Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 340 (30.3.1934)
- Date
- 1934-03-30
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 16 DIE STIMME Nr. MO. — 30. März 1934 rung und auf der Diosseitigkcit aufgebaut sein, was keinen Rückgang, sondern den Weg zu einem neuen Volk, zu einem neuen Mensohtum bedeutet. Bei der Lektüre der Döblinsehen Schrift kann man den Vergleich mit Herzls „Judenstaat“ nicht los werden. Auch Herzl hatte nur geringe Kenntnis vom Judentum, besonders auf historischem Gebiet. Aber aus dem „Judenstaat“ schlägt Ethos und Pathos tiefsten Erlebnisses entgegen; er war keine nüchterne und sachliche Programmschrift, trotz allen Sinns für die Realität und trotz aller wirklichkeitsnaher Anweisungen für die Zukunft: ein Prophet Jecheskel in unseren Tagen. Döblin aber ist Positivist in seinen geschichtlichen Voraussetzungen, in seinem Ziel, weil er auf dem Boden einer durchaus naturalistischen Welt- und Lebensauffassung steht. „Jenseits von Gott4' heißt eines seiner früheren Essays, das Gedanklich- Bekennerisches aussagt. Abgelehnt werden die alten Bindungen, abgelehnt die Pietät als Ehrfurcht vor Bindungen, die nicht mehr bestehen. Nicht Kulturen, Denkmäler, Religionsformen, Dichtungen, Kunstwerke, sondern Erfindungen, Wahrheitsgebiete, Tatsachenforschung, Wissenschaft. Natur ist das Weltwesen, das die Wissenschaft nur an der Oberfläche zu fassen vermag. Und so hat er in seinem „Berge, Meere, Giganten“ einen Mythus des kommenden, naturalistischen Zeitalters zu geben. Darum bleibt diese Schrift Döblins blutlose Konstruktion, denn zur Utopie fehlt diesem Dichter die Phantasie; nur der Verstand schreibt. Er weiß nichts von den schöpferischen Kräften, Mächten des Judentums und nichts von der jüdischen Geschichte als des Gedächtnisses des jüdischen Willens zur Verwirklichung des Göttlichen zwischen den Menschen. Judentum verdünnt sich ihm zu durchaus rationaler Ethik und betonter Diesseitigkoit, van engstirnigen, selbstsüchtigen Pfaffen verfälscht. Den Zionismus tut er als wenig bedeutsame Teillösung ab, weil dieser mit zu vielen „Gegebenheiten“ rechnen muß, worunter er aber weniger die sachlichen und seelischen Hindernisse rechnet als die Schwierigkeit, „Ältestes und Neues, historisch Vertrocknetes und Heutiges“ zu verbinden. Palästina selbst und all das, was Paläst ina dem Juden ist, spielt in seiner jüdischen Erneuerung überhaupt keine Rolle. Aber Schicksal und Weg des Jüdischen können nur erlebt, nicht erklügelt und errechnet werden, denn das Erbe besteht nicht aus einem ethischen System plus Rhachitis, sondern in dem Glauben an die Siunhaftigkeit der Geschichte; aller Not und Qual zum Trotz. Döblins Grundgebrechen ist die Verkennung des Historischen im weitesten Sinn. DR. AMALIE KANTOR: Der Humor bei Sdialom Alejchem Vor kurzem konnte die ganze jüdische Kulturwelt die 50-Jahr-Feier der schriftstellerischen Tätigkeit Schalem Alejchems feiern. Damit huldigte sie dem Gedenken des größten jüdischen Humoristen. Die Seele eines Volkes spiegelt sich selten besser und wahrheitsgetreuer wider, als in seinen humoristischen Schriftwerken, im Volkshumor. Wie anders tritt doch ein leichtlebiges, regsames und rühriges Volk den Kümmernissen des Lebens entgegen, als etwa der schwermütige Nordländer. Und so kommt es, daß auch der Humor des einen Volkes sich in seinem Wesen, seiner Form und seinen Objekten oft ungemein scharf von den entsprechenden Stimmungseindrücken eines anderen Volkes unterscheidet. So sehen wir bei den Engländern den von feiner Beobachtungsgabe zeugenden, beinahe zynisch anmutenden Humor eines Shakespeare, den überlegenen Sarkasmus eines Bernard Shaw. Südliche Völker wieder ziehen den leichten Witz, derbe, aber herzliche Spässe, gewagte Anekdoten, scharfe Pointen vor. In ähnlicher Richtung bewegt sich auch zumeist der jüdische Humor, der einen seiner bedeutendsten Repräsentanten in Schalom Alejchem findet. Er bringt jene besondere Art von Humor zur Geltung, die insbesondere dem jüdischen Menschen eigen ist, der nicht selten in einer ganz anderen Welt, in einer ganz anderen Gemütsverfassung dahinlebt, wie seine Umgebung. Schalom Alejchems Anekdoten, seine kleinen, witzigen Geschichten und Einfälle sind deshalb so wirkungsvoll und packend, weil sie mitten heraus aus dem Volksleben geschaffen sind. Er hat es verstanden, der jüdischen Gasse, dem jüdischen Alltagsleben den wahren Ton ihres Humors abzuhorchen. In den markantesten Volkstypen, in den gebräuchlichsten Redewendungen und Gesprächen des Volkes fand er Objekt und Mittel seines Witzes, den er mit der ganzen, ihm eigenen Gestaltungskraft zu formen wußte. Mit unerreichter Lebendigkeit und Originalität schöpft er Quellen seiner Humoresken mitten aus dem Dasein des jüdischen Handwerkers oder Kleinhändlers heraus, skizziert uns scharf geschnittene Gestalten aus der jüdischen Kleinstadt, wie wir sie wirklichkeitsnäher und wahrheitsgetreuer kaum jemals dargestellt fanden. Ein Humorist, hervorgegangen aus einem an sich überaus witzig veranlagten Volke, vermag Schalom Alejchem auch alle Saiten von Witz und Temperament lebenswahr anzuschlagen. Er weiß für jede Daseins läge den richtigen Ton, für jede Schicksalswendung die richtige Pointe herauszufinden. Er weiß sich mit solcher Treffsicherheit in den. primitiven Gedankengang des einfachen Juden mit seinen oft recht naiven Anschauungen von Welt und Leben hineinzudenken, daß sein Witz den unverfälschten Charakter echtester Volkstümlichkeit an sich trägt. Anderseits liegt aber doch wieder so viel kunstvolle Gestaltung, so viel dichterische Feinheit, ja Raffinement in Schalom Alejchems Humoristik, daß wir ihn nicht mit Unrecht, als das Prototyp des lachenden Philosophen bezeichnen können. Wie tief nachempfunden und doch auch wieder scharf glossiert werden in seinen Anekdoten so manche Eigenheiten des jüdischen Volkes. All jener Wankelmut, alles Unstete im Denken und Fühlen, jene ganz unsichere Art von Menschen, die keinen festen Boden unter ihren Füßen haben, vermag Schalom Alejchem auf das trefflichste zu charakterisieren. Er zeichnet damit den bekannten jüdischen Typus des „Batlen“, eines Menschen, der entweder die Welt wirklich nicht kennt oder aber das Weltgeschehen auf die leichte Achsel nimmt. -Nicht minder gesunder Lebenswille spricht aus Schalom Alejchems „Kleinen Menscheleoh“. In dieser Sammlung humoristischer Schilderungen ist uns der praktische Sinn des einfachen Juden verdeutlicht. Hingegeben einem Streben nach Größerem und Besserem wird dieses doch der Umwelt meisterhaft verborgen und mit einem Lächeln übertüneht, einem Lächeln, das von aller Bitternis der Resignation und des Nichterreichonkönticns befreit. Der Humor des befreienden Lächelns ist jener Typus, den Schalom Alejchem in seinen Werken geschaffen hat. Es bringt jenen Ton zum Ausdruck, der in meisterhafter Wiedergabe der feinsten Schwingungen der jüdischen Seele realste Wirklichkeit, wahrstes Leben bedeutet. In ihm spricht jede Gestalt seiner Humoresken, jeder Held seiner Anekdoten zu uns, sie sprechen in Worten, in die der Dichter seine ganze Seele hineingelegt hat, mit all ihrer Weichheit des Gemütes, allem Empfinden des Herzens, die allein zu dem glücklichen Ausgang, zu dem befreienden frohen Lächeln befähigen. Mit seinem alles bezwingenden Lächeln, mit dem er auch die ernstesten Situationen zu meistern versteht, begegnet Schalom Alejchem aller Ironie des Schicksals, allen tragischen Verkehrtheiten der Welt. Mit diesem Lächeln sagt er aber auch allen finsteren Kräften der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung den schärfsten Kampf an, und mit diesem Lächeln dokumentiert er seinen Optimismus und seinen festen Glauben an die Lebenskraft seines Volkes. Er weiß, daß auch des Schicksals Mächte nicht unbezwingbar sind, und daß der zähe Wille zum Leben, das unverdrossene Ringen nach Glück und Sonne, wie es uns am eindrucksvollsten in den spaßhaften Monologen eines „Towje des Milchigen“ vor Augen tritt, schließlich doch über alle Unbill hinwegzuhelfen vermag. Der passive Protest „Towjo des Milchigen“, der ewige Optimismus Menachom Mendels verkörpern jenen gesunden Lebenswillen, der sich zuguterletzt stets wieder Bahn zu brechen versteht. Friedrich TMehergers Pie sdiopfetisdie Hdee des Judentums Der deutsche Ortsbilduugsausscluiß der Stadt Gablonz hatto einen Vortragszyklus des Schriftstellers Ernst Viktor Zenker (des ehemaligen freiheitlichen deutschen Abgeordneten Wiens) über „Altarische Religionen“ veranstaltet, in dem Zenker die Ansicht des von Hitler eingesetzten Reichsbischofs Müller vertrat, daß das Christentum keinesfalls jüdisches Gedankengut übernommen habe, sondern im Kampfe mit dem und im Gegensätze zu dem Judentum entstanden sei. Der Zionistische Volks verein Gablonz hat daraufhin den Ortsbildungsausschuß veranlaßt, einen Vortrag über das Thema „Von der schöpferischen Idee des Judentums“ anzusetzen, und hat für diesen Vortrag Professor Dr. Friedrich T h i e b e rger aus Prag gewonnen, der in beinahe zweistündiger, ganz frei vorgetragener Rede die zahlreich erschienenen Zuhörer, Juden wie Nichtjuden, in seinen Bann zog. Er führte aus: Es kommt keinesfalls darauf an, das Judentum in Gegensatz zu der herrschenden Religion zu bringen, sondern es gilt zu beweisen, daß die herrschenden Religionen jüdisches originales Gedankengut übernommen und allerdings auf selbständige Weise verarbeitet haben. Die zentrale Idee einer jüdischen Religion ist ihre schöpferische Wirklichkeit. In drei Sphären sucht der Mensch in die Welt ihren Sinn zu legen: 1. in die der sinnhaften Gestalt, 2. in die des subjektiven Erlebens, d. h. der eigenen seelischen Existenz, 3. in die der Koexistenz, des sozialen Raumes, in dem wir leben. Die schöpferische Idee, die das Judentum der Welt gebracht habe, ist die des Monotheismus. Nicht nur als geistiges und philosophisches System, sondern auch in seiner Wirkung in allen drei Sphären des religiösen Erlebens bedeutet der Monotheismus geradezu eine Revolutionierung des Geistigen durch seine Emanzipation von der erdhaft gebundenen Vorstellung einer Gottheit, vom Gespenstorhaften, das einen joden früheren Glauben charakterisiert. Der Monotheismus ist die historische Entdämonisierung der geistigen Welt. Er stellt sich als schöpferische Kraft in allen Sphären des menschlichen Daseins dar, und wenn er schematisierend auf die oben genannten drei Sphären bezogen wird, so findet man, daß er sich in der Sphäre der sinnhaften Gestalt auswirkt als das Vertrauensverhältnis, charakterisiert durch das Vater-Sohn-Verhältnis: Er ist die Lokalisierung allen Vertrauens auf den bestimmten, außerhalb des physischen Lebens gelagerten und unwandelbaren Pol, „des Vaters“. Als Kinder dieses Vaters läßt er alle Menschen gleich erscheinen, die Gleichheit der Kreatur vor Gott bewirkt die Gleichheit der Kreaturen untereinander. Daher kennt das Judentum weder Kasten noch dauernde soziale Differenzierung. In der zweiten Sphäre des subjektiven Erlebens bedeutet der Monotheismus die Befriedung des Seelischen. Der Gruß „Schalora“ ist nicht nur der Gegensatz zum Krieg, sondern bedeutet gleichzeitig „Vollkommenheit, Abgeschlossenheit“. Durch diese Vertrauensbeziehung des Subjektiven zum Unendlichen nimmt der Diesseits-Glaube eine zumindest äquivalente Stellung zum Leben in jener Welt Der Monotheismus hat nicht nur die soziale Gesetzgebung der Bibel im Gefolge, sondern er schafft auch eine zur damaligen Zeit geradezu epochale Errungenschaft: den S c h a b b a t h, das Ausruhen von dem Werke, das Gott selbst geschaffen, unmöglich zu vergleichen mit dem auch im Babylonischen bereits vorhandenen Zeitrhythmus der Siebenzahl. „Schafhirten sind sowohl wir, wie untere Vorfahren* (Genefis 4 7, 3.)