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Die Stimme · 1934-03-27 · Heft 339 (27.3.1934) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 339 (27.3.1934)
Date
1934-03-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Wt. m. - 27. März 1384 DIE STIMME Befte« Aus dem Dritten Reich Die Pessach-Festnummer der „Stimme" bringt folgende Beiträge: „Frühlfngsweben", von Oberrabbiner Dr. Dawid Feudifwang „Der Tag der Preiheit", von * * * „Aus der Eessadi-Haggada des Dubner Maggid", von Dr. Josef Babad, Klagenfurl „Karl Emil Franzos", von Chaim Bloch „Besuch bei Beilis", von Dr. Aby Goldman, London „Das Wunderkind von Jerusalem", von Ego, Jerusalem „Humor bei Schalom Alejdiem", von Dr. Amalie Kantor „Aus dem Lande der zehn Plagen", von H. Lang, New-York „Franz Werfel, 40 Tage des Musa Dagh", von Dr. Henriette Liechfensfein-Rappaport „Feierstunde", Gedicht von David Neumann, Tel-Awiw „Pessadifage in Jerusalem", von Oskar Neumann, Prefsburg „Haus Jacob Herzl", von Dr. T. Nussenblalt „Elijahu Hanabi", von Dr. Samuel Rappaporf „Der Dachboden", von Abraham Reisen, New-York „Juden in Spanien - Gestern und Heute", von Dr. Jakob Rosenfhat „Drei aus Safeth", von Dr. Dawid Rothblum „Boden, Boden, Boden", von Dr. Ignatz Schwarzbath, Krakau „Alfred Döblin: Jüdische Erneuerung", von Dr. Wilhelm Stein Beilagen: Jüdischer Sport, Illustrationen und Bilderreproduktionen 'iiiiiiHiiiiimi Entführung und Erpressung In Berlin wurden kürzlich sieben S. A.- Leute von einem Sondergericht wegen Entführung eines jüdischen Fabriksdirektors zu Kerkerstrafen vondrei bissechs Jahren verurteilt. Mehr durfte die deutsche Presse über diesen Fall nicht bringen. Pas Reuter-Burea u ist nun in der Lage, die folgenden Einzelheiten aus der Vorgeschichte des Berliner Prozesses zu bringen: Der Fabriksdirektor und Chemiker Otto Schlesinger fuhr vor einigen Wochen in seinem Auto nach seiner Wohnung in der Umgebung von Chemnitz. Plötzlich fuhr seinem Wagen ein anderes Auto vor, dessen Insassen Schlesinger zum Halten veranlaßton. Aus dem Auto stiegen sieben S. A.- Männer in voller Uniform, legten ihre Revolver auf Schlesinger an und zwangen ihn, in ihren Wagen zu steigen. Es ging dann in rasendem Tempo nach Berlin, wo Schlesinger in eine SA- Kaserne gebracht wurde. Dio Banditen verlangten von ihm die A usf o 1 gu ng von mehreren tausend Mark. Unter Androhung schwerer Mißhandlungen wurde Schlesinger gezwungen, einen Geschäftsfreund anzurufen und ihn zu bitten, daß er das Lösegcld auftreibe. Inzwischen alarmierte Frau Schlesinger alle Berliner Freunde Schlesingers, die das Polizeipräsidium von der Entführung und der versuchten Erpressung verständigten. Als zwei Tage später der „Mann mit dem Lösegeld“, wie vereinbart, vor der Untergrundbahnhaltestelle Am Zoo wartete, fuhren die S. A.-Leute mit Otto Schlesinger im Auto vor und nahmen das Kuvert mit dem „Lösegeld“ entgegen; das Kuvert enthielt aber nur Papierschnitzel. Die S. A.-Leute witterten Gefahr und fuhren schleunigst »mit Schlesinger davon. Ein Polizeiauto, das in der Nähe gewartet hatte, nahm die Verfolgung auf. Die S. A.-Leute gaben Schüsse auf die Schutzpolizei ab, die das Feuer erwiderte. Schließlich ergaben sich die Braunhemden und wurden verhaftet, so daß Schlesinger befreit war. . Charakteristisch ist es, daß Schlesinger, dessen Gesundheit infolge der erlittenen Aufregungen schwer erschüttert war, auf das dringende Anraten der Berliner und Chemnitzer Polizei sich in Schutzhaft hat nehmen lassen müssen. Der Fall Schlesinger, bei dom eine versuchte Erpressung mißlungen war, ist nur einer von vielen, dio einen viel traurigeren •4usgang hatten. Immerhin konnte ein Einschreiten der Schutzpolizei erreicht werden. In den ersten Monaten des Naziregimes in Deutschland kamen Fälle von Erpressungen an Juden seitens uniformierter und nichtnniforraierter Nazis, mit und ohne Entführungen, in Massen vor, wobei die Erpreßten wußten, daß eine Inanspruchnahme von Polizeihilfe nicht, nur lebensgefährlich, sondern auch meist nutzlos war, da die Schupo gemäß dem ersten Befehl öörings, daß S. A.-Männer von der Polizei nicht angerührt werden dürfen, in der Regel ein Einschreiten verweigerte. Auf die oben geschilderte Weise ist ein n i c h t u nbeträchtlicher Teil dos jüdischen V o 1 k s v c r m ö g c n s in Deutschland in Nazihände übergegangen. ★ Weitere amerikanische Waren• Häuser steilen Einkäufe in Deutsch• Iand ein New York, 21. März. Das Warenhaus F. W. Woolwovth gibt, bekannt, daß es die Einfuhr deutscher Waren infolge „beharrlichen Widerstandes“ der Kommmenton eingestellt hat. — Bernard F. G i m b e 1, Präsident des Warenhauses Gebrüder Glrnbel, gibt bekannt, daß seine Firma dio Einkäufe in Deutschland eingestellt hat, weil „faktisch keine Nachfrage nach deutschen Waren mehr besteht“. — Der Präsident der Firma R. H. M a c y & C o., Torcy S. Straus, Bruder vou Jesso Isidor Straus, Mitinhaber des Macy-Warenhauses und Botschafter der USA. in Paris, äußerte sich im Zusammenhang mit der Vorlegung des Einkaufsbüros der Firma von Berlin nach Prag u, a.: Bereits im April 1933 machte sicli ein Widerstand der Konsumenten gegen deutsche Waren merklich spürbar und zwang1 zu einer Einschränkung der Käufe in Deutschland. Schließlich wurde der Widerstand so groß, daß wir uns ganz aus Deutschland zurückziohen mußten. Die Firma Macy war lauge Zeit Gegenstand von Angriffen seitens des Präsidenten der Amerikanischen Liga zum Schutz der jüdischen Gleichberechtigung, Samuel U n t e r m y e r, der darauf hinwies, daß nichtjüdische Warenhäuser den Boykott intensiver durchführen als die jüdische Firma Macy. Der sozialistische Führer und Präsidentschaftskandidat Norman Thomas leitete eine Protestbewegung gegen Macy ein. Das Haus Macy wurde 1888 von Nathan Straus und seinem bei der „Titanic“-Katastrophe umgekommenen Bruder Isidor übernommen. Die jetzigen Inhaber Percy und Jesse Straus sind Söhne von Isidor Straus. Mit der Firma verbunden sind auch die Söhne von Nathan Straus: Nathan und Hugh Grant Straus. * Die deutsche Wirtschaftspolitik gegen die Juden Nürnberg, 21. März. In der Industrie- und Handelskammer Nürnberg erklärte der bayerische Staatsminister Esso r in einem vor Führern der mittelfränkischen Wirtschaft gehaltenen Vortrag über wirtechaftspolitischo Fragen unter anderem, das deutsche Wirtschaftsleben lasse sich nicht durch revolutionäre Maßnahmen neugestalten. Die Willkür sei der Anfang vom Ende. Zur Frage der Rückführung des jüdischen Kapitals in die deutsche Wirt- Kundmachung Die Wiener Molkerei bringt auch heuer Pessach-Koschermilch in allen ihren Filialen zum Verkauf. Die Pessach-Koschermilch wird in ihren Meiereien in Niederstergj reich unter strengritueller Aufsicht der von Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. M. Rosenmann bestellten religiös verläßlichen Organe DTI'WQ, •«fcugt. Jede Kanne und jede Flasche ist mit einer Plombe, respektive einer Schleife versehen mit dem Aufdruck hob bv kps sbrt Vom 30. März bis 7. April in allen Verkaufsstellen erhältlich . Wiener Molkerei ...... schuft äußerte Staateminister Esser, daß es feststehe, daß der Judo ans d c m p o 1 itisch e n Leben in Deutschland außgesohaltet sei, daß er keine öffentlich-rechtlichen Funktionen mehr uusiibc, daß aber der Jude, der bei uns k a u f cji w o 11 c, im Interesse der deutschen Wirtschaft daran nicht gehindert werden solle. * Reinigung der Warenhäuser von Juden Der „Überblick“, das Organ des Keiohsverbandes der Großlind Mittelbetriebe im Einzelhandel, gibt folgende anläßlich eines Vortrages vor der Zentrale der ITausfraucnvoreine Groß-Berlins getane Äußerung des Staatssekretärs Feder wieder: Nach der Reinigung des Warenhauses werde allerdings der Nationalsozialismus seine Hand halten müssen über die Organisationsforrn des Warenhauses, über die noch nicht das letzte Wort gesprochen sei. Dio Nachteile hätten sich daraus ergeben, daß der Jude sich zwischen Erzeuger und Verbraucher oiugeschlichen und so einen unnatürlichen Zustand geschaffen habe. * Offerte nichtarischer Fabrikanten abgelehnt Die Bczirksgruppe A s c li a f f e n b u r g der Adeln, Arbeitsgemeinschaft deutscher Fabrikanten der Bckleidimgismdiistric, hat beschlossen, ab 1. April 1934 keine Offerten von nichtarischen Vertretern oder Fabrikanten anzunehineai. Von dieser Maßnahme sind die bisherigen jüdischen Vertreter ausgenommen, die an der Front mindestens eine Kriegsverletzung erlitten haben. Eine derartige Kriegsverletzung ist beim Führer der Adefa, Bezirksgruppe Aschaffenburg durch Vorlage des M i 1 i t ä r p a s s e s nach* znweisen. * Liebknecht, Lenin, Molssi „Vertreter des jüdischen Rassetypus“ In einem Bericht des „Völkischen Beobachters“ über die in K a s s e 1 eröffnete Ausstellung „Die Frau im nationalsozialistischen Volksstaat“ wird die Bedeutung der Abteilung „Blut und Rasse“ auf dieser Ausstellung besonders hervorgehoben. Seine Eindrücke von dieser Abteilung schildert der Sonderberichterstatter des „Völkischen Beobachters“ unter anderem folgendermaßen: „Dann stehen wir vor Bildern der Rassenschänder und Rassezersetzer. Stehen wir vor den Photographien der Juden „Liebknecht“, „Moissi‘, „Rathenau“, „Lenin“ und „Trotzki“ und wie sie sonst noch alle heißen mögen, die entthronten Politiker, Künstler und Intellektuellen. Gedanken kommen. So etwas hat. nun Deutschland beherrscht?! Die Beschauer haben nur noch ein Kop lisch litt ein! Sie vor tief en sich nicht in diese Bilder. Jenen Typ lernten sie hassen und verachten.“ — Lenin ist ein „arischer“ Adeliger gewesen, Moissi ist „Arier“. ★ Auflösung einer Versammlung des Verbandes nationaldeutscher Juden Eine vom Verband national deutsch er Juden einberufene Versammlung in Leipzig ist polizeilich aufgelöst worden. Anlaß zu dieser Maßnahme boten folgende Vorgänge: Der Referent Dr. Max Naumann hatte unter anderem erklärt, die „sogenannte Reichs Vertretung der deutschen Juden maße sich in hochstaplerisohev Welse an, die Rechte der deutschen Juden zu vertreten. Diese Leute wagten es, sich den Behörden gegenüber als berufene Vertreter der gesamten Judenheit aufzuspielen.“ Als bei dieser Äußerung Zwischenrufe wie „unerhört“ fielen, wurde der bekannte Rabbiner Dr. Felix G ol d m a n n, der eine leise Be- \iorkung zu seinem Nachbar gemacht hatte, durch den Saalschutz aus der Versa m m 1 u n g g e w i e s e n. Als der Landesverbandssyndikus des C. V. Kurt S a b a t z k y hiegegen protestierte, wurde er ebenfalls durch den Saalschutz hinausgeführt. Gegen dieses Vorgehen des Saalschutzes richtete der überwältigende Teil der Erschienenen so scharfen Protest, daß sich der überwachende Polizeibeamte veranlaßt sah, die Versammlung zu schließen. * Alpenverein gleichgeschaltet Berlin, 21. März. Der Alpenverein hat in seiner kürzlich abgehaltcncn Jahresversammlung die völlige G l e i c h s c h a 11 u n g und A u s- Schließung aller Ni e li t a r i e r beschlossen. Englische Königin beglückwünscht Elisabeth Bergner London, 23. März. Königin Mary von England wohnte in London einer Theateraufführung bei, in der Elisabeth Bergner, die wegen ihres Judentums aus Deutschland vertriebene Schauspielerin, die Hauptrolle spielte. Nach Schluß der Vorstellung äußerte Königin Mary den Wunsch, daß ihr die Bergner vorgestellt werde. Die Königin beglückwünschte die Schauspielerin zu ihrer unvergleichlichen Leistung und unterhielt sich mit ihr längere Zeit. ★ Das Dritte Befah hetzt in England London, 22. März.. „Sunday Referee“ bringt einen Bericht seines Oxforder Korrespondenten, daß au englischen Universitäten Werbeblätter verteilt werden, in denen die Studenten aufgefordert werden, im Sommer Deutschland zu besuchen, um dem im August an der Deutschen Hochschule für Politik zu Berlin stattfindenden Kurs „Nationalsozialistische Kultur“ in englischer Sprache beizuwohnen. Führer des Nationalsozialismus werden über „Arbeitsdienst“, „Rasse und Erziehung“, „Rasse und Geschichte“ usw. Vorlesungen halten, nach welchen Aussprachen über Juden, Marxisten und Revolution stattfinden werden. Den Studenten werden besondere materielle Begünstigungen zugesagt. ★ Der Beschluß des Repräsentanten* Hauses Washington, 22. März. Der Antrag- Samuel D i c k s t o i n s, eine parlamentarische Untersuchung über die Hitler-Propaganda in den Vereinigten Staaten durchznführen, wurde, wie bereits berichtet, im Repräsentantenhaus mit 168 gegen 21 Stimmen angenommen; aber auch diese kleine Oppositionsgrukpe erklärte, nur deshalb gegen die Untersuchung zu sein, weil sie die Gefahr diplomatischer Verwicklungen in sich birgt. Es gelang Dickstein, naclizuwoisen, daß die Hitler-Regierung eine Art G e h o i mpolizei in A m e r i ka unterhalte, dio versuche, zwölf Millionen Deutschamerikaner zu zwingen, der „Gesellschaft der Freunde des Neuen Deutschland“, einer getarnten Naziorganisation, beizutreten, indem sie ihnen im Weigerungsfall androhe, ihre in Deutschland gebliebenen Verwandten allen Verfolgungen auszusetzen. * Bevorstehende Erörterung im Senat Washington, 21. März. Senator Read teilte dem Vorsitzenden der „Agudas Bene Erez Israel“ in Philadelphia, Rabbi Mosche Lipschitz, mit, er werde im Senat die an den deutschen Juden begangenen grauenvollen Ungerechtigkeiten brandmarken und eine Aussprache über die N a t i b a r l> a r« i herbeiführen.

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