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Die Stimme · 1934-06-26 · Heft 364 (26.6.1934) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 364 (26.6.1934)
Date
1934-06-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 364 — 26. 'Jan! 1934 OIE STIMME Seit© 8 [wMigtmg der Wiener Zionisten (r) Als vor nun dreißig Jahren der Schöpfer der modernen zionistischen Bewegung, Dr. Theodor Herz 1, in Edlach, am Fuße der Rax, seine strahlenden Augen für immer schloß, ging ein Zittern und Beben durch dio ganze jüdische Welt. Alis aller Augen konnte man lesen, auf aller Lippen konnte man hören: Ein Fürst in Israel ist gestorben. Theodor Ilerzl hat nur ein Alter von vicrundviorzig Jahren erreicht, und erst die letzten acht Jahre seines Lebens brachten seine messianische »Sendung. Doch dieser kurze Zeitraum genügte, um Herzls Erdcnwallen zu einem einzigartigen Ileldcnleben zu machen, umfangen und umgosBen von einer grenzenlosen Liebe eines ganzen Volkes. Als am 3. Juli 1904 das, was an Ilerzl sterblich und irdisch war, der Erde des Döblinger Friedhofes übergeben wurde, konnte dieser schönste Wiener Friedhof die jüdischen Massen, die aus allen Weltrichtungen horbeigeströmt waren, nicht fassen. Nach zeitgenössischen Berichten rissen die Menschen, Fremde, die in ihrem Leben nie Herzl von Angesicht zu Angesicht kannten, vom »Schmerze gepackt, sich die Kleider vom Leibe, rauften sich die Haare und stießen herzzerreißende Schreie aus. Ilerzl war gestorben, ein 14-Millionen- Volk weinte um ihn — und wob seinen Tramn weiter. Übrig und lebendig aber blieb in den Herzen der Juden aller Welt die grenzenlose Liebe zu der größten Fuhrcrgcstalt in der Zeit der Galuth. So ist cs begreiflich, daß sich nach seinem Tode ein ganzer Ilerzl-Kult bildete, genährt aus dem Gefühlselementen von Liebe, Dankbarkeit und Heldenverehrung. Insbesondere ist es heilige Tradition der Wiener Zionisten, von Jahr zu Jahr am Tage der Wiederkehr von Herzls Todestag durch imposante Feiern das Gedenken Theodor Herzls zu ehren und alljährlich durch massenhaftes Pilgern zu seinem Grab den Tribut der Lebenden an den toten Führer zu zollen und so für das Werk, das auch nach seinem Tode fortwirkt, zu manifestieren. Eindrucksvolle Herzl-Feier des Zionistischen Zandeskomitees In diesem Jahre, da Herzls Todestag zum dreißigsten Male wiederkchrt, begingen die Wiener Zionisten diesen Tag mit einer überaus würdigen Feier. Mehrere hundert Personen füllten Samstag abends den Festsaal des Hotel Continental, wo die vom Zionistischen Landeskomitee für Österreich veranstaltete Herzl- Feier stattfand. Die Eröffnungsrede Dr. Oskar Griinbaums In seiner Eröffnungsansprache gedachte der Präsident des Zionistischen Landeskomitees Dr. Oskar G r ü n b a u m der opfervollen Sendung Herzls für die Erlösung des jüdischen Volkes. Er sprach von der großen Liebe und Dankbarkeit des Volkes für Ilerzl, dessen grandioses Werk, Erez Israel, Trost und Hoffnung heute für Millionen Juden bedeutet und fuhr fort: „In wenigen Tagen wird sich zum dreißigsten Male der Tag jähren, an dem Herzls Jünger gramgebeugt hinter dem Sarge ihres Führers und Meisters einherschritten. Morgen werden wir wieder diesen Weg gehen. Das Gefühl des Schmerzes aber, das die Männer erfüllte die vor bald dreißig Jahren hinter dem Sarg einherschritten, wird morgen tibertönt werden durch das Gefühl innigster Verehrung und grenzloser Verehrung für den Mann, der sich aufgeopfert hat für sein Volk; der es gelehrt hat, den Weg zu gehen, der zur Selbstbefreiung führt, und ihn unter allen Bedingungen zu gehen; der uns gelehrt hat, für seine Idee Opfer zu bringen, der unserem Leben und Leiden wieder Sinn und Ziel gegeben hat. Wenn wir morgen bei Herzls Grab vorbeiziehen werden, wollen wir uns Rechenschaft ablegen, wollen prüfen, ob wir würdige Jünger dieses großen Juden waren, des größten Juden, den dio Galuth hervorgobracht hat. Und wir wollen prüfen, ob wir nichts versäumt und unterlassen haben, um Herzls Königstraum zu erfüllen. Wir wollen aus diesem Grabgango' neuen Mut und neue Hoffnungen schöpfen und uns dio gigantischen Opfer der Pflichterfüllung vergegenwärtigen, die Ilerzl auf sicli genommen hat, um sein Volk zu erlösen. Morgen werden wir im Angesichte seines Grabes, das leider noch immer nicht in der Heiligen Erde Erez Israels liegt, fühlen, daß Herzls Goist lebt, daß aber seine Epigonon nicht immer Geist von seinem Geiste sind, daß wir sein Wort: „Wir sind ein Volk, ein Volk“ in unserem politischen Kampfe nicht zum Leitsätze erhoben haben. Und wir werden sehnsüchtig zurückblicken in die Zeit, in der dio Zionistische Organisation ein festgefügtes, wohl diszipliniertes Ganzes war und nicht ein Konglomerat feindlicher Parteien. Wenn wir morgen bei Herzls Grab .vorbeiziohon, wollen wir daran denken und uns geloben, Herzls schönstes Werk, die Organisation, wiederaufzubauen und stark und mächtig zu machen. Ein Gofühl aber wird morgen, wenn wir an Herzls Grab vorbeiziehon, dio Gefühle des Schmorzes um Herzls frühen Tod, die Gefühle der Wehmut, daß es Herzl nicht vergönnt war, Erez Israel, das von ihm erweckt wurde, in seiner heutigen Blüte zu sehen, übertönen. Das wird das Gefühl innigster Dankbarkeit sein. Wo stünden wir heute, wäre nicht Herzl als Retter auferstanden, hätte er nicht die erlösende zionistische Idee gepredigt und sich für sie geopfert. Wie groß wäre die Verzweiflung und Ratlosigkeit, der jüdischen Massen in aller Welt in unseren Tagen, da eine ungeheure Welle antisemitischer Hochflut gegen uns brandet! Wie groß wäre unsere seelische Not, hätte uns Ilerzl nicht den Weg zur Rückkehr zum Judentum gewiesen. Erez Israel, Trost und Hoffnung für Millionen Juden, ist die köstlichste Frucht, die auf dem Baume der Erkenntnis gewachsen ist, den Theodor Herzl gepflanzt hat. Diese Frucht wollen wir hegen und pflegen. Stark und mächtig wollen wir dieses Erez Israel machen und so am besten das Andenken Theodor Herzeis ehren. Wenn wir morgen an seinem Grabe stehen, dann werden wir auch fühlen, wie die Gedanken unserer Iriidcr und Schwestern in Palästina uns zufliegen und in brüderlicher Liebe umfangen. Und unsere Gedanken werden hinausfliegen nach Erez Israel und jedes Märtyrergrab liebevoll umfangen, jedes Grab, das einen Bruder birgt, der für Theodor Ilerzl« Idee sein Herzblut hingegeben hat. Liebevoll werden unsere Gedanken jeden Baum und Strauch, jedes Feld und jede Au, jedes Dorf und jede Stadt umfangen, die sein Zauberwort, die Macht seiner Idee in Wüsteneien hat entstehen lassen. Und wir werden fühlen, wir sollen nicht mehr sagen: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.“ Wir dürfen jubelnd rufen: Theodor Herzl ist nicht gestorben. Er lebt, sein Märchen wird beglückende Wirklichkeit und Gegenwart. Wir gehen Theodor Herzls Weg. Es ist eine Lust zu lebe n.“ (Stürmischer Beifall.) Zfinufette. •.’födcc&rci. tßft&mjjx de fee unseren Feinden Die Gedenkrede Dr. Jakob Ebrlichs, Hat der Stadt Wien In mehr als einstündiger Rede zeichnete kann, um aus ihm den jüdischen National- Dr. Ehrlich in überaus plastischen Bildern helden zu schaffen, in dem die nationale die Gestalt und Persönlichkeit Theodor Sehnsucht in ihrer wirklichen Gestalt sich Herzls. Vor dem geistigen Auge der mit verkörpert.“ größter Spannung lauschenden, sichtlich In dem kurzen Zeitraum von knapp acht gerührten Männer und Frauen, erstand Jahren welch gewaltige Arbeit wurde von Ilerzl in hell leuchtender Gestalt, von den Theodor Herzl geleistet! Eine Arbeit, die glühenden Anfängen des Judenstaatsein langes Leben vieler Menschen reichlich hätte ausfüllen können. Vor dreißig Jahren ist die große Flamme, die sich rasch verzehrt hatte, erloschen. „Wer in dreißig Jahren recht behalten will“, schreibt er gelegentlich, „muß während der ersten vierzehn Tage für ver traumes bis zum tragisch frühem Tode in Edlach. Dr. Ehrlich führte aus: „Der Typus seiner äußeren Erscheinung war Stolz und Würde. Ein Mann, von dem man sagen kann, jeder Zoll ein König. Tatkraft und romantische Schwärmerei paarten sich glücklich in ihm. Aus seinen rückt gehalten werden.“ Viele sich sehr Blicken blitzte leidenschaftliche Energie fciUg wähnende Leute haben ihn in den und doch kam der Blick aus dem Auge ersten vierzehn Tagen seines Auftretens eines Schwärmers und Dichters. Er verlin<j ‘auch später für verrückt gehalten, viele stand die Sprache der Könige, und des von (jenen, die so von ihm gedacht hatten Papstes und aller andern mächtigen Herrimc] seiner spotteten, sind der Vergessenheit scher dieser Welt. Aber auch diese verstananheimgefallen, wiewohl sie erst lange nach ihm gestorben sind oder vielleicht heute noch leben, aber Herzl steht dreißig Jahre nach seinem Tode größer da als je, was er verkündet hat, ist in Erfüllung gegangen, selbst gedacht im Jahre 1895 dem Baron Hirsch über Deutschland geschrieben hat, hat eine fürchterliche Bestätigung erfahren. Ungeahnte Fortschritte hat der Zionismus seit Herzls Tode aufzuweisen, aufbauend den seine Sprache. Denn aus seinen Worten sprach reines Menschentum, Liebe und Gerechtigkeitssinn. Nachdem Theodor Herzl den letzten Seufzer ausgestoßen hatte, ging ein lauter erschütternder oft, als er Aufschrei durch die ganze jüdische Welt, haben mag. Selbst was er Zehntausende von Menschen kamen nach Wien gepilgert, gaben ihm, von dem gleichen Schmerz geschüttelt, das letzte Geleite. Und sein größter Widersacher Achad Ilaam rief ihm die schönen Worte nach: „Herzl war eine jener zentralen Persönlichauf dem Fundamente, das der große Führer keiten, wie sie in jedem Volk von Zeit zu gelegt und mit seinem Herzblut gekittet Zeit auferstelien und das Wunder vollbrinhat. Ist das Werk aber schon vollendet, gen, den Glauben an Dinge zu festigen, die gibt es keine Arbeit mehr, sind wir jeder über Natur und Verstand gehen. Eines hat Verantwortung ledig geworden? „Wir uns Herzl ohne Absicht gegeben, und das haben in den nächsten zwanzig Jahren war vielleicht größer als alles, was er uns keine Zeit“ — schrieb einmal Herzl *— mit Absicht gab. Er gab sich uns als Objekt „uns untereinander herumzuschlagen. Das der Poesie unserer Wiedergeburt, ein wird später kommen. Vorläufig soll, Objekt, »an das unsere Phantasie sich halten Iwer streiten will und Mut hat, DER BOXER UND Dl »ÄER der neue Weltmeister in dem wundervollen Monumentalfilm Vorstellungen: 5, */*S, ' JO Telephon: A 49-0-60 sieh mit schlage n.“ Die zwanzig Jahre sind wohl um, aber es begannen neue zwanzig Jahre des Strebens und Kämpfens, und ein Blick auf unsere Enge hier und ein Blick auf Palästina sollte uns belehren, daß jene zwanzig Jahre doch noch nicht vorbei sind, nach deren Ablauf uns gestattet wird, den Kampf g e g e n-> einander zu führen. Mehr als je ist die Berufung auf Theodor Herz zur Mode geworden, aber die bloße Deklamation, das Pathos allein beweist noch nicht, daß man sein wahrer Jünger geworden ist. Er war der Erweck er der Nation, er war der erste jüdische Staatsmann in der Zeit der Diaspora, gab uns ein Ziel voll unerhörter Kiinheit, er schuf die Organisation, die uns dem Ziel zuführen sollte, er schuf die Werkzeuge, die der Organisation vonnöten waren, und doch, trotz seiner übermenschlichen Größe war auch e r ein irrender Mensch. Und haben wir Zionisten der Gegenwart, die wir ausnahmslos vor seiner Größe zusammenschrumpfen, wir, deren Opferbereitschaft, und wenn sie noch so groß sein mag, in Bedeutungslosigkeit versinkt angesichts seiner heldenmütigen Aufopferung, haben wir das Recht uns einzubilden, daß unser zionistisches Streben fehlerlos ist, daß wir nicht Irrtümern unterliegen, haben wir das Recht anzunehmen, daß der zionistische Bruder neben uns ein Verbrecher ist, wenn seine Meinung sich mit der unseren nicht deckt? Wer steht so hoch, daß er sich das Recht anmaßen könnte, im Namen Theodor Herzls die Organisation zu zerschlagen, die er uns nach unendlichen Mühen geschaffen, und wäre er auch von edelsten und lautersten Motiven geleitet? In diesen Tagen werden mehr als je Herzl-Worte zitiert werden, sie mögen aber nicht bloß literarisches Interesse finden, sie mögen in uns den Vorsatz hervorrufen, über alle Kleinigkeiten des Parteikampfes hinweg selbstlose Diener des gemeinschaftlichen Ideals zu sein, für das Herzl gelebt hat und für das er gestorben ist. „Unsere Sache ist zu groß für den Ehrgeiz und die Willkür einzelner Personen, sie muß ins Unpersönliche gehoben werden, wenn sio glücken soll.“ — Es wäre gut, wenn mancher Führer oder Unterführer sich diesei Worte gelegentlich in seine Erinnerung zurückrufen würde. Gestern las ich in einem zionistischen Blatt einen Bericht des bekannten französischen christlichen Palästinafreundes G o d a r d über seine Palästinareise. Er ist begeistert über das Gesehene. Er erklärt aber, daß die innere jüdische Uneinigkeit die größte Gefahr für das jüdische Nationalheim bedeutet und daß die inneren zionistischen Kämpfe zum Stillstand gebracht werden müssen. Aber auch wir andern sind doch begeistert von dem Aufschwung Palästinas, wir alle erzählen doch immer und überall, welche Wunder der Zionismus in Palästina gewirkt hat, wir alle sind doch stolz auf das dort Geschaffene, und wenn wir dann einon Moment stillhalten, müssen wir uns sagen; das waren doch Zionisten, die das alles geschaffen haben, Zionisten aller An-

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