Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 332 (2.3.1934)
- Date
- 1934-03-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 832. ~ 2. März 1934 DIE STIMME Seife B Eine Habimahaufführung Bromslaw Hubermann über Palästina Jerusalem, im Februar. Die „Elabiinah“, das führende Theater Palästinas, spielte, aus dem Jiddischen übersetzt, „Er und sein Sohn“, oin dreiaktiges Drama von I. D. B o r k o w i t z. „Er“ ist oin reiehor russischer Bauer, seit fünfundzwanzig Jahren getauft, sein Sohn, slawischer als die Slawen, sogar Antisemit. Das blutige Erlebnis eines russischen Progroms, an dem auch der Sohn sich aktiv und in gemeinster Weise beteiligt, bringt dem Alten dns Tragische seiner Situation erst völlig zum Bewußtsein. Er erkennt, daß es falsch war, dio Gemeinschaft zu verlassen, weiß aber nun keinen anderen Aasweg für sich und seinen Sohn als den in don Tod... Ein TheaterschlußV Jawohl, ein Theatersi-hluß, aber doch ein sehr symbolischer — symbolisch für die dumpfe Verzweiflung, die heute viele dem Judentum Entfremdete befallen hat, dio erfahren mußten, daß der Weg, auf dom sie ihrem Schicksal entfliehen wollten, in eine Sackgasse geführt hat. Ebenso schlimm wio der Tod ist die Wüste. An der Aufführung, die sich in einigen Bollen, besonders in Meskins Bauer, zu schauspielerischen Höchstleistungen steigerte, schied sich das Publikum. Der in Palästina groß oder jedenfalls reif gewordenen jüdischen Jugend fehlte, man merkte es deutlich, die innere Beziehung zum Stück -- und die Jugend ist darum zu beneiden, denn ihre Beziehungslosigkelt beweist ja nur, daß sie das in dem Stück aufgeworfene Problem dieses Abfalls, der zum Verfall führt, überhaupt nicht kennt. Dio etwas älteren, aus dem europäischen Osten elngewanderten Juden waren von dem Stück schon berührter. Mag auch in ihrem früheren geographischen Lebensbezirk der Abtrünnige erst Einzelerscheinung und noch nicht Prototyp einer Gruppe gewesen sein, so ist doch .von der Wirklichkeit her ln schrecklichster Erinnerung. Aber zum tiefen Erlebnis schien der Abend einem Teil der jungen, jüngst aus Deutschland eingewanderten Juden geworden zu sein-. Viele der palästinensischen Neueinwanderer sind zweifellos geschulte Zionisten. Sie leben seit langem nicht nur in der Bewegung, sondern auch in ihrer Ideologie. Wenn sie jetzt nach Palästina kamen, so ist dies die Konsequenz eines jahrelang geübten und in seiner Richtigkeit bestätigten Denkens, Und andere Neai-PaläsUnensen, die vordem keine Zionisten waren, lebten ehemals in einem jüdischen Milieu, das wenigstens religiöse Formen oder eine bestimmte jüdische Familientradition kannte. Aber dann gibt es noch eine dritte Gruppe von Palästinaeinwanderern, die zwar früher durchaus jüdisch empfunden hat, auch nicht bestrebt war, diese Empfindung oder gar ihre Herkuuft feige zu verbergen, die a/ber weder eine religiös-kultische Bindung anerkannte, noch sich auf die jüdisch-nationale Zielsetzung festlegen Avollte, weil sie sie was sich mittlerweile als Irrtum erwies — als einseitig und reaktionär empfand... Für diese Juden nun, die zwar subjektiv ehrlich handelten, deren Lebensführung sich aber in keiner Weise von der der Bcquemllchkeitsassimilanten unterschied — für diese Juden, dio noch vor achtzehn Monaten zwar Ja sagten zum Judentum, das sie in sich trugen, aber Nein zum Gesetz, Nein zur Gemelndeorgantsation und Nein zu Erez Israel — für diese Juden, die, wenn sie sieh auch bis zum Jahre 1933 vom Judentum nicht fortgeschlichen, so sich doch allmählich von ihm fortgodacht haben — für diese Juden, für die die geschichtlichen Vorgänge der jling'ston Zeit eino tiefe seelische Prüfung gewesen sind, durch die sie ihr Verhältnis zum Judentum weitgehend revidierten — für sie war die Aufführung der „Ilabimah“ von erschütternder Aktualität: nicht ästhetisch zu bewertende Kunst, sondern ein Spiegel des eigenen seelischen Schicksals: Das wäre also, sagten sie sich, möglicherweise aus unseren Söhnen, aus unseren Enkeln geworden! Nicht ProgromVerbrecher — aber doch vielleicht Bürger, die „neutral“ und „korrekt“, und ohne zu orrötou, geschwiegen h!ltton, wenn ihren Blutsbrüdern Unrecht geschehen wäre, So wäre der Wig zutn Irrweg geworden! So hätte er in eine Assimilation führen können, die ihre Anhänger allmählich vollkommen dQmoralisiQj,t;? im übelsten Sinn des Wortes verweltlicht und im wahrsten entgottet hätte ... Das Drama wurde zur Prophetenpredigt. Das Theater zum Tribunal. Der Angeklagte zum Richter über sich selbst. Ego. Beijnet Hü KMHABIKA I>IE GROSSE MIT DOU&IAS FAI M/SUKS JUN. M Q I E: PAUL C7 I N N E R K0NSTL.OBER.LTGi: ALEXANDER KORDA &UGH-LUDWI6 Bl KO u- MELCHIOR LEN&yEl AVOI1Q Auf einem in London zu Ehren Bronislaw Hubermanns, der kürzlich, wie berichtet, von einer Konzerttournee durch Palästina nach Europa zurückgekehrt iet, von Mrs. D o u g d a 1 e, der Nichte von Lord Bnlfour, und Mrs. L y 111 e t o n, veranstalteten Empfang, schilderte der Künstler seine Eindrücke von dem jüdischen Aufbauwerk. Ich komme aus einem Lande, erklärte er, das wahrhaftig als ein Paradies auf Erden gelten kann. loh bin überzeugter Europäer und war niemale von dem Gedanken begeistert, daß das europäischeste Volk der Welt, die Juden, in ein asiatisches Land gehen solle. Aber das, was ich in Palästina gesehen habe, hat mich begeistert. Nirgendwo anders kann man solchen Idealismus, solchen Enthusiasmus finden wie dort. Gewiß, einzelne Idealisten gibt es überall. Aber ein Massenidealismue, ein kollektiver Idealismus, wie er in Palästina besteht, kann in keinem anderen Laude der Welt gefunden werden. Das ist einer der Gründel warum ich nicht länger irgend eine Unvereinbarkeit zwischen meinem Europäartum und dem Palästina- Gedanken empfinde. Was ich in Palästina gesehen habe, scheint mir wie ein neues und bessere^ Europa, Vielleicht wird sich der dort herrschende Idealismus auch auf Europa auswirken und eg a u s dem Chaos erlögen, in dem es sich jetzt befindet. Wenn es jemals zu einem europäischen Bunde kommen sollte, so wird dieser noch einen weiteren Staat, Palästina, mit umfassen. Heute ist Palästina die einzige wirkliche europäische Oase in A sien, 1, MAIOF1S* Zwei Masken Nach dem Jiddischen I. Aron der Träger nannte man ihn deswegen, weil er den ganzen Tag auf der Straße stand und ausspähte, ob es nicht irgendwo etwas anzupacken, zu tragen gab, .um dabei ein paar Kopeken zu verdienen. Leider aber gab es nicht immer etwas zu tragen, und die Kopeken waren seltene Gäste in seiner Tasche. Alle liebten ihn wegen seiner Ehrlichkeit und noch mehr wegen seiner Lustigkeit und Fröhlichkeit. Ein besonderer Segen für diese armen Leute! Indes große, mächtige Leute stets verdrossen, vergrämt und wortkarg dahergehen, sind oft arme Leute voller Freude und Ausgelassenheit und stecken sogar andore mit ihrer Heiterkeit an. „Ah was“, lachte Aron der Träger. „Das Leben ist gar nicht so schlimm, es könnte viel schlimmer kommen. Es gibt noch einen Vater im Himmel, und es kommt sogar einmal vor, daß es einem gut, sehr gut gellt, so gut, daß man jeden Tag ein Stückchen Brot zu esson hat, ein paar Schelte Holz für don Ofen, und ähnlichen Luxus mehr, den sich die menschliche Phantasie kaum auszumalen vermag...“ Hatte sich Aron den ganzen Tag auf (1er Straße unnütz und aussichtslos abgequält, flüchtete er sich ins Beshamidrasoh, um sich ein wenig auszuruhen und rasch ein paar Psalmen zu erhaschen. „Na, Aron, heute was verdient?“ fragt ihn einer der Beshamidraschleute. „Gott sei’s gedankt, heute schon eine ganze Summe verdient.“ „So, so, woher, woran?“ Und Aron rechnete ihm vor: „Heute in aller Frühe schon gedawent, oin „Borachu“ gesagt, eine Menge Omens, eine Koduschoh... Ist das wenig verdient? Ich habe gar nicht einmal gezählt. Wenn man nicht zählt, ist der Gewinn größer...“ „Und g e t r a g e n habt Ihr den ganzen Tag nichts?“ „Was heißt nicht gotragen? Gorado den ganzen Tag schwer getragen.“ „Wae zum Beispiel?“ forschen die Jünger, die sich inzwischen alle um ihn gesammelt haben, weiter. „Nun, was soll ich getragen haben, natürlich mein Päckchen Zores und Daagos (Leiden und Sorgen). Was sonst?“ „Ist wohl sehr schwer zu tragen?“ „Unsinn, gar nicht so schwer, Schwer ist nur, wenn man nachts mit leeren Händen nach Hause kommt und Frau und Kinder keinen Witz verstehen...“ Einmal im Jahre ist aber Aron der Träger ganz in seinem Elemente. Am Purim, am Tage der Freude und Ausgelassenheit, ist er der König dieser Freude und Ausgelassenheit. Schon morgens nach dem Beten beginnt es. Auf dem Tische liegt seine königliche Garderobe ausgebreitet: ein alter, grauer Soldatenmantel mit blitzblanken Messingknöpfen, eine goldene Krone, kunstvoll aus Pappendeckel und Goldpapier ausgearbeitet, ein blinkendes Szepter, ein paar Sporen und ähnliche Dinge, die für den König unentbehrlich sind. Aron spielt in der von Haus zu Haus gehenden Purimkapelle die Hauptrolle. Er ist König Achaschwerausch. Es ist nicht allein des Verdienstes wegen, es ist sein Metier, sein Herz gehört dom Spiel, der Lustigkeit. Und wenn er in den königlichen Kleidern steckt und vor das Gesicht die Maske gebunden hat, die einen russischen oder polnischen Panie mit dicken, roten Backen, mit fettem, glattrasiertem Kinn, wütenden Augen und einer knallroten Nase — diese soll die Neigung des Achaschwerausch zum Trunk© andeuten — vorstellt, so möchte Aron der Träger mit einem wahren König kaum tauschen. II. Aron gegenüber wohnt in einem guten Hause Qslp Gerosimowitsch, der in jungen Jahren Joske, der Knacker geheißen hatte. Er ist aber Inzwischen auf unbekannte Art zu Geld gekommen und heißt jetzt Herr Qsip Gerosimowitsch. Obwohl keiner Ursache hätte, ihm besonders zu schmeicheln, Er lebt nur seinen Freuden und seinen Genüssen, sieht wohlgemästet aus und läßt nie einen Armen oder einen Boten in Genieimiesachen über, seine Schwelle. Weib und Kind hat er auch nicht, obwohl er schon dreißig Jahre alt ist. So kann er sein ganzes Interesse seiner lieben Persönlichkeit widmen. Er kleidet sioh stets nach der neuesten Mode, führt sich dio besten Speisen zu Gemüt© und versäumt kaum einen Ball oder sonst ein© Gelegenheit zum Amüsement. Nun rüstet sioh Osip für den Fastnachtsball, von dem er sich ungeheuer viel verspricht. Ich habe in Palästina zwölf Konzerte gegeben, die von insgesamt 18.000 Menschen besucht waren: jede Veranstaltung war ausverkauft. Wenn wir die Tausende mitbcrficksiehtigon, die keinen Einlaß finden konnten, so können wir rechnen, daß ee in Palästina ein konzort besuchendes Publikum von etwa 30.000 Personen gibt, ejne ungeheure Zahl, wenn man bedenkt, daß die gesamte jüdische Bevölkerung des Landes, Männer, Fragen und Kinder, bloß eine viertel Million Seelen umfaßt. Das Verhältnis der Konzertbesucher zur Geeamtbevölkerung ist somit, fünf- bis zehnmal so hoch wie in jedem arideren mir bekannten Lande. Dies spricht Bände für die Höhe des kulturellen Lebens im Jisclmw, die übrigens auch aus anderen Tatsachen ersichtlich ist. So ist zum Beispiel die erst vor zehn Jahren gegründete Bibliothek der Hebräischen Universität heute schon die größte Bibliothek der weißen Rasse in Asien und Afrika. Und das kulturelle Streben, selbst ... Versuon litterzeugt 1 In alle" Hpotn«l,8n ga 1 wirkt rasch und sicher bei Rheumatischen Gichtischen Beschwerden, Kopfschmerzen, Erkältungskrankheiten. 60Q0 Ärztegutachten I Togal scheidet die Harnsäure aus, gebt daher direkt zur Wurzel des Obels. unter sogenannten’ Bauern, ist so stark, wie anderwärts nur bei den oberen Zehntansenden. Ich hatte das Empfinden, daß Palästina das erste Land ist, das sich endlich von der Klaesenkultur Europas befreit hat und eine die gesamte Volksgemeinschaft erfassende Kultur entstehen läßt. Zum Schluß machte Hubermann noch einige Bemerkungen politischer Art. Ich will es nicht kritisieren, sagte er, daß Vorwürfe gegen die Mandatarmacht erhoben werden. Ich kann ee verstehen, daß Teile der Bevölkerung ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen wollen. Immerhin aber sollten wir Juden nie vergessen, daß es England war, das nach zweitausend Jahren des Exils das erlösende Wort „Jüdisches Nationalheim“ sprach; auch sollten wir nicht die bei anderen Gelgenheiten im britischen Parlament gehörten Äußerungen der Freundschaft und Sympathie für die Juden vergessen. Wir sollten diese Freundschaft Hochhalten und Differenzen zu überbrücken versuchen. 11. bis 17. März 1934 (Rotunde bis 18. März) BEDEUTENDE FAHR« PREISi»EKM ASSIGUNGEN! Messeausweise ä S 6.— bei der Wiener Messe- Aktiengesellschaft, Wien, VII., Messeplatz 1. — Eintrittskarten (zum einmaligen Besuch der Rotunde oder des Messepalastes und der Neuen Burg) ä S 2.50 bei den Kassenschaltern der Messehäuser. Eine originelle Idee, ein Apache 11ba.ll, ein Lumpengesindel wird Zusammenkommen. Und wenn er erst aus seinen Lumpen und seinem Bettelsack die kostbare goldene Uhr herausholte und seiner Anuschka reichte... In dieson Phantasiem schwelgend, steht er vor seinem Garderobentisch: ein alter, verblaßter Rock voller Löcher und Flecken, ein zerboulter Hut, wie ihn die Luiulstroichcr aufhabon, Scluiho mit abgerissenen Mündern. Und dazu die Maske: gelbe, eingefallene Backen, tiefschwarze Ringe unter den Augen, ein schütteres Bärtchen unter einem spitzen, gelben Kinn. Ein Blick in den Spiegel ringt ihm einen Freudenruf ab. Vielleicht, vielleicht abor sind es gar keine, Masken, vielleicht ist der eine genau so ein ochtor Lump, wie der andere oin wirklicher König ista..