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Die Stimme · 1934-03-30 · Heft 340 (30.3.1934) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 340 (30.3.1934)
Date
1934-03-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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PESSACH-BEILAGE 5694 Oberrabbiner Dr. David Feuditwang: Seitdem es Menschen auf Gotte* Erde gibt, hat man den Frühling jubelnd begrüßt. Anbetend warf sich der Mensch v«r der Sonne nieder und flehte auf den Knien um ihre Gnade, um Segen und Fruchtbarkeit. Das mächtige Gestirn flößte ihm Furcht ein. Feierte die Natur ihre Auferstehung aus Winterstarre, dann wurde der gefesselte Gott aus der Finsternis der Unterwelt befreit und stieg zum Licht empor. Die Mächte der Finsternis und des Lichtes rangen und kämpften in furchtbarem Waffen- Lebens, junger Fruchtbarkeit. Diese Nacht des vierzehnten Nisan ward zur Nacht des Erwachens zu neuem, krafterfülltem Leben, zu volksbewußtem Geistesleben, zu gottbewußter sittlicher Erkenntnis. Friedlich einten Führer und Meister geschichtliches Erlebnis mit altersgrauen Bräuchen und Sitten. Die Wunder großer Erlebnisse senkten sich tief in Herz und Seele; in feierlichen Symbolen kamen sie zum Ausdruck. Hatte ehedem der Frühlingskult die Sippen zum Opferschmaus gerufen, so samgang um Herrschaft und Sieg. Der Gestirne j melten sie sich jetzt heilig und geweiht zum Stand und Lauf waren nicht Ereignisse, Pessachmahl; denn Pessach ward das „Fest der Überschreitung", der Rettung unserer Häuser vor Untergang und Verderben. Mit dem alten Gebrauch der Darbringung geweihter Kuchen wurde gebrochen und zur Erinnerung an die in hastiger Eile aufgeraffte Zehrung für den Wüstenweg wurden die M a z z a h, die ungesäuerten Brote bereitet und genossen, und dies für alle Zeit als Gesetz und Pflicht für Israel und Juda sondern Erlebnisse; Götter waren es, die ihre Bahnen durchliefen mit Zweck und Ziel. Sonne, Mond und Sterne beherrschten das wohlgeordnete Himmelreich und das Geschehen auf Erden war getreues Abbild der Werke der Himmel. Werden und Treiben, Geburt und Tod bei Mensch und Tier, Schlafen und Wachen, Arbeit und Ruhe, Freude und Trauer, alles war nach der Gestirne Lauf geordnet und geregelt. In den Ländern des Ostens, zumal mit seinen leuchtenden Sternen in klaren Nächten, sengender Sonne, glühender Tage, stand der Mensch ehrfürchtig und demütig, voll Zagen und Zittern oder auch mit Jubel und Jauchzen, Gebet und Opfergabe vor der Gewalt des Himmels und seiner Göttersoharen. Nicht anders das Urvolk unseres Stammes; auch unsere Ahnen standen unter dem Banne der Natur und ihrer Gewalten; auch sie feierten mit den Völkern des Ostens die Feste der Jahreszeiten, deren Gebieter und Regler Sonne, Mond und Sterne sind. Doch schon Abraham, der große Ahn in uralter Vorzeit, wuchs hinaus über die Anbetunj der Naturgewalten und erkannte über ihnen den Schöpfer, den einzigen, den großen, unsichtbaren Gott, die Allgewalt, welche den Kosmos leitet, Himmels- und Erdenge schehen nach Gesetzen lenkt: Mensohenschicksal, Völkerleben, belebte und un- . belebte Wesen in den Rahmen der Ewigkeit faßt. So trat unser Volk mit hoher Erkenntnis gerüstet in die Geschichte ein. Die „Weisheit dos Ostens" war ihm voll zu eigen; doch aller rohe, allzu menschliche Kult der großen, gewaltigen Götter war versittlicht und veredelt. Seit Urzeit feierten die Ahnen im Monat Nisan das Fest der Friihjahrswende; die Vollmondnacht des vierzehnten Tages war „Nacht der Wache" bei ihnen, wie bei ihren alten Nachbarn im Zweistromland, die mit dom Nisan ihr Jahr begannen. Opferblut mußte fließen, um den Gott zu versöhnen, damit er aus Kerkernacht zur lichten Freiheit steige. Denn es war eine Nacht der Gefahr. Und wenn sie überwunden war, wurden Dankgebeto gesungen, der morgende Tag mit schallendem Jubel begrüßt. Wie ein Jüngling an Schönheit, so erschien der Frühling, ein junger, aus Tod erstandener Gott. All dies wandelte sich bei unserem Volk im Laufe der geschichtlichen Zeit. Mizrajims Sklavenkerkor war durch der gütigen Vorsehung Liebe und Moscheh’s Zauborstab geöffnet. Im Frühjahr war’s, im Monat Abib, da die Ähren reifen und sich die Fluren schmücken. Das uralte Hoidonfost des Frühlings, mit seinen sinnfälligen, kunstvollen Symbolen, war noch nicht vergessen. Aber Moscheh sprach zum Volk: „Dieser Monat sei euch dor Anfang kommender Monde." Erneuerung, Nougoburt steht euch bovor. Umwandlung der Ursitto und des heidnischen Volksbrauches im Diensto des einzigen Gottes. Dio mächtige Hand der Geschichte legte sich breit und stark auf die Schultern Israels. Mizrajim, das sein Kerker gewordeu, dio Stelle seines Sonnenunterganges, seiner Mondesfinsternis, Sprengung der Sklavenfessel, Eintritt in Licht und Freiheit, sein Sonnenaufgang; sein klares Mondleuchten auch in langen Nächten} ^Quellen neuen. eingeprägt. Unvergeßlich für alle Tage aller Zeiten blieben die Taten und Zeichen jetn-*- Erlösung aus Mizrajims joch. Sie wurden erzählt von Geschlecht 7u Geschlecht, und in das Gewebe der Erzählung wurden allgemach immer neue Wunderwerke eingeflochten. Schon die Thorah macht es zur Pflicht, Kindern und Kindeskindein zu erzählen, was Gott an uns Großes getan, „als wir auszogen aus Mizrajim". Hatte man bisher nach Schöpfungsjahren gezählt, nun war eine neue Epoche gegeben. Und irt unwandelbarer Treue war die Erinnerung an die große Zeit bewahrt geblieben. Was die Thorah, dieses Grundbuch unseres Volkslebens, über die Befreiung aus Mizrajim erzählt und was im Anschluß an das Thorawort uralte Tradition, niedergelegt in klassischem Schrifttum, in Talmud und Midrasch, meldet, wurde gesammelt. Ergänzt durch Psalmen, Gebete, Gesänge, durchflochten von der Reihe der schönsten, sinnigsten Bräuche, ist daraus unsere Pessaeh-Haggadah geworden, die wir an den Seder- Abenden, diesen poesieerfüllten, geschichtedurchwehten, wahrhaft geweihten Festen andachtsvoll lesen. Heil der jüdischen Familie, in der dieses Denkmal jüdischer Geschichte ein lebendiges Zeichen unserer Treue Volk und Religion gegenüber geblieben ist. An diesen Abenden bekunden wir unsere nationalreligiöse Kraft und Dauer in aller Zeiten Schicksal und Wandel. Da erzählt uns die „M a z z a h“, rlas „Brot der Armut“, von Druck und Elend und ruft mit mahnender Stimme das geschichtliche, soziale Gewissen auf; Maror, das bittere Kraut, läßt die Bilder aller Qualen und Martyrien an unserem geistigen Auge vorüberziehen, welche unser Volk seit tausenden Jahren erleidet, ohne seinen Mut, seinen Stolz, sein Selbstbewußtsein zu verlieren. Und die Becher des Heils erheben wir in der starken Überzeugung und hoffniungsfrohen Zuversicht, daß wir die Träger und Künder messianischer Erlösungsgedanken sind und bleiben, die ihrer Erfüllung harren. Nun sind sie euch Symbole des wiedererwachten herrlichen Lebens im Lande der Väter. So ist uns Pessach ein national religiöses Gut geblieben, das wir in treuer Hut bewahren müssen. Und zu Hütern bestellen wir unsere Söhne und Töchter; sie sind die Schamrim dieser heiligen Gefilde. Ohne sie ist die Kette zerrissen, welche durch Jahrtausende Glied an Glied gereiht hat. Nur mit ihnen können wir die Zeiten überwinden und hoffnungsfreudig das Fest begehen; die Erzählung der Haggadah mit dem herzlichen, aufrichtigen Wunsche schließen: „Im kommenden Jahr in Jerusalem." OSKAR NEUMANN, PRESSBURG: Pessachtage in Jerusalem ♦ Vom Autor erschien vor einigen Monaten im Verlage „Nekudah“ ein interessantes, farbenprächtiges Palästinareisebuoh mit dem Titel „Fahrt nach Osten“, auf welches wir im Rahmen unseres Blattes noch ausführlich zurückkonumen. — Die vorliegende interessante und charakteristische Schilderung, welche uns der Autor über unser Ersuchen aus dem Manuskript freundliehst zur Verfügung gestellt hat, ist in dem Buche nicht enthalten. Jüdische Festtage mit all ihrem zarten, ein wenig melancholischen Zauber, ihrer herben, reifen Schwere, aber auch in ihrer ganzen inneren Wahrhaftigkeit und sinnvollen Tiefe, kann man wohl nur auf dieser palästinensischen Scholle, vor allem aber auf diesem einzigartigen Boden Jeruscholajims erfassen und erleben. Denn diese Erde erst ist es, die durch die magische Kraft natürlicher, geschichtlicher Verbundenheit, den geheimnisvollen Zauber von historischem Milieu und heroischer Landschaft und die seltsam vibrierende Kraft ihrer lebendigen Auswirkung, diesen Festtagen das wahre Angesicht, aber auch die tiefe Weihe und wundersame Gelöstheit gibt. Hier erst, wo jedes dieser Feste sinnvoll mit den Jahreszeiten, dem Klima, der Flora und den Lebensgewohnheiten, also mit der Wirklichkeit des Landes und des Lebens seit Urzeittagen her verbunden ist und nur aus ihrem Zusammenwirken allein richtig verständlich wird, wo man auf Schritt und Tritt noch Landschaften und Menschen begegnet, wie sie wohl unverändert in biblischen Zeiten schon vorhanden waren — hier erst streifen all die Fest- und F1 eiertage das etwas steife, pathetische, fremd anmutende Galuthkleid ab und offenbaren ihre natürlichen, unmittel baren Zauber und Reize. — Und so lernt man es eigentlich auch auf dieser Scholle erst richtig verstehen, daß alle diese Feste nicht nur religiöse, sondern gleichzeitig auch nationale Feste waren, innig verknüpft mit Ansicht ms Jerusalem dem Lande und seinen Menschen. Und daß die grandiose Einzigartigkeit in der Struktur dieses jüdischen Volkes in jener großen Synthese von nationalem und religiösem Leben lag, wie es das antike Judentum in so klassischer Weise verwirklichte — während später diese schöpferische Synthese durch ein ebenso unsinniges wie unnatürliches, zwiespältiges Galuthleben immer mehr vernichtet, und damit auch der tiefe, lebendige Sinn dieser jüdischen Feiertage seiner natürlichen Grundelemente beraubt wurde. Alle diese Erkenntnisse gewinnen immer klarere, plastische Formen, wenn du an einem solchen palästinensischen Festtage dich vom brausenden, bunten Gewoge einer ekstatischen Festesfreude ziellos dahintragen läßt und nur der inneren Melodie dieser eigenartigen, wundersamen, die Seele so tief ergreifenden Stunden nachspürst... Pessach in Jeruscholajim! Das heißt nicht nur Frühling in Erez-Israel mit all seinen Blüten und Düften und bezaubernden Reizen! Das heißt nicht nur Zusammenströmen tausender Juden aus dem ganzen Lande, an seinem bebenden Herzschlag, und sehnend — erwartungsvolles Entgegenharren jenen festlichen Stunden, die nirgendwo in der Welt eine solche Realität haben wie auf dem heiligen Boden dieser Stadt (weil sie schon tausende Jahre zuvor hier ebenso zusammongeströmt waren aus allen Teilen des Landes: Könige und Priester, Bauern und Hirten, Arme und Reiche). — Pessach in Jeruscholajim: Das heißt nicht nur Zusammenströmen so vieler Juden aus allen Teilen der Welt, getrieben von der atavistischen Sehnsucht, wenigstens einmal im Leben den Sederabend am Tisch der Mutter gefeiert zu haben. — Es heißt noch etwas mehr! Denn heute hat Jeruscholajim ihr schönstes, buntestes Fosteskleid angelegt und besonders sorgfältig Toilette gemacht, um sich all den tausend Bewunderern in ihrer ganzen eifen und leuchtenden Schönheit zu zeigen und dio Hoffnung auf ihr ewiges Jungsein in all diesen erwartungsvollen Herzen lächelnd aufzuküsson. Ein leichter, von der Ebene beraufwehendor Wind hat eine Fülle süßer Parfüms über sie hingegossen; eine gleißende junge Sonne hat mit goldenem Strahlenstifte alle Runzeln und Falten wegretuschierfc und mit den leuchtenden Farbon

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