Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 340 (30.3.1934)
- Date
- 1934-03-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 840. — 80. MÄn 1084 DIE STIMME Seite 13 Dr. Samuel Rappaport; EIijahu ha-nabi (Eine Pessacfi-Erinnerung aus der Kinderzeit) Dom Andenken meines Großvaters R. Nal'tali Herz hakolien Goldstern s. A. gewidmet. Hat. jemand von euch schon den Propheten Elija hu mit eigenen Augen gesehen? ich glaube kaum. Nur einen hat cs gegeben, der Elijnhu geschaut, und dieser Glückliche war ich. Wie sich dies zugetragen hat, will ich im folgenden erzählen. Schon lange, sehr lange ist es her. Ich war damals ein etwa achtjähriger Bachur, der nicht nur in der Bibel, sondern auch schon im Talmud ziemlich gut Bescheid wußte. Es war kurz vor dom Pessaehfesto. Moin Sinnen und Trachten galt dem horannahendon schönen Feste und ganz besonders den wonnevollen, von unbeschreiblicher Freudigkeit und heiliger Erhabenheit getragenen Soderabenden. Wer einen solchen Sodor in einem frommen, nach alter Sitte und Art lebenden Elternhaus in seiner Kindheit mitorlebt hat, weiß, wie unauslöschlich er sich ihm oinprägt. Wie ein heiliger Zauber aus fernem Märohenlande lebt er noch in des Mannes Seole auch in späteren Jahren un<t selbst in andersartigen Lebensverhältnissen immer fort. Die nahenden Sederabendo füllten mein Innenleben ganz aus. Jeder derselben barg in sich einen stillen, gehe im nis vollen Wunsch, den ich tief in meinem Herzen trag, den meinen Eltern mitzuteilen ich mich jedoch schämte. Es war dies nichts Geringeres als das Verlangen, Elijahu ha-nabi mit eigenen Augen zu sehen. Ich wußto es genau, daß Elijahu während des Söders, sobald man die Tür vor „Schfoch chamosschu“ weit öffnet, in jedes jüdische Haus kommt, von dem für ihn bereitstehenclon Becher trinkt und, nachdem er die Anwesenden gesegnet, das Haus wieder verläßt. Schon in früheren Jahren hatte ich alle möglichen Anstalten getroffen, Elijahu zu sehen. Am Tage vor dem Sederabende hatte ich — nach alter Tradition — mich schlafen gelegt, damit ich am Abend während des ganzen Seders wach bleiben und Elijahu kommen sehen könne. Am Sodor hatte ich auf dem „Hessebett1 zu Füßen meines Vaters, der Tür gegenüber, Platz genommen, um ja Elijahu bei seinem Eintreffen beobachten zu können, meine schon halbschläfrigen Augen im geeigneten Momente scharf nach der weit geöffneten Tür gerichtet, abor gosohen habe ich ihn dennoch nicht. Wohl glaubte ich etwas wie einen Schatten vorüberhuschen zu sehen, ja, ich meinte sogar bemerkt zu haben, daß der Spiegel des Weines im Elijahu-Becher, der bis an den Rand gefüllt war, sich ein wenig gesenkt hatte, ein untrügliches Zeichen, daß Elijahu von demselben genippt. Allein mein sehnsüchtiger Wunsch ging nicht in Erfüllung, ich konnte mir nicht sagen, daß ich Elijahu geschaut. Mom Vater sagte mir, daß nur dem vor Gott Würdigen Elijahu sichtbar sei, alle anderen sollen ihn nicht, obwohl er in ihrer Nähe erscheint. loh nahm mir vor, gut und fromm und tborabeflissen zu sein, damit ich im nächsten Jahro wert soi, Elijahu zu ßehen. Nun kam der denkwürdige Seder, von dem ich hier erzählen will. Es war schon zwei Tago vor dom Possajchfeste, als mein Großvater bei uns orschien und verlangte, ich Bolle boi ihm den ersten Sederabend zubringen. Mein Großvater war nicht nur durch soino außerordentliche Frömmigkeit, sondern auch durch seine tiefgründige talmudisclio Gelehrsamkeit und bedeutendes Wissen auf dem Gebiete der Kabbalah Aveit und breit verehrt. Die Eltern schlugen dom Großvater natürlich die Bitte nicht ab. Mir jedoch erschien die Einladung nicht sehr verlockend. Ich mochte den Bchönon, frohen, Aron süßen Gesängen getragenen und von größerer Familienzahl gofoierten Seder Im elterlichen Hauso gegen den vielleicht uninteressanten bei den Großeltern, an dem nur Großvater und Großmutter toilnahmon, nicht gerne ointauschen. Ich schwieg. Dem scharfen Auge moines Großvaters aber schionon die Beweggründe meines Schweigens nicht ontgangon zu sein Nun warf or mir ein Lockmittel hin, das unfehlbar wirken mußte. „Wenn du zu mir zum Seder kommst“ — rief er mir zu — „sollst du etwas sehen, was du gewiß bis heute nicht gosohon hast: Elijahu Jiaruabi.“ Mein stiller Widerstand war gebrochen. loh war gelangen. „Ist os dein Ernst?“ fragte ich den Großvater mit weit aufgerissenon Augen „Wie ich gesagt“, antwortete er, „wenn du zu mir zum Sodor kommst, sollst du Elijahu sehen.“ „Gut. ich kommo“, gab ich freudig zur Antwort. Ein Fingerzeig Gottes, ich solle Elijahu sehen, schien dieses Ereignis für mich zu sein. Unter höherer Eingebung schien mein Großvater für diesen Sederabend nach mir verlangt zu haben. Mit Ungeduld erwartete ich den großen, verheißungsvollen Moment. Am Abend konnte ich kein Auge schließen. Daß ich Elijahu sehen würde, unterlag für mich keinem Zweitel. Eine Sorge jedoch ließ mir keine Ruhe: „Wenn Elijahu mich Avird ,verhören1 wollen? Werde ich ihm in Ruhe Rede stehen können und nicht, was Gott verhüten möge, befangen durch Aufregung, ohne richtig zu antworten, unwürdig und unwissend vor ihm erscheinen?“ Mit solch quälenden Gedanken wälzte ich mich den ganzen Abend auf meinem Lager und schlief erst bei Tagesanbruch ein. Kaum war ich eingeschlafen, als mich schon Gemach erlosch der Himmelsbrand. Zum Feste rüstet nun das Volk, Zum Opfer fest im fremden Land. Die Frauen, festlich angetan. Zünden weiße Lichter an. Dann wird das Sederbett gemacht. Großvater nimmt das Sterbekleid — Ein König, dessen Macht und Pracht Ein Traum nur ist, ein Traum, geweiht Dem Leben der Vergangenheit. Er hüllt sich nicht, wie Menschenbrauch, In lebenprangendes Gewand; Umwittert von der Zeiten Hauch, Die längst dahin sind, wählt er sich Das Hemd des Todes. Seine Hand Erbebt, da sie den roten Wein In perlenweiße Kelche schenkt. Was war es, das ans Fenster strich? Der Wind? Das Fenster wird, verhängt. Nun heben die Gebete an: Hagadaweisen, altvertraut, Erst leise, dann im Sange laut: „Wir waren Knechte einst“ Es hallt Wie Jubelruf und doch voll Weh Ist dieser Worte Zauberbann. IsCs nur der Stimmungen Gehalt? Auf Judenfreude fällt der Schnee Der Traurigkeit so leicht und jäh. „Wir waren Knechte einst.“ — Nur einst? mein Vater weckte, mir befahl, rasch aufzustehen und zu beten, um noch rechtzeitig das letzte „Chomez“-Mahl einzunehmon, da bald alles „Gesäuerte“ aus dem Hause weggesohafft werden müsse. Nachdem ich mich nun rasch erhoben, gebetet und in Eile das Frühstück eingenommen, half ich, alles, was am Pessaoh nicht ins Zimmer gohört, wogzuräumen, den „Chomez“ verbrennen, und legte, nachdem ich von der Mutter gebadet und geAvaBchen worden Avar, die nagelneue, für Pessach vorbereitete Kleidung und Wäsche an. Zu deu herrlichen Traditionen des schönen Pessachfestes gehört auch diese, daß es in fast jedem jüdischen Hause den Kindern neue Kleidung bringt, Avas nicht wenig zur Freudigkeit des Festes beiträgt. Ein neues Kleid liegt mitunter mouatelang unbenutzt, damit es erst am PeBsach zum ersten Malo angelegt werde. Wie die Natur, soll auch der Judo am Frühlings¬ und Froiheitsfeste im neuen Gewände prangen... Kaum hatte loh meine neuen Kleider angelegt, als loh zu den Großeltern eilte. Wie ein Magnet zog es mich dorthin, wo heute Nacht etwas Großes meiner harrte. Im Hause der Großeltern schien allos vorändort. Es Avaren dieselben Zimmor, dieselben alten Möbel, und dooh trug alles im Hause oin frisches, fast jugendliches Gesicht. Der weißgodeckto Tisch, die schönen, für Pessach bestimmten Gläser, Porzellangeschirre und sonstiger Hausrat verkündeten, daß das Fost seinen Einzug in dieses Haus bereits gehalten habe. Wie oin betäubender Blütenduft schlug es mir entgegen. Großvater und Großmutter waren schon festlich gekleidet und begrüßten mich freudig, als ich mich ihnen in moinen neuen Kleidern vorstellto.< Großmutter war in der Küche vollauf beschäftigt. Großvater schien zu oincr anscheinend sehr wichtigen Arbeit Vorbereitungen zu treffen. Er legte Hammer und Zango auf einen mit großen Papierbögen bedeckten Tisch und verschwand für eine Weile aus dem Zimmer. Nach kurzer Pause erschien er kouehend Avieder, eine große Kiste tragend; bald brachte er eine zweite und stellte beide nebeneinander auf den Tisch. Staunend fragte ich den Großvater, was die Kisten denn eigentlich enthalten, doch schien or meine Frage nicht zu hören. Mit leuchtenden Augen und geröteten Wangen, wie verträumt, hantierte er an dem öffnen der Kisten, was ihm aber, da sie fest zugenagelt waren, nicht so leicht gelingen wollte. Leise, wie um den Großvater in einem heiligen Werke nicht Die Stimmen zittern leis. Du meinst, | Märtyrersagen gliihn empor ... Still sucht der Sohn des Vaters Hand, Beseligt, daß er heim doch fand... Und heit*rer klingt ein Lied im Chor. | Ein Blick zur Tür ... Ein Windesivehn Läßt einen Flügel leise gehn. Wer tritt herein? O Gast, komm her, Dein Kelch ist voll, dein Platz ist leer. \ Verweile doch, Prophet Eiiah! Dein Weg ivar weit, müd mußt du sein. Verweile, trink von unserm Wein f Und segne uns, Prophet Eiiah! Der Sang verweht, die Türe geht. Im Kelche war ein Kräuseln zart. § Der Weg ist weit. Das Volk — es harrt § Des leisen Gastes rings im Land. | Er zieht dahin im Sternenstrahl. § Die Fremde wird zur Heimat fast. § „Welch Wunder wirktest du die Nacht!“ Der Sang verstummt. Die Sehnsucht wacht. „Um Mitternacht...“ Es war einmal... Du Gruß der Väter, Gottes Bote, Sei immer wieder unser Gast | Und segne das in uns erlohte § Selige Hoffen jedesmal! § zu stören, raunte mir die Großmutter Ins Ohr: „Die Kisten kommen von sehr, sehr weit her, aus Erez Israel, und bergen allerlei Köstlichkeiten aus dem heiligen Lande, die Freunde und Verehrer des Großvaters ihm für Pessach schicken.“ Mit Aufmerksamkeit folgte ich der vor sich gehenden Arboit und erwartete gespannt, was nun aus don seltsamen Kisten ans Tageslicht kommen AVilrde. Kaum war ein Teil eines Deckels gesprengt, als ein weißer Staub herausfiel und sich auf dem Tisch ausbreitete. Behutsam sammelte der Großvater, bevor er an die weitere Arboit ging, den verstreuten Staub in ein Glas, daß ja nicht auch nur ein einziges Sandkörnchen auf den Fußboden falle. Auf meine Frage, wag dies zu bedeuten habe, orklärte mir die Großmutter, dies sei heilige Erde aus Erez Israel, die auf unge- Aveihten Boden nicht fallen dürfe. Kaum waren die Deckel geöffnet, als mein Großvater glückstrahlend die in den Kisten enthaltenen Schätze hob. Es waren dies: Blechdosen, die Wein, öl und Honig (aus gepreßtem Johannisbrot) enthielten, ferner Pakete mit Mandeln, Rosinen und kleinen, eigenartigen „Erez Israel-Nüssen“. Sämtliche Flaschen und Pakete waren mit weißen Zottelchon versehen, die die Aufschrift „Koscher schol Pessach“ trugen. Der übriggebliebeno Raum in den Kisten AA’ar mit Avoißgrauer Palästinaerde angefttlilt. Waren die sonstigen Köstlichkeiten für den Genuß im irdischen Dasein bestimmt, so Avar die heilige Erde ein Geschenk für die Reise in die Ewigkeit. — Mit dieser Erde bestreut und mit einem Häuflein derselben, als „Kopfkissen“ in einem Aveißen Säckchen, unter dem Haupto, wurde mein guter Großvater später zum ewigen Schlafe gebettet. Nachdem der Großvater mit der Arbeit, die ihn nicht wenig ermüdet hatte, fertig gcivorden war, alle» geordnet und auf seinen Platz zurückgestellt hatte, ließ er sich auf seinen großen Stuhl nieder, zog mich liebevoll an sich und setzte mich auf seine Knie. Schwärmerisch und begeistert orzählte er mir von der Herrlichkeit Erez Israels, woher diese Köstlichkeiten gekommen, von jenem schönen Stammlande unseres Volkes, aus dem uns der Zorn Gottes vertrieben, wohin uns aber die göttliche Gnade, wie uns feierlich verheißen, ganz bestimmt zurückbringon wird. „Heute nacht“, sagte der Großvater, „wird Elijahu von diesem Erez Israel-Wein bei uns trinken, und du sollst davon für deine .Kossot* bekomm men. Nun aber mußt du essen und dich schlafen legen, damit du den ganzen Seder hindurch waoh bleibst und Elijahu dich nicht schlafend antrifft.“ Ich hatte den besten Vorsatz, zu schlafen, zumal ich die vergangene Nacht fast schlaflos verbracht hatte. Ich wurde in ein anderes Zimmer geführt, damit ich im Schlaf nicht gestört würde, und zu Bett gebracht. Es Avar mein heißer Wunsch, einzuschlafen. Ich schloß die Augen, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Ich wiederholte unzählige Male den für schnelles Einschlafen erprobten Bibelsatz „Thorah ziwa lanu Moscheh“, doch vergebens! Einschlafen konnte ich doch nicht. Bunte Gedanken und Bilder, in deren Mitte Elijahu stand, schwirrten mir durch den Kopf und machten das Einschlafen vollends unmöglich. So vergingen mehr als drei Stunden. Wie eine Erlösung empfand ich es, als der Großvater leise, auf den Zehenspitzen, das Zimmer betrat, um nach mir zu schauen. leb lag mit offenen Augen da. „Nun“, sagte der Großvater, „bist du für den Seder gut ausgeschlafen. Jetzt wasche dich und kleide dich an, denn es wird bald Zeit zum Abendgebet.“ Vor Anbruch der Nacht machte ich noch einen Sprung zu meinen Eltern, um über die Erlebnisse des Tages zu berichten. Zum Abendgebet ging ich mit dem Vater in die große altehrwürdige Lemberger; sogenannte Vorstädtische Synagoge. Nach Absingung des „Halleis“ begab ich mich stolz und erwartungsvoll mit meiner Hagadah — ein Geschenk des Großvaters — in das Haus meiner Großeltern. Eine blendende Helligkeit und unsagbar wonnige, aber geheimnisvolle Stimmung erfüllten den Raum, als ich ihn betrat. Der Tisch war bereits für den Seder hergerichtet. Im sechsarmigen, von der Decke herabhängenden Messingleuchter, einen von den Ahnen übernommenen Erbstück, flammten weihevoll die Kerzen. Auf dem Tische brannten außerdem vier Kerzen in Silberleuchtern und zwei ölflammen in uralten, kunstvollen Glasleuchtein, die meine Großmutter, nach alter Sitte, an jedem Freitagabend neben den Kerzen anzuzünden pflegte. Nachdem noch manche Vorbereitungen getroffen waren, legte der Großvater seinen „Kittel“ und die mit feinem, zartem Goldwerk geschmückte Kappe an, und nun begann das Füllen der Becher mit dem köstlichsten aller Getränke — mit dem W^in aus Erez Israel. Auch mein kleiner Becher Avurde zu meinem Entzücken mit diesem wunderbaren Safto gefüllt. In der Mitte der Tafel stand ein besonders schöner und großer Silberpokal, der Becher des Elijahu. Mir schien es, daß Großvater ihn mit ganz besonderer Weihe und Andacht füllte. Aus diesem Bocher Avird Elijahu, den ich bald sehen werde, heute trinken. Ich sah, daß der Becher bis an den Rand gefüllt war, und nahm mir vor, später genau festzustellen, wieviel Elijahu davon getrunken hatte. Ein Umstand fiel mir nicht wenig auf: Neben dem „Hessebett“, auf dem der Großvater sitzen sollte, stand ein Stuhl und darauf lag eine Menge großer Folianten, Talmud!rakfate und andere gelehrte Bücher. Ich begriff nicht, wozu diese eigentlich zum Seder. bei dom doch nicht „gelernt“, sondern blos die Hagadah gesagt und gedeutet wird, herboigeschafft 15edei*i»ack4 am &kefic Marek Scherlag.