Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 336 (16.3.1934)
- Date
- 1934-03-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 336. — 16. März 1934 DIE STIMME Seite 3 Die Sitzung des Aktions-Komitees Die Tagung des Aktionskomitees wird im neuen Amtsgebäude der Exekutive in Jerusalem (Rchavia) abgehalten werden. Sie wird Sonntag, den 25. März, um 7 Uhr 30 abends, mit einer feierlichen Sitzung eröffnet werden, die der Ehrung des Andenkens des verstorbenen Vorsitzenden des Aktionskomitee«, Leo Motzkin, gewidmet sein soll. Die Geschäftssitzung wird Montag, den 26. März, um 3 Uhr nachmittags, beginnen, um den Teilnehmern, die erst am Montag früh in Palästina eintreffen die Beteiligung zu ermöglichen. Die von der Exekutive bekanntgegebene Tagesordnung sieht folgende Punkte vor: 1. Politische Lage (Berichte der Exekutive in London und Jerusalem). 2. Tätigkeit der Exekutive in Palästina. 3. Innere Lage in der Bewegung Zu diesem Punkte wird ein Bericht über die Entwicklung der Organisation seit dem Kongresse, die Beziehungen der Teile der Bewegung zueinander und zur Exekutive usw. erstattet werden. In diesem Zusamhange wird auch ein Antrag behandelt werden, der von Aktionskomitee-Mitgliedern aus der Misrachi-Fraktion wegen Abberufung der Exekutive laut Par. 49 b des Organisationestatuts gestellt wurde. Diese Bestimmung lautet wie folgt: „Das Aktionskomitee ist berechtigt, in einer Sitzung, in der mindestens drei Viertel der gewählten Aktionskomitee-Mitgliedern anwesend, beziehungsweise vertreten sind, mit einer Dreiviertelmehrheit der Anwesenden die Exekutive abzuberufen und eine neue Exekutive an ihre Stelle zu wählen, wobei der Exekutive das Recht des Appells an einen außerordentlichen Kongreß zusteht. Ein solcher Beschluß ist nur möglich, wenn der betreffende Antrag in der Tagesordnung der Sitzung ordnungsgemäß angekündigt wurde.“ 4. Antrag des Misrachi betreffend religiöse Forderungen. Die Misraohi-Organisation wünscht dem 'Aktionskomitee Anträge in bezug auf seine religiösen Forderungen zu unterbreiten. Abgesehen von einer Forderung (Sabbath- Klausel in den Siedlerverträgen), die inzwischen auf Beschluß der Exekutive vom Keren Kajemeth und Keren Hajessod angenommen wurde, bezieht sich der Antrag des Misrachi im allgemeinen auf dieselben Forderungen, die in der Deklaration enthalten waren, die vom Vertreter des Misrachi in der Schlußsitzung des 18. Kongresses abgegeben wurde. 5. Berichte und Vorschläge über die Ausführung von Kongreßbeschlüssen. Bei diesem Punkte wird sich das Aktionskomitee mit der Diskussion und Beschlußfassung über einige vom 18. Kongreß gefaßten Beschlüsse zu beschäftigen haben, die dem Aktionskomitee zur weiteren Durchführung überwiesen wurden. (Hiezu möchten wir neuerlich fragen: Wurde tlie vom Prager Kongreß eingesetzte Kommission für Organisation und Propaganda und die vom selben Kongreß eingesetzte Statutenkomanission bereits konstituiert? Die Red.) 6. Frage des jüdischen Weltkongresses. Einem vom Aktionskomitee boi einer früheren Tagung ausgesprochenen Wunsche gemäß soll die Frage des jüdischen Welt- . kongresses diesmal Gegenstand einer ein- 1 gehenden Aussprache im A. C. sein. 7. Formelle Angelegenheiten betreffend zionistische Sonderverbände. 8. Neuwahl eines Vorsitzenden des Aktionskomitees. Das Aktionskomitee hat die traurige Pflicht, einen Nachfolger für don seit der letzten Sitzung verstorbenen Vorsitzenden, Leo Motzkin, zu wählen. Wer wenig Zeit oder wenig Talent hat, bann jetzt doch Hebräisch, lernen! Auf 170 Seiten Text, Taschenlexikonformat, lehrt „Hebräisch — leicht gemacht“ in Transkription und hebräischer Druck- sowie Schreibschrift neben Grammatik etwa 2000 Vokabeln! Nur gegen Vorauszahlung, kartoniert, m. b. H., Wien, VI., Capietrangasee 2. 8 7.20 InkL Porto im Inlande. PAG r. Gon« Di^ludenfrag^m „Einen ungeheuerlichen Versuch, mit dem Bajonett Buchhaltung zu führen, stellt der letzte Weltkrieg dar. Ungeheuerlich sowohl in der Aufmachung als auch im Zusammenbruch der Idee.“ Diese zwei Sätze stehen in einem leider zu wenig beachteten Buch von Andreas Freiherr von Veitschberger, erschienen 1933 im Saturn-Verlag Wien-Leipzig. Das Buch heißt „Der Staat auf Aktien“. Der Autor vertritt die Anschauung, „daß alles, auch der Staat, letzten Endes nichts anderes ist als eine Frage von Soll und Haben“. Veitschberger will an Stelle der Politik das Hauptbuch setzen. „Die politische Demokratie als Grundlage staatlicher Formgebung“, schreibt Veitschberger, „zeigt nach und nach alle Merkmale einer ebenso gewaltigen als gewalttätigen Illusion“, und er verlangt: „Man zerlege das Soll und Haben des Staates in Anteilscheine, damit jeder schwarz auf weiß sehe, wieviel er darf und was er muß. Dann wird auch die Illusion der politischen Demokratie nicht mehr störend wirken und das tun, was alle Illusionen bisher immer getan haben ... leise sterb e n.“ Es würde den Rahmen des uns zur Verfügung stehenden Raumes sprengen, wollten wir den „Staat auf Aktien“ schildern, dessen Aktionäre seine Bürger sind. Wohl aber sei zunächst vermerkt, daß es sich um ein originelles, lesenswertes Buch handelt, das in einer ungewöhnlich lebendigen und fesselnden Sprache geschrieben ist. Das sollen einige Beispiele erläutern, bei deren Lektüre sicher unsere seinerzeitigen Lehrer für Geschichte aus der seligen Gymnasiumzeit aus dem Häuschen geraten würden. „Als das Kleingeld wieder einmal knapp zu werden begann, hielten die Römer Umschau nach wertbeständigen Valuten und | ^jjStaa^^Aklien^ es auch. Daß seine Generale in Fontainebleau herzzerbrechend weinten, war begreiflich — die guten Zeiten waren endgültig vorüber. Das Volk von Frankreich weinte nicht. Als Kapoleon am ersten Tage der Schlacht bei Waterloo beinahe siegle, da fiel in Paris die französische Rente merklich. Und als der Empereur am zweiten Tage entscheidend geschlagen war, da stieg sie wieder." * Veitschberger behandelt auch kurz die Judenfrage, und zwar aus dem Grunde, weil sie ihm im „Staat auf Aktien“, als dessen Grundgedanke er „das unpolitische, solidarisch empfindende Zusammenwirken aller Staatsbürger zur Erreichung einer wirtschaftlichen Prosperität“ bezeichnet, als einen störenden Faktor ansieht. Antisemitismus ist für ihn „eine durchaus wirtschaftlich bedingte, gegen den erfolgreichen Konkurrenten gerichtete Bewegung, die, zu Zeiten totgeglaubt, doch immer wieder in Krisenzeiten von neuem aufersteht“, und er meint: „Wie oft wurden vielversprechende Anfänge einer Verständigung durch hungrige Mägen und leere Taschen kompromißlos unterbrochen? Solange es eben für alle langte, war auch der Herr Pollak ein ,netter KerV, und wurden die Zeiten schlecht, so war er wieder ,der Jud‘“ Der Autor findet nun die Lösung der Judenfrage im Zionismus, aber in höchst eigenartiger Weise. Er ruft aus: „Man schaffe die staatspolitischen. Vorbedingungen, um Palästina zum Heimatland aller Juden zu erkläre n!“ und macht folgenden Vorschlag: Alle Juden der ganzen Welt werden Bürger eines zu schaffenden palästinensischen Staates. Vor ihrer zumindest teilweise Wiedervereinigung in dessen Territorium blei- Frage „mit Erfolg erst dann angeschnitten werden, wenn die Kassen* bestände dieses vorläufig nur auf Evidenzhaltung beruhenden Reiches groß genug sind, um eventuellen Widerständen gegenüber ohne Gewaltanwendung der Stärkere zu sein.“ Der Sitz dea Staates könnte nach Veitschberger einstweilen ebensogut Wien, Rom oder Jerusalem sein, jedenfalls in einem vertragsmäßig zu sichernden „politischen Freihafen“, in dem sich die jüdischen staatlichen Ämter befinden würden, „etwa analog dem Vertrag Vatikan-Rom“. Und Veitschberger schließt sein Kapitel über die Judenfrage wie folgt: „Die Lösung der Judenfrage auf dem Umweg über eine nationale Hauptbuchhaltung seiner Wirtschaftspotenz und eine zuverlässige Inventur seiner Volksziffern ist der einzig gegebene Ausweg. Je eher man ihn beschreiten wird, desto besser.“ * So spricht ein unerbittlicher Oberbuchhalter. Das ist nicht ironisch gemeint. Veitschberger, der, wie eingangs bemerkt, an die Stelle der Politik das Hauptbuch setzen und die „Wirtschaftsdemokratie“ in der ganzen Welt verankert sehen will, glaubt, auch die Judenfrage auf wirtschaftsarithmetischem Wege lösen zu können Er löst die Judenfrage wie einen Buchhaltungsfall. Selbst wenn Veitschbergers Soll-und-Haben-Demokratie zu verwirklichen wäre —* dazu müßte man der ganzen Menschheit sozusagen Wirtschaftsgehirne einsetzen —9 wären wir mit ihm nicht einverstanden. Wir glauben zunächst nicht daran, daß es in der „Wirtschaftsdemokratie“ keine „Politik“ geben würde. Aber auch dann, wenn wir diesbezüglich im Irrtum wären, geht es nicht an, die Judenfrage in das Prokrustesbett der Wirtschaft zu zwängen. Würde die Judenfrage nach Veitschbergers Rezept gelöst werden, dann würde des Autors Buchhaltung in Unordnung geraten. Dieses Siegel bürgt... daß Kunero! streng rituell erzeugt wird und daher auch für Strenggläubige ohne Bedenken für die Zubereitung von Osterspei^en verwendet werden kann. Kunerol ist ein völlig reines Pflanzenfett, nahrhaft, leicht verdaulich und fast unbegrenzt haltbar. Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt KUNEROI! 100% REINES KOKOSNUSSFETT Nur echt in Originalpackung. 9 fanden solche unter anderen in Karthago. Unglücklicherweise zerstörten sie dabei Karthago so gründlich, daß diese so schneidige Devisentransaktion kein zioeitesmal gemacht werden konnte.“ „Solange Kapoleon mit dem Golde Oberitaliens die französische Staatsbank flottmachte, Europa gründlich brandschatzen konnte, war er der große ,Empereur'. Eines Tages aber war in Europa nichts mehr zu •plündern, das sagenhaft reiche Rußland erwies sich als brennendes Schneefeld, und da nun Frankreich mit eigenem Geld und Blut die weiteren Kriege finanzieren sollte, war es plötzlich vorbei mit der Resonanz im Volk. Mit unserem eigenen Geld einen Krieg finanzieren? Kein, großer Kapoleon, dafür danken wiri sagte Frankreich und dabei blieb ben sie als vollberechtigte Staatsbürger in dem jeweiligen Lande und werden von den Gesandtschaften Palästinas vertreten. Für den Paß zahlen sie eine Jahresgebühr von 10 Goldfranken. Veitschberger glaubt, daß etwa 6 Millionen diese Gebühr werden zahlen können, wonach dem neuen Staat 60 Millionen jährlich zur Verfügung stünden. Ein Drittel hievon wird er für seine Verwaltung brauchen und zwei Drittel für Kolonisationszwecke verwenden können. „Bleiben noch immer 40 Millionen Goldfraukeu pro Jahr, genug, um im Laufe der Jahrzehnte die, Grenzen der Kolonisation bis zura.Tigris vorzutragen.“ Da ist ja Jabotinsky geradezu ein Defaitist und. „schlechter Advokat“ im Zionismus! Für Veitschberger kann die territoriale Bei den Juden würden die Umbuchungen nur anfangen und dann ungeahnte Kreise ziehen. Die Tschechen zum Beispiel würden Lust bekommen, ihre Deutschen nach Deutschland umzubuchen. Die Jugoslawen würden es dann gern ebenso mit ihren Italienern tun usw. Jede Volksbuchhaltung mit Minoritätenkonto würde in Unordnung geraten, und dio Wirtschaftsdemokratie wäre der Anlaß zum Auftauchen unzähliger transitorischer Konten. Der dadurch angerichtotc Wirrwarr wäre das Ende jeder Wirtschaft und dio entstehende Völkerwaudarung gigantisch und verheerend. Bei allem Ernst, der aus Veitschbergers Hypothesen spricht, ist das Loch in der Rechnung klar zu erkennen. Ohne Politik geht es auch beim Buchhalter, beim Kauf-