Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 329 (20.2.1934)
- Date
- 1934-02-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3054070-3054084--4025-3059595- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seife 2 DIE STIMME Nr. 329. - 20. Februar 1934 erste Pflicht, die für bestimmte Bevölke* rungsgruppen kränkenden und verletzenden Äußerungen, die in der letzten Zeit, möglicherweise teil* im Zusammenhänge mit nichtverstandenen Zuständen in der Fremde, Vorkommen, im Keime zu ersticken. Die Herabsetzung bestimmter Gruppen der Bevölkerung ohne Anlaß steht im Widerspruch zur christlichen Nächstenliebe. Sie ist ethisch vollkommen zu verwerfen; sie verstößt gegen die ältesten vaterländischen Traditionen; sie bringt das Zusammen- Reform von Innen IR» dich gut und billig An dieser Stelle sind letzthin die Bestimmungen des Friedensvertrages von St. Germain über den Schutz der jüdischen Minderheit als Minderheit in Österreich mitgeteilt worden. Fs war notwendig, das Gedächtnis aufzufrischen und der jüdischen Bevölkerung sowohl wie den nichtjüdischen gehörigkeitsgefühl zwischen den Teilen der! Politikern zu sagen, daß mit Leben und Nation in Gefahr. . . j Existenz der 220.030 Juden in diesem Auch aus einem positiven Gesichtspunkt, Staate nicht mutwillig gespielt werden des positiven Staatsreclits heraus kann solche Verächtlichmachung nicht zugelassen werden. Alle, die sich Im Rechtsgebiet befinden, haben Anspruch auf Schutz von Person und Gütern. Und die Ehre und der gute Name bilden einen integrierenden Bestandteil der Persönlichkeit. kann. Dem jüdischen Publikum sind diese Bestimmungen, wie man aus tausend Äußerungen erfahren konnte, fast unbekannt gewesen, und es war für viele eiue Überraschung, zu hören, daß der Völkerbund die rechtliche Stellung der Juden unter Solche Äußerungen stellen weiter eine u n-! seine Garantie genommen hat. Sicherlich mittelbare Bedrohung d er ist es auch für viele Berufspolitiker der Ordnung dar. Die, bodenständigen Richtung neu gewesen, zu planmäßige Kränkung und[Verletzung eines; erfahren, daß hier durchaus kein so einfaches Problem vorliegt, und daß selbst die weiteren Darlegung mehr bedürfen, daß eine Strafandrohung notwendig ist.“ Teiles der Bevölkerung muß auf die Dauer zu Versammlung:*- zu lokaler Ordnungsstörung Anlaß gegeben, jroden und de'r Forderungen nach Ausschal. Es wird nach dem Vorhergehenden keiner tung des jüdischen Elements aus dem Kul- ' ' “ tur- und Wirtschaftsleben nicht genügt, um den Friedensvertrag außer Kraft zu setzen. Auch die Nationalsozialisten in Danzig haben dies lernen müssen, und der Staatspräsident Raueschnig hat vor einigen Tagen bekräftigt, daß man über diese Schranken nicht hinwegkommen kann. Ist demnach die jüdische Position von dieser Seite her gesichert, so stehen wir dennoch vor der Aufgabe, uns mit der Frage der Berufsgliederung intensiver zu beschäftigen. Denn dies ist doch die Frage der jüdischen Jugend und ihrer Zukunft. Diese Frage muß gestellt und ßie muß von uns Die Judenfrage im Saargebiet Zürich. Das „Israelitische Wochenblatt für die Schweiz“ gibt hinsichtlich der Zukunft der Saarländer Juden Besorgnissen Ausdruck, die in weiten Kreisen gehegt werden. Was wird aus den Saarländer Juden, wenn das Saargebiet wieder zu Deutschland kommen sollte? Werden sie dann das Schicksal der anderen deutschen Juden tragen müssen? Oder kann der Völkerbund sie davor bewahren? Die Art und Weise, wie der Völkerbund in der Saarfrage handelt, wird einen Prüfstein dafür abgeben, ob er sich selbst ernst nimmt und zu seinen Grundsätzen steht. Dreifach ist die Aufgabe, die dem Völkerbund in der Saar-Angelegenheit obliegt: Er ist verpflichtet, alles zu tun, nichts zu unterlassen und nichts zu dulden, was dazu angetan sein könnte, die jetzt im Saargebiet geltenden rechtlichen Zustände zuungunsten auch nur eines einzigen Bewohners des Saargebietes zu ändern. Daß derartig Befürchtungen nicht bloß theoretische Spekulation sind, braucht nicht weiter bewiesen zu werden. Es genügt der Hinweis auf die Möglichkeit, daß das Saargebiet unter die Herrschaft des Dritten Reiches komme. Dort aber sind jetzt Gesetze in Geltung, weiche die Juden entrechten und zu Parias stempeln. Der Völkerbund darf nicht, ohne seinen feierlichen Beschlüssen und seinen Prinzipien direkt zuwiderzuhandeln, ln irgend eine Regelung willigen, die die rechtlichen Zustände der Juden in Deutschland auf die Juden im Saargebiete überträgt. Die Gemeindewahlen in Saloniki Bei den Gemeinderatswahlen, denen ein heftiger, von den Oppositionsparteien zum großen Teil unter scharfen antisemitischen Losungen geführter Wahlkampf vorangegangen war, hat die Volkspartci (Regierungspartei), die sechs jüdische Kandidaten auf ihre Listo gesetzt hatte, einen starken Wahlsieg errungen. Zum Bürgermeister wurdo der Kandidat der Regierungspartei Nikolaus M anos gewählt. Die antisemitische Gruppe E. E. E., dio nach ihrer Auflösung als Organisation und Umwandlung in eine politische Partei zum erstenmal selbständig an den Wahlen teilnahm, konnte nicht mehr als 757 Stimmen auf sich vereinigen. Die Ver Gasthaus Im Kurort Sauerbrunn, 35 Jahre bestehend, samt Gebäude und Konzession, Im Zentrum gelegen, verkauft Büro Bräuer, Sauerbrunn. Preis S 15.000, günstige Bedingungen. kündung de« Wahlergebnisses wurde von den Mitgliedern der E. E. E. mit Rufen I „ - . ... ... . „Nieder mit den Juden“ aufgenommen. Dio all(m eln0 »elhstvenUtodllcho Pflicht, die aus beantwortet werden, ohne Mitwirkung von außen, die ja immer nur feindlich und mißwollend bleibt. Tritt ein „Arier“ an unsere Probleme heran, dann lösst er sie einfach mit der alten Formel: „Hinaus mit ihnen!“ Für uns aber besteht die Frage, wie wir den ungesunden Zustand von heute halbwegs normal gestalten. Es ist, das wissen wir alle auch ohne das Geschrei ^es Antisemitismus, ungesund, daß der größte Teil unserer Jugend durch Mittelschule und Hochschule hindurchgehungert wird, um dann vor der steinernen Wand zu stehen. Es sind sicher auch viele christliche Eltern von dem gleichen Übel betroffen, daß sie gewissermaßen aus Verlegenheit, um wenigstens einige Jahre Zeit zu gewinnen, ihre Kinder „studieren lassen“ müssen. Aber bei ihnen besteht doch noch immer die Möglichkeit des Korrektivs durch die Staatsstellung. Der Jude steht einerseits der Wirtschaftskrise gegenüber, die ihn eben vermöge seiner Berufsgliederung stärker trifft als den anderen, anderseits hat er es mit dem immer weitergreifenden wirtschaftlichen Haß zu tun. Der jüdische Intellektuelle sieht seinen Wirkungsbereich von Tag zu Tag mehr einschrumpfen. Und das ist durchaus keine auf das deutsche Gebiet beschränkte Erscheinung. In Polen, in Rumänien, in der Tschechoslowakei, in Jugoslawien zeigen sich die gleichen Mängel, entstanden aus den gleichen Ursachen, verschärft durch den gleichen Haß. Überall steht der Jude, sei er Kaufmann oder Intellektueller, vor demselben drohenden Gespenst de« Verdorren«. Dabei ist es uns Fleisch und Blut aufnimint. Jeder oinzelne Jude muß verstehen, daß die vielen jungen Leute, die die Hönsälo der europäischen Hochschulen füllen, diese Mediziner, Philosophen, klassische Philologen usw., für die jüdische Regeneration schlechthin unbrauchbar sind. Sie sind in der Diaspora heute fast schon eine Katastrophe und belasten ihre kämpfenden und ringenden Eltern — in Palästina können sie die Ergebnisse ihre« mit so viel Nervenkraft vollendeten Studium« nicht verwerten. Palästina ist die Rettung und Gesundung einer Nation, aber keine Unterbringungsstätte für nervöse, abgeplage Intelektuelle, Die Jugend muß auf aridere Wege geführt werden. Eine sorgliche, systematische Erziehung zum Handwerk ist ein solcher Weg; ein anderer wäre die organisierte Siedelung. Und in diesen beiden Versuchen wäre mit vollem Recht von den jüdischen Steuerzahlern die Mithilfe des Staates anzufordern. Für uns, für die jüdische Gemeinschaft, würde beides eine unter unseren Augen, unter unserer Fürsorge und Führung sich vollziehende Erziehung für die Freiheit bedeuten. An unseren Rechten lassen wir nicht rütteln. Eine innere Reform aber können und müssen wir selbst einleiten, ungeachtet aller intellektuellen und materiellen Opfer. SMS OMMl Qualifttts- Fabrlkat Ueberall erhältlich Eine Erklärung des Präsidenten Dr, Friedmann In unserer letzten Nummer brachten wir unter dieser Überschrift eine Erklärung, die der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Desider Friedmann, laut den Mitteilungen der Jüdischen Telegraphenagent-ur dem amerikanischen Vertreter der 11 a, Herrn S m o 1 a r, gegeben haben soll. Wir werden nunmehr vom Herrn Präsidenten Dr. Friedmann zur Erklärung ermächtigt, daß er Herrn Smolar kein Interview gegeben hat. Herr Smolar hat beim Gesamtpräsidium der Kultusgemeinde, und nicht nur bei Herrn Präsidenten Dr. Friedmann allein, vorgesprochen, um über die Lage in Österreich eine Erklärung zu erhalten. Es wurde jedoch die Abgabe jedweder Erklärung abgelehnt. Professor Martin gestorben In Genf starb ara 8. d. der führende Schweizer Journalist, Professor der zeitgenössischen Geschichte an der Universität Zürich, bis voi kurzem Chefredakteur des „Journal de Geneve“, Dr. William Louis Martin. William Martin, obwohl Nichtjude, war ein Vorkämpfer der Idee des Jüdischen Nationalheims in Palästina. In einer Reihe Artikel übte er scharfo Kritik an der Palästina- Politik Englands und forderte er dio Mandatarmacht Palästinas auf, die ihr aus dem Völkerbundmandat erwachsenden Verpflichtungen, das Jüdische Nationalheim zu fördern, endlich klar zu erfüllen. Anläßlich der Palästinaunruhen im Herbst 1929 war William Martin gewissen Versuchen der englischen offiziellen Berichterstattung, die Vorgänge zu verdunkeln, ebenso den den Juden ungünstigen Thesen des damaligen High Commissionor Chancellor und des Chefsekretärs Luke fest entgegengetreten. Ein judaistischer Lehrstuhl an der Universität Dorpat Talin (Reval). Der Senat der Universität Dorpat (Tartu) und der Präsident der Republik Estland bestätigten die Nominierung von Prof. Dr. L. G u I k o w i c z, früher Leipzig, als Professor für jüdische Wissenschaften am Judaistischen Institut der Universität Dorpat. Das Institut umfaßt semitische Sprachen, hebräische und jiddische Literatur, jüdische Geschichte und Religionsphilosophie. Litauen protestiert Das litauische Außenministerium hat hei der deutschen Regierung gegen die Anwendung des Arierparagraphen auf in Deutschland lebende litauische Bürger Protest eingelegt. In der Protestnote werden mehrere Fälle von Boykott gegen in Deutschland lebende Juden litauischer Staatsangehörigkeit angeführt. Landansiedlung Jüdischer Erwerbsloser ln Polen Warschau. In Poleu wurde ©ine Gesellschaft jüdischer Landwirte und Gärtner gegründet, die unter dem Vorsitz von David Kaßmana und in Anwesenheit bekannter Führer des jüdischen Gemeindeleben® ihro erste Ausschußsitzung abgehalten hat. Das Ziel der Gesellschaft ist die Ansiedlung von Juden auf dem Lande. Die Gesellschaft zählt viele hunderte Mitglieder. Das Palästina-!nformatlonsbu(h 3. Auflase „Das beste Buch seiner Art... 120 Selten Tat- Sachen und Ziffern", urteilt die fachkundige Kritik Preis: S 4.20 (Ausland M 2.50) Pag reg. den. m. b. H., Wien, VI., Caplstrang. 2 Berufsumsdiichtung und Auswanderung venizelistische Zeitung „Makedonia“, die in letzter Zeit trotz der inzwischen erfolgten Lösung der Kolalition mit der E. E. E. ebenfalls eine maßlose judenfeindliehe Propaganda getrieben hatte, droht den Juden, man werde „die Rechnung rnit ihnen glatt stellen“. Nordau-Straße in Saloniki Im Stadtrat von Saloniki beantragte der jüdische Stadtverordnete Daniel Alaluf d;e Benennung einer Straße nach Dr. Max Nord a u, der ein begeisterter Freund de« IlfllerictitiiuH gewesen ist. Vor dem großen St'idtbrand im Jahre 1918 hatte es in Saloniki eine Nordaustraße gegeben. Jugend vor dem geistigen Verhungern zu bewahren. Unsere Jugend muß lernen, muß viel lernen, aber das Lernen darf nicht einzig und allein auf Erwerbszweck gestellt sein. Wir können diese Fragen ln don Ländern der Diaspora nicht restlos lösen, zumal wir nur auf unsere eigene Kraft angewiesen sind. Den großen und tiefgreifenden Umbau der jüdischen Nation kann nur Palästina vollziehen, nur der Zionismus, und auch er nur dann, wenn er das jüdische Volk in seinen Massen erfaßt und wenn das jüdische Volk den Shm der zionistischen Lehre in In der Februarnuramer der vom Philo- Verlag herausgegebenen Monatsschrift „Der Morgen“ legt zum erstenmal die Reich svertretung der deutschen Juden durch den Vorsitzenden ihres Ausschusses, Ministerialrat Dr. Otto Hirsch, öffentlich Rechenschaft über ihre Tätigkeit ab. Aus dem Artikel seien folgendo Stellen wiedergegeben: „Dio bisherige, druch die geschichtliche Entwicklung mitbedingte Berufsschichtung der deutschen Juden, ihr Überwiegen in den geistigen Berufen und in den Großstädten war ungesund. Die deutsche Judonheit ist mit allem Nachdruck bemüht, und ihre Jugend ist bereit zur Änderung dieses Zustandes, zum Übergang auf körperliche Arbeit. Soll sie Erfolg haben, soll ihror Jugend überhaupt noch eine Zukunftshoffnung, die Hoffnung auf Arbeit, bleiben, so muß ihr in angemessener Weise Ausbildung und Eingliederung in Arbeiterschaft, Handwerk, Land- und Forstwirtschaft ermöglicht worden. Gleichwohl wird eine Anzahl deutscher Juden keinen Loben sraum mehr in Deutschland Anden und auswanderu müssen. Daß diese Auswanderung planmäßig vorbereitet und geregelt werde, ist ein Erfordernis ebenso des deutschen wie des jüdischen Ansehens, und dio Unterstützung der Arbeit der hierzu berufenen Organisation für die Auswanderung nach Palästina und anderen Ländern durch die Reichsregierung ist in höchstem Maße erwünscht. Stärker als wirtschaftliche Not bedrückt die deutschen Juden eine andere Last: der leider so oft wiederholte Vorwurf der Minderwertigkeit ihrer Gemeinschaft, ihror Herkunft, ihres Glaubens. Der Aufbau des neuen deutschen Staates auf rassisch-völkischer Grundlage mag die Betonung der Andersartigkeit der Juden gegenüber ihrer Umwelt zur notwendigen Folge haben, ihre Minderbewertung, ja, ihro Entwertung kann keine Gemeinschaft von Ebro und Selbstachtung ohne Widerspruch liinnehmen. Die deutschen Juden vertrauen darauf, daß der neue deutsche Staat, der selbst so viel Sinn für Ehre und Würde hat, auch ihrer kleinen Gemeinschaft dieses elementare Gefühl zuerkennt und ihre Diffamierung nicht länger duldet. Wir selbst aber werden unsere Ehre und Würde dann am besten wahren, wenn wir nach dem ge whichtlichen Sinn dieser Zeit fragen und wenn wir ihn darin finden, daß sie uns nötigt, uns a ur uns selbst, auf die Werto ursereß Judentums zu besinnen, und wenn wir in uns die Kraft entwickeln, von innen heraus unserer Not Herr zu werden.“