Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 331 (27.2.1934)
- Date
- 1934-02-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 881. - 27. Februar 1934 DIE STIMME Seife 5 Die indische Judenstadt Kotay hartem Ilolz. Ein goldloekiger Junge taucht seinen Finger lüstern in die weißliche Salztunke ... Die Ladenschilder tragen die hebräischen Schriftzeichen. Die Lampen aus Ton werden mit öl gespeist. Verrostete Eisenplatten er- Mario A p p e 1 i u s, ein christlicher Italiener, schildert hier seine Eindrücke in einem exotischen jüdischen Milieu und vermittelt uns die Kenntnis eines jüdischen Volkssplitters in Indien. „Nach der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem, im 38. Jahrhundert der Schöpfung, brachen 5000 Juden von den setzen zerbrochene Scheiben und Fenster- Ufern des Jordans auf und gelangten nachjflügel. Langsam rieselt von den Dächern dreijähriger Fußwanderung in dieses Tal, Schutt auf die Vorübergehenden. In den wo sie den Grundstein der Synagoge fegten.“ j Geschäften gibt es keine Wurst, keinen Feierlich näselnd rezitiert Scino Ehr- Schinken, das Auge des Europäers zu erwürden der Oberrabiner von Kotay diese frcitn; auch keine Flasche Wein oder Worte und deutet auf das uralte Gottesj Whisky. Mosis Gesetz wird strenge, ohne haus, dessen zwölf kleine Kuppeln sich in modernistische Laxheit, befolgt. (Die Abstidie leuchtende Klarheit des Himmels von 1 nenz hat natürlich mit dem jüdischen Gesetz Madura erheben. Ringsum, gleich Hühnnichts zu tun. Die Red.) Nie schien mir Chen unter dem Schutze der alten Henne,' e|n zionistisches Land zionistischer als liegen, eng aneinander, dio windschiefen dieses. auf der Straße gärt Schafkäse in Näpfen aus' Salomonis erleuchteten“, erklärte näselnden Häuschen der Judenstadt Kotay, die, erbärmlich anzusehen mit ihren schwarz gefärbten Mauern, deutlich erkennen lassen, daß sie an Jahren mit dem Tempel wetteifern. Es ist sonderbar, daß im Reiche Brahmas und Schiwas, im legendarischen Lande ungeheurer religiöser Umwälzungen, auf dem klassischen Boden eines verheerenden Fanatismus und mystischen Wahnes, der Wanderer oft auf dem grünen Gipfel eines Hügels oder im dunklen Trichter eines Tales ein christliches Kirchlein entdeckt, gegründet vielleicht vom heiligen Thomas selber, oder eine jüdische Synagoge, gleich der in Kotay, erbaut von irgend einem vorgeschichtlichen Rabbiner. Hier wohnen ungestört, seit Jahrhunderten, mehrere tausend Menschen, während draußen rasende Religionsstürme das Land erschüttern. Doch In Indien ist alles paradox, und man darf sich über nichts wundem. Deshalb war ich auch nicht erstaunt, als ich inmitten der üppigen Ebene von Madura, unter Palmen und Pagoden plötzlich au einer jähen Wendung der Straße vor einer Reihe altersschwacher Häuschen stand, darin eine unwahrscheinliche Menschenmenge ihre Wohnung hat. Die Rasse, die hier seit Jahrhunderten haust, von den anderen Einwohnern völlig getrennt, fast ohne Berührung mit ihnen, hat ihre alte Tracht, ihre Häuser, ihre Sitten, ihre Farbe, beinahe möchte ich sagen: ihren eigenen Geruch bewahrt. Hätte ich auch nicht gewußt, daß wir in einem jüdischen Gemeinwesen uns befinden, wären alle Türen hermetisch verschlossen, alle Fenster verrammelt gewesen, ich schwöre, daß ich schon am Äußeren das samaritanische Dorf erkannt bäte. Aber das indische Ghetto von Kotay ist nicht nur durch den Kontrast seiner jüdischen Physiognomie zu der brahmanisehen Landschaft interessant. Die Sitten, die Tracht, die charakteristischen Typen sind hier unverändert geblieben; sie sind heute, wie sie im 38. Jahrhundert der Schöpfung waren, ohne selbst jenes kleine Stückchen Eigenart eingebüßt zu haben, das die anderen Juden auf den zahlreichen Etappen ihrer Wanderschaft verloren. Nicht einmal in Palästina ist der Jude so sehr Jude geblieben wie unter den Palmen von Travancore. In Galiläa haben die Juden den umwohnenden Völkern wenigstens Teile ihrer Tracht entlehnt, den Mantel der Mohammedaner, das Wams der Drusen, den weißen Rock der Leute von Jaffa, die roten Pantoffeln der Beduinen des Jordan. Hier nichts davon. Die Alten sind gekleidet wie Aron, die Jungen tragen sich wie einst der bravo Isaak. Die Frauen, wunderschön in ihrer ersten Jugend, nach der Mutterschaft durch Fettleibigkeit entstellt, hüllen sich noch immer in das Kleid der Judith und den Mantel der Rebekka. Zahlreich sind die Blonden unter ihnen, nicht selten die Roten und die Albinos. In den blassen, sommersprossigen Das Innere der Synagoge ist voll Feierlichkeit. Verschieden von den Tempeln Brahmas, die, auch wenn sie unter der Erde liegen, immer durch zehn oder zwanzig Öffnungen in Verbindung mit der Luft und der Sonne stehen, ist hier alles verschlossen und halbdunkel. Die Jahrhunderte alten Wände, einst bemalt, jetzt durch Feuchtigkeit und Alter entfärbt, haben den fettigen Glanz alten Holzes angenommen: auch die Säulen und die Bänke sind ehrwürdig vor Alter. Von der Decke hängen seltsam geformte Lampen aus geschmiedetem Kupfer mit gläsernen Ornamenten herab, feine, dem Tones der vortreffliche Rabbi. Prachtvoll der Fußboden aus gelbem Porzellan mit blauem Blumenwerk, köstliche Proben koreanischer Kunst, die, niemand weiß wie, hierher geraten sind. In der Mitte erhebt sich der Altar, auf dem der fromme Glaube von Generationen Gold und Silber verschwenderisch aufgehäuft hat. Acht gewundene Säulen aus Bronze tragen den mit Arabesken verzierten kupfernen Altarbimmel. Zu beiden Seiten des Altars die Gesetzestafeln, in der Mitte die Stiftahütte, in einer Ecke, auf einem Lesepult, der Leviticus. Der Oberrabbiner hat seine Amtstracht angelegt; mit dem weißen Barte, dem Mantel aus Brokat und der Tiara Salomons sieht Seine Ehrwürden unstreitig viel imposanter aus als im Alltagsgewand, darin er uns beim Betreten des Städtchens begrüßt hat. Der Tempel hat sich mit Gläubigen gefüllt, die Frauen auf der einen, die Männer auf der anderen Seite. Das rötliche Licht der Lampen beleuchtet nur die ersten Banksprache des Alten Testaments die Psalmen des Ezechiel und des Jesafas (? Die Red.) an, die Gläubigen respondieren im 4000jährigen Idiom. Traurig ist das Gebet, laug und monoton; schluchzend klingt das Ende der Verse. So sangen vielleicht die Söhne Israels, als sie vor den Horden des Pharao flohen; so beteten dio Sklaven, die in Babylon Mühlsteine drehen mußten. Das ganze Drama des Volkes ist in diesem Klagegesang, der von den abgescheuerten Bänken sich zur Bundeslade mit den Worten Davids und Samuels erhebt. „Gnade, o Gott Abrahams! Erbarme dich deine« Volkes, o Gott des Sinai und des Eden!...“ •Ein unendlicher Schmerz ist in den Augen der Betenden und eine tiefe Trauer ergriff auch mir die Seele... Palästina-Literatur in Österreich. Wie sehr Palästina heute im Mittelpunkt des Interesses steht, geht eindeutig daraus hervor, daß in der letzten Zeit eine nicht geringe Anzahl von neuen Büchern über dieses Thema erschien. Erfreulicherweise hat sich der bekannt rührige Wiener Fiba-Verlag in dieser Besind, werden vom Lichte phantastisch entstellt; sein düsterer Schein gräbt sich tief in die knochigen Gruben der Gesichter, daß die Umrisse schärfer hervortreten, entfleischt gleichsam die Schädel... Breit, ernst, feier- Antiquar unschätzbare Arbeiten. „Es sind j lieh erhebt sicli der Chorgesang von den Nachbildungen der Lampen, die den Tempel I Bänken. Der Vorbeter stimmt in der Urreihen, die hinteren bleiben im Dunkel wie (Behling in die vorderste Reihe geschoben, da» auf einigen Bildern Rembrandta. Aber die tü0 Von ihm gebrachten Bücher tatsächlich als zwanzig oder dreißig Köpfe, die sichtbar erstklassig bezeichnet werden müssen. Abge- Sabbathsrnsgamg in Alexandrien Sonderbare Bräuche Über seltsame Bräuche, wie sie sonst nirgends in der Welt zu finden sind, berichtet hier der amerikanische Journalist Harry Lang auß Alexandrien: Die alexandrinischo große Synagoge hat eine jahrbundertalte Eigentümlichkeit. Sie ist eine Stände-Synagoge. Ständisch organisierter jüdischer Kleinstaat spiegelt sich in ihr wider. Die verschiedenen Innungen stehen in abgesonderten Beterreiben. Und Symbole an den Pultwänden der Synagoge verkünden, daß von hier aus zu Gott nur sprechen darf, wes Handwerk das Schustern ist, und daß ein paar Reihen weiter die Schafhändler stehen, noch weiter die Schmiede, die Feldarbeiter, die Gerber ... Es traf sich, daß ich gerade an dieser Synagoge meine Feststellungen über das Leben der ägyptischen Juden um einig« interessante Einzelheiten ergänzen sollte. Einzelheiten, die nicht ganz ohne jeden Zusammenhang mit der kastenmäßigen und ständischen Einteilung der Betpulte sind. Ich mußte nämlich feststellen, daß die Ostwand, die Millionärsreihe, den Sabbath streng hütet. Börse und Banken sind in Ägypten am Sabbath geschlossen. So minutiös wird das Gebot, am Sabbath auszuruhen, beobachtet, daß diese Leute selbst die Mühe, in die Synagoge zu gehen, für eine Übertretung der Sabbathgebote halten scheinen und ängstlich sich vor solcher Aufgabe der Ruhehaltung hüten... Dafür aber glauben sie, kaum daß der Sabbath zu Ende ist, nun keine Gesetzesübertretung mehr zu begehen, wenn sie jetzt die Synagoge besuchen. Während am Freitagabend und Sabbathmorgen die Bethäuser leer sind, füllen sie sich zu Sabbathausgang, so wie bei uns die Synagogen nur am Jom-Kippur-Abend. Man steht dichtgedrängt. Alt und jung kommen, Frauen und Männer, die Frauengalerie ist überfüllt ... In Wahrheit rührt dieser seltsame Brauch Gesichtern glüheD schwarze, tiefe Augen,' natürlich nicht von der Auffassung her, die schön bleiben, auch wenn im Laufe der j daß der Synagogenbesuch etwa eine Über- Jahre die Züge verwittern. schreitung des Ruhegebotes in sich schlösse, Schafe und Lämmer nehmen auf Schwellen j sondern es ist einfach so, daß die ägypun:l Wegen teil an dom patriarchalischen (tischen Juden eine abergläubische Angst Leben der Bewohner. In den Läden verkauft j vor dem Beginn der neuen Woche haben man rituelle Speisen, gekocht in dor Butter und daß der Wille, alle bösen Geister von der Kokosnuß oder in Palmöl, ohne Zutat j ihm fernzuhalten, stärker ist als das himm- „unreinen“^Tierfettes: Eier in Zwiebelwasser lische Gelüst, dor Sabbathbraut am Freitaggö30tten, Kleieklöße mit Fleisch, Süßspeisen abend ontgegenzugehen, oder die Thoraam Reis und Milch, mit Rosinen und Zimt Vorlesung am Sabbathmorgeu mit anzubestreut. An Stricken von Fenster zu Fenster hängen unbestimmbare Wäschestücke. — Mitten hören. Eilfertig, schon wochentägiich gestimmt, hasten sie bei Sonnenuntergang ins Bethaus, ganz ohne jene Traurigkeit und ungestillte Sehnsucht, die bei uns und im Osten die Dämmerstunde des Sabbath beherrscht. Sie eilen zum Beten wie zur ersten werktäglichen Verrichtung, wie zu dem notwendigen unumgänglichen Präludium für den Alltagshandel und -wandel. An den Synagogentüren finden sie kleine Tischchen, auf denen grüne Myrtenzweigeheu gehäuft liegen, frische Gewürzblätter, die man nur zu zerreiben braucht, um ihren scharfen, aufmunternden Geruch zu spüren. Jeder, der in die Synagoge hineinkommt, nimmt sich ein solches Zweigehen und hält es während des ganzen Abendgebetes in seiner Hand. Und auch dies Abendgebet ist ganz anders, wie wir es gewohnt sind, weit weniger dumpf, wehmütiger, dämmerig. Nicht irgendwer aus der Gemeinde steht vor dem Vorbeterpult, sondern der Kantor besteigt langsam, feierlich die Empore in der Mitte, den Almemor. Er ist mit allen Zeichen seiner Würde behängen und geputzt, er trägt einen langen, weißen Überwurf, der oben und am Hals eng geschlossen ist und von dem breite Ärmel priesterlich abfallen. Er trägt eine große silberne Brosche auf der Brust und die Ränder seines Gewandes sind mit Silbersäumen besitzt. Er trägt ein hohes weißes, steifes Käppchen auf dem Kopf, und auch dieses hat Silberrand. Wenn er seinen großen silbernen Hawdala-Becher mit Wein endlich zum Schluß des Gebetes hochhebt, dann ist die Minute gekommen, da alle in der Gemeinde ihre Myrtonzweige der Blätter entkleiden und sie zwischen den Händen zerreiben, an ihnen lange inbrünstig rieehon und dann die Blätterreste in die Tasche stecken; sie sind eine Art Amulett für die kommende Woche. Dann fangen alle Leute in der Synagoge an, sich in einen Zug zu formieren, und sie schreiten einer hinter dem anderen hinauf zum Almemor, den Hawdala-Becher berühren. Links kommen sie die Stufen herauf, gehen zum Almemortisch, und rechts schreiten sie wieder hinunter, wenden sich nach vorne zur Heiligen Lade hin, heben den Saum ihres Vorhanges hoch und führen ihn an den Mund —, ein langer, unendlich langer Zug, der nun frohgemut, und als hätte er eine Versicherung abgeschlossen, in die Woohentäglichkeit des Marktes entschreitet. All dies mit großem roten Fez auf dom Kopf, all dies mit abgeblätterten Myrten* zweigen in den Händen, all dies, während Kinder an Väterhände sich schmiegen —-, kurz: ein farbiges, patriarchalisches Bild* sehen von Hugo Herrmanns Standardwerk „Palästina, wie es wirklich ist“ gibt die Abhandlung „Wir bauen Palästina“ ein wahres Bild über das Leben und Wirken unserer Brüder im gelobten Land. Soeben erscheint Herrmanns „Pa Iä s t i na-K u n d e“, dem in wenigen Wochen „Das neue Palästina-Handbuch“, der moderne, mit Stand vom 1. Jänner 1934 aufgenommene Reiseführer von Preß-Herrmann folgen wird. Wir behalten uns vor, auf all diese Bücher des näbereu einzugehen. Dr. S. & j Zwei wurden erschossen *. * Der Krieg brach zusammen. Völker empörten sich. Freiheit. Nationales Recht. Revolution. Revolution in der Kleinstadt. Bauernbuiv schen zogen ringend durch den Ort. Entwaffnten ohne Gegenwehr die Soldaten. Die waren müde, wollten nach Hause. Schluß mit dem Krieg. Freiheit! Die Juden des Ortes sind still. Sie sind gutmütig geduldet und schweigen. Trupps durchziehen das Städtchen. Ungeordnet, disziplinlos. Freiheit! Wer waren unsere Tyrannen? Wer? Wer? Und sie sehen die wahren Urheber nicht, die Mächtigen aller Konfessionen, sie sehen nur den armen Juden. Juden! Juden! Juden! I Zwei Unglückliche befinden sich auf der Straße. Zwei Tyrannen! Geknickte Gestalten, mit Kaftan angetan. Armselig, verhungert. Aber Tyrannen, weil Juden! An die Wand! An die Wand! Freiheit! Man schleppt sie fort. „Juden, grabt euch selber die Grube!“ „Grabt, grabt!... Vorwärts!“... Man lacht, scherzt, singt, die Freiheit ist da^ 0 du schöne, sonnige Freiheit! Tyrannen sterben. Denn, tötet die Brut! Und sie graben... graben... graben... Zwei Juden, alt, gebrochen, aber zwei aus der Brut. „Fertig?“ Die Sonne scheint. Heiß und Fiebernd vibriert die Luft. Tag der Schönheit. „Fertig?“ Zwei alte, arme Juden. „Achtung! Schießt! Feuer!“ Nicht eine Kugel, nicht eine Salve, hunderte Kugeln. Alles schoß. Denn, Tod den Tyrannen! Tod! Die Sonne sah dem allem zu. Die Leichen wurden heimlich ausgegraben und auf den Friedhof gebracht. Zwei Väter wurden in finsterer Nacht heimlich begraben. Begleitet vom Weinen einer ganzen Stadt. So starben zwei Menschen. Zwei, von denen ich weiß. Es starben der Menschen noch mehr. Das war der Krieg ian eigenen Lande. Mario Fisch.