Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 335 (13.3.1934)
- Date
- 1934-03-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit© 6 OIE STIMME Nr. 335. - 13. März 1934 AUS DEM DRITTEN REICH wmmmmmmmmmmmmmmmmmm Die liidischen Rechtsanwälte Hamburg, 5. Marz. Das Hamburgisohc Oberverwaltungsgericht hat die Klage eines früheren jüdischen Rechtsanwalts, in der dieser die auf Grund der neuen Ariergesetzgebung erfolgte Entziehung seiner Zulassung als den Bestimmungen der Reichsverfassung widersprechend angefoohten hatte, e n d g ü 11 i g ab gewiesen. Im Urteil stellte das Gericht fest, daß in der Verwaltung eine ständige Weiterentwicklung stattfinde, die eine Neugestaltung der Dinge erforderlich mache. Man könne nicht annehmen, daß Reich und Länder gehindert sein sollten, im Wege der Gesetzgebung das Notwendige beizeiten zu tun. Was die Frage anlangt, ob die Reichsverfassung noch gelte, so könne sie im vorliegenden Falle offen bleiben. Auf der einen Seite liegen keine Gründe vor, die ihre weitere Geltung schlechthin unmöglich erscheinen lassen, auf der anderen Seite könne die Gültigkeit nicht unterstellt werden. ★ Das Gesetz zur Entrechtung der deutschen Juden Berlin, 8. März. Das von der nationalsozialistischen Regierung bereits im Juli 1933 angekündigte Gesetz über die neue deutsche Bürgerschaft, das auch den legalen Status der deutschen Juden festsetzen wird, wird noch vor Ostern 1934 iherauszukommen. Nach den bisher vorliegenden Informationen wird das Gesetz das jetzt im Innenministerium ausgearbeitet vorliegt, in Übereinstimmung mit dem nationalsozialistischen Parteiprogramm zwei Kategorien von Bürgern statuieren: vollberechtigte Bürger, die auch an politischen Wahlen teilnehmen, und Bürger zweiter Ordnung, denen alle politischen Rechte vorenthalten werden. Von den Juden werden nur diejenigen Bürgerrechte haben, die ihre Abstammung auf Ahnen zurückführen können, die schon im Jahre 1812 in Deutschland wohnten und auch in Deutschland geboren wurden. Das Jahr 1812 wurde gewählt, weil in diesem Jahre die in Deutschland lebenden Juden sich Familiennamen zulegten, die in den Gemeindematriken registriert wurden, wodurch eine Kontrolle erleichtert wird. Es ist auch schätzungsweise schwer anzugeben, wie vielen Juden in Deutschland der Nachweis, daß ihre Ahnen 1812 als Deutschgeborene in Deutschland wohnten, glücken wird; vage Schätzungen gehen dahin, daß es kaum der Hälfte der deutschen Juden gelingen wird, einen solchen Nachweis zu erbringen. .Viele jüdische Familien sind bereits eifrig mit der Nachprüfung ihres Stammbaume© beschäftigt. ★ „Kongreß der Judenkenner** Berlin, 8. März. Der „Völkische Beobachter“ berichtet: Wie wir hören, findet der diesjährige Frühjahrskongreß der Judenkenner aller Länder vom 14. bis 17. März nicht, wie geplant, in Marseille, sondern in der Südschweiz bei Bellinzona statt. Die Zusagen sind zahlreicher als in den früheren Jahreri. ★ „Die Juden werden nicht wissen, wo der nächste Hieb auf sie fällt“ Berlin, 9. März. ' Der Regierungspräsident von Schlesien, Brückner, erklärte in einer in Oppeln gehaltenen Rede, Deutschlands politische Arbeit sei nun so gut wie beendet, nicht aber die wirtschaftliche. Aber, fügte er hinzu, wir werden unsere wirtschaftspolitische Arbeit in einer Weise fortführen, daß kein Jude vorher wissen wird, wo der nächste entscheidende Hieb auf ihn fallen wird. * „Wir freuen uns, mitteilen zu können. Karlsruhe, 9. März. Die .Verwaltung 'des Kurortes Rheinf©Iden in laden gibt bekannt: „Wir freuen uns mitteilen zu können, daß kein einziger jüdischer Gast mehr in unserer Stadt weilt.“ ★ „Man wird ln Deutschland nicht eher ruhen, Amsterdam, 9. März, Der Berliner Korrespondent von „Het Handelsblad“ (Amsterdam) schreibt unter anderem: „Man wird in Deutschland nicht eher ruhen, bis man dem deutschen Juden jegliche Möglichkeit, gleich auf welchem Gebiet sein Brot zu verdienen, genommen hat. Und obwohl er noch heute deutscher Staatsbürger ist und man bei der Entziehung der Länderzugehörigkeit mit den Juden keine Ausnahme gemacht hat, sind die Juden doch tagtäglich darauf vorbereitet, daß ihnen ihre Reichebürgerschaft genommen wird und sie zu Ausländern gestempelt werden.“ ★ Ein alter Jude schreit •,, Saarbrücken, 9. März. Ein politischer Gefangener berichtet aus Reichsdeutschland der Saarbrückener „Deutschen Freiheit“ über seine Erlebnisse in dem humansten deutschen Gefängnis, wo man ausnahmsweise nicht gemartert wird. Er fährt dann fort: „Ich war aber Zeuge einer seelischen Qual, die man nie vergessen kann. Einmal wurde bei uns ein 68jähriger Jude eingeliefert, ein Händler in einem Dorf. Eines Abends sammelte sich vor seinem Haue eine Menschenmenge. Es wurde gerufen: ,Heraus mit dem Juden! Schlagt ihn tot!4 Die Polizei ist nicht gegen die Menge eingeschritten. Sie hat den Juden verhaftet. Der alte Mann war besonders dadurch erschüttert, daß man ihn als Verbrecher behandelt. ,Was habe ich getan? Was habe ich getan?1 fragte er. Er hatte nichts getan. Sein .Verbrechen war, als Jude geboren und dann ein Konkurrent der anderen Geschäftsleute zu sein. Den alten Mann plagte furchtbare-s Heimweh. „Fast jede Nacht hörte ich ihn schreien. Des Alten Schrei klingt mir in den Ohren, wenn ich die-Reden lese, in denen Adolf Hitler von der Nation, von der Rasse, von der heroischen Weltanschauung usw. spricht. Ich wünschte, die ganze Welt hörte den Schrei eines alten, ohne jede Schuld gequälten Mannes.“ * Juden von der Stadtrandsiedlung ausgeschlossen Berlin, 8. März. Die „Märkische Volkszeitung“ macht darauf aufmerksam, daß das Reich voraussichtlich wieder Mittel für die Errichtung von Stadtrandsiedlungen (Erwerbslosen- und Kurzarbeitersiedlungen) zur Verfügung stellen wird. Geeignete Familienväter mögen sich daher jetzt schon um Stadtrandsiedlungen bewerben. Es werde lediglich die politische Zuverlässigkeit des Bewerbers geprüft. Neben der politischen Zuverlässigkeit werden an den Siedlungsbewerber noch folgende Ansprüche gestellt: Der Siediungsbewerber muß arischer- Abstammung sein, ebenso seine Frau. * Absetzung des Bergner-Fllms in Berlin Berlin, 9. März. Im Kinopalast Capitol fand am 8. März die Premiere des englischen Films „Katharina die Große“ mit der großen Schauspielerin Elisabeth Bergner in der Titelrolle statt. Elisabeth Bergner ist diejenige Schauspielerin, die den hohen Ruf des deutschen Theaters und des deutschen Films, mehr als jede andere deutschen Künstlerin in der Welt begründete. Zu Beginn des Hitler-Regimes mußte sie als Jüdin Deutschland, das ihr keine Wirkungsmöglichkeit, sondern nur Bedrohung an Leben und Freiheit bot, verlassen. Sie wandte sich nach England, wo sie als Künstlerin auf der Bühne und im Film — mit von allen bewunderter Energie hat Bie sich sehr schnell dem englischen Sprachelement assimiliert — groß3 Triumphe feierte. Politisch hat sie Tich niemals betätigt und ist auch in keiner .Weise gegen Deutschland, oder das jetzt im Reich herrschende System aufgetreten. Aber die Tatsache allein, daß eine Künstlerin so hohen Ranges aus Deutschland vertrieben wurde, hat dem Ansehen Deutschlands in der Welt außerordentlich geschadet. Dieser Umstand wird wohl auch der Anlaß gewesen sein, daß die nationalsozialistische Presse gegen die Vorführung ihres „Katharina“-Films, der sich bereits alle Länder der Welt eroberte, in Deutschland eine Wochen lang dauernde Hetzef iilirte, und daß vor und während der Aufführung des Films, dem auch der englische Botschafter in Berlin beiwohnte, die Berliner Nationalsozialisten einen Straßenskandal arrangierten. Mehrere hundert Personen sammelten sich auf dem Gehsteig vor der Kaiser- Wilhelm-Gedächtniskirche und vor dem Eingang zum Capitol und riefen im Chor: „W ir brauchen keine jüdischen Schauspieler! Nieder mit der Bergner!“ Ein dichtes Spalier von Schutzpolizisten bemühte sich, das Übergreifen der Demonstration auf das Theater, wohl mit Rücksicht auf die hochgestellten ausländischen Gäste, zu verhindern, was auch gelang. Nun wird offiziell gemeldet, daß der Bergner-Film abgesetzt worden ist, weil „die deutsche Bevölkerung den Film in entschiedener Form abgelehnt“ hat. ★ CentraUVerein aus dem AUgemeU nen Deutschen Sprachverein hin• ausgedrängt Berlin, 9. März. Der Allgemeine Deutsche Sprachverein hat eine Satzungsänderung vorgenommen, die dahin geht, daß „Mitglied werden kann, wer zur deutschen Volks- und Sprachgemeinschaft gehört“. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ist aus dem Sprachverein ausgeschieden. LETZTE NACHRICHTEN Die Schwarzen Listen der Elser« nen Garde .In. der Kammer erklärte Unterstaatssekretär Viktor Jamandi im Namen der Regierung auf verschiedentliche Anfragen: Es kommt nun zum Prozeß gegen die Eiserne Garde. Es handelt sich nicht um das Attentat auf Duca allein, sondern um die Aufdeckung eines großen Komplotts, das gegen Sie alle gerichtet war. Zahlreiche Schwarze Listen wurden gefunden, es gab unzählige Mordabteilungen. Man fand viele Revolver, Granaten und ähnliche Waffen. Der Prozeß wird nicht nur gegen den Mörder und seine beiden Mithelfer, sondern gegen alle Schuldigen, gegen die moralischen Urheber geführt werden. Boyhotthompiott gegen füdische Anwälte in PreBburg In Preßburger Juristenkreisen kam es zu einer peinlichen Auseinandersetzung, ' die noch ein gerichtliches Nachspiel haben dürfte. Drei junge Juristen, unter ihnen ein Advokat mit Praxis, hatten die Preßburger christlichen Rechtsanwälte zu einer Besprechung einberufen, die im Sonderzimmer eines bekannten Kaffeehauses ' stattfand. Die Einberufer stellten den Antrag, daß gegen die jüdischen Rechtsanwälte in Preßburg der Boykott ausgesprochen werde. Zunächst hat nur einer der Sitzungsteilnehmer, ein bekannter Advokat, gegen den Antrag schärfsten Protest eingelegt. Ihm schloß sich aber sofort der größere Teil der Anwesenden an. Es kam zu einer stürmischen Szene, die mit einer vernichtenden Niederlage der Versammlungseinberufer endete. Wiener Revisionisten sabotieren den Keren-Kafemeth Die Wiener Revisionisten agitieren persönlich und durch Zirkulare in Wien bei den Inhabern von Nationalfondsbüchsen, daß diese die Büchsen zurückstellen. Bei einem Samstag abgehaltenen Ball der „Judäa“ sollen Keren-Kajemeth-Sammler daran gehindert worden sein, eine Büchsensammlung durchzuführen. Auf diese skandalösen Vorfälle wird noch zurüokzukommen ©ein. Sektion XIX, Caf«, DÖbllngerhof, XIX. Beilrk, Billrothstrafle Nr. 49 Dienstag, den ij. Marz 1934, * Uhr abends Jüdische Gegenwart - Jüdische Zukunft Redner: Dr. Paul Berger, Prau Dr. Martha Hotfmann, Dir. Dr. Viktor Kellner Zionistischer Vortragshalender Dienstag, den 13. März: Bezirk 3, Sektion 3: Wiener Ring-Cafe, Stubenring 18. Eli Strauß, „Geht das Judentum unter?“. fA9 Uhr abends. Bezirk 19, Sektion 19: Caf6 Döblingerhol, Billrothstrafle. „Jüdische Gegenwart, Jüdische Zukunft“. Redner: Frau Doktor Martha Hoffmann, Dr. Paul Berger, Dir. Dr. Viktor Kellner. 8 Uhr abends. Bezirk 2, Sektion 2, und Klub Erez Israel: II., Praterstraße 13. Dr. Tulo Nußenblatt, Seminar für Zionistische Geschichte und Ideologie: „Was Theodor Herzl vorfand (Wirtschaftliche und historische Betrachtungen)“. Dieses Seminar findet jeden Dienstag um 8 Uhr abends statt. Mittwoch, den 14. März: Bezirk 2: Klub junger Zionisten, VI., Loquaiplatz 11. Dr. Fritz Morgenstern, ,,Beruf sumschichtung der jüdischen Jugend“. y29 Uhr abends. Donnerstag, den 15. März; Bezirk 13, Sektion 13, und Wizo: Hietzinger Hauptstraße 22, Cafe Hietzingerhof. Prof. Dr. Wühelni Stein, „Jakob Wassermann als Dichter und Jude“. A9 Uhr abends. Sektion 8j9 veranstaltet am Mittwoch, den 21. März 1. J., um 8 Uhr abends, eine Theatervorstellung in der Jüdischen Bühne, Praterstraße 60 (Caf6 Astor). Zur Aufführung gelangt die musikalische Komödie „Katinka von Kasrilowka“, mit Verra Kaniewska und Paul Breitmann. Das Reinerträgnis ' fließt zur Gänze einem Fonds zur Gründung eines Sektionsheimes zu. Karten zum Preise von ,S 1.— aufwärts sind bei allen Vorstandsmitgliedern und bei der Kassa und bei Frau Bauer (A18-2-76) zu haben. Zionistische Frauengruppe IX der „Wizo“. Donerstag. den 15. d. M„ 8 Uhr abends, im Cafe City, IX., Porzellangasse 1, Vortrag Doktor Z. F. Fi nke 1 s tein über „Der Zlo n i Sr mus seit dem Tode Herzls bis Weizm a n n“. Wichtig für Polenreisende! Personen, die durch das Verkehrsbüro Francopol, HI., Rennweg 1, Tel. U 16-4 90, die polnischen Kur- und Luftkurorte besuchen, erhalten das polnische Aufenthaltsvisum gratis. Nach Polen und Czernowitz findet am 28. März, %9 Uhr vormittags (Rückkunft am 16. April, 8 Uhr), eine Gesellschaftsreise der „Czemowitzer Allgemeinen Zeitung“ statt. Wenn Sie die Osterferien bei Ihren Lieben in Polen oder in der ßukowiua verbringen wollen, werden Sie wohl das Beste tun, indem Sie sich unserer Reiseorganisation anvertrauen, welche hier als erste die so beliebt gewordenen Gesellschaftsreisen nach den östlichen Nachbarländern eingeführt und Erfahrungen gesammelt hat, die es uns ermöglichen, die Reiseteilnehmer in allen Belangen zufriedenzustellem Sie fahren daher, wenn Sie bequem, angenehm und sicher reisen wollen, mit der „C. A. Z.“. Verlangen Sie unseren Prospekt, I„ Schulcrstraße 1 („Der Wiener Tag“), Tel. R 21-6-78. Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien, II., Taborstraßo 59, Tel. A 42-3-16, bittet die p. t. Arbeitgeber angesichts der Notlage der jüdischen Arbeitslosen um Anmeldung ihres dauernden oder vorübergehenden Bedarfes an qualifizierten kaufmännischen Angestellten, Arbeitern, Handwerkern und Hauspersonal aller Art bei dem angeführten Verein. Mitgeteilte Wünsche werden sorgfältigst berücksichtigt. Bezugsbedingungen: Monatlich S 1.50, vierteljährlich S 4.20, ganzjährig S 16.—. Fiir das Ausland: Deutschland vierteljährlich RM 3.—, Tschechoslowakei vierteljährlich Kö 24.—, Jugoslawien vierteljährlich Dinar 40.—, Polen vierteljährlich Zloty 6.50, Ungarn vierteljährlich Pengö 4.20, Rumänien vierteljährlich Lei 120.—, übriges Ausland vierteljährlich Schweizer Franken 4.50. Postscheck-Konti: Österreich Nummer D 113.546, Polen Nr. 191.199, Tschechoslowakei Nr. 500.230, Jugoslawien Nr. 40.879. Eigentümer, Verleger und Herausgeber: Zionistischer Landesverband für Österreich, Wien, I., Kärntnerstraße 28. — Verantwortlicher Redakteur: Dr. Rudolf Glücklich, Wien; I., Kärntnerstraße 28. — Druck: Vernay A.-G., Wien, IX., Canisiusgasse 8—10.