Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 340 (30.3.1934)
- Date
- 1934-03-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seit« 12 DIE STIMME Nr. 840. — 30. MÄtz 1934 DR. ABY GOLDMAN-LONDON: BESUCH BEI BEILIS Zum 20. Jahrestag des großen russischen Ritualmordprozesses Beilis vor 20 Jahren . . . Kein Judo der Welt, der das Jahr 1913 miterlebt hat, ist von der Aufregung unberührt geblieben, deren Herd der Kiewer Gerichtssaal war. in dom gegen Mendel Beilis wogen angeblichen Ritualmord o«? verhandelt wurde. Die jüdische Geschichte wird diesen Prozeß wohl nicht vergessen. Dies ist seine nur zu gut bekannte Vorgeschichte: In einer Vorstadt, von Kiew wurde eines Tages im Jahre 1911 der zwölfjährige Knabe Andreas Juehteeliinski in einer Höhle ermordet aufgefunden. An der Leiche fand man viele Wunden und Stiche, und bei der ersten Obduktion in Anwesenheit des Unter-, snohungsriehters wurde fest-gestellt, daß sowohl die Kleider wie auch die inneren Or-! aane iranz von Blut durchtränkt waren. i Die Staatsanwaltschaft veröffentlichte einen Steckbrief gegen einen ..Mann mit schwarzem Bart”, von dem «später zwei notorische Trunkenbolde, ein Laternenanzünder und seine Frau, pünktlich bekundeten, dihätten gesehen, wie er den ermordeten Knaben vom Hof einer Ziegelei, in dem er gespielt hatte, fortschleppte. Aon 22. Juni 1911 wurde als dieser Mann mit Schwätzern Bart der Aufseher auf dem Hof der Ziegelei, Mendel Beilis. verhaftet unrl saß zweieinhalb Jahre in Haft, ehe deT Prozeß verhandelt wurde. Cbm- JO Verhaiidlinigstage lang verbuchte | man die Schuld von Beilis zu erweisen. Ls! waren Tage, in denen hundert Pressevertrej ter die gesamte zivilisierte Welt mit ihren) Brrichten über den Kiewer Prozeß in Atem j hielten. Aber da die Verhandlung sich in solcher Öffentlichkeit abspielte, wurde die' Hinfälligkeit der Beschuldigung allzu affen-' har. Beilis mußte freigesprochen werden. j und Beilis erzählt mir beim Essen, was er von seiner Popularität in Amerika in der ersten Zeit auszustehen gehabt hat. Als er ankam, erzählte er, pflegte man ihn in die Salons einzuladon und ihn ata große Attraktion von Millionärsvilla zu Millionärsvilla zu reichen. Er war —- Star. Aber damit war ihm wenig gedient. Er hätte viel lieber eine kleine, noch so bescheidene Stelle für sich oder seine Töchter und seine Söhne irgendwo erbeten. Ein guter Freund, der über Amerika Bescheid wußte, riet ihm damals: Willst du für dich oder deine Kinder eine Beschäftigung, dann mußt du verheimlichen, daß du der berühmte Beilta bist, denn der amerikanische „Boß“ liebt die Berühmtheiten nicht,. Er fürchtet, man wird sie dann nicht so mir nichts dir nichts entlassen können . . . Beilis Folgte diesem Rat und fand wirklich auch schon ein paar Tage später Arbeit iür seine beiden Töchter, die niemandem erzählten, wessen Kinder sie waren. „Später“, erzählte Beilis, „kam eine Zeit, in der ich nichts zu beißen hatte, in der ich buchstäblich hungerte. Ich ging damals zu einem Bankier, der mir, als ich ankam, seine ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet hatte, und ich bat ihn um eine Stelle, um irgendeine, selbst die dos Portiers am Eingang der Bank.“ Aber der Bankier entsetzte eich. „Gott mit Ihnen“, sagte er, „wie kann ich an so etwas auch nur denkenl Wenn die Leute erfahren, daß ich BciJis bei -mir als Türhüter beschäftige, wird man mir das als eine fürchterliche Beleidigung der jüdischen Ehre ankreiden, man wird mir alle Fensterscheiben einwerfen.“ Und der Bankier wollte mir lieber eine kleine Spende, einen Scheck, geben -- alles, nur keine Arbeit... Einmal hatte ich eino Druckerei, aber ich mußte eie schließen, weil niemand einem Beilis seino Visitenkarten zu setzen geben wollte; ich mußte nämlich in dieser Druckerei alles in einer Person sein, Setzer, Maschinist und Laufjunge ... Dann versuchte ich mich als Versicherungsagent. Aber niemand wollte mit einem Beilis so offen und krämcrisch verhandeln, wie man das sonst, mit den Versicherungsagenten hier in Amerika tut. und ich mußte auch diesen Beruf aufgeben. Jetzt lobe ich von meinem Buch über meinen Prozeß — ein paar Dollar verdiene ich immerhin damit.“ Frau Beilis unterbricht ihren Mann scufzend: „Ja, ein paar Dollar schon — aber wie sollen wir so unsero beiden Töchter unter die Haube bringen? Auch nur die Ausstattung für sie zusammenzukaufen?'1 | Beilis machte eine verächtliche Hnndhe- {weguug. „Ach w:us“, sagte er, „ich war ein einfacher Angestellter, als sie mich verhafteten, aber in den zweieinhalb OefängnisjaVen, in; den Wochen des großen Kiewer Prozesses i habe ich viel, sehr viel gelernt. Mir jst in meiner Gefängniszelle klar geworden, daß ich nur etwas wie ein Volksvertreter, ein Abgesandter von fünfzehn Millionen Juden bin. Von Zeit zu Zeit greift Jas Schicksal in die Urne dieser fünfzehn Millionen und zieht sich ein Los heraus In Frankreich hieß es Dreyfus. in Rußland — Beilta. Das ist alles. Mehr als eines von Millionen Losen bin ich nicht und habe also auch keinen Anspruch auf ein besseres Sch ick.-al als all die übrigen Hunderttausend. Alle Sympathien und Antipathien, die ich erfahren habe, galten ja doch in Wahrheit nicht mir, sondern denen, die ich vertrat. Und es ist wohl besser, sich der Freundschaftsbozougungen als der Undankbarkeit zu erinnern, die mir begegnet ist. Reden wir also lieber davon, wie die russische Intelligenz eich mir und meinem Prozeß gegenüber verhalten hat. Wia mich die Rechtsanwälte, die Abgeordneten und die Professoren behandelten, wie der Präsident Beilis heute ... i Auf meiner letzten Reise nach Amerika | fiel mir ein, daß es dem Helden dieses Dra-j tmn. dem Menschen, dessen Schicksal vor j zwanzig Jahren das ganze Judentum bewegt | hatte, hier, in New York, zu sehen gab; er j Das „Wunderkind“ von Jerusalem lohte da seit einigen Jahren. Ich nahm das New-Yorker Telephonbuch oder vielmehr jenes Buch auß der großen New-York er Telephonenzyklopädie, das die Anschlüsse von Bronx verzeichnet, und rief an: „M. Beilis, Jeromo 64-6-24“: ..Kann ich Mr. Beilis sprechen?“ Die heisere Stimme eines älteren Mannes antwortet freundlich: ..Oh yes, mit wem habe ich die Ehre?“ Und als ich mich vonstellte, bittet er, daß ich russisch mit ihm rede. Er lädt mich darin zum Tee zu sich ein. Wie ich nachmittag in den Wohnblock auf der Bronx komme, öffnet mir ein dicker großer Mann mit sauber verputztem grauem Scliriurrbärtchen die Tür. Er trägt keinen Bart, er ähnelt all den Photographien, die ich von ihm gesehen habe, absolut nicht. Und doch ist er es selbst — Mendel Beilis. Wir «sprechen russisch. Es ist die ihm geläufigste Sprache. Er freut sich, daß sein Gast keiner von den „amerikanischen Misters“ ist. Er haßt das trockene, rnateriali- -ierte bussinestiwütlge Amerika. „Ja“, sagt er, „wenn auch unter dcü Leuten der alten Generation noch genug sind, die meinen Namen und mein Schicksal kennen die Jungen hier ln Amerika wissen schon überhaupt nicht mehr, was der Beilis- Prozeß war. Selbst meine jüdischen Nachbarn hier im Haus wissen nichts von meiner Geschichte. Aber als ich hier einzog, hat mir ein Neger die Möbel heraufgetragen, und als er oben erfuhr, wer ich sei, kamen ihm buchstäblich Tränen in die Augen. „Wissen Sie, Mr. Beilis“, sagte der Neger, „daß ich als Junge — ich lebte damals ira jüdischen Viertel — meine Schulaufgaben nicht machte, während der Prozeß gegen Sie verhandelt wurde, weil ich mich von den Prozeßberichten nicht losreißen konnte?“ Eine kleine kränkliche Frau bringt uns Tee und Obst herein. Das ist Mrs. Beilta. Später kommen auch «eine beiden Töchter von ihrer Arbeit in deT Fabrik. Ich -etze mich reit der Familie zu ihrem Abendbrot, das sie in der Küche einnimmt? Aus dem Fenster eines Hauses der Ben Jehuda — Straße in Jerusalem — tönt der Gesang einer Geige: Bach, Beethoven — selten klingt Musik in solchor Vollendung. Auf dor Straße bleiben ein paar Leute stehen; sie hören und lauschen und sind verzückt, und die Köpfe wackeln nach Judenart bewundernd von einer Seite zur anderen: „Dieses Kind! Dieses Geschenk! Wie reich ist Erez Israel!“ Aber plötzlich bricht das Spiel ab — die Leute gehen weiter; und einer fragt trauernd: „Wieder djo Augen?“ * An der Wohnungstür öffnet auf mein Klingeln die Mutter des Geigers: Frau G i t o 1 i s. Der Knabe selbst, or ist elf Jahre alt, liegt in einem verdunkelten Zimmer auf einem Diwan... „... aber es geht Jizchak jetzt schon unvergleichlich besser als früher“, erzählt Frau Gitelis. Er soll sich nur nicht überanstrengen. Seine Augenkrankheit überfiel ihn durch Ansteckung, nachdem or orst sechs Monate lang gespielt hatte. Sechs Jahre war er damals alt. Fast blind wurde er. Die Schmerzen, die or litt, waren fürchterlich. Oft lag er auf dem Diwan, schreiend: „Warum reißt man mir nicht meine Augen heraus?!“ Eine Radiumkur im Jerusalemer Hadassahospital hat Jizchak Gitelis wieder das Glück des schmerzlosen Lichtes gespendet. Seit achtzehn Monaten empfängt or bei einer anerkannten Gelgenpädagogin, Mira Benami, wieder Unterricht mit einer gewissen Regelmäßigkeit und mit einem Erfolg, der Ihn bald neben Jehuda Menuhln stellen wird. „Jizchak Gitelis verfügt schon heute über erstaunliche technische Fähigkeiten und verrät ein schönes musikalisches Stilgefühl“, urteilte Bronlslaw Huberman. Jetzt hat er die ersten öffentlichen Konzortc hinter sich. Oft begegneto er mir in wenn er mir schon von weitem zurief: „Jetzt geh ich zur Probe!“ Und einmal traf ich ihn beim Photographen. Die Konzertdirektion und die Journalisten wollten doch gern Bilder von ihm . haben. Aber es war gar nicht so einfach ihn aufzunehmen. Viel mehr als für den Photographen interessierte Jizchak sich für Schnucki, den Atelierdackel, mit dem es sich so schön spielen ließ. * Die Konzorte gestalteten sich zu einem Riesenerfolg. Das mit tiefstem musikalischon Verständnis und bei so viel Kindlichkeit des Auftretens fast rätselhaft anmutender Reife vorgotragene Programm umfaßte Händel, Bach, Vieuxtemps, Schubert, die beliebten Bravourstücko von Tartini und Sarasate und den herrlichen Hindu-Song von Rimsky-Korsakow. Das Publikum war begeistert, der Junge hat mit seinem Spiel wirklich die Herzen erschüttert; aber außerdem waren sie sehr stolz auf ihn: der Kleine ist doch „Tozeret haarez“, home production, ein Kind dos Landes, geboren in Haifa... Das Protektorat des Jerusalemer Konzertos hatte der High Commissioner, Sir Arthur Wauchope, übernommen. Das Protektorat des Abends in Tel-Aviv Meir Dizongoff, der Bürgermeister der Stadt. * Es ist nicht übertrieben: Jizchak Gitelis verspricht ein zweiter Joachim, ein zweiter Huberman zu werden. Aber wer soll seine weitere Ausbildung bezahlen? Seino Eltern, die die ukrainischen Pogromstürme von 1922 ins Land kommen ließen, sind arm; der Vater lebt als Arbeiter in Haifa. Selbst die Geige, auf der der Knabe spielt, ist nicht die seine: dieser leiht Ihm eine zum Üben, und jener leiht ihm eine zum Üben, und das prachtvolle Instrument, auf dem der Knabe soine Konzerte spielte, hat ihm dor großo Kollege Andreas Weißgerbor, dor jotzt ln Tol-Avlv wohnt, zur Verfügung den Tagon zuvor in den Straßon Jerusa lems, und übers ganze Gesicht strahlte er,(ihm hilft? gestellt. Der Geiger hat keine Geige... Ob es einen Mäzen in der Welt gibt, der Ego, dor geistlichen Akademie, ein Pop*- mit langem Bart, mir nach meiner Befreiung die Hände küßte lind mit Träneu in den Augen bei mir für das russische Volk um Verzeihung bat. Ich habe in den Tagen nach dom Freispruch 16.000 Telegramme und 600.000 Briefe bekommen, der woitam größte Teil von ihnen stammte von — Nichtjuden. Hieran zu denken tat wahrhaft tröstlicher als die Erinnerung an die Hexe Tsclu-beriakowa, die Laternonauzünderin, die mich b< im Mord gesehen haben wollte, an den Staatsanwalt Ritter, an den Minister Tscheglowitow und all die übrigen...“ Ich unterbreche Beilis: „Zufällig“, erzähle ich ihm, „traf ich einen Russenkommissär, der mir erzählte, wie die Szene aussah. in der diese einzige Belastungszeugin des Kiewer Prozesses beichtete, wie und warum sie die ganze Geschichte erlogen hatte...“ Beilis weiß von alledem nur wenig. Er hat nicht einmal die Bände des „Roten Archivs“ gelesen, in denen die neuesten Materialien darüber veröffentlicht werden, wie das zaristische Justizministerium seinerzeit die Hetze inszenierte und wie es dabei den persönlichen Direktiven des Zaren Nikolai folgte. Beilis schüttolt nachdenklich den Kopf: „Ja, ja, ich bin ein friedlicher und einfacher Mensch. Ich lese nicht gern solch blutige Dokumente. Manchmal aber muß ich doch daran denken, wie meine Geschichte ansgegangen ist, was sozusagen ihre Moral war. Kaum vier Jahre nach dem Prozeß schon waren alle Regisseure dieses großen Schauspieles endgültig von der Bühne verschwunden. Der Zar Nikolai — erschossen und verbrannt. Stolypin — von seinen eigenen Leuten erschossen, der Justizminister Tscheglowitow — in Moskau erstochen, der Staatsanwalt Ritter — doch das ist das Tragischeste; wenn ich daran denke, kommen mir direkt die Tränen. Wie dieser bittera Judenfeind, der Hauptintendant des ganzen Dramas, vor einem revolutionären Gericht um Erbarmen bittet und kein Mitgefühl finden kann, bis schließlich sein jüdischer Haupt.gegner aus dem Prozeß, der einzige jüdische »Sachverständige, der Oberrabbiner von Moskau, Dr. Masse, für ihn Zeugnis ablegt und ihm subjektive Berechtigung für seine Stellungnahme damals zuerkennt, so daß ihm wirklich das Leben gerettet wird .. .** In der Küche des amerikanischen Wohnblockes wird es dunkel. Es ißt, als ob die Schatten der Vergangenheit traurigschwarz die Winkel füllen. Und mir ist, als ob sie es wären, die mich von hier vertreiben und mich etwas überstürzt Abschied nehmen Lassen von Mendel Beiliis. Reife Zeit Aus dem Stamme Jlsckai bin ich, Und ick denke der Verheißung: Einmal idrd aus unsrem Samen Der Erlöser auferweckt. Aus dem Stamme Jischai bin ich, Sehe meines Volks Verfall. Boden muß voll Dünger werden, Eh’ die Saat wird eingestreut. Herr! Wir sind gewiß schon Dünger Und von Würmern überzogen. Aus Gerölle sickert Wasser, Humus wird aus Schlamm und Kot. Meine Hände streck* ich sehnend Größtem aller Wunder nach. Abfall füllt, m Korn geworden, Scheunen, Speicher bis zum Dach. Gott! Sieh’ uns, sieh’ unsern Abfall, Voller Schande, unterdrückt, Schleicht dies Volk, Von Freundschaftsgeste Seiner Peiniger beglückt. * Abfall sind ivir. Nichts als Ab—fall — Humus liegt auf Feldern brach. Zeit für dich, für den Messias. —- Ende Gott, end* unsre Schmach! David Neumann: Tel-Aviv,