiß genau, daß er alles über Sie im „Stürmer“ veröffentlichen wird, weil er ein guter Freund zu mir ist. Ich habe schon mit ihm gesprochen. Vorläufig aber ohne Ihren Namen. Sie Heil Hitler! — In jedes jüdische Haus „Die Stimme" wissen nun Bescheid. Ein deutscher Mann.“ „Westland“ berichtet, daß der Empfänger weder im einen noch im anderen Sinne gesündigt hat, in einer Mansarde lebt und nicht einmal 100 Franken in seiner Tasche hat. Und dennoch zittert er. Denn er zweifelt keine Sekunde daran, daß der Kerl seine Drohung wahr machen wird, daß die Greuelgeschichten Wort für Wort mit zahllosen scheußlichen Einzelheiten im „Stürmer“ erscheinen werden; daß er wehr¬ und rettungslos dem Erpresser ausgeliefert ist, der seinen ehrlichen Namen besudeln und den Ruf seiner Angehörigen, die noch im Reich sind, durch den Kot ziehen wird. Zur Illustrierung dieser Seite der „Stürme*“-Tätigkeit gibt „Westland“ auf zwei Seiten den Inhalt einer einzigen der letzten Nummern des „Stürmer“ wieder, die mit Hetzmaterial, ausschließlich gegen die Juden, gefüllt Ist. Bekanntlich sind die Postanstalten angewiesen, den „Stürmer“ nicht nach dem Ausland zu befördern, s o daß man sich außerhalb des Bereiches der Hitler-Regierung nur mit großer Mühe in den Besitz eines Exemplars setzen kann. Streicher ist der Freund des Führers, der ihm, dem Reichskommissar, die d e u tr sehen Juden zur beliebigen Behandlung übergeben hat. Obwohl jode einzelne Nummer des „Stürmers“ zu Mord und Totschlag, zu Raub und Überfall — ausschließlich gegen Juden — auffordert, ist gegen den Herausgeber unter der Kanzlerschaft Hitlers in Deutschland keiner zu Gehör gekommen. Die Nummer 9 des „Stürmer“ vom März 1934 bringt auf der Titelseite in Riesenschrift „Mörder Alljuda“ und darunter „Die Juden sind unser Unglück!“ Die rechte Ecke zeigt ein Bild „Freimaurer“: eine grausig verzerrte Judenkarikatur, darunter!n fetten Buchstaben der Vers: „P iö halbe Welt in Irrenwahn ist Judas Zielen untertan, vor Mord wird nicht zurückgeschreckt, was ist schon, wenn ä Goi verreckt!“ Im ersten Artikel wird unter Wiedergabe blutrünstiger Einzelheiten geschildert, wie ein von der jüdischen Freimaurerei gedungener Schächter den französischen Richter P r i n c e umbrachte. Dabei wird erzählt, daß am 26. November 1870 die Lyoner Logen beschlossen, Wilhelm I., Bismarck und Moltke „wie drei tolle Hunde“ umzuhringen. Dann wird erzählt, daß die Juden durch die Bolschewisten in Rußland 28 Erzbischöfe und Bischöfe, 1215 christliche Priester, viele Tausende Professoren, Lehrer, Gutsbesitzer, Offiziere, Bauern usw., insgesamt 1,765.918 Menschen, dagegen keinen einzigen Juden umbringen ließen. Es hoißt dann: „Aus all diesen entsetzlichen Zahlen grinst die fürchterliche Fratze der Juden, der den Bolschewismus und die Tscheka als Instrument zur Befriedigung seines Sadismus und seiner wahnsinnigen, psychopathischen Blutgier mißbraucht.“ Es folgen Karikaturen, Hetzartikel und Drohungen, Geschichten über „Rasseschändung“ mit Angabe von Namen und Adressen. Es wird über ein Fest im Spessart berichtet, wo Juden „ihre wulstigen Genießerschnautzen auf den Mund christlicher Mädchen und Frauen drückten1 „Westland“ gibt den Inhalt von weit mehr als 20 Judenhetzartikeln dieser einen Nummer des „Stürmer“ wieder und schreibt: „Das Erschütterndste an dieser Nummer des ,Stürmer* ist das Impressum Da steht es: Gesamtauflage 47.000. Der jüdische Kleinbürger, der Händler auf dem Land, der Handwerker — sie sind heute wie an dem Tag des offiziellen Boykotts wehrlos jeder Hetze, jeder Verleumdung jedem Angriff, jeder Mißhandlung und jeder Besudelung ausgesetzt. Wer daran zweifelt, der sollte sich eine, irgend eine Nummer des ,Stürmer* beschaffen. In Franken ist es ein Gaudi geworden, die Juden zu malträtieren. Die ver ängstigten, drangsalierten kleinen Leute in den Städtchen des Landes Franken lassen sich gottergeben alles gefallen. Die Ge richte verweigern ihnen Schutz Die Bevölkerung ist verhetzt. Jeder kleine Ortsgruppenführer ist. ein König, der seine Machtgelüste an den jüdischen armen Teufeln seines Bezirkes befriedigt. Und wer aufzumucken wagt, der wird im ,Stürmer angeprangort. Eine wohlausgerüstete Armee von SA-Leuten ist bereit und imstande, auf Streichers Geheiß die Juden einer Ortschaft zu überfallen, totzuschlageu und auszuplündern. Die Geheime Staatspolizei weiß, was sie tut, wenn sie den ,Stürmer*, der in solch riesiger Auflage in Deutschland verbreitet wird, nicht ins Ausland ge langen läßt.“ Der Boykott ln Franken Eine zuverlässige Persönlichkeit, die m den letzten Tagen in mehreren Orten Ober¬ und Mittelfrankens geweilt hat, teilt mit, daß der Boykottfeldzug gegen die Juden in diesen Teilen Deutschlands gemäß den von der Presse Julius Streichers ausge gebenen Losungen ungehemmt weitergeführt wird. Am letzten Samstag standen in Nürnberg vor allen jüdischen Geschäften Boykottposten, so daß niemand wagte, diese Geschäfte zu betreten. Alle Zufahrtsstraßen der Stadt Ansbach und vieler anderer Städte zeigen Riesentransparente mit der Aufschrift „Juden nicht erwünscht!“ Nach diesen Städten fahrende Autos werden angehalten und nach jüdischen Insassen durchsucht. Wenn jüdische Vertreter von Handelsfirmen in solchen Autos angetroffen werden, werden sie in brüsker Form zurückgeschickt. In Neustadt an der Aich wurde Juden verboten, Brot zu verkaufen. Der Gunzenhausener Pogrom Prag, 80. März. Die Z. T. A. in Prag erhält aus vollkommen zuverlässiger Quelle eine Mitteilung Ubor außerordentlich tragische Ereinignisse in Gunzenhausen, Regierungsbezirk Mlttelfrankon in Bayern, also im engsten Wirkungsbereich des Gauleiters Julius Streicher, der vor genau einem Jahre den Judenboykott in Deutschland geleitet hat und jetzt auf eine Wieder- Die neue Verfassung für Wien Das Samstag zur Ausgabe gelangte Landesgesetzblatt für Wien enthält eine Verordnung des Bundeskommissärs für Wien, Vizekanzler a. D. Bundesminister Schmitz, betreffend eine einstweilige Stadtordnung der Bundeshauptstadt Wien. Der neuo Gemeinderat erhält den Namen „Wiener Bürgerschaft“ und besteht aus den Vertretern der Berufsstünde und der Religionsgesellschaften und setzt sich wie folgt zusammen: 3 Vertreter der römisch - katholischen Kirche, 1 Vertreter der evangelischen Kirche, 1 Vertreter der israelitischen Religionsgesellschaft, t Vertreter der Kunst, 1 Vertreter der Wissenschaft, 5 Vertreter des Schul-, Erziehungs- und Bildungswesens. Die Berufsstände werden vertreten sein durch: 12 Vertreter der Industrie, 12 Vertreter des Gewerbes, 12 Vertreter des Handels, 4 Vertreter der Landwirtschaft, 4 Vertreter des Geld- und Kreditwesens, 4 Vertreter der freien Berufe und 4 Vertreter der öffentlichen Angestellten. Die Mitglieder der Wiener Bürgerschaft führen den Titel „Rat der Stadt Wien“. * Wir werden zu dieser Neuordnung noch ausführlich Stellung nehmen. Schon heute wollen wir aber feststellen, daß die Juden zirka 11 Prozent der Wiener Bevölkerung ausmachen, daß sie in Handel und Industrie einen bedeutenden Faktor bilden, und daß nichts unterlassen werden darf, um der jüdischen Bevölkerung eine angemessene Vertretung in der Wiener Bürgerschaft zu sichern. KINOPROGRAMME DER WOCHE II. Kotenstermjasse 7a Telephon R 4Ö-0-28 Leopoldstffdter Volkskino vom 6. bis io. April: Josef Schmidt in: „Wenn du Jung bist, gehört dir die U'elt“ mit Szöke Szakall und Otto Treßler Wochentage '/,0. '/«H, '/»!•• Uht, Sonnu. Feiertags 'M Uhr holung der vorjährigen Vorgänge hinarbeitet. Über den Verlauf des Judenpogroms in Günzenhausen, Regierungsbezirk Mittelfranken in Bayern, der zwei Tote und mehrere Verletzte im Gefolge hatte, werden der Z. T. A. in Prag von einer Persönlichkeit, die die Ereignisse miterlebt hat, folgende Einzelheiten mitgeteilt: Das S-ignal zum Pogrom wurde in einer wüsten Wirtehausszene gegeben. Ein jüdischer Gast, der das Wirtshaus betrat, wurde von den christlichen Gästen schwer verprüelt und auf die Straße geworfen. Die Wirtshausgäste, verstärkt durch N at i o n a 1 s o z i a 1 i 6 t e n, die an dem seit mehreren Tagen einhergehemiden Judeuboykottrummel beteiligt waren, gingen nun zum allgemeinen Angriff auf die von Juden bewohnten Häuser über. Die Insassen, auch Frauen, wurden brutal aus ihren Wohnungen geschleppt, auf die Straße geworfen und unbarmherzig m i ßhandelt. Man zweifelt daran, ob der 20jährige Jude R o 6 e n f e Ul, der, nachdem er furchtbare Quälereien hat erleiden müssen, an einem Gartenzaun erhängt aufgefunden wurde, Selbstmord begangen int, wie die offizielle Version lautet. Rosen-;cld hatto gewiß nicht mehr die Kraft zum Selbstmord. Man nimmt vielmehr an, daß er von e e i n o n Peinigern aufgulängt worden ist. Bei dom Mann, der mit vier H&rzstichon tot auf der Straßo aufge- 'undcu wurde, handelt es sich um (len 60jährigen Gunzenhausener jüdischen Bürger Rosenau. Obwohl seitens der Behörden strengste Untersuchung der Mor lfälle zugeffichert wurde, hat man die beiden Todesopfer am Dienstag, den 27. März, auf Anordnung der Behörden schnell beerigt, ohne daß vorher eine gcri .h:liehe Obduktion der Leichen stattgefun len hätte. Allo jüdischen Einwohner in Gunzenhausen leben, soweit sie nicht geflüchtet sind, in unendlicher Panik.