Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 364 (26.6.1934)
- Date
- 1934-06-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STIMME Pierackis Ermordung Von unserem Warschauer Korrespondenten. Warschau, 20. Juni. Seite 2 BAD r II C r II »* arditm** Kuranstalt MW r U I V n UND HOTEL POST 121.1 m S'.’Olv'ilit’. l'i’i /.rl! am S»t'. Sai^onlu'üinn 21. Juni. Vollinuisinn S!». — I>is I . Zininiprlit'strlluns!. l'ro^poktc bei U.Ut.ix-.', Wien, Mtirinlufi'r.UraPe 120 —1*28.!'—II, odev Uad Finch, Telephon Nr. 2 ni-ttT i!<'v kleinen Entente: unJ mi i.-t die Rede H.-mlmus in der Bukarr-öT Kammer zu viM-'tehen. Wie simrt doch <Iip SA.: Die Knechtschaft dauert nicht mehr lange.. . „Der alte SteSfefi“ in Baden Samstag1 abends fand sieh der Sekretär der ..Union”. Dr. L e n k. in Baden in einer Kultuswiihlervorsamndung ein. um der Agudah Schützendienste zu leisten. Das ist derselbe Herr Dr. Lenk, der bei den letzten \Y i e n e r Kultusgemeindewahlen von den Wiener Juden ernstlich verlangt hatte, sie sollen seinesgleichen die Stimmen geben, weil er mit dem Stephansturm auf so gutem Fuße steht, daß er ihn mit den Worten ..Servas. alter S t e f f e 1!“ zu begrüßen pflegt. Nun ist der alte Stepbansturm. der schon so vieles gesehen und gehört hat. leider stumm, weshalb Dr. Lenk sich ruhig dem Stephansturm als fescher Urwiener anbiedern kann, ohne jene Antwort riskieren zu müssen, die er sonst von der höchsten Wiener Stelle herunter zweifellos bekommen würde. Die Badener Juden sind aber gottlob nicht stumm und so haben sie denn dem Herrn Dr. Lenk die richtige Antwort gegeben, als er ihnen mangels eines neuen Einfalls von seinen rührenden Beziehungen zum Stephansturm zu erzählen anfing. Sie waren nämlich der Ansicht, daß in einer Kultuswählerversammlung die Erörterung dieses Teiles des Gefühlslebens des Herrn Dr. Lenk ungefähr so am Platze ist, als wenn in einer von Katholiken zur Besprechung ihrer konfessionellen Angelegenheiten einberufenen Versammlung ein Teilnehmer auf den drolligen Einfall käme, für sich dadurch werben zu wollen, daß er in Tönen der Begeisterung von dem Tempel in der Seitenstettengasse zu erzählen anfängt, — und so haben sie Herrn Dr. Lenk in nicht mißzti verstehender Weise eingeladen, seine „Rede" abzubrechen und das Versammlungslokal schleunigst zu verlassen. Wozu wir noch zu bemerken hätten, daß sich dieses betrübliche Ereignis nicht etwa in einer Versammlung der bösen Zionisten abgespielt hat, die zur gleichen Stunde eine glänzend besuchte Versammlung in einem anderen Lokal abhielten, sondern in einer Versammlung von „Gesinnungsfreunden“, zu der Herr Dr. Lenk als Redner geladen war, um die Zionisten wieder einmal abzuschlachten. Armer Dr. Lenk! Wenn auch die sentimentalen Heurigenlieder in den Wählerversammlungen der „Union“ nicht mehr clie richtige Duliöh-Stimmung hervorrufen, bleibt wirklich der „Union“ gegen die Zionisten kein anderes Argument mehr übrig, als jene niedliche, sich eines ehrwürdigen Alters erfreuende Denuntiation, die Theodor Herzl schon vor 36 Jahren ln seinem berühmten Artikel abfertigen konnte, der mit den Worten anfängt: „Manschet ist Antizionist“. Die Brith-Trumpeldor-Zertifikate Paris, 22. Juni. Entgegen den in einem Teil der jüdischen Presse verbreiteten Meldungen wird vom Schilton Bethar (oberstes Kommando des Brith Trumpoldor) mitgeteilt, daß das geheime Rundschreiben Nr. 60, das bekanntlich den Anlaß zum Auschluß des Brith Trumpoldor von der Mitbestimmung bei der Zertifikate-Verteilung gebildet hat, von diesem nicht zurückgezogen worden ist. Ferien- Sonderfahrt POLEN und CZERNOWITZ II am 1. und 8Juli für 4 und 8 Wodien | PaBbegtlnstlgung auch für poln. Staatsangehörige m Alle Auskünfte: Reisedienst „Czernow. w Allgem. Ztg.", V/ien, I., Schulerstraße 1 H („Der Tas")i Tel. R 21-6-78 - Reisebüro ■ „IRIT", I., Karlsplatz 1, Tel. U M-5-79 Die Straßen Warschaus überfluten Trauerumzüge und Traiienniirsohe widcrhallen aus den Sammelpunkten der staatserhaltend gesinnten Jugend Polens. Denn die Kugel des Meuchelmörders, welche den Kopf des Innenministers Broms law P i e r a c k i am Freitag niachmittag getroffen hat, traf auch das zu tiefst durehwühlte Herz von Volk und Land in Polen. Die durch die national-radikalen regierungsfeindlichen Elemente entfesselte Wühlarbeit. welche schon man die Menschenopfer, namentlich in der Judengasse, gefordert bat, richtete jetzt die Giftpfeile gegen das Oberhaupt der Ordnung im Lande und forderte als Opfer das Haupt des Ministers, welcher vor einem Jahre von der Sejmtribüne aus, klar und deutlich, alle rassistischen Umtriebe verdammt hat. und dessen Ausspruch: „solange er Minister sei, werden diese blutigen M a c h e n s c h a f t en nicli geduldet, werden“, sich auf eine so traurige und tragische Weise bewahrheiten sollte. Zum zweiten Male wird in der Geschichte Polens eine hervorragende Regierungspersönlichkeit durch Mörderhand beseitigt. Vor zwölf Jahren haben von Nationaldemokraten verhetzte Elemente den damals mit den ausschlaggebenden Stimmen der etwa vierzig jüdischen Sejmdeputierten und Senatoren gewählten Staatspräsidenten Narutowicz ermordet. Die Strafmacht hat bis zur Stunde den Meuchelmörder des Ministers Pieracki noch nicht ausgeforscht. Die Regierungskreise sind sich jedoch dessen bewußt, daß es notwendig ist: vor allem die Brutstätten von Haß und Verfolgungswahnsinn auszurotten, und hoben unmittelbar nach dem Attentat die antisemitischen nat i o n a 1 r a d i k a 1 e n Organisationen liquidiert. Siebzehn Standorte dieser Organisation wurden in der Hauptstadt revidiert und clas belastende Material wurde beschlagnahmt. Hundert führende und stark verdächtige Männer, dieser zweifellos vom dritten Reich aus subventionierten und inspirierten Partei, wurden verhaftet, darunter auch ihr Häuptling Jan M osdorf f. Einer der führenden Publizisten Polens, welcher als Journalist zu den fünfzehn Unsterblichen der Polnischen Akademie gehört, VV. Rzymowfiki, hat seine Betrachtungen gegen die Partei, welche Terrorakte verherrlicht, mit folgenden Sätzen abgeschlossen: „Sollte es sich auch heraussteilen, daß der Meuchelmörder selbst dien Plan des unmenschlichen Verbrechens gefaßt hat, wer London, 21. Juni. Tn der Sitzung des Unterhauses vom 19. Juni fragte der Abgeordnete Rhys- D a v i c s den Minister für die Kolonien, ob es ihm bekannt sei, welche Unzufriedenheit die Einschränkung der Zahl der jüdischen Einwanderer auf nur 5600 durch den High Commissioner für Palästina ausgelöst hat, und ob der Minister bereit sei, im Hinblick auf das Versprechen, dem jüdischen Volk beim Aufbau Palästinas beizustelien, auf die Anstrengungen, die die Absorbierung jüdischer Arbeitskräfte ermöglicht haben, und auf die derzeit große Zahl jüdischer Heimatloser in Beratungen mit dem ITigh Commissioner darüber einzutreten, daß die Zulassung einer erhöhten Zahl von jüdischen Einwanderern wünschenswert wäre. Der Minister für die Kolonien, Sir Philip C u n 1 i f f e - L i s t e r, erwiderte: „Die Zahl 5600 betrifft die Arbeiter-Schedule für s e c li s Monat e. Die Gesamtzahl der Einwanderer war wesentlich höher als diese. Die Regierung hat es stets als einen Teil ihrer Verpflichtungen auf Grund des Mandats aufgefaßt, daß die Einwanderung nach Palästina n a c li d e n w i r t s c h a f tlichen Möglichkeiten des Lanwinl den Mut haben, zu verneinen, daß auf seinen Entschluß nicht die terroristischen Ideen, welche unter der falschen Flagge der Yaferhuidsrettnng propagiert werden, eingewirkt hätten! Diese Ideen untergraben die Autorität der Staatsgewalt, und gewöhnen die breiten Volksmassen an die Zulässigkeit des Eigenwillens und Straflosigkeit f ii r h 1 u t i g e S t r a ß enoxzesse. Dieser dunkle und grauenhafte Faden des Eigenwillens und des Verbrechens muß endlich rücksichtslos durchschnitten werden. In unserem Staate müssen die tragischen Erschütterungen aufhören, welche in der Anarchie wurzelnd, sich gegen die Grundfesten Mer Regierungsmacht auflehnen. Der öffentliche Selbsterhaltungstrieb ruft nach einer harten Hand, welche das Verbrechen im Keime ersticken soll, welche die Aussaat der verderblichen Lehre, die im Namen dos Parteiogoismuß sich gegen die Autorität, die Ruhe und die Einheit des Staates wendet, verhindern und unmöglich machen soll.“ Das .straflos vergossene Blut des armen, verhetzten jüdischen Bürgers zieht weite Kreise und bildet den Anreiz und dem Nährboden, auf welchem das Verbrechen gedeiht, welchee geeignet ist, das ganze Regierungsgebäude zu erschüttern. Dr. A. F. Ruhe in Polen Warschau, 21. Juni. Tn den letzten Tagen kam es in Polen nicht mehr zu antijüdischen Ausschreitungen, wie sie seit mehreren Monaten die jüdische Bevölkerung in Panik versetzten. Die Verhaftungen in den Lagern der Antisemiten dauern an, hingegen wurde ln Mokatow der junge Jude Schlomo Frimer, der während der dortigen antijüdischen Unruhen verhaftet worden war, f r e i gelassen, nachdem sich herausstellte, daß er, der einen Huligan verletzte, in Selbstwehr gehandelt hat. In Lodz wurde Stanislaw G r e c i k, der im Jänner an antisemitischen Unruhen teilgenommen hat, zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Das Warschauer Kreisgericht verurteilte Sigmund Radziminski, Mitglied der .aufgelösten Nazipartei, der den Präsidenten Moscicki und den Marschall Pilsudski in einer Versammlung der Nazi als „Schabbes Gojim“ (etwa: Judenknechte) bezeichnete, zu einem Jahr Gefängnis. Der Bischof von Sandomir predigte in einigen Orten seiner Diözese gegen Judenverfolgung und Rassenhaß. des geregelt werden soll. Es dürfte allgemeine Zustimmung finden, daß die Aufnahmefähigkeit durch den High Commissioner beurteilt werde.“ Captain Strickland fragte, ob es nicht zutreffe, daß für das laufende Halbjahr eine Zugabe zu der gewöhnlichen Quote gewährt wurde, und ob der Minister dem Hause mitteilon wolle, wie groß die Zahl der von der Jewish Agency angeforderten Zertifikate war, ob die Jewish Agency überzeugt war, Arbeit für diese Zahl von Einwanderern finden zu können, und welches der Grund dafür war, daß diese Zahl so weitgehend reduziert wurde. Der Minister antwortete: „Ich kann natürlich ins einzelne gehende Fragen, die Zahlen betreffen, ohne vorherige Ankündigung nicht beantworten; doch hat der High Commissioner seine Entscheidung betreffend die Zahl der Einwanderer, die zugelassen werden könne, einfach und ausschließlich auf Grund seiner autoritativen ß e urteil u n g der wirklichen Aufnahmefähigkeit fies Landes unter Berücksichtigung von Gegenwart und Zukunft getroffen.“ Captain S t r i e k I a u d fragte weiter, ob der Minister zugeben wolle, daß es sich u m Sie essen von 30Groschen aufwärts vorzüglich im GRABEN-KEILER Wauchope entscheidet Nr. ISO! — 26. Juni 1034 vo n d e r Regierung ausgehende E i n s c li r ii n k n n g e u handle, was er vor kurzem’ verneint habe. „Ganz gewiß nicht“, erwiderte Sir Philip. „Es ist keine Änderung der Politik erfolgt, die seit der Ohernalune des Mandats von jeder Regierung der letzten fünfzehn Jahre eingehalten wurde; der Politik nämlich, daß der High Commissioner die Zahl der Einwanderer auf Grund der Aufnahmefähigkeit des Landes zu bestimmen hat.“ „Ist dies nicht eine Reduktion der verlangten Zahl?“ fragte Captain Strickland. Sir Philip antwortete: „N a t ii r 1 i c h ist es eine Roduktio n.“ Anlage eines See- und eines Flughafens in Tel Aviv Major Proctor richtete im englischen Unterhaus an den Minister für die Kolonien die Frage, ob seine Aufmerksamkeit darauf gelenkt worden sei. daß — wie man glaube — die Häfen von Haifa und Jaffa in sehr kurzer Zeit nicht mehr imstande sein würden, den wachsenden H a n d c 1 ß v c rkehr Palästinas m bewältigen; ob um die Errichtung eines weiteren Hafens in T e 1 - A v i v angesucht worden sei, und ob, falls dies geschehen ist, die nötige Erlaubnis hierzu erteilt wurde. Sir Philip Cunliffe-Lister antwortete, cs seien Maßnahmen zur Verbesserung der Häfen von Haifa und Jaffa getroffen worden, und es soi nicht anzunehmen, daß nach Durchführung dieser Verbesserungen die beiden Häfen den Bedürfnissen Palästinas auch nach einer Reihe von Jahren nicht genügen werden. Die Möglichkeit der Errichtung eines Hafens in Tel-Aviv sei wohl erörtert worden, doch habe er vom High Commissioner keinen diesbezüglichen Vorschlag erhalten; soviel ihm bekannt sei, ist ein solches Werk von der Palästinaregicning nicht in Aussicht genommen. Der Abgeordnete B a r n e 11 Jänner fragte, welche Erfahrungen man mit dem zeitweiligen Flughafen in Lydda während der Levante-Messe gemacht habe, ob dem Ansuchen der Gemeinde Tel-Aviv um Erlaubnis zur Anlage eines Flugplatzes Be-< achtung geschenkt worden sei, und ob man dieser Bitte — im Hinblick auf die angesichts der raschen Entwicklung Tel-Avivs bestehende Notwendigkeit, rechtzeitig mit den Arbeiten zu beginnen — entsprechen werde. Der Kolonienminister antwortete, er haha noch keinen Bericht über die Frequenz des zeitweiligen Flugplatzes in Lydda erhalten. Das gesamte Problem clor zivilen Luftschifffahrt uncl der Anlage von Flugplätzen wird vom High Commissioner geprüft. Im Anschluß daran entwickelte sich noch ein Frage- und Antwortepiei zwischen clem Minister und dem Abgeordneten Colonel Wedgwood, der clie Anlage des Flughafens mit der Verlegung des Eisenbahnknotenpunktes von Ludd nach Tel-Aviv in Znsamenhang gebracht wissen wollte und, auf die Vorteile eines einer großen Eisenbahnstation benachbarten Flugfeldes hinwies. Der Kolönienminister erklärte, diese Erwägungen seien wohl bei der Auswahl eines Flugplatzes mit maßgebend, doch müsse auch die natürliche Bodenbeschaffenhoit berücksichtigt werden. Es sei ihm bekannt, daß die Herstellung eines Eisenbahnknotenpunktes bei Tel-Aviv; von einer lokalen Kommission vorgosoblagen wurde; diesen und anderen Vorschlägen der Kommission würde seitens des High Commissioner und des Ministers sorgfältige Beachtung geschenkt werden. Er warte jetzt aiui die Meinungsäußerung cles High Commissioner. Auf eine Anfrage von Colonel Wedgwood, betreffend clie Verteilung des Steuerer trags in Jerusalem im letzton Jahre auf Grundsteuern und städtische Umlagen mit Ausnahino der Wassertaxe, erklärte der Kolonienmlnister, er werde die nötigen Informationen vom High Commis-i sioner ei ruh ölen. Der Wunderrabbi von Radom gestorben Warschau, 21. Juni. Rabbi Elieser Awimolech Rokeach, der Wmulerrabbi von Radom, ein Mitglied der berühmten Rabbiner-Dynastie von Kozenitz, eines Zweiges der Beizer Dynastie, ist gestorben.