Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 335 (13.3.1934)
- Date
- 1934-03-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nt. 838. — 18. März 1934 DIE STIMME Seite 5 Der tolle Tag von Tel-Aviv Von unserem palästinensischen Sonderberichterstatter Am 13. Ada.r 5694 erließ die Polizei von Jerusalem eine Bekanntmachung, in der sie lio jüdischo Bevölkerung der Stadt aufforderte, vor der Reise nach Tel-Aviv dio Kcnster und dio Türen recht gut zu schließen, um cs den Herren Dieben nicht allzu leicht zu machen. Denn daß die meisten Juden der Ötadt den Purimtag in Tel- Aviv verbringen, das ist eine ausgemachte Sache, genießt doch der Purim von Tel- Aviv nun schon Weltruhm. Wie sollte man, wenn er gefeiert wird, in Jerusalem, zwei Autobusstunden entfernt, ruhig hinterm Petroleumofen hocken bleiben. Am Vorabend, genauer gesagt: am Vornachmittag zwängten sich Hunderte im Autobusbahnhof der „Eged“, alle fünf Minuten brauste ein Benzin schiff ab, beladen, überladen mit Menschen, sauste, Kurve um Kurve, gerüttelt, geschüttelt, durch die gebirgige frühlingsgrün leuchtende Landschaft hindurch, der blauen Küßte entgegen, ihrer ewig wachsenden Großstadt zu und in ihr frohestes klingendstes Fest mitten hinein. Mitten hinein! Plötzlich, es ist schon im Lichtmeer Tel-Avivs, fängt der Chauffeur mächtiger an zu hupen als je auf der kamelhetrotteten Landstraße. Plötzlich ist er von allen Teufeln des Lärms besessen, knallt es doch, wenn er hupt, gleichzeitig aus hundert, aus tausend Pistolenläufen heraus, der Lärm gilt Haman, dem seligen, unseligen Bösewicht. Das Kommando zum Geknall mid Gehup kommt aus Lautsprechern, die auf Bäumen montiert sind. Die Leitung der Lautsprecher führt in die große Synagoge, in der die „Megille“ verlesen wird, das Buch Esther, die Geschichte des Juden Verfolgers Haman, der durch Esthers weibische Klugheit und durch Mordechais Mut niedergerungen wurde. Auch in der Synagoge selbst wird, wenn Hamans Name fällt, geschossen, und er fällt sehr oft, um den Vorbeter herum die Pistolen, im Saale die Pistolen, auf der Empore dio Pistolen — Haman: burnbum, Haman: bumbitm, immerzu bekommt der Verbrecher ein paar geknallt, es ist eine Lust zu schießen. Dae also ist die Megille, eines der siegkräftigsten Lieder aus dem sonst so tragischen Liederkranz des zähen Volkes, und dae sind die Tausende, die in den Straßen von Tel-Aviv das Lied sich lautsprechen lassen, Hamans Namen stets mit Flüchen und Knallen begleitend, und das ist unßer Chauffeur, dem nichts Besseres und nichts Schlechteres ein fällt, als in die Siegesmusik mit schmetternder Hupe einzufallen: Platz da! Der junge Judo kommt! Haman: tatü; Haman: tatü! Kaum ist die Tempeifeier beendet, stehen die Sohaoispioler vom Arbeitertheater „Ohel“ auf dor Bühne, aber nioht auf einer der üblichen der Stadt, sondern auf eher gewaltigen festlichen, die, der Oper gegenüber, unter freiem Himmel eigens für diesen Tag errichtet worden ist: „Die Bühne der Königin Esther“, straßonbreit, haushoch, orientalisch bunt, ein gewaltiger Treppenaufbau, märchenhaft überleuchtet, von einer Itiosonfigur der gefeierten Königin gekrönt. Dio Künstler bringen zwei Szenen aus der Megille zur Darstellung. Vor ihnen, unten, das Parkott der Straße, und, wie Logen, die Balkono der Häuser, Tausende, Tausende. Und die Logen singenl Und das Parkett tanzt! Das Horrah-Ficber packt dio Stadtl Ein Stück Geschichte lobt für ein paar Minuten auf den Blumenbrettern, aber unten lebt für diesen ganzem Abend, für diese ganze Nacht lachend und jubelnd jüdische Gegenwart, jüdische Freude: dios ist unsor Land, unsere Heimat ist dies. So wird getanzt, so wird gesungen, dies ißt gemeint zu Füßen der Königin Esthor, unter humorvoll bemalton Torbögen und unter dem strahlenden Glanz vön zehntausend Lampen, die in Kotten über dio Straßen funkeln. Vom Opernplatz wandern dio Massen dio lange Aüenbystraße hinauf, im dichtesten Gedränge blldon sloh immer wieder tanzende Kreiso, singende, springende, jubelndo Kreise, Kreiso der Tollheit, dor Ausgelassenheit und des strahlonden Glückes der Jugend: Adlojadah! Adlojadalil Purim bis zur Bewußtlosigkeit- Bis zur Bewußtlosigkeit. Und bis in den frühen Tug hinein. Ein leichter Wind briselt das Meer. Die Palrnonflnger zucken im Hauch des Morgens. Jetzt erst schlafen die Tel-Aviver ein und dio Jerusalemer in Tel-Aviv, die Haifaer in Tel-Aviv, das ganze Land ist heut in Tel- Aviv, jedes Hotel, jede Wohnung von Gästen überfüllt. Wer hütet heute daß Land? Ain jungen Tag erwachen die Kinder als erste. Der Morgen gehört ihnen, ihnen allein. Wer zieht heute ein „richtiges“ Kleid an? Hundertmal läuft, seideumknistert, in Krinoline oder Stilkleid, die schöne Königin Esther dem Opernplatz zu, dio goldene Krone schmückt das Haar. Räuber, Polizisten und Generäle werden die Jungen«, oder Harlekine, oder Phantasiegestalten. Wessen Eltern kein Geld haben, dessen Phantasie ist am größten. Vaters Hose, Mutters Kopftuch verzaubern noch immer jedes Kind. Einer bewundert das andere — bis wieder alle Blicke von den Vorgängen auf der Esther-Bühne gefesselt werden. Chöre singen Lieder, Tänzerinnen führen ihre Kunst vor, Trompeten fanfaren in die Ferne. Alle Treppen und Fenster besetzt, die Dächer von Menschen wie mit bunten Girlanden bestickt, und im Geäst der Bäume hängen Knaben wie Dolden. Wie die Vorstellung zu Endo ist, rühren sich nur wenige vom Platz. Denn bald sammeln sich auf ihm die Teilnehmer des gewaltigen karnevalistischen Festzuges, und auch all die Straßen, die der Zug durchziehen wird, säumt an den Seiten, in allen Fenstern, auf allen Bäumen, Gerüsten, Baikonen und Dächern eine erwartungsvolle Vielta.uscndschaft. Fahnen, Kostüme, bunt das Kleid der Stadt. Aller Augen trinken den farbigen Überfluß dos Vergnügens, aller Ohren erfüllt Lautsprechermueik, niemand sieht ihre Quellen. An der Spitze des Karnevalzuges reitet nach alter Tradition Meir Dizengoff, der siebzigjährige Bürgermeister der Stadt, einer ihrer Gründer, ihr Propagandagenie, und neben ihm Jakob Schapiro aus Petach- Tikwah, der ältesten jüdischen Weinbauern einer. Man bejubelt das junge Alter, neugierig drängt und unablässig, von hinten geschoben, der Zuschauerrand der Straßenmitte zu. Die Polizei hat Mühe, die Fahrbahn freizuhaften. Diese Polizei! Sie lächelt, der Trubel kann noch so groß sein, sie lächelt. Lächelnd bewacht Jizchak Lewy, Wachtmeister von Machne Jehuda in Jerusalem, der heute hier Dienst tut, eine rassige Themanerin, die, in der ersten Zuschauerreihe stehend, ihr Kind stillt, als wäre der tiefste Frieden um sie, nicht das Gewoge der Neugier von Zehntausenden hinter ihr, nicht der tosende Festzug vor ihr. Dem Bürgermeister und dem Bauern folgt die Geschichte Israels, die oft eher als Festzug Feldzug, Trauerzug und Tränenzug war. Die zwölf Stämme: hinter goldglänzenden Zelten Hohepriester und Soldaten, die Opferwidder nicht vergessen, aber auch friedliche Herden, Schafe und Kamele. Gestalten anis der Megille, die historische Er- PriiszynskI über Zionismus Warschauer Brief unseres Korrespondenten Die letzte Rüdgetsesßlon im polnischen Sejm hat eine große Judendebatte entfesselt und die Diskussion wurde auch in interessanten Zeitungsartikeln fortgesetzt. Bemerkenswert ist hiebei ein Artikel des Palästinaforschers Ksawery Pruszyüs k i, welcher das boste Palästinabuch des Jahres 1933 geschrieben hat. Es mögen hier einige seiner Äußerungen folgen: „Die Reibungen, welche zwischen uns (Polen) und den Juden bestehen, dürfen nicht allein vom Standpunkte der Berufskönkurrenz betrachtet werden. Die Ursachen liegen viel tiefer. Diese Reibungen verursacht die Assimilation, welche die Juden in literarische und schöngeistige polnische Zirkel führt. Man kann diese Tatsache bedauern oder sie günstig beurteilen, aber man kann das nioht verneinen. Diese Reibungen vertieft und verschärft jede Nachricht aus dem Gerichtssaal, insbesondere über den polnischen Kominunistenprozeß, denn es ist schon eine Sensation, wenn unter 20 Angeklagten sich ein Nichtjudo befindet. Der Bolschewismus ist aber vom Standpunkt der polnischen Staatsidee Hochverrat. Hier liegt der Kernpunkt der Judenfrage in Polen, wie er übrigens teilweise auch in Deutschland und im Jahre 1918 in Ungarn gelegen ist. Diese Kommunisten stammen aber eben aus den Kreisen der assimilierten, und zwar linksassimilierten Juden. Die Zionisten hingegen verneinen die Möglichkeit der absoluten Assimilation, sie proklamieren das Judentum, als besondere Nation mit eigenor Kultur und Literatur, Die Zionisten lioforn absolut kein Material für Aktionen, welche gegen den Staat gerichtet sind, sondern bejahen im Gegenteil die polnische Staatsidoe. Dio zionistische Propaganda und nicht die Angst vor dom Gefängnis entroißt den jungen Juden, der Kommunist war, Len ine Thoorie und zieht, ihn zur Zionsidoo heran. Dio Zionisten wollen aus tausend Gründen, welche hier nicht näher erörtert werden sollen, da« jüdischo Nationalgofllhl stärken und olno Front gegen unsere politischen feinde bilden, die polnischen Nationaldemokraton, dio bis jetzt das jüdische Ghetto beherrscht haben. Pruszyrtskt richtet die Aufmerksamkeit auch darauf, daß jedo politische Bewegung, also auch die jüdische Emanzipationsbewegung, ednen eigenen Heldentypus schafft. Dieser Heldentypus hat einen mehr oder weniger ethischen Charakter und ist mehr oder weniger edel. „Ich bin fest überzeugt, daß das Heldenideal entweder die Menschen der Bewegung erhöht oder moralisch erniedrigt, je nach seiner Art. Im polnischen Volke kann unzweifelhaft festgestellt werden, daß diejenigen Menschen, welche zur Unabhängigkeitsbewegung gehört - haben, besser, edler und moralischer waren, als diejenigen Leute, welche mit den Unterdrückern des polnischen Volkes Hand in Hand gingen. Wenn wir zur Betrachtung der jüdischen ideologischen Bewegungen zurückkehren, wird es nicht schwer sein, zu konstatieren, welches Heldenideal moralisch höher steht und seine Anhänger hinauf- und nicht hinunterzieht. Steht denn der Kommunist höher, welcher heute im Gefängnis schmachtet und die Hoffnung hegt, daß er einmal Rache nehmen wird, oder der assimilatorische Karrierenjäger, der das Judentum als eine ihn behindernde Last abwirft? Nein und abermals nein. Diesen typischen Gestalten soll der heroische Zionist entgegengesetzt werden, welcher Jahrhunderte alten Sümpfe in Palästina entwässert, um neuen Boden zu gewinnen für künftige Kolonien, welche er selbst vielleicht niemals erleben wird, der sein Leben opfert für ein neues jüdisches Palästina. Das sind die Heldengestalten, welche das Muster und Ideal des neuzeitlichen Ghetto formen. Pruszynski faßt das polnische Staatsintoresse am Zionismus in folgenden markanten Sätzon zusammen: „Der Staat muß in jeder Gesellschaft, welche er umfaßt, sieh auf diese Elemente stützen, doren Idoen, Heldon und Anhänger in ethischer und moralischer Beziehung wertvoller sind als allo Übrigen. Das trifft insbesondere dann zu, wenn diese Elomento sowohl politisch als auch rein ziffernmäßig dio Oberhand besitzon.“ Pruszynski ist ein entschiedener Gegner einer Staatspolitik, wolcho in der Judenfrage sieh auf labile und unterwürfige, ideologisch nicht durchgebildete, mit einem Worte assimilatorische Elemente stützt. Pruezynski hat mit seinen klugen Worten eine schwerwiegende Entgleisung eines führenden politischen Mannes im Sejm wieder gutziunaohen versucht. Dr. A. F r i e d m a ri n. innerung des Tages soll immer wieder Bild werden. Verkörperungen aus der jüdischen Gegenwart, auf jedem Festzugsauto eine Gruppe, riesige hebräische Blockbuchstaben erläutern die Symbole. Russische Juden, um eine Synagoge gruppiert, aber dio Synagoge ist geschlossen, die Sowjets haben einen Klub aus ihr gemacht. Arme polnische Juden, die ihre amerikanischen Verwandten um Hilfe bitten, die Bitt-briefo halten sie in der Hand. Die Briefe kommen an — nächste Gruppe — in einem wirtschaftlich ruinierten Amerika: der reich© Onkel kann kaum helfen. Doch nun kommt das große Aber des Feßtzugcs: Palästina, Erez Israel. Witzige Kritik fehlt nicht: der Sprachturm zu Babel, die Qual der Wohnungsnot, und dann „Palästina, wle’s die Engländer wollen“: eine Riesenkith, die dauernd gemolken wird und unablässig ihren Segen in die „Treasury“, den Staatssäckel, fließen läßt. Das Gesicht der Wirklichkeit des Landes: der Orthodoxe neben dem sozialistischen Arbeiter, der Geschäftsmann neben der Genossin der Kwuzzah. Die Kommenden: auf einem der Festzugswagen „die innere Allijah“, lauter hübsch© Kinder, im Lande geboten, die Einwanderung, gegen die selbst die strengsten Beamten im Immigration-Department machtlos sind, es gibt doch noch kein Gesetz gegen die Liebe. Musik! Musik! Ist der Zug zu Ende? Abgeechnitten? Wagen sind nicht mehr zu sehen, die Wogen der Freude schlagen weiter durch die Straßen der Stadt, die Stadt singt, die Stadt tanzt. Ein Taschendieb wird festgenommen, man ist tief betroffen, aber dann stellt sich heraus, es ißt Gott sei Dank kein Jude, sondern ein Türke, nun kann man also beruhigt noch lange nicht schlafen gehen. Ein Bettler verfällt ins traute Jiddisch der alten Heimat: „Haint is Purim, morgen äuß, gibt mir an Groschen, tragt mir heräus!“ — Alle rufen, feiern, lachen, singen, tanzen, draußen am Meer .lodert ein Freudenfeuer hoch, auf Bällen drehen sich nebeneinander Smoking und Rübaschka, Wiener Modell und Arbeite rkluft, Kostüme flitzen durch die Straßen, geknallt wird auf Haman komm raus: Purim adlojadah — bis zur Bewußtlosigkeit! Denn der alten Tradition zufolge soll man an diesem Tage trinken, bis mäii nioht mehr unterscheiden kann zwischen Haman und Mordechai... Aber man kennt ja die Juden. Sie erreichen den Rausch ohne einen Tropfen! Alkohol. Ego. PilsudsM besucht Palästina Warschau, 9. März. Marschall P i 1 s u d s k i tritt demnächst eine Erholungsreise nach Ägypten an. In dem Programm ist ein Besuch in Palästina vorgesehen, und zwar wird der Marschal! einen Tag inTel-Aviv und einen Tag in Jerusalem weilen. Englische Zionistenführer bei High Commtssioner Jerusalem, 8. März. Der High Commiseioner General Sir Arthur Wauchope empfing den Vorsitzenden der Exekutive der Englischen Zionistischen Föderation Rev. J. K. G o 1 db 1 o o m, den Ehrensekretär der Föderation Rev. M. L. Perlzweig und das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency Mosche S h e r t o k. Goldbloom und Perlzweig übermittelten dem High Commissioner die Gedanken und Gefühle der englischen Zionisten, insbesondere hinsichtlich der Bedeutung Palästinas für die Position der Juden in den Diasporahländern. 2000 Jahre alte Bibel? Rom, 5. März. Wie das Institut „De Propaganda fide“ mitteilt, hat ein arabischer Antiquitätenhändler in Istambul dem dortigen Staatsmuseum ein Bibelexemplar zu») Kauf angebotcu, das 64 große Pergamentblätter mit handschriftlichen Aufzeichnungen enthält. Nach dem Urteil von Experten soll diese Bibol etwa 2000 Jahre alt sein. Eine Kommission wurde mit dem Studium der Handschrift betraut.