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Die Stimme · 1934-02-20 · Heft 329 (20.2.1934) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 329 (20.2.1934)
Date
1934-02-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. m - 20. Februar 1934 DIE STIMME Seife 5 omp DYMOW I MITGEFÜHL „Hast du schon davon gehört?“ saugte Lö- Wensfein zu «einem Freunde Fischmann, ihm auf der Straße begegnend: „Meyer ist tot!“ „Du lieber Himmel!“ erschrak Fiecbmann: .„Doch nicht etwa Karl Mayor!* „Ja, unser armer Mayer!“ „Der Briefmarkensammler?! Wieso? Wann?“ „Man hat ihm vorige Wocbo in seinorn Zimmer tot aufgßfunden. Gasvergiftung.“ „Selbstmord?“ fragto Fischmann, und seine guten blauen Augen druckten Entsetzen aus. „Das fsfc eigentlich noch nicht klar. Aber ich glaube, es ist schon möglich, Meyer hat seine .Stelle bei der Bank verloren und konnte als Jude keine neue Beschäftigung finden. Eß ging ihm sehr schlecht.“ ..Ist. das nicht schrecklich“, sprach bitter Fischmann aus: „Denk mal: Gold! Paar lumpige Mark konnten ihn doch retten. Du würdest bestimmt geben, ich würde geben... 0 du lieber Gott!“ „Natürlich“, stiminto Löwenstein bei. „Aber das ist es eben: wenn die Leute davon sprechen, glaubt man ihnen nicht. Und wenn man glaubt — ißt es zu spät“ Fischmann verabschiedete sich und ging seinen Weg. Ihm war schwer ums Herz. Er dachte fortwährend an den armen Meyer, mit dem er schon viele Jahro befreundet war. Er quälte sich mit Selbstvorwürfen: warum ging ich nicht zu ihm und half: Wie kann man einen guten Freund so allein lassen: Warum...? „Wie geht’s, Fischmann“, ertönte eine bekannte Stimme, und jemand hielt ihn am Arm. „Wohin so eilig?“ Fischmann hob den Kopf und erblickte Meyer. Dieser war etwas blaß und vielleicht auch magerer geworden, aber durchaus nicht tot. „Ich habe eine Besprechung im Cafd“, antwortete Fischmann. „Ich hörte, daß du inzwischen gestorben wärest.“ „Ja, ja. Man hat mich schon gefragt. Georg Meyer ist gestorbpn, der auch früher Briefmarken sammelte, so wie ich. Armer Teufel. Übrigens habe ich meine Sammlung verkauft.“ „Warum?“ „Warum! Weil ich Kohlen brauchte. Und Brot —- einfach Brot. Du weißt doch, daß ich meine Position verloren habe.“ „Die hat auch der andere Meyer verloren.“ „Ich auch. Fischmann, ich sage dir ganz offen — es tut mir tatsächlich leid, daß ich nicht Georg Meyer bin.“ „Dummheiten! Hör doch auf zu quatschen!“ antwortete böse Fischmann. Hast diese Stelle .verloren — wint sehen eine andere finden.“ „Wieso? Wo?“ fragte Meyer, und seine Stimme zitterte. „Wo sind sie die Stellen, die auf einen Judeu warten?“ Meyer wollte noch etwas sagen — und Fischmann erriet, daß es eine Bitte — und ■zwar eine peinliche — werden würde. Da er es aber eilig batte, reichte er schnell seinem Freunde die Hand und sagte sachlich — ermunternd: . „Nur nicht den Mut verlieren! Dae ist die Hauptsache.“ Er ging weiter. Und dachte jetzt an den anderen Meyer, Georg. Armer, armer Bursche! Warum kam ich ihm nicht zu Hilfe? Warum -? Der Maler Alfred Jtwtltz gestorben Alfred Justitz ist als Sohn eines jüdischen bürg ist, 55 Jahre alt, der akademische Maler Alfred Justitz nach schwerer Krankheit gestorben. Die gesamte Presse der Tschechosowakei hebt hervor, daß Justitz einer der begabtesten Künstler in der Tschechoslowakei geweson und lange nicht seiner wirklichen Bedeutung entsprechend gewürdigt worden war. Alfred Justiz ist als Sohn eines jüdischen Arztes in Neu-Zerekev bei Pilgram geboren ■worden, studierte an der Prager Kunstakademie. und lebte längere Zeit in Paris. Man nennt ihn einen Geistesverwandten des französisch-jüdischen Malers Pissaro. Ala der tschechische Schriftsteller Michael Maresch ihm sagte: „Dauernd wird jemand zum Professor clor Kunstakademie ernannt; an dich scheint man vergessen zu haben“, erwiderte Justitz: „Ja, mein Lieber, ich bin eben ein echter Prager. Die Deutschen wollen mich nicht und behaupten, ich sei ein Tschoche. Die Tschechen wieder behaupten, ich sei ein Deutscher. Die Juden kaufen mir nichts ab, weil sie meinen, ich sei längst kein Jude mehr, und die Christen letzton Endes wollen wieder keinen jüdischen Künstler unterstützen,“ Bei den tripolitanischen Höhlenjuden Di e s e Hinter der Oaso von Tripolis dehnt sich die Wüste Libyens. Endloser Sand folgt auf fruchtbaren Boden; die Palmen und Rhizinussträuoher werden immer spärlicher. Der Sand am Boden ist weiß; die Wüste stammt ja aus dem Meere. Am Horizont zeichnet sich Libyens einziger Gebirgszug, der Garian ab. In rasender Fahrt pflügt unser Wagen durch den Sand, und bald haben wir die ersten Felsen erreicht. Dort trifft man auf Gruppen geschäftiger Menschen. Es sind Arbeiter, die mit Ausgrabungen beschäftigt sind. Man fördert gerade die römische Stadt Sabrata zutage, eine Sommerfrische der römischen Patrizier zur Zeit der Blüte des Reiches. Hunderte von Statuen und ein Triumphbogen, auf dem man den Namen Julius Cäsar liest, sind bereits aus dem Sand gehoben. Auf gewundenen Wegen, auf deren Rand der Abgrund gähnt, geht es hinauf auf den Garien. Ein großartiges Panorama dehnt sich zu unseren Füßen: die im Sonnenbrand glühende Wüste, die sich nach Tripolis und dem Meer hin erstreckt. Je höher wir steigen, desto frischer wird die Luft, die nicht mehr von Sandkörnern verunreinigt ist. Die grüno Vegetation wird immer üppiger. Die Hochfläche ist mit ölbäumen bewachsen. So nähern wir uns Garian, der alten biblischen Stadt, die tief in den Sand gegraben ist. Sie ist die einzige unterirdische Stadt der Welt; ihre Vergangenheit reicht mehrere Jahrtausende zurück. Ihre Bewohner steigen nur an die Oberfläche, um ihr Vieh auf die Weide zu treiben und die ölbäume zu kultivieren. Der Führer erklärt uns, daß wir uns an den „Lungen“ der Stadt befinden, die Häuser und Stadt mit frischer Luft versorgen. Es sind große viereckige Luftschächte, die in den Boden hinunterreichen. Wir sehen hinab, vier oder fünf Stockwerke tief auf dem Grund wird eine wimmelnde Menge U s am sie Stadt der W7 eit sichtbar. Wir steigen hinab, und der Führer läßt uns in eine unheimliche, enge Höhle tretCD. So tasten wir uns durch einen Gang weiter und stehen schließlich in einem unterirdischen Hof. Kinder betrachten uns neugierig und Erwachsene grüßen uns. Am Fuße der Mauern befinden sich gewölbte Öffnungen: es sind die Türen. Ihre wurm stichigen Flügel sind nur angelehnt; sie haben nur den Zweck, das Innere neugierigen Blicken zu entziehen. Alle Bewohner dieser eigenartigen Stadt sind Juden, hohe und magere Gestalten, mit dem sonnverbrannten Teint der Araber. Ich frage einen Handelsmann, ob es in Garian eine Synagoge gebe. Ja, sogar zwei. Führung wird liebenswürdig angeboten. Unter wögs erfährt man, daß es in Garien 10.000 Menschen, davon ungefähr 7000 Frauen gibt. Ich frage meinen Begleiter, warum seine Landsleute gerade die sonderbare Wohn- und Lebensweise angenommen hätten, da doch die Umgebung die schönste Gegend in ganz Libyen sei. Er zuckt die Achseln. Er weiß es nicht; seit tausend Jahren lebt man in Garian so, und noch nie mand ist auf den Einfall gekommen, ein Haus unter freiem Himmel zu bauen. Da mündet die unterirdische Straße auf einen Platz, der mit den schmutzigen Gäßchen, die von ihm ausstrahlen, wie ein Krater wirkt. Alle Verkehrswege dieser seltsamen Stadt sind unwahrscheinlich eng, und wir müssen uns gegen die Mauer drücken, als aufgeputzte Frauen auf Maultieren unseren Weg kreuzen. Dann und wann huscht ein Wesen in dunklem Schleier, das wir aufgestört haben, hastig über die Straße und verschwindet in einem geheimnisvollen Gewirr kleiner Gassen. Nun stehen wir vor dem Hause des Rabbi. Unser Führer tritt ein, uni unseren Besuch der Synagoge an zumelden und um seine Genehmigung zu bitten. Der Rabbiner erscheint auf der SCHALOM ASCH* EIN ALTER MANN Alt —, das ist auch so ein variabler Begriff. Ich kenne Kinder mit Greisenaugen und Patriarchen mit Kinderherzen. Ich kenne einen, der nur noch an Stöcken gehen kann, einen mit müden Schultern und sterbensbleichen Händen,, der schneller entschlossen ist zu jedem Gang und leichter bereit für jede Last und gieriger zum Greifen als Zwanzigjährige und Kinder. Ich traf ihn —- wo nicht? Ich sprach mit ihm — wann nicht? — Und immer, immer, wenn er mir in seinen hundert Verkleidungen entgegentrat —wunderte ich mich über ihn. Nicht über seine Geduld, nicht über seine Klugheit, nicht seiner Überlegenheit, sondern eines ganz anderen, viel größeren Rätsels. Seiner Bereitschaft. Seltsam, ich kenne keinen, der enttäuschter sein müßte von seinem Leben als er. Ich kenne keinen, der bitterer sprechen, verzweifelter denken, entschlußfeindlicher, resignierter sein müßte als er. Was jedes Kind auf der Gasse geschenkt bekommt, ohne es auch nur zur Kenntnis zu nehmen — Luft, Raum, Arbeitsmöglichkeit, Helle, Gestaltendürfen am eigenen Schicksal —, all das hat dieser Alte niemals besessen. Was er hatte, mußte er sich unter neidischen Blicken erschleichen. Und was er hatte, war nichts wert. Was er je bekommen konnte, der alte Jude —, dafür hätte ein anderer nicht einen Pfifferling gegeben. Und von all den vergeblichen Jagden, allen Hetzen und Enttäuschungen, allen geschlossenen Türen und versagten Bitten eingekehrt ins Alter — ist er bereiter denn je, für alle«, für jede neue Unternehmung, jeden neuen Wahn, jeden neuen Traum. Woher kommt es, habe Ich ihn einmal gefragt, daß du anders als alle Alten nicht müdo geworden bist, nicht entxhlußkraftlos? Ich warte — hat der Alte zu mir gesagt —, Ich warte noch immer. Ich warte seit je. Ich hätte keinen Tag zu Ende leben J gefunden. können, auch den ersten der fröhlichen Kindheit nicht —, wenn ich nicht gewartet hätte und gewußt, daß etwas sich ereignen wird, vor dem alle Not der Gegenwart verschwinden wird wie ein Flamm vor der aufgehenden Sonne. Was mir geschehen ist, seit je und je, war unwesentlich. Morgen wird Wichtigeres, Umwälzendes, Einmaliges sich ereignen und alles heutige vergessen machen. Dasjenige, was nicht verzweifeln, niemals müde werden ließ, war: Ich muß „das“ noch erleben. Ich darf nicht irgendwo verenden am Vorabend einer neuen Welt. Ich muß alles tragen, alles herunterschlucken, nur um zu leben, nur um dabei zu sein, wenn „das“ geschieht. Was „das“ ist? — Du wirst lächeln, wenn ich es dir nenne. Du hast längst andere Namen dafür erfunden. Aber es ist der Messias. So —, dies habe ich in der Kindheit gesehen; wartet einer auf ihn: Wenn er von der Gasse her Getümmel hört, fragt er: Ist der Bote erschienen? Ehe er schlafen geht, legt er nahe am Bett die Sabbathkleider zurecht, lehnt den Wanderstab an die Pfosten und bestellt sich einen Boten, daß er ihn aufwecke, sobald der Bote kommt. Bietet man ihm ein Haus an zum Kauf, sagt er: Was soll ich damit? Bald kommt der Messias, und ich ziehe nach Jerusalem. Und in seiner Todesstunde, Greis, Achtzig-, Neunzigjähriger, erkennt er: Hätte er in seiner Jugend gewußt, daß er so alt werden würde, ehe der Messias kommt, er wäre vor Kummer nicht am Laben geblieben. Ein alter Mann? — Ja. Aber nichts unterscheidet ihn von den Jungen, als daß er rößere Übung hat im Warten und Bereitsein als sie. Ich habe diesen alten Mann getroffen wo immer ich war. Ich habe ihn überall bereit .Schwellt', eine eindrucksvolle Gestalt mit schwarzem Bart und weißem Turban; seinen Burnus weiß er zu tragen wie ein Römer seine Toga. Er zeigt uns die Synagoge, deren Inneres den Blick in den Himmel frei läßt. Primitive Holzbänke sind aufgereiht, die ganze Einrichtung ist alt und gebrechlich, die Mauern bröckeln ab und die Säulen scheinen naclizugeben. Nur die Lade, welche, die Thora enthält, ist ein prachtvolles Stück Arbeit, aus Pahnholz geschnitzt, und mit seidenen Vorhängen geschlossen. Der Rabbi versichert uns, daß die Stadt älter als 2000 Jahre ist, und daß sich seit langer Zeit, die Bevölkerungszahl unverändert erhalten hat. Kein einziger Einwohner stellt in einer wie immer gearteten Wirtschaftsbeziehung mit der Außenwelt. Die Leute von Garian leben in vollkommener Autarkie und genießen Selbständigkeit ihrer Verwaltung. Gefängnisse gibt es bei ihnen nicht, Freiheitsstrafen werden nicht ausgesprochen. Mord und Diebstahl sind in Garian völlig unbekannt. Jeder männliche Bewohner über dreizehn Jahre kann zum Richter gewühlt werden. Von der Zivilisation unseres Jahrhunderts haben diese Menschen nur das Grammophon übernomen. Die Bevölkerung ist bitter arm und lebt in kleinen Wohnhöhlen, fast ohne Möbel, zusammengepfercht. Jede Familie backt ihr Brot selbst; wie fast überall in Libyen, ißt man wenig oder gar kein Fleisch. Die Einwohner sprechen Hebräisch und nur die Vornehmen verstehen ein wenig Arabisch oder Italienisch. Als der Weltkrieg ausbrach und die Araber Italiener und Juden angriffen, mußten die Einwohner von Garian eine furchtbare Belagerung über sich ergehen lassen. Trotz tapferster Gegenwehr fiel die Stadt, und die Sieger veranstalteten in den unterirdischen Gaseen ein furchbares Bluthad. Heute ist der Frieden zwischen beiben Völkern wieder hergestellt, aber die schrecklichen Ereignisse und die von den Arabern begangenen Greuel sind unvergessen. Die Juden von Garian vermeiden jeden Verkehr mit den Arabern und halten sich ebenso den Italienern fern, deren Behörden übrigens um eo weniger Interesse an diesen Menschen haben, als kein einziger von ihnen eine Stufe des Wohlstandes erreicht hat, die ihn zum Steuerzahler machen könnte. So lebt im zwanzigsten Jahrhundert in den Bergen Libyens eine Stadt genau.wie vor Jahrtausenden, unberührt von den Freuden und Genüssen, aber auch von den Leiden und Kämpfen der Gegenwart. M. L. Hubermann-Tage in Erez Aus einem uns zur Verfügung gestellten Brief bringen wir folgenden lehrreichen Auszug: „Talpioth, 6. Februar 1934. Lieber Mann! ... Unser Land ist jetzt von einem förmlichen Hubermann-Rausch erfaßt. H. scheint als Paneuropäer unter der deutschen Schmach schwer zu leiden und suchte seelische Erleichterung, indem er den Judeu Freude und Mut schuf. Er blieb vier volle Wochen bei uns und rief, um das zu ermöglichen, sämtliche Ägypten-Konzerte ab. Hier arbeitete er mit den Philharmonikern zehn Stunden täglich und gab dann an drei bis vier Abenden der Woche Konzerte in Tel Aviv, Jerusalem, Haifa und im Emek. Bloß drei dieser Konzerte waren eigene, während alle übrigen zugunsten nationaler und humanitärer Institute etattfanden. Bei den Konzerten war diesmal viel englisches und sogar arabisches Publikum zugegen, zumal der Hochkommissär, welcher keinmal fehlte, ein gutes Beispiel gab. Es war immer und immer wieder überwältigend; die Loute weinten vor Begeisterung und Dankbarkeit. Grandios, wie es diesem begnadeten Künstler gelang, die aus aller Herren Ländern stammenden Musiker in ein paar Proben ganz nach seinem Wilen zu bilden, und wie gern und freudig diese Leute dom Führer folgten. Aber nicht nur in musikalischer Hinsicht leistete Hubermann Großes, Er, der wählend seines Jerusalemer Aufenthaltes ständig Gast des Naziw war, wußte ihn für Musik und Musiker so zu erwärmen, daß er die Patronanz des Konservatoriums übernahm und II. auch versprach, den Tel Aviver Philharmonikern dazu zu verhelfen, daß sie, wie das in Euiopa üblich, zu einer vom Staat tuibveutionieiteu und derart finanziell gesicherten K find ler- „emeinschaft werden. Überdies veranlaßto II. leine ganze Anzahl berühmter jüdischer Dlri-

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