Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 331 (27.2.1934)
- Date
- 1934-02-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 831. — 27. Februar 1934 überwinden kann. Der Sozialmus hat dieses! Katholizismus und Judentum dazu gehört, vor allem aber mit der Schaffung von F r e i h e it, Arbeit und freier Entwicklung für unsere Jugend. Das ist ein Programm, das tausende von Menschen, opfervolle Mühe erfordert, Wir haben blutenden Herzens auf die Mitarbeit von tausenden jüdischer Menschen verzichten müssen, die seelisch der 'Assimilation, der bürgerlichen wie der sozialistischen, erlegen waren und ihr Beste.? in fremde Lager getragen hatten. Nun aber ist eine Phase eingetreten, in der für Charaktermängel kein Lohn mehr winkt. Die Sprache der Zeit ist blutig und rauh: „Ihr seid Juden und Ihr bleibt es!“ Wir beklagen es, daß diese Wendung so viele und sicherlich auch wertvolle Menschen um die Existenz bringt, aber sie hat doch auch ihr Gutes: sie kommen zum Judentum zurück und es wird mm zur ernsteten Aufgabe, das Erziehungswerk fortzusetzen, diese alle ius der assimilatorischen und sozialistischen Ideologie herauszuführen und in die jüdische Gemeinschaft einzugliedern, sie aus dem Zwang zum stolzen Volksbewußtsein zu bringen, sie zu Juden zu machen. Die jüdische Jugend mag den Weg noch nicht sehen. Es ist viel versäumt worden. Innerhalb der Sozialdemokratie ist diese Jugend für den Anschluß an Deutschland begeistert worden, für tausend Dinge, die uns als Juden nicht das geringste angehen. .Vom Judentum aber, von der großen jüdischen Geschichte, von dem jüdischen' Geistesleben hat diese Jugend nie erfahren und noch weniger hat sie von dem wundervollen zionistischen Werk erfahren. Wir haben es entweder gar nicht oder nur schwach versucht, mit unserer Stimme zum Herzen dieser Jugend vorzudringen, und jener Teil der jüdischen, nationalen, zionistischen Jugend, die es dennoch unternahm, ist nicht wirkungsvoll unterstützt worden. Nun aber — ist die Lage ganz anders geworden und wir müssen, wenn anders wir unsere politisch obdachlos gewordene Jugend nicht der Straße überlassen wollen, zu ihr gehen. Sie muß organisiert und erfaßt .werden. Es müssen Schulungskurse im weitesten Ausmaß, Heime errichtet werden, es muß;ein L e h r a p p a r a t aufgestellt werden, in dem die jungen Leute mit dem Judentum, mit seiner Geschichte, seiner kulturellen Leistung, seiner Sprache, seinen Zukunftshoffnungen vertraut gemacht werden. Diese Jugend ist dem jüdischen Haus, der jüdischen Tradition entfremdet worden, sie ist — genau so wie die Jugend anderer Völker seit dem Kriege — eigenwillig und störrisch geworden. Sie muß wieder zum Haus zurückgehen, und der Zionismus muß sie führen, verschüttete Gefühle wieder befreien. Das ist eine schwere Aufgabe, aber sie muß getan werden. Unsere Jugend ist so romantisch, idealistisch, unbedingt, wie eben Jugend. Und diese besten und edelsten Empfindungen in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen, sie für die Erneuerung und Gesundung des Volkes oinzusetzen, diese Jugend darauf stolz zu machen, daß sie dem adeligsten Volk angehört, das nur wegen seinergeistigen Kraft gehaßt wird und das sich seine Zukunft selbst zimmert — das jsfc e-ine Aufgabe aller Mühen wert. Problem nie zur Kenntnis genommen, wie er denn auch niemals irgend eine ernstliche Aktion gegen den Judenhaß unternommen hat, obzwar gerade der Antisemitismus der Hebel war. mit dem der Chauvinismus und die Reaktion in allen Landen gearbeitet hat und noch arbeitet. Aber da? jüdische Problem tritt heute greller heraus als je. Es besteht nicht mehr der Wille, die Assimilation des Judentums durch die Prämie der Taufe zu unterstützen und klarer als je zeigt sich die u n b e i r rba r e Logik der j li d i s c h n a t i o n a- 1 e I d e e, in der sich eine jüdische Weltanschauung entwickelt. Wir brauchen nicht mehr die Anerkennung als Volk. Die hat uns Gott selbst am Sinai erteilt. Wir erstreben unsere volle Gleichwertigkeit als Volk, die Nationswerdung mit allem, was 1Jken müssen msammenstehen. Der Kampf ren, daß nicht im Namen der Rasse getötet London. In einer Ansprache, die er vor den Mitgliedern der Londoner Loge Bne Brith hielt, erklärte Prinz Flubertus zu Löwenstein: Der Papst nimmt tiefen Anteil an der jüdischen Frage und ist über die Geschehnisse in Deutschland ernstlich beunruhigt. Ich kann aus persönlicher Kenntnis sagen, daß der Vatikan in diesem Augenblick eine Enzyklika über diese Frage vorbereitet, die der Papstunterschreiben wird. Das jüdische Problem in Deutschland, fuhr Prinz Hubertus fort, ist nicht allein für Deutschland, sondern auch für die Welt von Worte, seine Martern zu schildern. Und er ist nur einer unter vielen. Die nicht getötet wurden, wurden erpreßt und vollkommen ruiniert Einer meiner besten Freunde zählte mir, seine Firma, eine jüdische, mußte Insolvenz erklären, da die meisten ihrer Schuldner Nazis waren, die sich weigerten, die Schuld an einen Juden zurilckzuzahlen. Die Firma konnte keinen Anwalt finden, der ihre Vertretung vor Gericht übernommen hätte; denn dies war mit Lebensgefahr verbunden. In seinem Buch „Mein Kampf“ erklärt Hitlor, die Nation, die die beste Rasse züchtet, wird einst die Welt beherrschen. umfassender Bedeutung. Das ist der römisch-1 Wir nehmen das als Warnung und werden katholische Standpunkt. Juden und Katho-jTag für Tag an das Weltgewissen appelüein Deutschland ist ein K a m p f z vv i s c h e n dem Gottesprinzip und dem S a t a n s p r i n z i p. Die Nazimethoden richten sich nicht gegen eine einzige Rasse oder Religion, sondern gegen die Relii o n schlechthin. Diktatur beginnt immer mit Angriffen gegen den schwächsten Punkt, wird. Viel Blut, christliches und jüdisches, ist unter deT Hitler-Diktatur vergossen worden. Prinz Hubertus zu Löwenstein bemerkte zum Schtuß, die Juden müßten für ein jüdisches Palästina kämpfen, denn wird es ein starkes Palästina das waren in Deutschland die Juden; jetzt geben, wird niemand mehr wagen, die aber machen sich die Nazi an die christliche Kirche heran. Dabei dauert die Verfolgung der Juden, wenn auch nicht mehr so Öffentlich wie anfangs, an. Ich tceiß nicht, wieviel Juden getötet wurden, aber ich weiß, daß es viele waren. Ich erinnere besonders an den Tod des Dr. Günther Joachim. Ich finde keine Juden anzugreifen. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß er nicht immer als Verbannter, sondern einmal von einer deutschen Tribüne zum deutschen Volk sprechen werde. „Ich verspreche Ihnen“, schloß er, „daß wir dann den Juden, die in der Front des wahren Deutschland mit uns kämpften, helfen werden, eine Lösung der jüdischen Frage zu finden. Bombenanschlag auf eine Synagoge in Bulgarien Sofia. Auf die Synagoge in Küsfcendil wurde ein Bombenanschlag verübt Verluste an Menschenleben sind nicht za beklagen. Der Sachschaden ist bedeutend. Den Urhebern des Anschlages ist es gelungen, zu entfliehen, hördliche Nachforschungen wurden edngeleitet * Der Synagogenattentäter von Kfüstendil festgenommen Sofia, 23. Februar. Als der Attentäter, der gegen die Synagoge und jüdische Schule in Kjüstendil (Bulgarien) eine Bombe schleuderte, bei deren Explosion 43 Synagogen- und Schulfenster zertrümmert, eine Wand der Synagoge eingerissen und anderer schwerer Schaden angerichtet wurde, ist der Metallarbeiter Wassil Kresteff festgenommen worden. Er erklärte, die Bombe aus Haß gegen die Juden geschleudert zu haben. Er gehöre einer antisemitischen Organisation an, deren Namen er nicht nennen will. Englische Juden für notleidende Österreicher London, 25. Februar. Chief Rabbi Dr. J. H. Hertz hat an die englische Judenheit einen Appell gerichtet, in dem er sie auffordert, sich an der vom Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche in England, Kardinal Bourne, eingeleiteten Hilfsaktion zugunsten der infolge der jüngsten Ereignisse in Österreich notleidend gewordenen Familien zu beteiligen. Kardinal Bourne hat an Chief Rabbi Dr. Hertz ein Schreiben gerichtet, in dem es unter andern heißt: Mit aufrichtiger Freude haben wir vernommen, daß Eure Menschen bereit sind, an der Linderung der Not mitzuhelfen. Möge Gott Eure Großmut vergelten l Starhemberg über die Judenhass in Österreich In einem Gespräch mit einem Vertreter des Budapester „Ujsag“ sagte der Bundesführer der Heimwehr, Starhemberg: „Meiner Ansicht nach Ist die Judenfrage nicht mit Gewalt zu lösen. Alle Juden, die auf nationaler Grundlage stehen und den internationalen Irrlehren nicht folgen, kommen überhaupt nicht in Betracht, wenn man von der Judenfrage spricht. Wenn man sie auf wirft, kann man nur an solche Juden denken, die nicht national sind und sich in das österreichische Schicksal nicht hineinleben können. Ich wiederhole deshalb: es gibt kein Judenproblem, wenn wir von unseren nationalen jüdischen Bürgern sprechen, die ja auch keine Last für den Staat bilden.“ Zwischen Helmwehr and Nationalsozialismus bestehen wohl gewisse Parallelen, und zwar die Vernichtung der Demokratie, die Niederwerfung des Bolschewismus, und auch in wirtschaftlicher Beziehung sind viele parallele Ideen vorhanden. Es gibt aber auch unüberbrückbare Gegensätze, und zwar in folgender Beziehung: Wir wollen unter allen Umständen ein unabhängiges Österreich, wir verurteilen alle utopistischen Ansichten in der Rassentheorie und a 11 e F r a g.e n, d i e d a m i t Zusammenhängen. Mussolini für jJudenstaat-Lösung" Mailand. Das von Mussolini gegründete offizielle Organ der faschistischen Partei „P o p o 1 o dTtalia“ beschäftigt sich in seiner letzten Nummer im Anschluß an einen im „Mercure de France“ erschienenen Artikel mit der Judon frage, clio das Blatt als von größter Aktualität für ganz Europa bezeichnet. Zu den Bestrebungen, die Judenfrage durch Schaffung eines Nationalhcinie« in Palästina zu lösen, wird in dem Aufsatz im „Popolo d’Italia“, als dessen Verfasser in Mailänder politischen Kreisen Ministerpräsident Mussolini seihst vermutet wird, bemerkt, der Begriff „N a t i o n a 1 h e i m“ sei zweideutig und vom politischen Standpunkt aus bedeutungslos. Eine gewisse Lösung hätte die Schaffung eines wirklichen Judenstaates in Palästina bedeutet. Zu den anderen im „Mercure de France“ erwähnten Lösungsversuchen, wie Zuerkcnnung der palästinensischen Staatsangehörigkeit, Assimilation usw., bemerkt das italienische Blatt, derartige Lösungsmöglichkeiten mögen von einem juristischen Standpunkt zutreffend sein, seien jedoch in der Praxis schwer durchführbar. Stawishy nationalsozialistischer Spion Paris, 25. Februar. Die Zeitungen bringen neue Enthüllungen zum Fall des durch Selbstmord geendeten gigantischen Betrügers Sergej S t a w i s k y. Die Leitung der französischen Sicherheitspolizei, die Stawisky jahrelang als Angeber und Geheimagenten benützte, hat dem Gericht ein umfangreiches Material zur Verfügung gestellt, woraus hervorgehen soll, daß Stawisky der Führer einer imposanten Spionage- und Nazipropa^ gauda-Organisation gewesen sei. Unter den verhafteten Komplicen Stawiskys befinden sich Albert D u b a r r y, Herausgeber der „Volonte“, die Propaganda für Hitler und den Antisemitismus machte und zuletzt ein offenes Naziorgan war. Ein zweiter verhafteter Komplice ist der Mulatte D a r i u s, der die inzwischen ein- _ _ . . . gegangene radau-antisemitische Zeitung Herr Czermak macht scr^-rf „Midi“ horausgab und durch Friedrich Sie- Der Obmann der christlichsozialen Partei. | b u r g für das Göbbelsche Propaganda- Dr. Czermak, scheint es ministerium gewonnen wurde. Beide Journalisten waren mit Stawisky liiert und zwangen das deutsche Propagandaministerium, BayonnerBons zu kaufen, die jetzt fast wertlos geworden sind, so daß in den Fonds des Herrn Göbbels ein tiefes Loch entstanden ist. Minister a. D. als seine Aufgabe zu betrachten, die antijüdische Stimmungsmacherei nicht einschlafen zu lassen. Er hat am 23. d. M. in Purkersdorf vor einem Bezirksparteitag eine Rede gehalten, in der er so die These entwickelte, daß „die Juden“ an der ganzen unheilvollen Geschichte der letzten Zeit in Österreich schuld sind. Das ist eine Theorie, von der man politisch leben und über die man auch Bücher schreiben kann. Es ist nun einmal die historische Rolle der Juden, für die Sünden anderer den Rücken herhalten zu müssen. Aber Herr Dr. Czermak hat da doch eine neue Nuance gefunden. Er sagte wörtlich: „Sicher ist, daß von sozialistischer Seite ein Verleumdungsfeldzug gegen Österreich inszeniert wurde. Ich weiß nicht, ob dabei die Juden ihrem Volk einen Dienst erweisen, wenn sie Österreich mit allen Mitteln zu verdächtigen suchen.“ Nein, das ist nicht sicher, das ist einfach nicht wahr. Die Kampagne gegen Österreich ist vom deutschen Nationalsozialismus geführt worden, einer Bewegung also, die nicht das geringste mit „den Juden“ zu tun hat. Aber wir erkennen die Absicht, die Herr Dr. Czermak mit der nebenher gemachten Bemerkung verfolgt, und wir werdeu sie im Augo behalten. Jeftröiscii Weht «ehr setzt keine Kenntnisse voraus und vermittelt ohne Vokabelbüffeln einen reichen Wortschatz sowie Grammatikkenntnisse an Hand palästinensischer, transkribierter Zeitungstexte. Das beste Selbstonterrichtsbuch! 170 Seiten Taschcnlexikonformat. Im Inland S 7*20, bei Vorauszahlung für die kartonierte Ausgabe durch die PAG, r. Gen. m. b. H., Wien, VI„ Capistrang. 2 Rückgang der füdischen Bevölhc ning In Rumänien Die Statistik der Bevölkerungsbewegung in Rumänien verzeichnet für Oktober 1933 an Geburten 21*9Voo, an Sterbefällen 16*37oo. Bei den Minderheiten ergeben sich folgende Ziffern: an Geburten; Deutsche 4*7%, Ungarn 2-5%, Judon 1*835; an Sterbofäilen. Ungarn 6*7%, Deutsche 3 5%, Juden 2*9%. Es ergibt sich ein allgemeiner Geburtenrückgang bei der Stadtbevölkerung, speziell bei der jüdischen Bevölkerung, die in Rumänien in der Hauptsache eine städtische Bevölkerung ist. Antifüdischer Antrag im lettischen Sefm abgelehnt Riga. Der lettische Sejm hat einen von antisemitischer Seite gestellten und eindeutig gegen die jüdische Minderheit gerichteten Antrag, die kulturelle Autonomie der Minderheiten in Lettland aufzuheben, abgelehnt. Ebenso lehnte der Sejm den später von gleicher Seite gestellten Antrag ab, die staatlichen Beihilfen für die Mittel- und Gewerbeschulen der Minderheiten zu streichen. ,iPolonia4t mit tausend Juden an Bord auf dem Wege nach Palästina Konstanza. Am 20. d. M. ist der große polnische Ozeandampfer „Polonia“, der mehr als tausend jüdische Palä3tinareisende aus Deutschland und Österreich nach Palästina bringt, im Hafen von Konstantza eingetroffen. Es ist dies die größte Auswandorerzahl, die je im Konstantza-Hafen erreicht worden ist.