Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 333 (6.3.1934)
- Date
- 1934-03-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 333. — 6. März 1934 Civita, einziges jüdisches Mitglied der Päpstlichen wissenschaftlichen Akademie (Academia Pontificia). Aus Konstantinopel wird gemeldet, daß Prof. Nissen, früher Berlin, jetzt Chirurg an der Konstantinopeler Universität, zum Ehrenmitglied der Chirurgischen Gesellschaft in Athen gewählt und zu Gastvorlesungen in Athen, Charkow und Stockholm eingeladen wurde. Aus London wird gemeldet, daß bisher mit Hilfe des Academic Assistance Council 132 Professoren aus Deutschland an englischen Universitäten untergebracht wurden. Eine Umschichtung gelang bei 50 Studenten, 20 Fälle wurden dem Zentralbureau in Genf überwiesen. Es verbleibt eine Zahl von 190 Studenten, denen nicht geholfen werden konnte. Bei diesen soll später ebenfalls Umschichtung versucht werden. An der internationalen Universität in Istambul sind 32 deutsche Professoren tätig, davon die Mehrzahl vertriebene Juden. Eine Reihe anderer vertriebener Juden haben in Amerika Unterkunft gefunden. Das jetzt in Prag erscheinende „Internationale ärztliche Bulletin“ bringt eine Liste aus Deutschland vertriebener medizinischer Forscher, die etwa 130 bekannte, zum Teil weltberühmte Namen enthält. Die Liste erhebt, wie das Bulletin bemerkt, noch lange keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die drei hervorragenden deutsch-jüdischen Mediziner, die Professoren Hermann, Samuel und Bernhard Zondek werden, da sie wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum ihre wissenschaftliche Tätigkeit in Deutschland aufzugeben genötigt waren, von nun an ge m e i n s a m i n Manch e s t e r wirken. Hermann und Samuel Zondek leisten bereits seit längerer Zeit in einem eigens für sie geschaffenen Laboratorium am Victoria Memorial Jewish Hospital zu Manchester eine überaus fruchtbare wissenschaftliche Arbeit. Bernhard Zondek, der als Gynäkologe und Entdecker der sogenannten Asohheim - Zondekschen Probe Weltruf genießt, war bis jetzt am Rockefeiler Institut in Schweden tätig. Nunmehr wird sich auch Bernhard Zondek seinen Brüdern in Manchester zugesellen. AUS DEM DRITTEN REICH Die Bedrohung des jüdischen Mittelstandes in Polen Warschau, 2. März. Der Jüdische Klub im polnischen Sejm hat die Vertreter der jüdischen Presse zu einer Konferenz geladen und sie über die Gefahren aufgeklärt, die der jüdischen Bevölkerung in Polen aus dem Projekt zur Novellierung des Industriegesetzes drohen. Abgeordneter Rothenstreich erklärte, eine Inkraftsetzung dieser Novelle würde die größte Gefahr für die Existenz aller jener Juden bedeuten, die sich mit Fabrikation, Handel und Handwerk befassen. Besonders gefährlich ist die Bestimmung, daß das Handelsministerium auf Vorschlag einer Gruppe Kaufleute oder Fabrikanten die Statuierung fachmännischer Qualifikationen sowohl für Kaufleute als auch für Fabrikanten und Handwerker vornehmen könne. Worin die Qualifikation bestehen soll, wird nicht gesagt; alles ist der persönlichen Einsicht des Handelsministers überlassen, der nach Belieben in Handel, Industrie und Handwerk das Konzeseionssystem einzuführen berechtigt ist. Der Administration wird die Machtvollkommenheit erteilt, jederzeit einem Berufstätigen die Konzession zu entziehen. Sogar wer Lastträger werden will, wird sich um eine Konzession bewerben müssen. Daß diese Vorschriften ein bequemes Mittel zur Ausschließung der Juden aus ihren Berufen und zu deren Femhaltung von Berufen überhaupt sein werden, versteht .sich von selbst. Es geht alles darauf hinaus, daß b estimmte Gruppen von Fabrikanten und Kaufleuten daß Recht verliehen werden soll, Zwangsverbände zu schaffen, die von der Regierung Subsidien zwecks Entwicklung von Handel und Industrie in Polen und des Exports nach dem Ausland erhalten. Solche Verbände werden leicht ein Werkzeug indenHändenderRasseantisemiten werden. Der Jüdische Klub im Sejm wird energisch gegen die Gefietzwerdung dieser Novelle protestieren und ist überzeugt, daß alle Juden den Klub im Kampf für das Recht der Juden Polens auf Leben uni Arbgft wtmWtißm senden, Die deutsche Judenheit Berlin, 2. März. Die Reichsvertretung der deutschen Juden veröffentlicht eine Verlautbarung, in der es unter andern heißt: Die Reichsvertrctiinj ist nach dem Willen und nach den Erklärungen aller Beteiligten als Gesamt Vertretung der deutschen Juden n a <■ h i ri n e n und nach außen ins Leben getreten. Diese Aufgabe hat sie seither verfolgt und wird sie weiterverfolgen. Sie enthält sich jeder Einwirkung auf das religiöse Gebiet im engeren Sinne und sie will nicht eine Uniformierung der Weltanschauungen innerhalb des deutschen Juden!ums. Diese Linie ist vom Ausschuß, in dem sämtliche großen Organisationen der deutschen Judenheit, der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, die Zionistische Vereinigung, der religiöse Liberalismus und die Orthodoxie vertreten sind, in voller Einmütigkeit festgehalten worden. Die Reichsvertretung ist nicht gewillt, von ihrer Zielsetzuu etwas aufzugeben. Sie weiß die erdrückende Mehrheit der organisierten und nicht organisierten deutschen Juden hinter sich, wenn sie die Führung des deutschen Judentums fest in der Hand behält und gegen alle Versuche der Spaltung durchsetzt. ★ Aufmarsch jüdischer Frontkämpfer in Berlin Berlin, 2. März. Sonntag vormittags fand auf Einladung des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde in der Synagoge, Oranienburgerstraße, ein Trauergottesdienst zu Ehren der im Kriege gefallenen Kameraden statt. Mit etwa 3000 Kameraden marschierte die Ortsgruppe Berlin des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, von Orgelklängen begleitet und unter Vorantritt der Jugend des „Schwarzen Fähnleins“, in das Gotteshaus. Rabbiner Dr. Salomonski gedachte der gefallenen Kameraden und ermahnte die Lebenden zur Pflichterfüllung dem Judentum gegenüber. Kaddischgebet und Orgel k 1 a n g beendeten die Feier. Anschließend daran legte eine Abordnung von etwa 3000 Kameraden den Kranz der Ortsgruppe Berlin und einen Kranz des Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge am Denkmal auf dem jüdischen Ehrenfriedhof Weißensee nieder. ★ Neue Definition für den Begriff Frontkämpfer Berlin, 1. März. Mit dem Begriff des Frontkämpfers beschäftigte sich das Reichsschiedsamt in mehreren Beschlüssen, bei denen es sich um die Zulassung von Ärzten nichtarischer Abstammung zur Krankenkassenpraxis handelte. Einmal war die Frage zu entscheiden, ob die Teilnahme an Kämpfen im Baltikum, in Oberschlesien, gegen Spartakisten und Separatisten, sowie gegen die Feinde der nationalen Erhebung der Teilnahme an Kämpfen an der Front im Weltkriege gledchzustollen ist. Diese Frage hat das Reiehssohiedsamt bejaht. Weiter wurde geprüft, welche Bedeutung der Tätigkeit in einem Seuchenlazarett zukommt. Hier wurde festgestellt, daß die Tätigkeit -als Krankenpfleger oder Krankenpflegerin in einem Seuchenlazarett der ärztlichen Tätigkeit gleichzustellen ist. Voraussetzung für die Zulassung ist aber hier, daß die Tätigkeit sich auf sechs Monate erstreckt hat und daß es sich um eine von den obersten Kommandobehörden ausdrücklich als Seuchenlazarett erklärtes Lazarett handelt. wird eine Einschmuggelung deutscher Waren unter fremder Marke unmöglich gemacht. * „Woche für Hitler-Boykott“ in Palästina Jerusalem, 1. März. Die von der jüdischen Jugend organisierte „W o c h e für antideutschen Boykott“ hat im ganzen Lande einen starken Eindruck hinterlassen. In allen Städten und größeren Kolonien wurden Versammlungen zur Organisierung des Boykotts abgehalten, in den Synagogen wurde über die Notwendigkeit des Boykotts gepredigt. Es wurde darauf hingewiesen, daß der deutsche Import, der in allen anderen Ländern zurückgegangen ist, gerade in Palästina eine Steigerung erfahren hat; dies könne nicht allein darauf zurückgeführt werden, daß deutsche Juden Teile ihres Eigentums aus Deutschland nach Palästina bringen. Es wurden überall Plakate mit Aufschriften: „Im Namen der jüdischen Würde: Boykottiert die deutschen Waren!“, angebracht, ★ Der Mörder Lesslngs Am 30. August v. J. wurden in Marienbad im Zusammenhang mit dem Lessing-Mord elf Personen verhaftet, unter ihnen ein reichsdeutscher Staatsangehöriger, der Zahntechniker Anton Richter. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Eger das Verfahren gegen neun der Verhafteten eingestellt und ihre Haftentlassung bewilligt. Nur zwei Personen, Josef D o h n e r und ein gewisser Strasse r, bleiben in Haft; gegen sie und gegen den flüchtigen Rudolf Eckert läuft das Verfahren weiter. Buchhändler Max Höhne wird sich nur wegen einer Übertretung zu verantworten haben. Freund des jüdischen Nationalheims war und gelegentlich eines Besuches in Palästina vor einigen Jahren sich besonders lobend über das jüdische Aufbauwerk ausgesprochen hat, ein lebendes Denkmal setzen. Es wird eine Sammlung eingeleitet, deren Ertrag zur Errichtung eines König-Albert-Waldes auf Boden des Jüdischen Nationalfonds in Palästina dienen soll. Letzte PalästinasNadiriditen „Made in Cermanyt( in Amerika vorgeschrieben Washington, 1. März. Das Finanzdepartement der amerikanischen Regierung gab eine Verordnung heraus, daß nur solche deutschen Waren nrifh Amerika gelassen werden, die die Bezeichnung „Made in Germany“ tragen. Es ist dies ein Erfolg der von Samuel Untermyer geleiteten antideutschen Boykottbewegung; .durch die erwähnte Verordnung Der Todestag Josef Trumpeldors Jerusalem, 2. März. Anläßlich der 14. Wiederkehr des Todestages Josef Trumpeldors, der 1920 bei der Verteidigung der nördlichsten jüdischen Kolonie Tel Chai gegen Beduinen gefallen ist, hat das Erziehungsdepartment des Waad Leumi angeordnet, daß in allen Schulen Vorträge über Leben und Tod Trumpeldors gehalten werden. Der vor kurzem in Kfar Giladi stattgefundenen Enthüllung des im Auftrag von Lord M e 1 c h e 11 unter der Histadruth Haowdim von A. M e 1 n i k o f f geschaffenen Trumpeldor-Denkmals wohnten Teilnehmer an den Kämpfen von Tel C'nai, Mitglieder der Jewish Agency, des Waad Leumi und des Denkmalkomitees bei. Am folgenden Tage veranstaltete die jüdische Arbeiterjugend einen P i 1 g e r z u g zu der Stelle, an der Trumpeldor fiel; zwei Tage darauf fand ein Treffen der revisionistischen Jugend, des Bctar (Brith Trumpeldor), in Tel Chai statt. Die zeitliche Trennung der Aufmärsche beider Jugendverbände war verfügt worden, um Zusammenstöße zu vermeiden. Trotzdem ist es anläßlich der Trumpeldor-Feier in Safed zu kleineren Zusammenstößen zwischen Revisionisten und jugendlichen Mitgliedern des Arbeiterverbandes, die vom Grabe Trumpeldors in Tel Chai zurückkehrten, gekommen. Einige Personen erlitten leichte Verletzungen. Die polizeiliche Untersuchung ist eingoleitet. ANKÜNDIGUNGEN UND MIT# TEILUNGEN Dienstag, den 6. März 1934, um 8 Uhr abends, veranstaltet der Jüdische Klub der Jungen im Makkabi, I„ Rathausplatz 8, einen Vortragsabend, bei welchem Herr Dr. Tulo Nussenblatt über „Europäische Gewissen in der Judenfrage“ sprechen wird. Donnerstag, den 8. März 1934, um 8 Uhr abends., spricht Herr Dr. Tulo Nussenblatt im Cafe Hotel de France über „Aus dem Leben Theodor Iierzls“ (unbekannte Dokumente mit Lichtbildern). Donnerstag, den 8. März 1934, um 8 Uhr abends, spricht Herr Dr. Michael Steinberg in der Zionistischen Bezirkssektion Mariahilf- Neubau. VI., Loquaiplatz 11, über „Aktuelle Probleme im Zionismus“. Dienstag, den 6. März 1934: 1. Bez.: Sektion I, Hotel de France, Scbottenrmg, ^9 Uhr abends, Prof. M. A. Wiesen „Hebräisch für Anfänger“. Dieser Kurs findet jeden Dienstag statt. Donnerstag, den 8. März 1934: 1. Bez.: Sek. tion I, Hotel de France, Schottenring, Uhr abends, Englisch für Fortgeschrittene; ^8 Uhr abends, Englisch für Anfänger. Leitung Fräulein Jenny Friedmann. Jeden Donnerstag finden diese Kurse statt. „Ungesäuerte Mazzothkuchen, weil sie sich nicht lange aufhielten.“ Unserem Berichterstatter ist dieser Satz, der sich auf den Auszug der Juden aus Aegypten bezieht, beim Besuche der Sch midi sehen Mazzotlif abrik unter Führung des Inhabers, Herrn Brodetzki, vorgeschwebt. Wahrlich fehlt es dort nicht an den modernsten Misch- und Backmaschinen und automatischen Einrichtungen, daß das richtige Wort warn gut angebracht ist. Bekanntlich spielt im rituellen Sinne die Raschheit beim Anfertigen der Mazzoth die größte Rolle. Diese Frage hat dieser talentvolle Großkaufmänn, Herr Brodetzki, gründlich gelöst. Man kann sagen, daß vom Reismehl bis zur fertigen Mazzoth ein Bruchteil der Minute genügt. Fortsetzung folgt. Wichtig für Polenreisende! Personen, die durch das Verkehrsbüro Francopol, III., Rennweg 1, Tel. U 16-4-90, die polnischen Kur- und Luftkurorte besuchen, erhalten das polnische Aufenthaltsvisum gratis. Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien, II., Taborstraße 59, Tel. A 42-3-16, bittet die p. t. Arbeitgeber angesichts der Notlage der jüdischen Arbeitslosen um Anmeldung ihres dauernden oder vorübergehenden Bedarfes au qualifizierten kaufmännischen Angestellten, Arbeitern, Handwerkern und Hauspersonal aller Art bei dem angeführten Verein. Mitgeteilte Wünsche werden sorgfältigst berücksichtigt. Abbas Hilml ln Transjordanien Jerusalem, 2. März. Der Ex-Khedive von Ägypten, Abba s Hilrni, besuchte Transjordanien und übernahm in Pacht den Landstrich Char-ol-Chahad, der dem Emir Abdullah privatim gehört. Wie erinnerlich, hat der Emir im Jänner 1933 eine Option auf diesen Boden einer jüdischen Gesellschaft gegeben, diese aber zurückgezogen, als dio palästinensischen Araber eine großo Protestbewegung gegen jüdischen Bodenerwerb in Transjordanien einleiteten. Abbas Hilrni soll nun auf diesem Boden dio Errichtung einer großen A r a b o r s i o d 1 u n g planen. ★ König-Albert-Wald in Palästina Brüssel, 4. März. Die belgischen Zionisten wollen dem verstorbenen König Albert, der ein Teilnehmer der Levant-Messe erhalten nicht nur die Dauer-Messebesuchorkarte gratis, sondern sie haben auch Gelegenheit, alle Levant-Länder ohne Mehrkosten zu besuchen, und überdies stehen ihnen die mit Ex- und Import befaßten Bureaus der PAG. in Tol-Awiw und Haifa zur Verfügung, wenn sie an den PAG. - Palästina reisen zur Levant-Messe teilnehmen. Prospekte und Auskünfte: PAG r. Gen. m. b. H., Wien, VI., Capistrangasse 2 (Tel. B 25-3-81) täglich von 9 bis 12 Uhr. XI., Zentralfriedhof, i & Den Wien, 1., Seitenstettengasse Nr. 2 Tel. U 28-1-28 ben dem I. Tor. Tel. U 18-0-85 Bezugsbedingungen: Monatlich S 1.50, vierteljährlich S 4.20, ganzjährig S 16.—. Für das Ausland: Deutschland vierteljährlich RM 3.—, Tschechoslowakei vierteljährlich Kc 24.—, Jugoslawien vierteljährlich Dinar 40.—, Polen vierteljährlich Zloty 6.50, Ungarn vierteljährlich Pengö 4.20, Rumänien vierteljährlich Lei 120.—, übriges Ausland vierteljährlich Schweizer Franken 4.50. Postscheck-Konti: Österreich Nummer D 113.546, Polen Nr. 191.199, Tschechoslowakei Nr. 500.230, Jugoslawien Nr. 40.879. Eigentümer, Verleger und Herausgeber: Zionistischer Landesverband für Österreich, Wien, L, Kärntnerstraße 28. — Verantwortlicher Redakteur: Dr. Sigmund Finkeistein, Wien, I., Kärnlnerstraßo 28. — Druck; Vernay A.-G., Wien, IX., .Canißiusgassei 8—10t' 692804