Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 338 (23.3.1934)
- Date
- 1934-03-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STIMME Seite 5 tfr.SSS. — 23. Mira 1931. BEG EISTJßn URAUFFÜHRUNG AB FREITAG DEN23.A1ÄRZ GARTENBAUKINO I. TEL.R 21-2-43 BUSCHKINO E. TEL R M-3H02 HAYDNKINO 2L TEL.B 22-3-51 KOLOSSEU/AKINO JX..TEL.A 12-5-20 VERLEIH: ROBERT MÜLLER GES.MB.H. WIEN13I Neue Frechheiten Reventlows Berlin Graf Ernst zu Reventlow fordert in dem von ihm redigierten „Reichswart“, der sich als das Organ des „BYTE“. (Bund völkischer Europäer) gibt, alle nichtarischen Rassen in der Welt, auch dio Farbigen, auf, sich mit den Ariern im Kampf gegen die Juden zu vereinen. Er führt unter anderem aus: In Deutschland wird seit 1933 das Wort „n i c h t a r i s c h“ gebraucht, und zwar für Juden, Iialbarier, Juden-Versippte und «Mischlinge, wie Kaller — das sind die mit Jüdinnen (Kallen) verheirateten Arier — und deren Nachwuchs, dio Judstizen; und die Tat te ln — das sind mit Juden (Tatten) verheiratete Arierinnen — und deren Nachwuchs (J ü d 1 i n g o). Reventlow schlägt vor, das Wort „nichtärisch“ aus' der Aufnahmeerklärung des „BVE“ zu streichen, um Gelbe, Sch warze und Rote nicht ungcrcchterweise zu beleidigen. Auch da« Wort „Antisemitismus“ sei zu vermeiden, denn der Jude gehöre keinem semitischen Stamm an, er habe sich seit mehreren tausend Jahren zu einer „parasitären Entartungsform innerhalb des menschlichen Typus verdichtet“. Allo „nichtarischen“ farbigen Rassen sind Leidensgefährten der Arier, weil sich der Jude auf sie mit derselben Lust- und Beutegier wie auf uns stürzt. Mit ihnen im Schicksal verbunden müssen wir zur eigenen Sicherheit auch um ihre Mitwirkung im Kampf bemüht sein. Wir dürfen uns auf keinen Fall selber schwächen, indem wir den Kampf auf Leute ausdehnen, die, an Juden gemessen, nur „halb so schlimm“ sind, denn vorm Juden sind alle Menschen und Rassen gleich. Der Afrikaner ist ein Opfer wie der Schwede, Russe, Deutsche, Amerikaner, Kanadier, Chinese usw. Es kann demnach nicht dringend genug davon abgeraten werden, noben dem Judentum irgendeine andersfarbige Rasse anzugreifen. Zeit Spiegel Jetzt ist es herausgekommen!\ uiw» <?* seil vielen Monaten, daß Österreich von hunderttausenden Briefen überschwemmt wird, in denen nationalsozialistische Propaganda gemacht icird. Vor uns liegt ein Brief aus Hamburg, der von einer gewissen Gertrud Karsten geschrieben ist. Der Brief lautet: Endlich ist es gelungen, den wahren- Grund der blutigen Februarlage in Wien zu' entdecken. Bisher glaubte man immer, daß j die österreichische Regierung einen Putschversuch radikaler sozialdemokratischer Kreise mit. Gewalt niederrang. Jetzt stellt sich aber heraus, daß das alles Unsinn ist. ,,D er St il r m e r“, das widerlichste Presseprodukt im nationalsozialistischen Deutschland, hat es herausbekommen, was eigentlich die Ursache der blutigen Ereignisse in Wien war. Man höre und staune! Die J u d e n h ab e n den Bürgerkrieg e nt f es s e 11, w eil e s s o i n d e n P rotokoll e n der W e i s c n v o n Z io n v o r g c. s che n w a r. „D er S t il r me r“ bemerkt, es s e i. not w endi g ge wese n, e i n e gewisse 'La hl von Ariern in Österreich zu ermorden, d a m. it man die so freigeworden e n S teile n m i't jüdischen Flüchtl i n g e n a, u s Deutschland besetzen kön n e. Jetzt wissen icir es also und wir sind da- Kundmachung Die Wiener Molkerei bringt auch heuer Fess *ch-KoscIiermilch in allen ihren Filialen zum Verkauf. Die Pessach-Koschermilch wird in ihren Meiereien in Niederösterreich unter streng ritueller Aufsicht der von Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. M. Rosenmann bestellten religiös verläßlichen Organe DTFJtPtt erzeugt Jede Kanne und jede Flasche ist mit einer Plombe, respektive einer Schleife versehen mit dem Aufdruck hds 'tv "ms Vom 30. März bis 7. April in allen Verkaufsstellen erhältlich Wiener Molkerei von überzeugt, daß das durch die nationalsozialistische Propaganda dumm gemachte Deutschland meint, daß es offenbar nur mehr eine Frage von Tagen ist, bis alle fetten Posten in Österreich in jüdische llände übergehen und — vielleicht kommt das noch in der nächsten Kummer des „Stürmer“ — an Stelle von Dollfuß ein jüdischer Bundeskanzler eingesetzt wird. | So wird also die Welt betrogen. Offenbar will sie aber auch betrogen werden, denn sonst wäre es nicht möglich, daß derartige geradezu idiotische antisemitische Hetzereien überhaupt gedruckt werden können. Goebbels schreibt an Schaje Kohn Herr Goebbels leitet bekanntlich das deutsche Propagandaministerium und wir Lieber Deutscher in Ost erreicht Du bist gezwungen, als echter Deutscher •in einem Lande zu leben, in dem Du viel Schlechtes über Dein Vaterland hörst. Aber ich möchte Dir sagen, daß in unserem Deutschen Vaterlande ein einiges Volk lebt, dm bestrebt ist, nr.it dem Führer ..Adolf Hitler“ gemeinsam zu schaffen. Schon vielen tausenden von deutschen Arbeitern hat unser Führer Ado'f Hitler Arbeit und Brot gegeben. Es gibt natürlich noch viele Arbeitslose hier, wie in jedem Lande auch, aber denen icird auf jede Art und Weise geholfen, und glaube wir, keiner in Deutschland braucht in dem kalten Winter hungern oder frieren. Aus den beiliegenden Abschnitten wirst Du Dir hoffentlich auch ein kleines Bild von dem Leben eines Deutschen in seinem Vaterlande machen können. Ich glaube nun, daß Dein Vertrauen zu Deutschland wieder gestärkt ist! Mit deutschem Gruß Gertrud Karsten. An diesem Briefe ist zunächst einmal bemerkenswert, daß Gertrud Karsten zugibt, daß es in Deutschland noch Arbeitslose gibt. Bisher wurde, doch immer gelogen, daß es Deutschland dank Hitlers Tätigkeit keine Arbeitslosen mehr gibt und die Eintopfsonntage wurden so als eine Art alt preußischer Sport und als Erziehungsmittel zur Sparsamkeit hingestellt. Gertrud Karsten, der natürlich der allgewaltige Propagandaminister Goebbels die Feder in die Hand gedrückt hat, plaudert aus der Schule und Herr Goebbels wird keine Freude an dieser ungelehrigen Schülerin haben.! Es kommt aber noch schöner! Der „Liebe Deutsche in Österreich“, der „echte Deutscheder in unserer Redaktion das eben wieder gegebene Schreiben vorlegte, ist ein alter Jude namens Schaje Kohn. Unser Redakteur betrachtete erst verwundert den alten Juden und meinte, daß derselbe nur ein Bote sei, der im Aufträge des 1 Adressaten den Brief des Fräuleins Karsten überbringe. Der alte Jude legitimierte sich i aber. Er hieß wirklich Schaje Kohn, und auf dem Kuvert war wirklich als Briefempfänger Schaje Kohn angegeben. \ Karsten, Karsten! Der „Liebe Deutsche in Österreich“, der „echte Deutsche“ Schaje Kohn, kann dich die Karriere in der N. S. D. A. P. kosten. Du wirst in Rassenkunde i durchfallen. Oder liegt hier etwa ein Komj plott vor? Hat sich etwa auf Grund der in I den Protokollen der Weisen von Zion enthaltenen Anordnungen eine jüdische Spionin das braune Hemd und das Hakenkreuz er- , schlichen? Da muß das Rassenamt, cinschreiten, Herr Goebbels, oder die geheime Staatspolizei! Gehen Sie aber mit Gertrud Karsten nicht zu streng ins Gericht. Wenn Gertrud Karsten Sie, Herr Minister, trotz Ihres jüdischen Aussehens als Arier arischen muß, dessen vernehmliche Eigenschaften doch im großen Wuchs, blauen Augen und Eine Sensation für P Schmidl-Mazzoth weil Schmidl-Mazzoth in Gesdimadt und Qualität unübertroffen sind 1 Schmidl-Mazzoth werden unter streng orthodoxer Aufsicht des rsn dco ornnn ix=o eiov am hergeslellt essach 5694 sind Die Mazzolli werden aus lelnslem Mehl erzeug! 1 Seil vielen Jahren genießen die „Schmidl-Mazzolh" das besle Renommee und werden von allen bevorzugl 1 Au| die txtraqualiläl meiner Fabrikate „Marke Schmidl N. B." auf Mazzolh, Griefj und Farvel wird besonders au|merksam gemadil. Zentrale: N. Brodetzky II., Leopoldsgasse 43, und in allen besseren einsdiläglgen Gesdiajlen erhalllidi relephon-Nummern A 46-1*90, A 60-2-63 und A 41-9-52 Zu Pessach billig nach ▲ Q I PM vom 28. März r* kJ L.E. vi bis15.April1934 Nähere AuskUnfto: ECCDOTCI l„ KSrntnerräng 12 . rLriO I HL Tel. U40-301, und NORDISCHES REISEBÜRO ii.?.*'?" Tel. R 25.0-92 blonden Haaren bestehen sollen, dann könnte sic auch den Juden Schaje Kohn als „lieben deutschen Volksgenossen in Österreich“ und als „echten Deutschen“ ansehen. Eine skandalöse Bar-Mizwah-Feier Wenn ein jüdischer Knabe 13 Jahre alt wird, dann icird er zur Thora auf gerufen. Er ist ein Bar-Mizwah (Sohn der Pflicht). Die Eltern und Verwandten freuen sich und der Bar-Mizwah-Junge erhält von den Verwandten G esc henke. Wenn man nobler ist, dann spricht man. von Konfirmation, und wenn die Eltern viel Geld haben, dann sind die Geschenke kostbarer. In London hat sich aber Sonntag, am 11. März, eine Bar-Mizwali-Feier abgespielt, wie sie noch nie da tcar. Die Gäste wurden in das Trocaäero-Restaurant eingeladen und die von den Eltern des Bar-Mizwah-Jungen „aus Anlaß der Konfirmation ihres ältesten Sohnes“ ausgegebenen Einladungskarten enthielten folgende Angaben: Feier: 6 Uhr nachmittags bis 6 Uhr morgens. Cocktails: 6 Uhr 30 nachmittags. Dinner: 7 Uhr 30 nachmittags. F r ii hst ü ck: 4 Uhr morgens. Der Festsaal des Restaurants Trocadero repräsentierte sich ä la Venedig. Die Tafel, bei der die erlesensten Leckerbissen serviert wurden, hatte die Form einer Gondel, die Kellner waren qls Gondolieri verkleidet, und die Mutter des Bar-Mizwah-J ungen, in fürstlicher Toilette und behängen mit einem riesigen Brillantenkollier, machte die Honneurs. Neapolitanische Sänger sangen, vier Orchester spielten und der Champagner floß in Strömen. Dann sprach der Bar-Mizwah-Junge, nach ihm sein Hofmeister über die armen, verfolgten Juden und dann begaben sich die Gäste, 400 an der Zahl, in einen weiteren Saal, wo unzählige Drinks konsumiert wurden und schließlich in den Ballsaal. Der Tanz dauerte bis halb 2 Uhr früh und dann wurde verkündigt, daß die Gäste, deren Zahl auf 700 angeschwollen tcar, „zu einer geheimen Bestimmung“ abtransportiert werden müßten. Vor dem Restaurant wartete bereits eine unendliche Kolonne luxuriöser Autos, die sie nach dem Sunderla?id Ilouse, May fair, brachten, wo die Orgien im Essen und Trinken und der Tanz weitergingen. Gegen Morgen erschienen Zeitungsjungen, brachten eine speziell für die Feier gedruckte Zeitung „Evening Ncics“, in welcher bereits eine Schilderung des Festes enthalten war und ■jeder Nummer waren photographische. Blitzlichtaufnahmen der Festtafel und der Gäste beigelegt, ln der Zeitung stand zu lesen, daß das Fest „infolge des originellen Arrangements den Gipfel der gesellschaftlichen Ereignisse der Saison“ darstellte. Wir meinen, daß mit diesem Fest der Gipfelpunkt einer ekelhaften Assimilation erreicht wurde, ln einer Zeit, ivo Tausende von jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland in der Welt umherirren, wo die russischen Juden Hungers sterben, wo die Juden not in der ganzen Welt entsetzliche Formen annimmt, finden sich jüdische Eltern, die einen derartigen Skandal unter dem Titel Bar- Mizwah-Feier arrangieren. Leider gibt „The Jewish Chronicle“ nicht den Namen der Eltern bekannt, die man für ewige. Zeiten an den Pranger stellen müßte. Wohl aber hören ■wir, daß das Fest einige tausend Pfund gekostet hat. Wieviel jüdisches Elend hälfe mit diesem Geld beseitigt, wie viele Existenzen gegründet werden können! Diese Bar- Mizwah-Feier hat nichts mit Judentum zu tun. Sie machte bessere antisemitische Propaganda als Goebbels und Hitler. Wir wollen hoffen, daß es eine solche Bar-Mtzwqh- Feicr nie mehr geben wird.