Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 334 (9.3.1934)
- Date
- 1934-03-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit© 6 DIE STIMME Nr. 334. — 9. Mär?: 1934 AUS DEM DRITTEN REICH „Beschränkung auf den eigenen Kreis" Frankfurt a. M., 6. März. Im Namen des Frankfurter Gemeinde- Vorstands veröffentlicht dessen Vorsitzender, Justizrat Dr. Julius Blau, im Gemeindeblatt folgenden Aufruf: „Als Leiter der Gemeindeverwaltung und in Erfüllung ihrer Aufgabe als Beraterin der Gemeindemitglieder fühle ich mich gedrängt, einige Worte der Mahnung an die jüdische Öffentlichkeit zu richten, mit der Bitte, an alle Gemeinderaitglieder ihren ganzen Einfluß aufzuwenden, um der Mahnung Gehör und Beachtung zu verschaffen. Als ich bei der Versammlung, die die Arbeit des neuerstandenen Frankfurter Jiidi sehen Lehrhauses einleitete, im Namen der Gemeinde sprach und unter Hinweis auf den Sturm, der über die deutsche Judenheit dahinbraust, mit den Worten des Propheten aufforderte, ,sich in die Kammern zurückzuziehen, bis der Sturm vorüber“, da meinte ich nicht nur die Besinnung auf unser Erbgut und seine erweiterte und vertiefte Pflege, sondern auch in gesellschaftlicher Beziehung möglichste Beschränkung auf den eigenen Kreis, sofern ein Hinaustreten nicht als durch Selbstachtung geboten oder als geradezu gewünscht sich darstelle, die Wahrung jener Würde, Haltung und Zurückhaltung, die eine der besten, wenn nicht die beste Waffe derer ist, die sich als zu Unrecht aus einer geliebten Gemeinschaft ausgeschlossen betrachten müssen. Seit dem Einsetzen des Sturmes ist beinahe ein ganzes Jahr vergangen, ohne daß die Schwere der Dinge wesentlich nachgelassen, und wenn ich auch ganz gewiß nicht behaupten möchte, daß die Gewöhnung an die Situation die jüdischen Menschen abgestumpft und sie hat vergessen lassen, welche Haltung allein dem Betroffenen geziemt, so machen sich doch vereinzelt Erscheinungen geltend, die die Gesamtheit schädigen und ihr verhängnisvoll werden können. Ich glaube, nicht auf alle Einzelheiten eingeben zu brauchen. Es mag genügen hinzuweisen auf mancherlei des Takts entbehrendes Benehmen in der Öffentlichkeit, auf ein Neid und Unwillen erregendes Zurschautragen von Luxus, auch wenn er jn den materiellen Verhältnissen^ des Einzelnen begründet sein könnte, auf Vieler mangelnde Zurückhaltung in dem Besuch von öffentlichen Veranstaltungen, wo Juden — um mich milde auszudrücken — bestenfalls nur geduldet ■werden, auf ein Übermaß in der Veranstaltung und Ausdehnung von Vergnügungen, wobei zum Beispiel das Auffahren von Autos besonders unliebsam empfunden wird und zu ungerechtfertigten Verallgemeinerungen führen muß. Schon sind in verantwortungsbewußten Gemeindekreisen Stimmen laut geworden, die ein Einschreiten kategorisch verlangen. Möge diese ernste und dringende Warnung und der Hinweis auf die gefährlichen Folgen solch unverantwortlichen und mit Recht als Mangel an Gemeinschaftsgeist empfundenen Tuns genügen, um ihm Einhalt zu gebieten.“ nach wie vor Mißhandlungen ausgesetzt sind. Manche werden gezwungen viele Stunden unbeweglich zu stehen, manche werden geprügelt. Auf manchen Zellentüren findet man Aufschriften wie „M u ß stehen!“ oder ..Strenge Behan d- 1 u n g!“ Ein Kommissar der Geheimen Staatspolizei (Gastepo) sah einen Gefangenen, dessen Gesicht deutliche Spuren von Mißhandlungen trug. Er frag: „Was ist Ihnen passiert?“ Der Gefangene antwortete: „Ich wurde geschlagen!“ Daraufhin schrie ihn der Polizeigewaltige an: „Merk' dir, du Lump, bei uns wird nicht \ schlage n.“ Prompt erwiderte der Gefangene: „Entschuldigen Sie, ich bin gefallen und habe mich dabei verletzt.“ Der Vizepräsident der Deutsch• land*Loge der Bne Brith verhaftet Berlin, 5. März. Der Vizepräsident und Geschäftsleiter der Großloge Deutschland des Unabhängigen Ordens Bne Brith, Dr. Benno Walter, ist, wie angegeben wird, im Zusammenhang mit einer Rede, die er am 8. Jänner in München-Gladbach gehalten hat, verhaftet worden. Es wird aber angenommen, daß nicht diese Ausführungen in Gladbach der Grund zu der Verhaftung sind, sondern daß die Behörden im Zuge der Aktion gegen die Freimaurer auch die Bne-Brith-Bewegung treffen wollen; die Behörden wollen nicht wahrhaben, daß die Bne-Brith-Logen nichts mit Freimaurerei zu tun haben, sondern eine rein jüdische Briiderorganisafcion ohne Geheimriten sind, deren Tätigkeit sich im Sozialen und Kulturellen erschöpft. Bereits vor mehreren Wochen wurde das Haus der Bne-Brith-Loge in Stettin von den Behörden beschlagnahmt, während die Ri- Vom Wiener Stadtschulrat konz, Jüdische Kochschule II., Hollandstraße 2 Pessoclispelsen-Schnellkurse Beginn Donnerstag, 15. März tualien usw. der Loge zur Verfügung gestellt worden sind. Seither sind in Königsberg, Nürnberg, Elbing, ALlenstein, Aschaffenburg und Kottbus die Logenhäuser samt Inneneinrichtung beschlagnahmt und die Logen selbst für aufgelöst ' klärt worden. Verhaftungen sind aber in diesem Zusammenhang nicht erfolgt. Großpräsident der Deutschland-Loge ist der Präsident des deutschen Rabbinerverbandes Dr. Leo B a e c k, gleichzeitig Präsident der Reichs Vertretung der deutschen Juden. Die Geheime Staatspolizei foltert weiter In den deutschen Konzentrationslagern schmachten noch viele Juden, die nichts verbrochen haben. Man redet ihnen ein, sie würden freigelassen werden, sobald für sie ein Zertifikat für die Einreise nach Palästina vorliege. Die „The Jewish Ohronidele“ meldet, laufen Gesuche von Häftlingen deutscher Konzentrationslager beim Berliner Palästina Amt, um Zuteilung von Zertifikaten ein. Leider stehen dem Berliner Palästina- Amt nicht genügend Zertifikate zur Verfügung. Ein Spezialberichterstatter des „Manchester Guardian“ berichtet, daß jüdische .Gefangene m Ins Columbla-Haus gebracht Weiters wird uns aus Berlin, 6. ds„ gemeldet: Die Politische Polizei erschien im Berliner Logenhaus in der Kleiststraße, in dem der Tempel und die Büros der Großloge Deutschland des Unabhängigen Ordens Bne-Brith, sowie die Büros einer Anzahl Berliner Zweiglogen der Bne-Brith untergebracht sind, und nahm eine gründliche Haussuchung vor, die mehr ais zwei Stunden dauerte. Zahlreiche Vorgefundene Dokumente wurden zur Durchprüfung mitgenommen. Verhaftungen sind nicht erfolgt. Dr. Benno Walter ist aus dem Polizeipräsidium am Aiexanderplatz nach dem berüchtigten Columbia-Haus, einem von der Politischen Polizei unterhaltenen speziellen Gefängnis für politische Häftlinge, gebracht worden. Dr. Walter soll in München-Gladbach gesagt haben, daß die Juden in Deutschland niemals freiwillig auf ihre Bürgerrechte verzichten worden. Diese Äußerung ist, wie nun offiziös zugegeben wird, der Grund für seine Verhaftung gewesen. * Der anttfüdische Boykott in Deutschland Berlin, 6. März. Seit etwa einer Woche ist eine verstärkte jfcyflgiipff für; Boykott jüdischer Geschäfte besonders in der Provinz Presse in der Provinz fehl e“ an die P a r t Sehwelle eines jüdischen Geschäftes nicht zu betreten, da sie, wenn sie auch nur ein einziges Mal dabei betroffen werden, aus der Partei a u s g e s e li 1 o s s e n werden würden. In F e u c h t w a n g e n, Kreis Nürnberg, wurde eine nationalsozialistische Konferenz unter Beteiligung der größeren und kleineren Orte des Kreises abgehalten, wobei die Vertreter der verschiedenen Städte und Dörfer es auf ihre persönliche Verantwortung nehmen mußten, daß die Bevölkerung ihrer Gemeinden den antijüdischen Boykott streng halten werde, rt Goebbels verfolgt die indischen Künstler Berlin, 6. März. Reichsminister Dr. Goebbels hat an die Landesregierungen folgendes Ersuchen gerichtet: „In zunehmendem Maße wird beobachtet, daß N i c h t a r i e r, die bereits verschwunden und größtenteils offenbar ins Ausland geflüchtet waren, in Theatern, Varietes, Kabaretts usw. wieder auftret e n. Ich weise darauf hin, daß das Auftreten auf deutschen Bühnen von der Zugehörigkeit zu einem der Fachverbände der Reichstheaterkammer abhängig ist und daß Nichtariern die Aufnahme in diese Verbände regelmäßig verweigert wird. Ich bitte deshalb, die Polizeibehörden anzuweisen, in allen in Frage kommenden Fällen den Nachweis der Verbandszugehörigkeit zu verlangen, und wenn er nicht erbracht werden kann, das Auftreten zu verhindern. Ich stelle weiter anheim, Fälle, in denen eine Verbandszugehörigkeit nachgewiesen wird, zur Kenntnis des Präsidenten der Reichstheaterkammer zu bringen, damit der Fall einer Nachprüfung unterzogen wird. Ich bitte um n achil r ti c k 1 i c h e Durch! ü h r u n g meines Ersuchens. Es darf nicht dahin kommen, daß sich das Publikum gegen das Auftreten von Elementen, von denen es bereits befreit zu sein glaubte, mit Selbsthilfe zur Wehr setzt.“ Diese Verlautbarung bedeutet eine Desavouierung des preußischen Kommissars für Kultus, Dr. Hinke I, der das Auftreten jüdischer Künstler an nicht subventionierten Privattheatern gestattet hat. Die Mahnung Goebbels, daß es nicht dahin kommen dürfe, daß das Publikum sich „durch Selbsthilfe zur Wehr setz t“, bedeutet nichts anderes, die Aufforderung zu einer solchen „Selbsthilfe“. In der Tat. sind die neuesten Skandale gegen jüdische Künstler an deutn, , i ,, Di. KINOPROCRAMME DER WOCHE »ffentlicht „B -— ennssi’ n, die Leopoidsliidter VolksKtno Telephon R 4f-0-23 his M. Mürz Ondra Wochentags ' 7,10 Uhi, Sonn-u. Feiertags 724 Uhr Achtung! Haifa, alles aussteigen! Die Purimredoute der „Judäa“ findet unter der obigen Devise Samstag, den io. März 1934 in den dekorierten Sälen des Hotel Post (Fleischmarkt) statt. Karten ä S 2*jo im Sekretariat des Jüdischen Hochschulausschusses (täglich von 13—17 Uhr) IX., Alserstraße 26 und bei sämtlichen Funktionären der „Judäa“. sehen Privattheatern nicht etwa von dem Publikum, sondern von SA-Leuten, die ja unter der direkten Kontrolle der Machthaber stehen, a.usgegangen. ★ Ausfuhr jüdischen Kapitals nur bei Vertust von 26 Prozent möglich Berlin, 6. März. Die Reichsdoviseiibewirtschaftungsstelle veröffentlicht neue Bestimmungen für Kapitalausfuhr durch Personen, die endgültig Deutschland verlassen. Ein solcher Emigrant kann sein Vermögen der Golddiskontbank in Berlin übergeben, die ihm den Gegenwert in Obligationen oder Auslandswährung zur Verfügung stellt. Will er dann sein Kapital im Ausland realisieren, so muß er sich mit einem Verlust von mindestens 26 Prozent abtinden; die Differenz kommt der deutschen Währungsbank zugute. Dio neuen Bestimmungen bezwecken eine Erleichterung der Auswanderung von Juden und enthalten dio Bedingung, daß ein Jud^, der auf diese Weise mit seinem Kapital ausgewandert ist, nicht mehr nach Deutschland zu rückkehren darf. Die Bestimmung, daß nach Palästina aus wandernde Familien je 1000 englische Pfund entnehmen dürfen, bleibt hiervon unberührt; will aber ein Palüstinawanderer mehr als 1000 Pfund ausführen, so muß er sich ebenfalls mit einem 26%igen Verlust, des zusätzlich eingeführten Kapitals abfinden. * Nationalsozialistische Judenstatistik Berlin, 6. März. Das Aufklärungsamt für Bevölkerungspolitik und Rassenpflege gibt, eine statistische Zusammenstellung der ßprufsverhältnisse der Juden in Preußen aus, aus der hervorgeht, daß weit über die Hälfte, nämlich 58-8% Juden, in die Wirtschaftsabteilung Handel und Verkehr fallen, während der Anteil der Gesamtbevölkerung in dieser Gruppe nur 17T1% beträgt. I11 der Wirtschaftsabteilung Industrie und H a n d w e r k einschließlich Bergbau und Baugewerbe wurden 25'85% Juden gezählt. Bei der Gesamtbevölkerung stellt sich der entsprechende Anteil auf 40'94%, In der Landwirtschaft sind die Juden nur. mit 1-74% gegen 29'5% bei der Gesamtbevölkerung vertreten. In der Wirtschaftsabteilung „Öffentliche Verwaltung, Kirche und freie Berufe“ stellt sich der Anteil der Juden auf 5-94%, während die entsprechenden Zahlen bei der Gesamtbevölkerung 4-85% betragen. Die Juden seien somit in dieser Wirtsohaftsabteilung mit einem Prozent anteilsmäßig stärker vertreten, als die; gesamte preußische Bevölkerung. Das Übergewicht der jüdischen Bevölkerung ist in erster Linie bei den freien Berufen: zu finden. In der Abteilung’ Gesundheitswesen stellt sich der Anteil des Judentums auf 4'35% gegen 1-88% bei der Gesamtbevölkerung. Hiezu wäre zu bemerken, daß die Juden in Deutschland seit dem Mittelalter bis zur Zeit der Emanzipation von Landwirtschaft und Handwerk durch Gesetz streng ferngehalten wurden; wenn dennoch die Juden in der kurzen Periode seit, der Emanzipation in Landwirtschaft, und Handwerk gemäß den „amtlich“ — a.ber dennoch tendenziös ungenau — fest,gestellten Ziffern' eindringen konnten, so ist, das eher ein Beweis für eine Zuneigung der Juden zu Landwirtschaft, Handarbeit, Industrie und Handwerk. Jüdische Arztfamilie sucht den Tod Karlsruhe, 5. März. Der jüdische Arzt Dr. Wagner aus Triberg hat sich, seine Frau und sein Kind mit Morphiumeinspritzungen au töten versucht. Das Kind ist inzwischen gestorben. Der nationalsozialistische „Führer“ stellt, dazu fest: „Vom Ortsgruppenleiter wird ausdrücklich bestätigt,, daß irgendeine Bedrohung oder Verfolgung Dr. Wagner« in gar keiner Weise in Frago käme.“ Einige Zeilen vorher schreibt der „Führer“ dagegen, daß Dr. Wagner „infolge u n g esetz lieber verbotener Handlunge 11“ nach Offonbach gebracht, werden sollte. Die „Handlungen“ des Arztes werden mit keinem Wort, präzisiert. * 121 jüdische Gräber geschändet Saarbrücken, 5. März, ln der ersten Wocho des Monats Februar wurden durch Nazilulnde in Köln auf dem jüdischen Friedhofe in Deekstein 121 Grabsteine zertrümmert. Mehrere Angehörige der Verstorbenen wurden bei dem Regierungspräsidenten vorstellig. Der erklärte: „E s ist unmöglich, daß N az i a 11 gell ö r i g 0 so etwas mache n.“ Er lehnte jede Wiederherstellung des Fviodhofs ab, verlangte vielmehr, daß die jüdische Gemeinde unverzüglich dio Aufräumung vornehme.