Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 340 (30.3.1934)
- Date
- 1934-03-30
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Pr. 840. — 80. März 1084 DIU SUMME Seite 18 halte ich das Verlangen, daß die Rothschilds zum Zwecke der Durchführung Deines Vlanrs, eine Milliarde Francs herhci.sc.haH an, und, außerdem ihr Geschäft durch die „jüdische Gesellschaft“ solle» liquidieren lassen. Dir seihst — wie ich Dich kenne —- widerstrebt es, mit einer nur unbilligen, r/eschweifje denn in i l e i n e r '/ e w alt Ult ig e n Forderung an irgend, jemanden hr.ranzutrelcn. -weil Du nur zu klare Jtrchlshegriffc in Dich anfgenom uw», hast und, gewiß niemals anders als gerecht, handeln wirst. — Was Du also für Dich selbst nicht thun würdest, das darfst Du auch für „Kol-Jisroel“ nicht unternehmen. LITERATUR-BLATT Dr. Wilhelm Steins „Jüdische Erneuerung“* Wenn Dich das bisher gesagte noch nicht überzeugt haben, sollte, so will ieh Dir sagen, welche Antwort Du von den Rothschilds zu erwarten hast, wenn sie D i rh üherhanpf ciner Antwnt! w ii r d i g c n sollte n: entweder uw, d, u sie Dir sagen, ,.z r r b r c e, h e n S i e v, < h n i r h f, n n s e r e n K o p /“, oder c h r <- jeder vor seiner T h ii r e", oder .wir erwarten von Ihre m li i l- >t u n. g s g r ad e, d a s s S i c jede r m a n n n ac h s e i n e r F a e o n s eeli g w e rd r, n lassen. kemc von mir, mein theueres Kind, und aus meinen Erfahrungen. So lange ich großen weif beweg enden Gedanken, und großen Reichthümem nachgejagt habe, und solange ich dabei „Kol-Jisroel“ im Auge hatte, vernachlässigte ich — ohne es eigentlich zu wollen — mein kleines Gebiet, auf welchem ich leistungsfähig war, worunter ich sowohl, wie meine engere Familie, späterhin, schwer leiden musste. — Seit ich aber die richtige ErkcnrUniss gefunden habe, nicht für „Kol-Jisroel“ — sondern für mich, und für meine engere Familie meinen bescheidenen Wirkungskreis auszunülzen, seitdem geht es mir — wie Du weisst — Gottlob recht gut, und habe ich auch für -meine und für die alten Tage unserer theucren Mama, vor gesorgt. — Beherzige diesen Rath, Deines treuen Papas Jacob. Theodor Herzl konnte die Erfahrungen seines Vaters nicht, beherzigen. Und das Merkwürdigste trat ein. Der kluge und geschäftstüchtige Vater gab bald und immer mehr Geld für zionistische Zwecke und Unternehmungen her. Er stand, sein cm Sohn hilfbereit mr Seite. Theodor empfand Dankbarkeit für seinen „guten Papa, der als Eiche neben ihm dastand“. Kaum glaublich, daß m erst ein paar Jahre her ist, daß Alfred Dublin als die stärkste epische Kraft der gesamten ex* pressionisfon Richtung gefeiert werden konnte. Von arischen Literarhistorikern, nicht nur von. reklnmosiiehligen, jüdischen Kritikern. Denn damals wußten nur ganz wenige, daß der Dichter der „Drei Sprünge den Wang-Lun“ Jude sei. Wie ein uiiboir-oifÜches Ungeheuer brach der chineiio Roman dieses Arztes ein, wie alle seine Bücher geschrieben „auf der Hochbahn. in der Unfallstation, bei Nachtwachen, zwischen zwei Konsultationen, auf der Treppe heim Krankenbesuch“. Mit dem später verfilmten ,. Berlin-Alexanderplatz“ erreicht er den .Scheitelpunkt Beines Ruhmes, schon heftig umstritten wegen der allzu expressionistischen Erzählweise. j In dem nun bereits historisch gewordenen Diskussionskampf gegen Otto Heller, dem Verfasser des „Untergang« des Judentums“, der damals mit seinen Ideen durch Mitteleuropa hausierte, trat er meines Wissens zum erstenmal als bewußter Jude öffentlich auf. Daun nahm er in seiner Essaysammlung „Unser Dasein“ in wenig durchsichtiger Weise zum Judentum Stellung.. Und nun widmet Döblin unter dom Druck der deutschen Ereignisse der Judenfrage eine.ganze Schrift, die den anspruchsvollen Titel „Jüdische Erneuerung“ trägt- Alle geschichtlichen Katastrophen — BO führt er aus — hat das jüdische Volk über- Naeh der ersten Wiederkehr des Todestages des Vaters schrieb Theodor an eine Tante, Frau Rosalie RoeenfeJd in Groß- Bocskerek: „Das Jahr ist um, mir Ist es wie ein Tag. Er fehlt mir auf Schritt und Tritt. Ich habe für uns eine Gruft gekauft, auf dem Döblinger Friedhof. Vorläufig hat er nur einen provisorischen Stein. Auf die Gruft kommt die Inschrift ,Haus Jakob Herzl4, und dort sollen seine und vielleicht auch unsere Reste ruhen, bis alle nach Erez Jisroel überführt werden.“ Wie dankbar und geschichtlich sinnvoll klingt die geplante Inschrift „Haus Jakob Herzl“! Vielleicht gelingt es noch in diesem Jahr, zum 30. Todestag Theodor Herzls, seine Gebeine nach Palästina zu tiberführen. Dieser Möglichkeit stehen keine privatfamilenrechtliche Schwierigkeiten mehr im Wege. Sie beseitigt zu haben und alle Voraussetzungen hiezu gesehaffon zu haben, ist das große Verdienst der beiden Testamentsvollstrecker Ilerzls, der Herren Direktor Moriz Reichenfeld und Ing. J oliann IC r e m e n e z k y. Das Aktionskomitee, das gegenwärtig in Jerusalem tagt, berät über die politischen Momente dieser Angelegenheit. Hoffen wir, daß es im Sinne des 4von Ilcrzl geäußerten Wunsches seinen Beschluß fassen wird. *) Alfred Döblin: „Jüdische Erneuerung“ Amsterdam, Querido-Verlag, 1933. dauert, da es aus der Form eines bloßen Volke«, das Böden erwirbt, erobert und festhält, sehr früh in die unangreifbare Form des Priestervolkes, des mesdanischen Volkes gewichen ist. Jesu Versuch, die Juden der theokratischcn Bürokratie zu entreißen, mißglückte; seine Jünger verbanden diesen Mißerfolg mit der heidnischen Lehre vom sterbenden und auferstehenden Gottessohn zum Chrietentum. Das jüdische Volk aber verfiel ganz der Verzweiflung an die eigene Kraft, denn sein Messiasglaube wuchs ganz heraus aus dem verewigten Zusammenbruch. Seine Priester wiegten das Volk, das in Wahrheit schon ein Nichtvolk war, in diesen Dauerschlaf, weil «io im engsten Bündnis mit den Besitzenden da« Volk beherrschen wollten. Die mythischen, ethischen! und rituellen Lehren der Religion werden; zum erhaltenden Kitt; anderseits wird die j Religion betäubendes Opium und belebender J Kampf zugleich. Im Laufe der Jahrhunderte : führt diese Gestaltveränderung zu einer i Kummerform, wie sie nur in der Kellcratmospliäre vegetiert. Ein großer Aufbruch aus diesem licht- und luftlösen Ghettodasein war die Bewegung des Sabbathai Zewi, eine andere das ungeduldige Drängen de« Chassidismus nach Lebenswirklichkeit. Auch der Zionismus ist ein solcher Aufstand zur Weltlichkeit, aber er ist auch schon ein Kompromiß mit den Strenggläubigen und Messianischcn, weil er nicht mehr bedingungslos auf den Judenstaat zielt. Aber es muß ganz Schluß gemacht werden mit der Theologie und dem 1 Pfaffentum als den Achsen des Volksleben*!, I trotz des Widerstandes ries Besitzes und des Kloru«. j Das Judentum muß wieder zum wahren' : Iahen zuriiekkehren. Dm Zionismus ist ein; Anlauf, aber doch nur eine Teillösung. Der j Angriff, der zur völligen Verweltlichung | führt, muß weiter getragen werden. Die Sache des wieder erstehenden jüdiisehen Volkes ist die der Annen und des geistigen, nichtrabbinisehou Vortrupps. Am meisten ist von dem Kern des heutigen Judentums, den Orthodoxen im Osten, zu erwarten, falls sie . eine einzige Weichenstellung vornehmen wollten, nämlich die Lo.düsung von den rnbbini«ehen Führern. Um dieses Zentrum lagert die zivilisatorische Masse, während Zionisten, Jiddischisferi und Sozialisten. schon an der Peripherie stehend, am meisten verweltlicht sind. Die Nahlösung, da« Minimalprogramm auf dem Wege zur Erneuerung, fordert die Froklamierung des Minoritütenrechtes als äußeren Aufdruck der Volkswerdung, um ein neues Juda als eine jüdische Gesamtbewegung über die ganze Erde hin zu schaffen. Aber -diese Konsolidierung kann sich nicht auf die zufälligen heutigen Sitze jüdischer Menschen beschränken, sondern es muß zu großen Massensiedlungen in schwachbewohnten Ländern kommen. Angola — von Döblin mit Uganda verwechselt — Peru, Australien bieten noch Raum. Die Finanzierung hätten die jüdischen Reichen zu besorgen, wodurch sie ihr tausendjähriges Unrecht am Volk gutmachen könnten. In der diese Bewegung leitenden Zen- . trale mögen sich Zionisten beteiligen; auch die Regierungen werden ein Interesse an der Neugestaltung des Judentums haben. Geistig-religiös wird diese jüdische Erneuerung auf der Strenge der sittlichen Forde- Dr. Henny Lichfenstein-Rappaport Franz Werfel : Die 40 Tage des Musa Dagh tMHMira Dieser neue Roman Werfels”*) behandelt den Vernichtungskainpf der türkischen: Regierung gegen die Armenier Kleinasiens während des Weltkrieges.-Zwei Geschehnisse greifen in der Erzählung ineinander: das Schicksal der sieben armenischen Gemeinden, die sich vor Deportation und Metzeleien aus der Ebene auf den Musa Dagh, den Moses-' berg, retten und hier 40 Tage hindurch bewaffneten Widerstand leisten, bis sie schließlich befreit und gerettet werden, und die Geschichte Gabriel Bagradians, eines Armeniers durch Geburt, Franzosen durch Erziehung*, Kultur, Lebensform. Dank einem Zufall kommt er knapp vor Beginn des Weltkrieges in seine Heimat und gelängt hier mit seiner Familie unter die Räder des armenischen Schicksals. Dieses Schicksal aber bedeutet für Zehntausendo von Menschen den Tod, Tod durch Hunger und Schwort, es vertreibt sie aus ihren Häusern, von ihren Feldern, es treibt sie in langen Zügen auf die Straßen des Landes, wo sie elend, untor Schlägen und Schmerzen, zugrundegehen. Und all dies aus keinem anderen Grunde, als weil sie Armenier sind, weil sie andere Augen haben als ihro Nachbarn und einen anderen Glauben. Dem Schicksal der Armenier ist auch Bagradian verfallen. Da die Entscheidung an ihn herantritt, da fühlt er, der Wahlfranzose, dem das Armeniortum nur als Traum seiner Kindheit vorschwcbt, sich seinen armenischen Brüdern verbunden, da wird er, der Schöngeist, dem alles Handeln im Grunde zuwider ist und der tiefste Befriedigung in seinen Studien und schriftstellerischer Betätigung, in Reisen und dom Genuß der Landschaft fand, zum Munn der Tat, der persönlichen Verantwortung, er wird Führer, oberster Kriegsherr der Armenier. Was ist nun echt in ihm: der Franzose oder der Armenior? Der Schöngeist oder der Tatmensch? Beides und keines von beiden. *) Paul-Szolnay-Vorlag, Wien 1933. Denn Bagradian ist Produkt der Assimilation, nirgends wirklich beheimatet, nirgends voll anerkannt. Der Konflikt, der ihm schließlich; seine Frau, eine Französin, entfremdet, der Tod seines einzigen Sohnes, der,'in Paris geboren und erzogen, es den armenischen Knaben an Kühnheit gleichtun will; ohne deren naturnahe Erfahrung zu besitzen, die Feindseligkeit, die ihm, trotz all seiner Leistungen, von den Armeniern entgegenschlägt, dies alles ist nur Ausfluß seiner eigenen Zwiespältigkeit, seiner Stellung zwischen zwei Welten. Gerade diese Doppelstellung ist es aber, die ihn befähigt, seinem Volke Führer und Retter zu sein. Denn Europa hat ihn gelehrt, das Leid nicht nur hinzunehmen, sondern sich dem Leid zu widersetzen, es zu bekämpfen, und sei es selbst mit der Waffe in der Hand. Europa hat ihn auch den Gebrauch dieser Waffen gelehrt, Kriegshandwerk und Kriegslist, Kriegswirtschaft und Kriegsorganisation des „Hinterlandes“. So ist es ihm zu verdanken, ihm und dem armenischen Priester, der ihn voll erkennt und anerkennt, das jener annenischo Volkssplitter, der auf den Musa Dagh geflüchtet war und sich dort verschanzt hatte, schließlich dem Untergang, der dem ganzen armenischen j Volke bereitet wurde, entgehen konnte. Baj gradian freilich kehrt nicht mehr ins Leben! zurück. Sein Werk ist abgeschlossen, sein 1 Schicksal erfüllt, er sucht und findet den Tod. Um ihn, doch durch eine unsichtbare Mauer von ihm getrennt, schart sich die Familie der Armenier, die sich widerwillig fast dem höheren. Willen des Fremdlings: unterwirft, die kämpft und hungert, leidet | und rebelliert, Und der Vernichtung trotzt, j In länger Reihe ziehen sie an uns vorüber, { Priester, Bürgermeister, Bauern, Frauen, j Kinder und die aus der Gemeinschaft Ausj gestoßenen, Geächteten. Wir sehen sie in ihren Dörfern, bei ihrer friedlichen Arbeit,! und im Kriegslage!* auf dem Musa Dagh. Im | Wesen bleiben sie Immer die gleichen, ob’ sie nun ihr geordnetes Leben in der Ebene führen oder Kämpfende und Belagerte auf dem Berge sind. Auch ihre Instinkte, ihre Leidenschaften bleiben die gleichen. Trotz Lebensgefahr und Hunger gibt es soziale Differenzierung und Rangordnung, Haß und Liebe, Eifersucht und Klatsch. Die ewigen I Motive des Lebens, des menschlichen Zuj sammeriseins ändern sich nicht. So lange der I Mensch lebt, gibt es für ihn nur ein Sein, kein Nichtsein. Nur Wenige, Auserkorene, wachsen in großen Augenblicken Über sich «elbst hinaus. Aber diese Wenigen sind nicht immer glücklich und nicht. immer beliebt. Dies ist Werfele gewaltige« Epos von den 40 Tagen des Musa Dagh. Tageefern und wirklichkeitsnah zugleich ist dies Buch, im Gewand der Ferne Fragen unseres persönlichsten Seins berührend, wie dies auch in Werfels „Paulus“ und „Geschwistern von Neapel“ geschieht. E« packt durch die Lebendigkeit des Geschehen«, durch den schicksalhaften Zwang der Problematik. Es packt vielleicht besonders den Juden von heute, dem grausame, blinde Verfolgung um seine« Volkes willen seit Jahrtausenden nichts Fremdes, dem sie fast schon zur unentrinnbaren »Stibsfcvomtändl.ichkeit geworden i«t. Und mehr als jeder andere kann der Jude es begreifen, daß die Parole zur Selbstverteidigung, zum Selbstschutz, zum Widerstand gegen Knechtung und Tod, von einem Menschen ausgoht, der nicht mehr ganz der Gemeinschaft der Verfolgten angehört, sondern auch in irgend einem Sinne der Gemeinschaft der Verfolger, von einem Menschen, dessen Quelle das Buch ist und reiner Schönheitssinn, und der vom Buch und von der Schönheit den Weg zur Tat findet. So wird seelische Verwandtschaft spürbar zwischen Gabriel Bagradian, dom assimilierten Armenier, und Theodor Herzl, dem assimilierten Juden, die beide, vom Buche kommend und dem Volke fast schon entfremdet, diesem Volke den Weg zur Rettung weisen. Ist es vielleicht dies, wa« Werfel Aussprachen wollte? Fand er bewußt oder unbewußt dies Gleichnis vom Volk der Verfolgten und «einem Hotter?