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Die Stimme · 1934-03-30 · Heft 340 (30.3.1934) · page 11

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 340 (30.3.1934)
Date
1934-03-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 340. — 30. März 1934 DIE STIMME Seite 11 DR. JAKOB ROSENTHAL: —- Jaden in S|»;inieii GESTERN - UND HEUTE Spanien 1492* In der Leidensgeschichte des jüdischen Volkes in der Diaspora bildet das Jahr 1492 einen der traurigsten Marksteine. Gegen die Juden Spaniens, die sich Jahrhunderte hindurch auf faet allen Gebieten des öffentlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens des Landes größter Freiheiten erfreuten, setzte allmählich teils aus fanatisch religiösen, teils aus materiellen Motiven eine Hetzkampagne ein, die in fürchterliche Verfolgungen ausartete und die schließlich in einen Abgrund von Elend und Leid stürzte. Aus Habgier und Bigotterie wurdo in Spanien das Ungetüm der Inquisition cingeführt, wurde diese brennende Geißel vor allem gegen die Marranen geschwungen. Furchtbar und grausam wütete die Inquisition. Tausende und aber Tausende Scheiterhaufen und Autodafes, brennende Menschenleiber beleuchteten grell die Städte Spaniens von 1492. Ungeheuer zahlreich waren die Opfer dieser mittelalterlichen, barbarischen Feuerspiele. Ein Volk wandert aus ~ Anderthalb tausend Jahre hatten die Juden da gelebt und gelitten — schwer trennten sie sich von dem Lande, an dem sie noch immer mit großer Liebe hingen. Mehr als eine Million Juden — die Zahl der vertriebenen Juden ist nicht genau festzustellen, nach manchen Geschichteschreibern soll die Zahl 800.000, nach anderen sogar die heute so aktuelle Zahl von 600.000 gewesen sein — mußten wieder den Wanderstab ergreifen. Schmerzlicher als den Verlust von Hab und Gut, das sie ihren Feinden zurückkissen mußten, empfanden sie dabei den Abschied von ihren Friedhöfen, von ihren teuren Toten, die sie dort lassen mußten. Zeitgenössische Geschichtsschreiber berichten von herzzerreißenden und erschütternden Szenen, die sich in den letzten Tagen ihres Aufenthaltes in Spanien abgespielt haben. In der einen Gemeinde schenkten sie ihren Friedhof nebst einem freigebliebenen Ackerfelde der Stadt unter der Bedingung, daß dieser nie benützt werden dürfe. Ähnliche Verträge wurden auch in anderen Städten abgeschlossen. Es kam auch vor, daß sie unter Tränen und Wehklagen die Grabsteine ihrer Ahnen herausrissen und sie auf ihren Wanderungen mit- Irugeu. Allo Land- und Heerstraßen des damaligen Spaniens waren während des ganzen Monats Juli erfüllt von langen Menschenkolonnen, niedergebeugten Greisen, und weinenden Kindern, schluchzenden Frauen und wehklagenden Kranken. Das Ausweis-ungsdekrot kannte keinen Unterschied zwischen Lahmen und Geraden, zwischen Siechen und Gebrechlichen, zwischen Säuglingen und Greisen. Viele kamen auf dem Wege durch Hunger und Krankheit um, viele von ihnen wurden in Genua als Sklaven verkauft, unzählige wurden Opfer der damals in Kastilien wütenden Pest. Am 2. August des Jahres 1492 segelten aus dem Hafen Cartagena 16 großo Schiffe mit jüdischen Exilierten ab und wendeten sich nach allen Richtungen der Windrose. Seltsam, fast gespenstisch mutet es an, daß der schicksalsschwere 2. August des Jahres 1492 auf den 9. Aw des Jahres 5252 jüdischer Zeitrechnung fiel, den Jahrestag der Zerstörung des Jerusalemer Tempels. Aus den stolzen spanischen Juden wurden schmerzgebougte, leid- und angsterftillto Kreaturen, die, nun in aller Welt zerstreut, nur durch die Hilfssolidarität der jüdischen Gemeinschaften in anderen Ländern ihr Dasein fristen konnton. Spanien war judenloer geworden. Die besten Ärzte fehlten, sehr zum Leidwesen der Bevölkerung. Industrie und Handel gingen zugrunde. Denn dio spanischen Ju- * Aus einer Artikelserie „Reportagen der SEeltgoschichte“, Das Schlußedikt, das eine Kette von Qualen und Leiden vorläufig schließen sollte, das aber dennoch die spanischen Juden trotz der bereits seit Jahr und Tag unaufhörlich auf sie niedersausenden Keule der Folterwerkzeuge der Inquisition nieder' schmetternd traf, bildete ihre Vertreibung aus Spanien. Das Schicksal der Juden Spaniens war also mit dem Ausweisungsdekret vom 3. März 1492 besiegelt. Obwohl sie sich bereit erklärten, jedes Opfer an Geld und Gut zu bringen, wenn ihnen nur erlaubt würde, auch weiter auf spanischem Boden weilen zu dürfen, obwohl Don Isak Abrabanell von Toledo, einer der einflußreichsten und angesehensten Führer des damaligen spanischen Judentums, sich erbot, 300.000 Dukaten aufzubringen, wenn das Edikt zurüekgeriommen würde, Heß sich das bereite schwankende Königspaar von Torquemada doch dahin bestimmen, jede weitere Verhandlung abzubrechen und den Ausweisungsbefehl aufrechtzuerhalten. Der Marsch der 800.000 den waren nicht nur durch ihre geistige Überlegenheit, sondern auch durch ihre Wohlhabenheit und Finanz kraft berühmt. Wurden doch die bedeutendsten Expeditionen und Unternehmungen in jenem Zeitalter nur mit Hilfe von Geldmitteln durchgeführt, die spanisch-jüdische Kapitalisten zur Verfügung gestellt hatten. Auch die Expedition Wilhelms von Oranien, die ihn schließlich auf den britischen Thron brachte, wurde durch jüdische Hilfe ermöglicht. Kein Wunder, daß Spanien erst allmählich den Verlust in seiner ganzen Tragweite eri maß, den es durch die Verbannung eine® der betriebsamsten und gewerbefleißigsten und gebildetsten Bevölkerungsteils erlitten hatte. Das Schicksal der Exilierten gestaltete sich verschiedenartig. In der Türkei wurden sie freimdlichst empfangen. Dort soll der Sultan Bajazet über ihre Verbannung mit folgenden ironischen Worten sich geäußert haben: „Wahrlich, dieser Don Fernando muß ein staatskluger Monarch sein, er läßt sein Land in Armut versinken, um das unsere zu bereichern.“ Viele Marranen suchten in Italien eine neue Heimat, die sich besonders an den italienischen Höfen, wo Wissenschaft und Kunst gepflegt wurden, den gelehrten Juden bot. Neapel nahm sie herzlich auf. Am ganzen Gestade des Mittelmeeres, in Marokko, Algier, Tripolis, Tunis, Ägypten, Syrien, besonders aber in der Türkei, ließen sie sich nieder. Insbesondere erfreuten sie sich aber in Holland, wohin eine nicht unbeträchtliche Zahl gezogen war, voller Unabhängigkeit. Holland wurde ihnen ein zweites Spanien, wie Spanien ein zweites Judäa gewesen war. Die spanischen Juden waren den Juden aller übrigen Länder an Bildung und Haltung weit überlegen. Überall, wohin sie kamen, gründeten sie spanische oder portugiesische Kolonien, spanisch - jüdische (sephardische) Gemeinden, die der altjüdischen und altspanischen Tradition mit historischer Treue anhängen. Ihre spanische Grandezza haben sie bis auf den heutigen Tag bewahrt. Spanien 1934 Welche Kuriosa die Weltgeschichte liefert, sieht man erst, wenn man an die Be- A i 'M"'ii t _ : Die Klagemauer mtihungen der jungen spanischen Republik denkt, den historischen Schandfleck der seinerzeitigen Judenaustreibung durch Versöhnungsakte mit dem Judentum aus der Welt zu schaffen. Daß es sich bei den neuen Machthabern in Spanien nicht um bloße Phrasen handelt, beweist am besten die Tatsache, wie das heutige Spanien praktisch seine Reue bekennt. Jüdischen Flüchtlingen ans Deutschland wird die wärmste Aufnahme zuteil. Lehrstätteh, die einst ihre jüdischen Professoren vertrieben, rufen jetzt dio von ähnlichem Schicksal betroffenen Gelehrten zu sich. An die Madrider Universität wird der jüdische Gelehrte Einstein berufen. Denn wohl hat die spanische Inquisition den Juden namenlose Qualen zugefügt. Die Wunden waren tief und schienen unheilbar. Aber sie sind im Laufe der Jahrhunderte vernarbt. Spanien aber, das schöne, stolze Spanien, kränkelt noch heute an den Wunden, die die Inquisition und die Judenvertreibung seinem Organismus geschlagen hat. Und so hoben die spanischen Zeitungen aus Anlaß der Berufung Einsteins die großen kulturellen und wirtschaftlichen Werte hervor, die die spanischen Juden für das Land geschaffen haben und die durch ihre Vertreibung jenen Ländern zugute kamen, die die Vertriebenen gastfreundlich aufnahmen. Spanien verlor durch seine Vertreibung der Juden große Köpfe, fähige Menschen, große bedeutende Unternehmer und Gelehrte, insbesondere aber Koryphäen der Medizin und jüdische Staatsmänner. Jetzt will Spanien das historische Unrecht wieder gutmachen, und es ist recht lehrreich, wie heute die maßgebenden Kreise in Spanien offen zugeben, daß die seiuerzeitige Judenaustreib.ung Spanien zuviel gekostet habe. „Nicht jene Nationen sind groß, die alle Elemente anderer Art ausschließen, sondern jene Nationen sind groß, die fähig sind, andere Elemente in sich aufzunehmen und mit ihnen eine Einheit zu bilden. Diejenige Kultur ist die größte, die fähig ist, verschiedenartige nationale Elemente zu einer Einheit zusammenzuschließen,“ Diese Worte sprach auf seiner vorjährigen Reise durch Spanisch-Marokko der erste Kultus- und Unterrioktsüninister der jungen spanischen Republik, Don Fernando de los Rios, an die sephardischen Juden von Tetua. Ein Fernando (der Katholische) war es, der die Juden von 450 Jahren vertrieb, ein Fernando ist es, der sie wieder nach Spanien zurückführen will. Er ist derselbe Fernando, der als Justizminister im Cortes offiziell mitteilte, daß die Regierung das Judenaustreibungsgesotz vom Jahre 1492 für ungültig erklärt hat und den spanischen Juden die Bruderhand reichte. Wie er selbst über diesen einzigartigen historischen Augenblick erzählte, fühlte Don Fernando, da ihm nach seiner Erklärung der Enthusiasmus der Deputierten und des Volkes entgegenströante, daß Spaniens Schmach beendet sei... Spanien hat einst seinen Juden eine grausame und fürchterliche Unbill zugefügt. Die Geschichte hat über dieses Spanien der Torquemada längst ihr vernichtendes Urteil gesprochen. Jetzt zielt die junge spanische Republik darauf ab, dio Fehler und Ungerechtigkeiten der Vergangenheit wieder gutzumachen, indem sie den Verbannten von 1492 wieder Spaniens Pforten öffnet. Jetzt wollen die Spanier den Begriff spanisches Judentum zu einer Realität machen, ist es ihr Wunsch, der jungen spanischen Republik, daß sich, wie im 13. Jahrhundert, Araber, Juden und Spanier wieder zu einer Kultur von hoher Blüte vereinigen mögen,*.

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