Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 340 (30.3.1934)
- Date
- 1934-03-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife lf> DFE STIMM! Nr. 840. — 30. März 1934 des Lebens überzogen. Vom azuren erschüfe rn-den Hintergründe hebt sich ungemein klar und plastisch ihr festlich lächelndes Angesicht. Und durch die frülilingshellon Straßen drangt sich Kopf an Kopf ein ge waifige- MetHchengowogp in ungemein bun ten, festlichen Gewändern und brandet allmählich hinein in die engen, schattigen Steinlnbyrinthe der Altstadt, — den zahl reichen Bethäusern und Andachtestüttcn entgegen. Da schreiten im schimmernden dunklen Seidenkaftan — ein Anachronismus im lenzhaften Leuchten und Flimmern der östlichen Landschaft — feiche Chassidim, da schreiten in der unnachahmlichen Grandezza des Orientalen, bucharische Juden in ihren ungemein farbenprächtigen, schimmernden und mitunter sogar sehr kostbaren alten Brokatgewändern, deren helle, buntbe wegto Eigenart diesem ganzen drängende Oewoge eine besonders lebendige Note aufdrfiokt; da drängen und stoßen sich auf engstem Raume Juden aller'nur erdenk liehen Herkunftsländer des Orients und des Okzidentes, eine verwirrende, slnnberau sehende Fülle von Typen und Erscheintin gen, von Formen und Farben. Und aus den bunten Blütenbeeten von Fez und Turban in allen möglichen Farben rankt das in diesem Milieu ungemein grotesk wirkende Spiel spiegelglatter Zylinderhüte von vormärziiehen Dimensionen (ein formgewordenes Stück Sinnlosigkeit des Ga-luth) in die lenzhafte Bläue. Freudige Erwartung und festlicher Glanz spiegelt sich auf den Gesichtern, aus denen alles Welke, Müde und Hoffnungslose wie durch einen seltsamen Zauber hinweggeschwunden ist. Als habe diese Orgie von fließendem Sonnenlicht und lenzhaftem Blühen ringsum, all diese Gesichter neu aufblühen lassen im wundersamen Mysteriumsspiele des Frühlings und der Festesfreude. Immer dichter wird dieses Gewoge, je weiter es in das enge, wirre Adernwerk der Altstadt vordringt. — Hier und dort staut sich der lebendige Blutstrom und kann nur allmählich wieder we.iterfließen, seinen verschiedenen Zielen entgegen. Dichtes Gedränge im geräumigen Kuppelbau der großen Synagoge, dichtes Gedränge auch in all den anderen zahlreichen Bethäusern — und immer noch pießt sich ein nicht enden wollender Strom von Gläubigen der „Kotei Maarawi“ — der Klagemauer entgegen. Und in dieser engen Sackgasse dort an der Mauer, deren gewaltige, von ungezählten Küssen ungezählter Generationen stellenweise ganz blankpolierte Zyklopenquadern im bunten Spiele der jungen Frühlingssonne träumend daliegen, staut sich der wogende Menschenstrom. Eng aneinandergepreßfc, Kopf an Kopf — eine ungemein reichhaltige Musterkarte des Weltjudentums — folgen sie voll Andacht und tiefer innerer Ergriffenheit denn Gottesdienste, der dort vorne, an der Mauer, gerade von Sefardim gehalten wird. Seltsamer, ergreifender und erschütternder Anblick zugleich: da liegt ringsum eine Welt im beglückenden Spiele frühlingsjunger Sonne, da wächst ringsum aus längst totgeschendcs Leben, da formt sich ringsum eine glaubter uralter Heimatscholle neues, rauneue, lebendige Kultur — aber die auf das Abstrakte, auf die Unendlichkeit und das stündliche Erkennen Gottes in der Welt eingestellte Volksseele steht weinend und trauernd an kalten, zeitvermorschten Quadern, weil sie die letzte lebende und starke Erinnerung sein sollen an jenes andere Jeruscholajim — das heute nur^ noch in ihren Träumen und frommen Gebeten lebt... Und wenn du dann wieder zurttckflutest mit der festlich gestimmten Menge und du kommst hinauf auf die obere Jaffastraße, dort, wo sich wieder ein jüdisches Haus an da3 andere reiht und wohin die umliegenden neuen jüdischen Vorstädte münden — da empfindest du plötzlich das neue Pessachfest. Kopf an Kopf wogt auch hier eine festlich gekleidete, fröhlich schwatzende und singende Menschenmenge die breite Straße auf und ab. Aber hier dominiert ein anderer Typus: Die Jungen! Scharfgeprägte, glatte Gesichter, in sehr einfacher, sehr sauberer und zweckmäßiger Kleidung, di»* sich jedenfalls irgendwie mit den bescheidensten Mitteln einen festlichen Anstrich zu geben versuchen, wenn durch nichts anderes, so wenigstens durch Fleckenlosigkeit und blühende Reinlichkeit. Junge Arbeiter, flmluzim, aber aucli junge Handwerker, Kau Heute, Mädchen, Frauen und Kinder. Ganze Gruppen singen frohe hebräische Lieder, freudige Entspanntheit D rei aus Safed VON DAVID ROTHBLUM Es war einmal oin Manu, der sich in der heiligen Stadt Sa/e»d zur Zeit des Kabbalisten Ari niedergelassen hat. Er kam ans Persien, wo ein Vesir namens Rascha-me- Rusoha vom Stamme jener Hainau«, welche hassen, wenn sie herrschen, ihm nach dem Loben getrachtet hatte. Nicht etwa, weil er ein Bö«ewicht war und sich gegen Staat oder Mitmenschen verging. 0 neinl Der Mann war ein Gottesfürchtiger und seines Zeichens Kessel flickor. Er tat keinem Lebewesen ein Leid an, aber or war ein Jude und daher gleich seinen Brüdern rechtlos und gehetzt und schon kraft seiner Geburt der Willkür der persischen Umgebung preisgegeben. Auf der Flucht hatte er manch Abenteuer z-ti bestehen mit Mensch und Tier. Auch die Unbilden der Regenzeit setzten ihm hart zu und ließen sein Eheweib mählich erschlaffen. In der Nähe von Tiberias versiegte der letzte Rest der körperlichen Kräfte seiner treuen Begleiterin. E-r konnte eie nicht mehr nach Safed, dem Ziele seiner Sehnsucht,’ bringen und begrub sic am Gestade des Kinoreth, dort., wo Gottes See zur Harfe sich buchtet. Als die letzte Scholle auf das Grab rollte, dachte er an den Erzvater, dem ein ähnliches Schicksal widerfuhr und sagte leise: „Und or begrub sie in Bethlehem, weil es noch ein Stück Weges gab nach Euphrath.“ So kam er, Gott im Herzen, nach Safed. damals },Stadt und Mutter in Israel" genannt. Das galiläieche Oberland erstrahlte in der Tat zu jener Zeit in Weisheit und Gottesfurcht seiner Gelehrten, vor deren Augen jeder Nebel zerfloß, der um die letzten Dinge liegt. In die tiefsten, ungeahntesten Geheimnisse aller Welten drangen sie ein, die Männer von Safed, schlugen sich durch alle Hindernisse bis zu Gottes Thron vor, lösten die Rätsel aller Zeichen am Himmel und rangen die Einzelheiten der Verheißung jenen Mächten ab, die sie kannten. Schon in der ersten Nacht unter Safedshellgestirntem Himmel kam über ihn ein sonderbarer Traum. Ein gütiger Mann mit wallendem Silberbart reichte ihm die Hand mit hellklingendem Schalom. Und als er den Gruß erwidern wollte, sagte der Greis: „Nicht mir, sondern dem Ari!“ Am nächsten Tage wurde er vom heiligen und hellsehenden Rabbi Jizchak Luria wie ein erwarteter Gast empfangen. Dem Wissenden stimmten mit dem Besuche Geschehnisse und Zahlen überein, die er in einsamen Nächten am Ufer das Nils ergründete und die er seinem Freunde Vital preisgab, sein Leben nur noch zwei Jahre wahren werde. Nur noch zehn Monato waren vor ihm. Die Ankunft des Kesselflickers aus Berufen war für den Heiligen lebendige Deutung eines vor Jahren geschauten Symbols. Auf Geheiß des Rabbi ehelichte der Ankömmling ein gottergebenes Mädchen aus der Familie Vitals. Sie war schön wie Mutter Rahel und rein wie der Tau am Hormon. Acht Tage nach dem Tode Lurias brachte sie einen Drilling zur Welt. Drei gesunde Knaben, rosenhäutig und großäugig, ein Wunder, anzusehen. Am Vortage ihrer Namensgebung entfernte sich der Kesselflicker vom Hause und kehrte enst zurück, als die .Stuben voll der Gäste waren, die der Zeremonie beiwohnen wollten. Und als der Mann, dem die Aufgabe zufiel, die Knaben in den Bund Abrahams einzuführen, nach deren künftigen Namen fragte, sagte der Kesselflicker laut: „Der ei.ne soll der Gerechte, der andere der Fromme und der dritte der Weise schling zugodachten Anteil am Werke der Erlösung. Der Gerechte stand dem Menschen, der Fromme dem Schöpfer und der Wciec der Erkenntnis so nahe wie keiner. Die Mutter, deren gesegneter Schoß sie gebar, wachte über die Gesundheit ihrer Kinder mit überirdischer Sorgfalt, und Sased blickte auf sie wie auf ein dreifaches Wunder. Die Brüder zueinander verhielten sich in Liebe und Eintracht., Sie sprachen nie über das große Geheimnis, mit dem Safed« Kabbalisten sie in ahnungsvollen Andeutungen umgaben, wiewohl manches von der Umgebung zu ihnen gedrungen ist. Und manche« lasen sie in den Sternen und in den Augen der Mutter. Als die drei achtzehn Jahre alt wurden, lag Safed in hohem Fieber. Am Himmel erschienen in den Nächten Zeichen und Wunder, Flammen blitzten in fernen Horizonten auf, Stornechuppcn fielen aus Höhen der Wolken hervor. Safeds Kabbalisten zogen sich in die Einsamkeit, der aliHlischen Berge zurück, dachten nicht heißen. So befiehlt Gottes Knecht, Rabbi j an Speise und Trank und vertieften sich Jizchak, Luria. Denn die Erlösung Israels \ in die Errechnung letzter Tage. Eine ist nahe und sie kann nur durch Gerechtig-1 drückende Schwüle lag auf allen Herzen, keil, Frömmigkeit und Erkenntnis erfolgen, die erwartungsvoll und gespannt der Er- Dann wird König David von seinem Lager j lösung cntgegenschlugen, die täglich, ja sich erheben und das Werk der Erlösung stündlich orwartet wurde. Alles betete, vollbringen.“ Die Gemeinde schwieg still. Ein heller Sonnenstrahl fiel auf die drei kleinen Gesichter, die nebeneinander in den I’olstern lagen. Ein alter Kabbalist sprach leise: ..So stellte geschrieben: Zion wird durch Gerechtigkeit erlöst werden.“ Ein zweiter Kabbalist, sagte: „lind es steht geschrieben: Fürchte Gott, denn das ist alles.“ Ein dritter Kabbalist fügte hinzu: ..Und es steht, geschrieben: Am Ende der Tage wird die Erde der Lehre Gottes voll sein, wie das Meer des Wassers voll ist.“ - Und gleicheswarddem Gerechten, dem Frommen und dem Weisen zuteil. Dann wanderten sie durch viele Hände in die Arme ihrer Mutter. Dann stimmte R. Chajiin Vital ein Lied an, das er von Luria übernommen hatte, und die Versammelten fielen ein. Es war eine Ekstase, die zum Himmel reichte. Und sie drang bis zum Lager des Königs David, der im Schlummer dor weckenden Hand harrte, die ihn an da« Werk der Erlösung zu gemahnen hat. Die drei Knaben wuchsen heran, wurden groß an Seele und Leib jeder nach auf daß die Vernachdem ihm offenbart worden war, daß seiner Art und dem ihm von der Vorliegt auf allen Gesichtern, man lacht und scherzt und führt mitunter auch ernsthafte Gespräche. Und plötzlich beginnt eine Gruppe junger Menschen mitten auf der Straße sich im Kreise zu fassen, ein in seinen Rhythmen immer steigender, ekstatischer Horratanz beginnt, und bald steht rings um die tanzende und singende Gruppe ein Kreis anderer, die mit den Händen den Takt dazu schlagen, mitsingen und die Tanzenden zu immer steigender Ekstase, zu immer wilderen Rhythmen anfeuern. Stundenlang wogt dieses frohe Menschengetriebe bis tief hinein in die wundervolle, duftgoschwängorte palästinensische Frühlingsnacht. Und es kann dir sehr leicht passieren, wenn du in dieser Gegend dein Nachtquartier hast, daß du diese ganze Nacht kein Auge schließen kannst, da sich Lied an Lied, Horra an Horra reiht, immer lauter, immer wilder, immer ekstatischer, je weiter die Zeit vorwärtsschreitet, bis tief in den erdämmernden Morgen hinein. Und du beginnst zu begreifen, daß es der lebendige, heiße, Jahrhunderte lang gestaute und nun mit elementarer Kraft hervorbrechendc Strom der Lebensfreude ist, der hier seine orgienhafte, wilde und doch so beglückende Auferstehung feiert. Wundersames Zeichen einer wachsenden, allmählich natürlichen Bahnen zuströmenden seelischen Gesundung. So feiern sie hier alle: Strengroliglöso und auch die, die es nicht sind. Und sio feiern, jeder in seiner Art. Aber d a s fühlst daß sich keiner von ihnen dem Zauber des Festtages entziehen kann, weil er für sie alle einen ganz anderen tiefen, lebendigen Sinn hat. Daß alle Seelen mitschwingen im bunten und rauschenden Rhythmus dieser festlichen Stunden und sich erlösen wollen aus dem dunklen Druck des Alltags in die holle Welt zwcckentbundoner, reiner Freude... Und der Zauber dieses einen Sederabends hier, wo der Sinn all dieser seltsamen Bräuche und Zeremonien so gar nicht seltsam, sondern so natürlich und organisch erscheint, wo all die einfachen Goschichten und Erzählungen der Haggadah mit der Landschaft und mit den Menschen so tief und innig verwachsen anmuton und man den ganzen Reiz ihrer natürlichen Herbheit und Frische tief in der Seele verspürt — der Zauber dieses einen Sederabends, der dann mit einem phantastischen Spaziergang durch die unwahrscheinliche Märchenpracht einer palästinensischen Mondnacht ondet — läßt sich in Worton nur schwer wiedergeben. Das will erlebt sein in der ganzen Intensität der sich wieder nach Osten wendenden, zu den Quellen hinabsteigenden, heimkehrenden jüdischen Seele ... Und das ist doch das große Glück, das die junge Scholle ihren heimgekehrten Söhnen geschenkt hat als Zeichen ihrer wachsenden seelischen und physischen Gesundung: Daß sie es wieder golernt haben, mit derselben ekstatischen Hingabe und Inbrunst zu feiern, mit welcher sio in diesem Tastete, ka-steite sich, heißung sich erfülle. Die Erwartung stieg, als die historischen Befreiungstage des Pessachfestes sich näherten. Da sagte sich das Weib de« Kesselschmiedes: „Jetzt hat die Stunde meiner Kinder geschlagen.“ Auf Geheiß der Mutter zogen die drei Jünglinge m den nahegelegenen Wald, um nicht beim Reinigen des Hauses für die Feiertage hinderlich zu sein. Sie suchten eine Schlucht auf, um sich vor der Sonne zu schützen, und vertieften sich in die Geheimlehren der Kabbala, wo sie über die Erlösung handelt. Als die Sonne unterging, schliefen siö ermüdet ein. Und der alte Mann, der ihrem Vater einst im Traume erschienen war, trat nun auch in ihren Schlaf. Er sprach ju jedem einzelnen die gleichon Worte: „Die Stunde der Erlösung hat geschlagen. König David harret deiner weckenden Hand. Ziehe mit deinen Brüdern an das Gestade des Jordans dorthin, wo sein Lauf vollendet ist. Säume nicht, denn bald ertönt der letzte Glockenschlagl“ Der alte Mann sprach’s und verschwand. Die Brüder fuhren gleichzeitig aus dem Schlafe empor. Es war finstere, stockfinstere Nacht. Kein Stern am Himmel, kein Atem in der Luft. Der Gerechte glaubte es allein schaffen zu können. Er tastete sich aus der Schlucht und begab sich auf den Weg. Auch der Fromme dachte so und tat dasselbe. Nur der Weise rief seine Brüder in der Dunkelheit an. Er wollte das Werk gemeinsam mit den Brüdern vollbringen. Es war aber zu spät, sie waren bereits fort. Und am Ufer des Jordan, dort, wo or seinen Lauf vollbracht hat, trafen sich die beiden Brüder, die auf verschiedenen Wegen hinkamen. Von der Ferne sahen sio ein Feuergespann, dessen Rosse eiu Mann mühevoll anhielt. Die sich dem Wagen Nähernden traf dor fragende Blick des Mannes: Wo ist euor dritter Bruder? Die beiden schwiegen. Da konnte der Mann die Rosse nicht mehr halten. Sio sprangen in den Jordan, dessen Wellen kochond aufzischten. Dann stiegen Rosse und Wagon und der Mann mit ihnen in einer Feuorsäule aufwärts, in den Himmel. Eliahu, der Vorbote des. Messias, war verschwunden. Die zwölfte Stundo für die Erlösung war vorbei. König David liegt im tiefen Schlaf auf seinem Lager und harret noch immer der weckenden Iland. Diese aber wird -«ich erst regen im goeignlgten Willen aller Kinder einer einzigen Mutter. Bis diese du'hier überall, bei den Orthodoxen und den | Lande jungen Bioniertums ansonsten häm-1 Hand sieh erhobt, kann König David von Fortschrittlern, bei Chassidim und Chaluzim:! mern und a r b o i ton,1 der Erlösung nur träumen.