Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 330 (23.2.1934)
- Date
- 1934-02-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 330. - 23. Februar 1934 DIE STIMME Seife S AUS MEINEN ERINNERUNGEN Von Med.-Rat Dr. Schalit Hermann Bahr Wenn ich in meiner Erinnerung krame, ho ist ein aktuelles Ereignis, der Tod Hermann Bahr s, der äußere Anlaß. Ich lernte Hermann Bahr im Jahre 1896 kennen, da ich jung war und der Most noch im Fasse gälirfe. Wie ich Bahr kennen,lernte, gehört mir zw den köstlichsten Erinnerungen meines Lehens. Eines Tages erachten Herr S. bei mir und hat; mich, ihn in einem Ehrenhandel mit einem Journalisten, Felix Salt, e n, zu vertreten. Seine Vertreter bisher waren Dr. Friedrich Ellbogen, der bok iuuir Wiener Verteidiger, und noch ein zweiter Advokat. Für Felix Salten intervenierten Hermann Bahr und Dr. Beer-IIoffmami, Diese seien aber so aggressiv, daß Dr. Ellbogen die Vertretung zurückgelegt1 lmbe, weil ihm die Provokationen Hermann j Bnhrs zu durchsichtig seien, und er nicht I die Absicht habe, sich mit ihm zu schlagen. Dr. Ellbogen habe ihm empfohlen, mich als Vertreter zu nominieren, da ich als bekannter Draufgänger der einzig mögliche Gegensekundant von Hermann Bahr wäre. Ich kannte Hermann Bahr nicht, ich hatte von ihm etliches gelesen. Sonst wußte ich von ihm nichts, als daß er ein deutscher Burschenschafter gewesen wäre. Beer-Hoffmann und Felix Salten kannte ich nicht einmal dem Namen nach. Gerne nahm ich die Vertretung an, galten mir docli die drei Männer als Exponenten der Wiener jüdischen Gesellschaft, 7.u der wir in arger Fehde standen, die uns erbittert bekämpfte, die uns schmähte und verfolgte, die mächtiger war und stärker als wir, denn sie verfügte Uber die Presse und über viele Mandate in den gesetzgebenden Körperschaften. Diese Gesellschaft waren eben die Wiener Assimilanten. Ich prüfte nicht lange, ob die drei Männer auch wirklich ideell dieser Gesellßchaft nahestanden, ob ich ihnen recht tue oder unrecht, wir wurden so hart bekämpft, daß uns alle, die außerhalb unseres kleinen Kreises standen, als Gegner erscheinen mußten. Und eine solche günstige Gelegenheit, dieser jüdischen Gesellschaft einmal wieder den Daumen fest aufs Auge zu drücken, durfte ich nicht voriibergehen lassen. Ich nahm mich also dieser Angelegenheit mit Entschiedenheit an, und nun erfuhr ich auch den Sachverhalt. Damals erschien noch in Wien „Die Presse“, das Mutterblatt der „Neuen Freien Presse“, mit einer Wochenbeilage „An der schönen blauen Donau“. Dort hatte mein Mandant ein Gedicht unter seinem Namen veröffentlicht, das, wie Salten nachwies, ein Plagiat war. Deswegen verweigerte ihm Salten dio Genugtuung. Ich muß gestehen, die Sache war für mich keineswegs eine literarische Angelegenheit. Unsere Beziehungen zur Literatur beschränkten sich in jenen Tagen auf die Abfassung von Puellprotokollen und Kneipzeltungen. Ich kann mich auch uicht erinnern, daß in unserer Diskussion mit den Assimilanten die Klassiker eine besondere Rolle gespielt hätten, es sei denn, daß wir gelegentlich das eine oder andere klassische Zitat gebrauchten. Die Streitfrage war nun, lag hier wirklich ein Plagiat vor oder war es nur ein Scherz, den mein Mann sich mit der Redaktion erlaubt hatte. Den Ausdruck „Grubenhund“ kannte man noch nicht. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge, es ging hart auf hart. Schließlich einigte man sich auf ein Ehrengericht. Vorsitzender war Dr. Camillo Müller, einer der bekanntesten Sport,smännor Wiens und preisgekrönter Säbelfechter. Das Ehrengericht tagte in einem Separee dos Restaurants Kugel Am Hof. Es „tagte“ bis in die frühesten Morgenstunden. Hoch gingen die Wogen des Streites, Nach meiner Verteidigungsrede, die für mindestens drei Raubmörder ausgereicht hätte, neigte sich die Schale zugunsten meines Mannes. Da springt Bahr auf, hieb mit der Faust auf don Tisch, daß die Gläser tanzten, mul donnerte: „Ich werde nicht dulden, daß das Ehrengericht von Ihnen terrorisiert wird.“ Ich sprang ebenfalls auf, hieb auch mit der Faust auf den Tisch und schrie: „Hauon kann ich so stark wie Sie und brüllen ebenso, aber das sind doch keine Argumente.“ In diesem Augenblick erschien der Pikkolo im Zimmer, an jedem Finger ein Krügel Bier. Bahr stürzt auf ihn los, reißt ihm ein Krügel ans der Hand, instinktiv ducken sich alle um den Tisch, weil es aus sah, als oh Balu mir das Glas an den Schädel schmettern wolle, und ruft mir mit donnernder Stimme zu: „Prosit SchaHt, die Blume, Sie haben I „recht-. „Prosit Bahr, ich bringe Ihnen den Ganzen, denn ich habe unrecht.“ Einige! Tage darauf ließ mich Dr. Herz! zu sieh bitten. „Schalit, wa*s machen Sie, Sie stänkern unsere Leute an?“ „Unsere Leute?“ „Nun, Bahr, Salten und Beer-Hotfrnanri.“ „Haben sie sich beschwert?“ „Nein, im Ge-i genteil. Aber die Herren sind meine Freunde und Freunde der zionistischen Idee, und ich bitte Sie, wenn Sio nächstens wieder losgehen, fragen Sie mich vorher. Sie sollen nicht vergessen, unsere Bewegung wächst und jeder Tag bringt uns neue Freunde. Also fragen Sie mich vorher, damit Sie nicht; wieder eine unnütze Attacke reiten.“ Ein Jahr darauf, nach dom ersten Raseier Kongreß, lud mich Hermann Bahr ein, ihn zu besuchen. Gerne leistete ich dieser Einladung Folge. Er wohnte in der Porzellangassc in einer kleinen, aber schönen Wohnung. Das schönste darin war jedoch seine Frau, die Schauspielerin Jokl vom Josefstädter Theater. Wir unterhielten uns über mancherlei, bis wir beim Zionismus landeten. Diesen Teil des Gespräches faßte ich am nächsten Tag in einen Artikel zusammen, den ich Bahr zur Korrektur übersandte und mit seiner Zustimmung in unserer Zeitung „Die Welt“ veröffentlichte. (Nr. 19 vom Jahre 1897.) Darin bekannte sich Hermann Bahr zum Zionismus in so schöner Form, daß ich heute, 37 Jahre später, wohl diesen Artikel, Freund und Feind zunutz, wiederholen darf. Dieser Artikel lautet: „Ich gestehe, daß ich lange Zeit ein gewisses Mißtrauen gegen den Zionismus hatte. Er wurde mir als ein jüdischer Chauvinismus geschildert, der also doch meinem Wunsche, aus unseren Nationalitäten nach und nach einen höheren Typus, den europäischen Menschen, entstehen zu sehen, nicht gefallen konnte. Zufällig habe ich jedoch Gelegenheit gehabt, später die Gedanken der Zionisten in (1er Nähe zu be trachten, und ich kann nicht leugnen, daß sie da mit großer Macht auf mich gewirkt, ja, durch ihre Schönheit einen unbeschreiblichen Zauber auf mich ausgeiibt haben. Um politische Dinge bekümmere ich mich nicht. Ich spreche also nicht von der politischen Bedeutung des Zionismus. Aber als Künstler kann ich mich der idealen Schönheit nicht erwehren, die er hat. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie sie mir zum erstenmal erschienen ist. Eines Tages kam ein kleiner, jüdischer »Student aus Galizien zu mir und schilderte mir das furchtbare Elend in seiner Heimat: Wie die jungen Leute dort in Schmutz, ohne einen Blick ins Helle der Menschheit, wie Tiere aufwaehsen, mit einer vergeblichen Sehnsucht, aucn einmal Menschen sein zu dürfen. Aber das wird ihnen nicht gewährt, und es gilbt für sic keinen Trost, alles das Große, alles das Schöne der Menschheit ist für sie nicht da. sie sind ja bloß Juden, und der Jude hat kein Recht auf das Glück, der Jude hat kein Recht auf die Poesie des Lebens. Und da, in dieser schrecklichen Not der Seele, steigt vot ihrem inneren Blicke das Bild einer in der Ferne schimmernden »Stadt auf: Einer Stadt, wo die Juden Menschen sein dürfen, mit dem Rechte der Menschen auf dio Schönheit und auf das Glück. Aber diese »Stadt der Verheißung wird ihnen nicht geschenkt-, selbst müssen sie sich sie erobern. Mit ihren | eigenen Händen müssen sie sie aus dem j Schutt ziehen, aus der Erde graben, mit j dem Schwerte müssen sie sie verteidigen j können. Ich hätte Ihnen gewünscht, daß Sie diesen armen, kleinen Studenten, diesen j abgehärmten, schmierigen und vom Schicksal verprügelten Kerl gesehen hätten, wie er das schilderte. Damals habe ich zum ersten Male die Größe des Zionismus gespürt. Ich habe gespürt, daß er ein Traum von einer glühenden und berückendon Schönheit ist, und daß nur eine große Nation solche Träume haben kann. Und noch etwas, das hat mich am meisten frappiert: Mein ganzes Leben habe ich mich immer nach einem heroischen Ideal gesehnt. Am 25. Februar d. J. jährfc sich zum 300. Male der Tag, an dem der Generalissimus Waücnstcm in Eger ermordet wurde. Es ist interessant, einiges über Wallensteins Einstellung zu den Juden zu erfahren. Rabbiner Dr. Emil Hofmann (lleichenberg) veröffentlicht hierüber in der „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei“ einige bemerkenswerte Daten. Wir erfahren, daß Wallenstem, der bekanntlich auch Herzog von Mecklenburg war, seinen Juden verschiedene Privilegien erteilte. Doktor j Ilofmann reproduziert erstmalig ein Privileg, womit einem Juden in Jiöin gestattet wird, mit „Sammet, a 11 e r 1 e y Seidenwahren, Tücher und Gewilrcz“ zu bandeln. In einom anderen, ebenfalls erstmalig reproduzierten Privileg wird den Juden in Böhmi8ch-Loipa gestattet, „ihre K r ä m ereyen Gewandtschnidt undt G ewärbe auf Elle, Maß undt Gewicht ohne einiges Mensohen eintrag undt Verhinderung öffentlich zu betreiben, wie auch ihre jüdischen Ceremonieu zu üben undt brauchen“. Unter „Gewandtschnklt“ ist der Detailhandel mit Tuch zu verstehen, gegen don die Zünfte ständig einen Kampf führten. Wallenstein, bekanntlich ein sehr reicher Fürst, gewährte den Juden öfters auch Darlehen. So erhielten zum Beispiel dio Juden von »Sobotka von ihm ein Darlehen von 10.000 fl. Bekannt ist, daß Wallenstein zu dem jüdischen Finanzmann Jakob B a 8 s e w i rege Beziehungen unterhielt. Bassewi, dem später vom Kaiaor da« Adelsprädikat „von Treuenburg“ verliehen wurde, war der erste Jude, der in i den Adelsstand des Heiligen römischen Reiches erhoben wurde. Bassewi, Wallenstein und der I Kardinal Prinz Liechtenstein waren die Mitglieder des „Münzkonsortium s“, das vom Kaiser im Jahre 1622 das Münzrecht um 6,000.000 fl gepachtet hatte. Bassewi hatte den Silbereinkauf zu besorgen. Das Münzkonsoitium hatte vom Kaiser, der Geld für die Kriegführung benötigte, den Auftrag erhalten, möglichst viel Geld zu prägen. Das konnte natürlich nur durch die Verschlechterung des Silbergehaltes der Münzen geschehen. Dieses „lange Geld“ rief Unruhen und Teuerungen hervor. Daraufhin setzte Kaiser Ferdinand H. eine besondere Untersucliungskommission ein, die den Schaden des Staates auf viele Millionen bezifferte. Obwohl aktenmäßig fest&tand, daß Bassewis Gewinn gering war, wurde er und nicht seine fürstlicbeu Teilhaber ani 22. Februar 1031 mit 40 Wochen Kerker und Konj fiskatiou seines gesamten Vermögens bestraft. Bassewis Rechtsbeisfrand machte eine Eingabe an don Kaiser, die nicht weniger als 870 Bogen umfaßte, in der sieh Bassewi als „Hebräer von Treuenburg, des römischen Kaisers, ungarischen und böhmischen Königs Diener“ bezeichne te. Der Eingabo war kein Erfolg besc-hieden. Bassewi übersiedeite zunächst nach Jiöin, wo sein Gönner WaJJenstein residierte. Er starb am 2. Mai 1634 in Jungbunzlau, wo er auch begraben liegt. Seine Erbon konnten nichts von seinem Vermögen retten. Nur kurze Zoit hatte Bassewi seinen Gönner und, wie mau wohl sagen kann, seinen Kompagnon Walionstein überlobt, der am 25. Februar 1634 ln Eger durch Mörderhand fiel. Das ist, mir als da* tiefe Eiend unserer »sch lech ton Zeit erschienen, daß «sie keine heroischen Menschen hat. Mein ganzes Herurnrennnn in der Knust, ist, zuletzt nur die wilde Begierde nach dem Heroischen gewesen. Oder sehen Sie, Maurice Barrfes: Was will er denn mit allen Worten vom freien Mann und von der nationalen Energie, ale auch den heroischen Mensohen? Und was d'Armnnzio immer tun mag, ob er zu seinen Bauern spricht oder ein antike« Theater baut, immer möchte er doch zuletzt nur, daß sein Volk heroisch werden soll. Darum hat das Wort „Lateiner“ einen so mächtigen Klang für ihn. Gebt, uns heroische Menschen! Wie oft haben wir das ausgerufen. Nun, diese Juden haben es bei sich erfüllt. Was wäre den heroischer als der Entschluß, seinen Traum zur Tat zu machen? Wer sieh ein höheres Loben zu »schaffen den Willen hat, der ist ein Held. Mir fehlt ein Held, hat Byron gerufen. Wie oft haben wir alle geklagt, daß wir, von Pedanten umgeben, keine Helden sehen. Nun, da sind sie! An ihrem Anblick können auch wir größer und besser worden. Gescheite Leute, — die gewissen gescheiten Leute, die über alles reden, aber selbst nichts tun — haben mir gesagt, die Pläne der Zionisten seien unausführbar. Dies kann ich nicht beurteilen, aber wenn es auch wahr ist, würde da,durch der Zionismus für mich nichts verlieren. Das Entscheidende ist, ob ein Volk ein Ideal fassen kann. Wenn ein Volk ein Ideal faßt, wird es dadurch allein schon besser und zu seiner edleren Kultur gebracht. Es mag daran zugrunde gehen, aber in jenem höheren Sinne, in dem allein die einzelnen und Völker wirklich sind, in diesem höheren Sinne kommt es eben dadurch erst zu seiner wahren Existenz. Ein Ideal fassen, heißt leben können. So sind die Juden, kommt mir vor, durch den Zionismus wieder lebendig geworden. Ein Bedenken habe ich lange gehegt. Unsere Kultur ist ja eine Symphonie vieler Nationen. Jede Nation spielt da ihr Instrument, das nicht fehlen darf. Werden uns nicht die Juden fehlen, wenn sie aufhören, ihr Instrument in unserem Konzert zu spielen? Aber sie sollen ja nicht aufhören, im Gegenteil! Haben sio nur erst ein Vaterland gewonnen, so wird ihre Natur sich viel reiner aussprechon können als jetzt, wo sie allerhand Fremdes aufnehmen und so bisweilen ihren Charakter verwischen lassen. Dann erst wird ihre Stimme hell und mit Macht in unserer Kultur mitklingen können. Das sind die Grüße, die mich in dem Zionismus eine große und edle Bewegung sehen lassen. Ich glaube, er ist gut für die Juden und gut für unsere Kultur. Ich meine auch, daß man seine Folgen bereits spürt. Man spürt bereits, daß die Juden durch den Zionismus besser werden. Das Traurigstev sind immer jene Juden gewesen, die sich schämen, Juden zu sein, die ihr großes Volk verleugnen, ja, die wohl gar die Worte oder die Gebärden eines anderen Volkes nachäffen möchten, indem sie sieh auf Deutsche oder Franzosen hiiiausspLeien. Ein Mensch, der die ihm angeborene Art seiner Väter aufgibt, gibt das Teuerste und Edelste auf. Wir haben nichts bessere* in uns als die stille Macht der verläßlich waltenden Instinkte unserer Rasse. Wer sich von diesen loslöst, der wird einer jener leeren Verstandesmenschen, die sozusagen nur theoretisch existiereu, traurig mul lächerlich zugleich. Es ist ein Glück für die Juden, daß ihre jungen Leute jetzt wieder lernen, sich mit Stolz zu ihrem Judentum zu bekennen.“ Als ich meine Praxis aufnahm, war Hermann Bahr einer meiner ersten Patienten. Er kam mit. großen Schmerzen in meine Ordination. Ich schlug ihm eine radikale Lösung vor. Das mißfiel ihm, er müsse sich vorher stärken. Ich verstand ihn, nahm meinen Hut und seinen Arm und wir zogen auf don Börseplatz. Zum Vertrieb der palästinischen Weine hatte sich eine europäische Gesellschaft Karmel gebildet. Karmel hatte im Wiener Lagerhaus ein Transit.* lager und am Börseplatz große Kellereien. Uber Karmel wurde in \>ieu damals sehr viel gelacht. Das heißt, nicht Uber Karmel, sondern über den österreichischen Amtsschimmel. Auf der Fahrt ve i Jaffa nach Triest hatten Matrosen ein großes Faß angebohrt und ausgetrunken und dann mit Meerwasser wieder gefüllt. Boi einer Stichprobe ün Lagerhaus wurdo nun gerade die-