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Die Stimme · 1934-03-06 · Heft 333 (6.3.1934) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 333 (6.3.1934)
Date
1934-03-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 333. — 0. Märe 1034 DIE STIMME Seite 5 Theater und Kunst Castspiet Vera Kantewsha und Paul Breitmann Da« K iinstlnrpaar Kanicwska-Brcitmann, das mit der Operette „Katinka von Kasrilowka“ in der jüdischen Bühne in der Prntorstraßo sein Gastspiel begann, ist vom Wiener Gastspiel vor einigen Jahren in den „.Indischen Künstlerspielen“ noch in lebhafter Erinnerung. Frau Kaniewskas charmante Kunst hat seither nichts eingebüßt, eher noch ist ein Wachsen des rein Eoutinmäßigcn festzustollen. Vera Kanicwska, die Uber alle Register des Soubrettenfaches sicher verfügt, reißt auch heuto sofort das Publikum mit, das der Schemen Frau gerne und willig folgt. Sie stattet die Figur der Katinka von Kasrilowka mit viel Charme und Liebreiz aus. Man ergötzt sich an ihrem Spiel, man hört gerno ihren köstlichen Liedervortrag. Soweit, so gut. Doch alles übrige hat nur herzlich wenig mit jüdischem Theater zu tun. (Daran ändert auch nichts die gelungene Figur J. Ka.mays ira ersten Akt.) Die Tatsache des jiddischen Redens bedeutet natürlich noch lange nicht alles. Und doch hat die jüdische Bevölkerung ein Verlangen nach dem jüdischen Wort, das allerdings auch Inhalt haben muß. Dem jiddischen Theater von heute fällt in diesen Tagen des Neu- und Umbruchs des gesellschaftlichen Lebens auch in unserer Stadt eine kulturelle Aufgabe zu. „Katinka von Kasrilowka“ erfüllt sie nicht. Ein bißchen zielsichere Arbeit wäre den heutigen Leitern des jüdischen Theaters sehr zu empfehlen. Das dichtbcsctzto Haus, der stürmische Applaus, der übrigens ausschließlich den an sich reizvollen Leistungen der Kaniewska und ihres Partners gilt, dürfen darüber nicht hinwegtäuschen, daß man heuto nicht jüdische Operettenkunst von vor 30 Jahren sucht. Wenn man schon für das heutige reiche Schaffen jiddischer Autoren in dor Alten und Neuen Welt weder Auge noch Ohr hat, wenn man glaubt, zu den Anfängen des jüdischen Theaters zurückgehen zu müssen, dann sollte man zu seinen Quellen, zu Goldfaden, zu Scbaloan Alechem oder zu den Volkssingspielon, zu den von echtem VolkshuTDor getragenen Stücken heimfinden. Für Musik und Gesang wird auch in diesen Stiikken genügend Raum sein. Denn wenn schon Operette, dann — Marischka. Bleibt noch zu registrieren: Daß Paul ßreitmann ebenso gut den grobschlächtigen Schmied wie den eleganten Herrn verkörpert und mit seinem Liedervortrag auf offener Szene großen Beifall fand, daß I. K a m a i, dieser feinkulbivierte Schauspieler, sich überraschend gut in das neue Gonro hineinspielt, daß man bei Cilli Bell, diesem echten Theaterkiüde, wieder die erfreuliche Tatsache von einer bemerkenswerten fortschreitenden Entwicklung in der boreits an dieser Stollo erwähnten Linie einer dezenten, vornehmen Spiclweise feststollen kann, daß schließlich die Damen Zucker, W e i ß m a n n, die Herren Bell und Zucker sowio alle anderon, wie immer, um die Ausführung redlich bemüht waren. Der Boifall des Hauses war stürmisch. jr. stets bis ins Innerste auf. Daher folgen wir diesem Wunderkind mit atemlosen seelischer Spannung, wie einem seltenen Wesen, das uns von den letzten und doch so einfachen Dingen der Welt und der Rätsel des Lehens erzählt. Ihr Aiigcnaufschlag ist Offenbarung. Es spricht für das unvergeßliche Erlebnis ßcrgnerischer Schauspielkunst, daß inan beinahe nicht merkt, daß sic in dor nicht ihr gewohnten Sprache spricht. Freilich, auch das englisch gesprochene Wort klingt aus dem Munde der Bcrgner wie Musik. Tlir diesmaliger Partner Fairbanks jun. gibt trotz aller Brutalität und des zaristischen Wahnsinns einen sympathischen Wüterich. Ein blendender Schauspieler. Ausgezeichnet auch das Spiel der Flora. Robsons in der Rolle der Elisabeth. jr- JÜDISCHE DAMENMODEN Eine kulturhistorische Plauderei von Max Baums Berlin ln einem Aufruf an die jüdische Frauenwelt hat der Jüdische Frauenbund Deutschlands kürzlich die Jüdin in dieser Schicksalszcit zur Schlichtheit und Zurückhaltung ermahnt und eie unter Appell an ihr erhöhtes Verantwortungsbewußtsein zur Einfachheit der Formen, zur Abstimmung aller Töne auf die Stimmung der Zeit und ein Auftreten, das der Würde des Judentums entspricht, aufgefordert. Das Kleid ist Ausdruck gewordene Kultursprache, Bild gewordene Sitte. Daß das Kleid unter allen Kulturbedingungen rechtlich so ernst genommen wurde wie kaum ein anderer Gegenstand, wie kaum eine zweite Ausdruckeform des Lebens der Völker, der Stände und der einzelnen — dafür zeugen zahllose historische Kleidervcrordnungcn verschiedenster Art. Zu allen Zeiten haben nicht nur hohe geistliche Würdenträger aller Konfessionen, sondern auch jüdische Autoritäten sich mit flammenden Protesten gegen die Auswüchse und Aufdringlichkeiten der jeweiligen Mode gewandt, wobei sie allerdings häufig ihre Zeitgenossen als viel schlimmer entartet hingestellt haben, als sie es in Wirklichkeit waren, wohl um ihren Worten besonderen Nachdruck zu verleihen. Man denke nur an die Strafrede des Propheten Jesaja, mit der er sich an die Töchter Zions wandte, die „hochmütig trippelnd einhergehen und mit den Fußspangen klirren“: „der Herr wird wegnehmen den Schmuck der Fußspangen, die Netze und die kleinen Monde, die Ohrgehänge, die Ketten und die Schleier, die Kopfzeuge, die Schrittkettchen und die Binden, die Riechfläschchen und die Amulette, die Fingerringe und die Nasenringe, die Feierkleider und die Mäntel, die Tücher und die Taschen, die Spiegel und das feine Linnen, die Turbane samt den Flüren.“ Die Bibel macht weder über die Schönheit und Ferm von Kleidung noch von Schmuck irgend welche Vorschriften. Aber unsere Weisen sagen: „Sieht der Jezer hora (der böse Trieb) einen einhertänzeln, sich an den Kleidern zupfen und dio Locken drehen, dann spricht er: don kriego ich!“ Das Wechseln der Kleider war Pflicht am Sabbath, um diesen Tag besonders zu ehren. Rabbi Anan, dor Begründer des Karäertums, zog sich einen einfachen Rock a.m Freitag an, damit, wenn er ihn am Sabbath mit seinen guten Kleidern vertauschte, noch deutlicher zu erkennen war, daß er den Sabbath hochhielt, und der Amoräcr Raba versah sich mit besserer Fußbekleidung, wenn er beten wollte. Er führte dann das Schriftwort aus: „Rüste dich für deinen Gott, Israel!“ Bei der Erörterung der Frage, was man am Sabbath tragen darf, sprechen die Lehrer der Misehna auch über die Kleidung. Überflüssige Kleidungsstücke und Schmuckgegenstände, die so beschaffen sind, daß man sie beim Spazierengehen möglicherweise in die Hand nehmen kann, sollen zu Hause gelassen werden. Die Untersuchung darüber mutet an wie der Bericht eines Modejournals. Wenn die Gelehrten die Toilettengeheimnisse der Jüdinnen beschreiben, wobei man vor der Erwähnung von fremden Haaren und falschen Zähnen nicht Halt macht, und den Feiertagsstaat Revue passieren lassen, werden sie geradezu zu Dichtern, während die Kleidung des Mannes mit wenigen Sätzen abgetan wird. In der Diaspora wurde von verantwortungsbewußten Persönlichkeiten mit Rücksicht auf eine übelwollende Umgebung immer wieder auf grüßte Bescheidenheit in der äußeren Erscheinung der Juden eindringlich hingewiesen. Es gab Gemeinden, in denen jeden Monat einmal von der Kanzel herab die Frauen zu unauffälliger Tracht ermahnt wurden. Eine der sonderbarsten Kleidervorschriften verdankt ihre Entstehung einem folgenschweren Ereignis: dem furchtbaren Brand, bei dem am 14. Jänner 1711 das Frankfurter Getto mit etwa 100 Häusern in Flammen aufging. Um einerseits ihre Demut und ihre Buße nach dem Strafgericht zu bekunden und anderseits den Auswüchsen gesellschaftlichen Lebens wie der Entfaltung übermäßiger Kleiderpracht und eines gewissen Luxus bei Gastereien vorzubeugen, wurde es von den Vorstehern der Frankfurter Judenschaft für nützlich erachtet, eine sogenannte K1 e i d e r o r d n u n g zu schaffen, die in hebräischem Text in der Synagoge angeschlagen war. Einer der erbittertsten Prediger gegen die Ein paar ostfiidische Sprichwörter Je weniger dar Mansch begreift, — desto gesünder ist es für ihn. Wenn ein Kluger irrt, irrt, er gewaltig. •* /u viel Nachdenken kann manchmal schaden, zu wenig — immer. Niehls kommt so langsam wie der Verstand. Was nützt einem die Klugheit, da die Dumm* regiert! * Des Neichen Klugheit gilt mehr als des Armen Weisheit. * Alle Klugen gehen zu Fuß, alle Narren fahren in Kutschen. * Der Kluge verbirgt seinen Verstand, der Narr prunkt mit seiner Dummheit. Putzsucht seiner Zeitgenossen war der unter dem Namen „Jaawez“ bekannte Talmudist und Gegner der Anhänger des Sabbatai Zewi, Rabbi Jacob Emden aus Altona. „Hört auf meine Stimme!“ ruft er in seinem Gebetbuch „Beth Jacob“ aus. „Wie tief seid ihr gesunken, und wie groß ist euer Vergehen! Ich bin erstaunt, wenn ich sehe, wie... alles danach strebt, sich, die Frauen und Kinder nur nach der neuesten Mode zu kleiden, um in dieser Hinsicht ihrer nichtjüdischen Umgebung nicht nur zu gleichen, sondern sie womöglich noch zu iibertretfen.“ Dann zieht er gegen die Mode der bauschigen und „steifen“ Röcke zu Felde, wie er die Krinoline bezeichnet, und gegen die Brabanter Spitzen, auf die die Frauenwelt nicht zu verzichten zu können glaube. Er wettert auch gegen die abstoßende und verwerfliche Sitte des tiefen Ausschnitts und unterwirft die Sucht nach auffallendem Luxus und das Bestreben, jede neueste Mode mitzumachen, einer vernichtenden Kritik. Die jüdische Frau der heutigen Zeit wird über die Wahl ihrer Kleidung nicht im Zweifel sein. Die Mahnung des Jüdischen Frauen* bundes hat ihr den einzig gangbaren Weg ge* wiesen. Jüdische Gelehrte im Ausland Aus M o s k a u wird gemeldet, daß die russische wissenschaftliche Apademie die feienden jüdischen Gelehrten zu Ehrenmitgliedern gewühlt hat: Prof. Max Born, früheT Güttingen, jetzt Cambridge, Prof. David Hilbert, früher Göttingen., Prof. Kowner von der Moskauer und Prof. Malmud von der Leningrader Universität, schließlich den berühmten jüdischen Physiker Prof. Levi- Die große Elisabeth Nach langer, langer Zeit haben wir ondlich auch in Wien däs Glück, wieder einen Hcrgnor-Film zu sehen. Der Borgner- Moisterregisseur Paul C z i n n e r hat mit seiner „Katharina die Große“ in engiischor Produktion einen historischen Prachtfilm geschaffen, der durch Elisabeth Bergners unvergleichliche Darstellung zu einem Kunstgemüldo von erlesenster Schönheit und zu einem überwältigenden Erlebnis wird. Elisabeth Bergners rätselhafte, aus der Tiefe ihrer Seele kommende Kunst, ist, wio immer, ergreifend. Aus ihren großen, wundervollen Kinderaugen tragt eine Wolt nach dom ewigen „Warum“ des Leidens, spricht die Welt ihror Herkunft, die Tragik ihres Volkos. Die großo Katharina, die mächtigste Herrscherin aller lieußon, dio herrschsilchtigstü Rogentin am Kreml, wird durch das kleino Mädchon dor „Ariane“, der „Elso“ verkörport. Das kleine Mädchon aus dem Wiener Judenghotto gilt allerdings als dio größte Schauspielerin Ihrer Generation. Die Bergnor spielt nicht dio „historische Katharina“, sie schafft oine ins Heute trausponierto lebensnahe Gostnlt. Dio Bcrgner faßt ihre Rollen ja stols von der einfachsten und zugleich schwierigsten, von dor menschlichsten Seite an. Daher ergneiffc so ihr Spiel und wählt uns DmBBtnBEMBBiaaBatDEBnnmmnn Von Chafim Bloch Zu den Abhandlungen über Anteilnahme der Juden an allen Zweigen der Wissenschaft, so in der Musik, der Modizin, der Literatur, dem Schachspiel — Gebiete, auf denen dio Söhne Jakobs hervorragende Leistungen vollbrachten und einen in der Gesohichto untilgbaren Namen errungon haben —, lag eine Abhandlung über berühmte jüdische Zauberer und Taschenspielkünstler bis heute — so verlockend eine Bearbeitung erschien — nicht vor. Dies olino Zweifel, woil dem Juden eine praktische Betätigung in dieser dunklen Wissenschaft — nicht aber das Erlernen — von der Religion aus verboten war. Hervorzuheben ist, daß schon Moses ein Verbot der Ausübung der Zauboroi ausgesprochen hat. Das Verbot bezieht sich nach talmudischor Doutung allerdings nur auf dio berufsmäßige Ausübung durch Beschwörungen. Wie aus dom alten rabbinischen Schrifttum hervorgellt, haben sich jüdische Frauen trotz des Vorbotes mit der Zauberkunst, offenbar berufsmäßig, befaßt, und selbst die frümmsto Frau stand in Verdacht, Zauboroi zu betreiben. Wahrscheinlich haben es dio Frauen zu jener Zoit mit der Zauberkunst zu bunt getrieben. Diesem Verboto dürfte es zuzuschreibeu sein, daß sich boi den Juden nur Abcnleuror mit der Zauberkunst betätigten, und daher ist es zu einer Schilderung ihres Lebens jiidischerseits lange Zeit nicht gekommen. Nun untorilug sich der bekannte Borlinor Zauberkünstler Günther Dainmann, der selbst zu der Gilde der Zauberkünstler gehört, oine im Eigenverlag erschienene Schrift, „D i e Juden in dor Zauberkuns t“, hcrauszugoben, in der Lebon und Wirken der hervorragendsten Vertreter dieser Kunst, soweit er ihre jüdische Abstammung einwandfrei feststellen konnte, geschildert wird. Das Büchlein paßt in unsere, von schwerer Not und Bangigkeit verhexten Zoit sehr gut und ist obendrein als eines dor wenigen jüdischen Bücher, die in dom denkwürdigen Jahr 1933 in Deutschland erschienen, besonders zu begrüßen. Philaclelplius Philadelphia, der meistgenannte Magior und Taschenspieler des 18. Jahrhunderts, erüffnot don Reigen. Seine Eltern waren galizisclio Juden, dio nach Philadelphia auswandorton; er kam dort zur Wolt, hioß richtig Jakob Major und trat später zum Christentum über. Im ganzen zählt das Buch etwa 80 Zauberkünstler jüdischer Il-orkunft. Mchrorc von ihnen sind auf alt-österreichischem Boden 'Choren, andere wieder triebon sich lange in Wien herum. Interessant ist, daß viele der jüdischen Zauberkünstler aus Alt-Österreich stammen, viele haben in Wien gelebt oder vorillvorgeheml gewirkt. Dos Louis Goklketts Vator, einem Seiltänzer und Kunstreiter, war die Ehre zuteil geworden, im Jahre 1740 zur Krönungsfoicr der Kaiserin Maria Theresia bei Hof eine Vorstellung zu gobon. Professor Compars Hermann, in Galizien geboren, lobte eine Zeitlang in Wien und hat hier am 8. Juni 1887 sein Zeitliches gesegnet. Die bis Kriegsende zu Österreich gehörende Stadt Jaroslau stellte seltsamerweise drei Zauberkünstler: Professor St. Roman, Ernst Thorn und John Joachim Weil, während Leopold Vigner aus Böhmen stammt. Dor bedeutendste unter den Taschenspielern scheint doch Houdini, ein Rabbiner* sohn, gewesen zu sein. Er kam als kleines Kind mit seinen Eltern nach Amerika. Laut dem im Archiv der istraelitiscben Kultusgemeindo befindlichen Polizeiausweis starb in Wien im Jahre 1807 ein Taschenkünstler namens Abraham Romaldi, wahrscheinlich aus Italion, und fand auf dem Währinger Friedhof seine Ruhestätte. Es gab aber in Wien noch einen Taschenspieler namens Rubin Romoldi, dossen Frau (gestorben im Jahre 1822) gleich* falls am Währinger Friedhof begraben liegt. Dor eifrige Verfasser dieses interessanten Werkes forscht nach weitoron Anhaltspunkten und Daten von jüdischen Zaubermännern aus don letzten zwei Jahrhunderten, um diese gelegentlich wieder zu vorwerten. Wer weiß was? Zum erstenmal trug dor Verfasser die ganze ziemlich ausgiebige Literatur über Zauberkunst und Zauberkünstler zusammen und bietet dadurch einen wichtigen Beitrag zur Erforschung dieser dunklen, aber sehr interessanten Wissenschaft.

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